Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis

V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft

1.2 Zentrale Ergebnisse der Untersuchung

1.2.1 Kirchenmitglieder als religiöse Akteure

Religiöse Kommunikation

Religion ist wesentlich kommunikativ verfasst. Was als Religion identifiziert wird, steht nicht einfach fest. Ob ein Thema im Gespräch als religiös wahrgenommen wird oder nicht, hängt vielmehr wesentlich davon ab, ob die Beteiligten dieses Thema als religiös verstehen. Das gilt auch für den christlichen Glauben. Der Fragenkatalog bot daher ein Set von ausgewählten Themen an, aus dem die Befragten markieren konnten, was sie als religiöses Thema identifizieren. Im Ergebnis sind es der Tod, die Entstehung der Welt und ethische Fragen im Umfeld des Lebensendes, die von den Befragten am stärksten als religiöse Themen verstanden werden. Ebenso wird die Frage nach dem Sinn des Lebens auch als religiöses Thema eingestuft. Dagegen werden Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden, die in den 1980/90er Jahren sowohl gesellschaftlich intensiv debattiert wurden als auch religiös-kirchlich aufgeladene Kernthemen waren, deutlich seltener als religiöse Themen betrachtet.

Die V. KMU unterscheidet bei der religiösen Kommunikation eine eher informativ-intellektuelle, eine praktisch-handlungsorientierte und eine existenzielle Dimension. Existenziell-religiöse Kommunikation wird hier mit der Frage nach dem verbalen Austausch über den Sinn des Lebens operationalisiert - und diese wird von den Befragten eindeutig im Privaten verortet: Das Gespräch über den Sinn des Lebens gehört nicht in die Öffentlichkeit, sondern ist offenbar ein persönliches, als intim empfundenes Thema, das in erster Linie mit dem Partner/der Partnerin besprochen wird, dann auch mit Freunden/Freundinnen. An dritter Stelle wird die (erweiterte) Familie genannt. Der Austausch über religiöse Themen erfolgt also primär in Mikronetzwerken von Wahlverwandten und engsten Vertrauten, denen man sich in hohem Maß verbunden fühlt und die sich in der Regel zudem auch untereinander kennen. Diese deutliche Privatheit eines Großteils der ausdrücklichen religiösen Kommunikation resultiert offenbar aus der existenziellen Verankerung, die religiösen Themen eigen ist.

Weitgehend einig sind sich die Befragten denn auch in Bezug auf Orte und Medien der religiös-existenziellen Kommunikation: Der Austausch über den Sinn des eigenen Lebens erfolgt ganz überwiegend im Kontext privater Vertrautheit, nämlich zu Hause im Gespräch mit physisch anwesenden (Ehe-)Partnern. Internetbasierte neue Medien spielen dagegen - entgegen den kirchlichen Vorerwartungen - für die religiöse Kommunikation (zumindest in ihrer ausdrücklich existenziellen Dimension) zum jetzigen Zeitpunkt nur eine marginale Rolle.

Kirchenbilder

Zu den Neuerungen der V. KMU gehört, dass der Repräsentativfragebogen erstmals drei offene Fragen enthält: "Was fällt Ihnen ein, wenn Sie evangelische Kirche hören?", sodann spezifiziert: "Fällt Ihnen eine Person ein, die Sie mit der evangelischen Kirche in Verbindung bringen?", ebenso wurde nach "ein[em] Ort" gefragt.

Insgesamt bestätigen und konkretisieren die Ergebnisse zu den offenen Fragen das Bild, das - nicht zuletzt aufgrund der bisherigen Mitgliedschaftsuntersuchungen - verbreitet ist: Die evangelische Kirche ist für ihre Mitglieder (und ähnlich für die Konfessionslosen) zunächst durch ihre gottesdienstliche Praxis, vor allem in lebens- und jahreszyklischer Ausprägung bedeutsam. Sie erscheint als eine dezidiert religiöse, mit Gott, dem Glauben und der Bibel befasste Institution, die im Besonderen durch die Orte und Personen der Reformation geprägt (und von der katholischen Kirche positiv unterschieden) ist. Pfarrerinnen und Pfarrer spielen in ihr in der Wahrnehmung ihres öffentlichen Amtes eine wichtige Rolle. Das ortsgemeindliche Leben kommt - abgesehen von Kasualien - nur für etwa ein Viertel der Mitglieder in den Blick.

Religiöse Vielfalt

Die Gesellschaft in Deutschland ist mehr und mehr von religiöser Vielfalt geprägt. Auch die religiöse Praxis der evangelischen Kirchenmitglieder ist vielfältig. Die Vielfalt des Religiösen wird in der V. KMU in zweifacher Hinsicht untersucht: Einerseits im Blick auf die Frage, wie die Befragten das gesellschaftliche Phänomen eines zunehmenden religiösen Pluralismus einschätzen und wie sie sich dazu verhalten ("äußere Vielfalt"); andererseits wird beleuchtet, ob und in welcher Weise die Frömmigkeit der Befragten selbst als eine durch religiöse Vielfältigkeit geprägte erscheint ("innere Vielfalt").

Die Mehrheit der Befragten steht der gesellschaftlichen Pluralität aufgeschlossen gegenüber. Die Forderung, dass alle religiösen Gruppen gleiche Rechte haben sollten, erfährt bei den Kirchenmitgliedern eine höhere Zustimmung als bei den Konfessionslosen. Das entscheidende Kriterium bildet dabei die Loyalität der jeweiligen Religionsgemeinschaft zur säkularen Rechtsordnung. Relevant ist zudem auch die innere Vielfalt in der Selbstwahrnehmung der Befragten: Gut die Hälfte der Evangelischen stimmt der Aussage "Jede Religion hat Stärken und Schwächen, man sollte sich das jeweils Beste daraus holen" völlig oder eher zu. Gleichzeitig verneint die große Mehrheit der Evangelischen die Frage, ob sie religiös auf der Suche seien. Die Ablehnung unter den Konfessionslosen fällt noch erheblich klarer aus. Religiöse Experimentierfreudigkeit ist demnach eher schwach ausgeprägt.

Intensive Mitgliedschaftspraxis

Eine deutlich wahrnehmbare Pluralität zeigt sich bei der praktischen Gestaltung der Kirchenmitgliedschaft ("innere Vielfalt"). Während viele Menschen vor allem punktuell und situationsbezogen vermittelte religiöse Bedeutungsgehalte durch die Institution Kirche in Anspruch nehmen, gestaltet eine statistisch gesehen kleine Gruppe die soziale Praxis ihrer Mitgliedschaft nach einem Muster, das im Folgenden als "intensive Mitgliedschaftspraxis" bezeichnet und durch drei Merkmale definiert wird:

  • häufiger Gottesdienstbesuch, mindestens einmal im Monat,
  • persönlicher Kontakt zu einem Pfarrer bzw. einer Pfarrerin im Laufe des letzten Jahres,
  • aktive Beteiligung am kirchlichen Leben außerhalb des Gottesdienstes, etwa durch Übernahme einer Leitungsaufgabe im Kirchenvorstand oder in einer kirchlichen Gruppe, durch Mitarbeit beim Gemeindebrief oder im Besuchsdienst oder auch durch Mitwirkung in Chören oder Musikgruppen.

13% der Evangelischen in Deutschland pflegen, gemessen an diesen Kriterien, eine intensive Mitgliedschaftspraxis. Durch Korrelierung solcher Hochaktivität mit anderen Merkmalen von Religiosität und Kirchlichkeit - zum Beispiel dem Verbundenheitsgefühl mit der Kirche, der Zustimmung zu bestimmten Glaubensäußerungen oder auch dem Bibelverständnis - lässt sich ein Muster kirchlicher Bindung erkennen, das von anderen Mustern charakteristisch unterschieden ist.

Zur näheren Beschreibung des für die intensive Mitgliedschaftspraxis typischen Musters religiös-kirchlicher Praktiken und Einstellungen ist auf die hohe Korrelation zwischen kirchlichem Engagement und Verbundenheitsgefühl mit der Kirche hinzuweisen. Denn hier tritt ein Typus kirchlicher Mitgliedschaft zutage, der von dem - in den vorangegangenen KMUs vornehmlich untersuchten - Typus distanzierter Kirchenmitgliedschaft deutlich unterschieden ist. Während die distanzierte Kirchenmitgliedschaft zwar durchaus mit kirchlicher Verbundenheit zusammengehen kann, aber gerade nicht mit einem häufigen Teilnahmeverhalten verbunden ist - zu denken wäre etwa an das sog. Weihnachts- oder Kasualchristentum -, lässt der Typus hochengagierter Mitgliedschaft ein anderes Profil erkennen: Hier scheinen sich das Verbundenheitsgefühl mit der kirchlichen Institution und die Teilnahme an den durch die Institution bereitgestellten religiösen Kommunikationsformen wechselseitig zu stützen und zu stärken. Aber auch zwischen der Mitgliedschaftspraxis und der Selbstbeschreibung des eigenen Glaubens bestehen enge Beziehungen. Institutionelle und individuelle Dimension der Religiosität sind zwar durchaus zu unterscheiden, weisen jedoch zugleich einen hohen Korrelationsgrad auf. Kirchlichkeit und Religiosität fallen keineswegs zusammen, stehen aber in einem engen Zusammenhang.

Medien

Die Fragen zur Kommunikation über religiöse Themen haben gezeigt, dass bei einem derart privaten und von wechselseitigem Vertrauen geprägten Austausch digitale Medien gegenwärtig keine große Rolle spielen. Religiöse Kommunikation als personaler Austausch findet im Wesentlichen in privaten Räumen und unter Anwesenden (face-to-face) statt.

Trotz dieses Befunds ist die Zahl derer, die das Internet zur Information auch über kirchliche und religiöse Themen nutzen, nicht zu vernachlässigen, zumal hier in Zukunft eine Steigerung zu erwarten ist. Aber die gesamte Spannbreite der Medien vom Internet über Tageszeitungen, Magazine, Fernsehen bis zu Kirchengebietszeitungen und dem Gemeindebrief wird genutzt, um sich über religiöse und kirchliche Themen zu informieren. Trotz des Medienwandels sind auch Formate wie die Kirchengebietszeitungen nach wie vor wichtig.

Gottesdienstbesuch als soziale Praxis

Eine Neuerung gegenüber früheren KMUs ist es, den Gottesdienst mit dem Ansatz der "Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis" in Verbindung zu bringen. Leitend ist hier die Einsicht, dass die Teilnahme an Gottesdiensten nicht losgelöst von ihrem jeweiligen sozialen Kontext zu verstehen ist. Neben der Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs und den Erwartungen an den Gottesdienst wurden deshalb erstmals auch soziale Kirchgangsgewohnheiten abgefragt.

Den Kirchgang als eine in soziale Netzwerke eingebundene Praxis zu verstehen, trägt eine neue Perspektive in die empirische Gottesdienstforschung ein. Ob jemand einen Gottesdienst besucht, ist eben nicht nur Gegenstand individueller Entscheidung, sondern hängt an einer Fülle von Faktoren - und der soziale ist vermutlich einer der gewichtigsten. In den Gottesdienst zu gehen, stellt für die Mehrheit der evangelischen Christen und Christinnen offensichtlich eine gemeinsam gestaltete soziale Praxis dar. 78% geben an, zumindest gelegentlich mit anderen zusammen zur Kirche zu gehen. Dabei sind die Menschen, welche sie begleiten, in der Regel Personen aus dem allernächsten sozialen Umfeld, nämlich (Ehe-)Partner oder andere Familienangehörige. Andererseits besucht aber auch ein gutes Fünftel den Gottesdienst immer allein. Dabei lassen sich Zusammenhänge mit dem Alter und mit der Teilnahmefrequenz ausmachen: Wer wöchentlich teilnimmt, tut dies überdurchschnittlich oft allein. Am stärksten scheint der soziale Faktor dagegen bei jenen zu wirken, die nicht immer, aber doch mindestens monatlich gehen: Hier geben 85% an, den Gottesdienst zumindest gelegentlich mit anderen zu besuchen. Und je geringer die Kirchenbindung, desto wahrscheinlicher ist es, dass jemand mit anderen zusammen in den Gottesdienst kommt.

1.2.2 Prägungen und Haltungen

Religiöse Sozialisation

Bei den evangelischen Kirchenmitgliedern kommt es über die Generationen hinweg zu einer kontinuierlichen Abnahme sowohl der Verbundenheit mit der Kirche als auch der Religiosität. Ein zentraler Grund hierfür liegt in der abnehmenden Breitenwirkung der religiösen Sozialisation: Je jünger die Befragten sind, umso seltener geben sie an, religiös erzogen worden zu sein. Von den Evangelischen ab 60 Jahren wurden nach eigenen Angaben etwa 83% religiös erzogen, von den Kirchenmitgliedern unter 30 Jahren sagen das nur noch 55%. Unabhängig vom Lebensalter der Befragten erscheint die jeweilige Herkunftsfamilie als der zentrale Ort, an dem religiöse Sozialisation wirksam stattfindet. Die Sozialisation ist auch für die Konfessionslosigkeit von zentraler Bedeutung. Von den konfessionslosen Ostdeutschen geben 12% an, religiös erzogen zu sein (West: 28%). Dieser Wert unterscheidet sich massiv von den Angaben der Kirchenmitglieder, die sich zu 71% als religiös erzogen einstufen.

Eine Verstärkung dieser Tendenz ist zu erwarten, besteht doch zwischen der eigenen religiösen Sozialisation, der eigenen Religiosität und der Bedeutung, die man der religiösen Erziehung von Kindern beimisst, ein statistisch signifikanter Zusammenhang. So befürwortet nur knapp die Hälfte der Evangelischen unter 30 Jahren eine religiöse Kindererziehung. Diese Absichtserklärung ist zu unterscheiden von der tatsächlichen Realisierung der Absicht, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in niedrigerem Maß stattfindet (analog zu den Differenzen zwischen der Absicht, einen Gottesdienst zu besuchen, und dem realisierten Gottesdienstbesuch).

Der dargestellte Trend eines deutlichen Rückgangs der religiösen Sozialisation lässt durchaus gravierende Veränderungen in der künftigen religiösen Landschaft der Bundesrepublik erahnen. Fehlende religiöse Erfahrungen, kombiniert mit abnehmendem religiösem Wissen, führen möglicherweise dazu, dass vielen (gerade jüngeren) Menschen ein Leben ohne Religion als selbstverständlich erscheint und dass dementsprechend die Bereitschaft, wiederum eigene Kinder religiös zu erziehen, erkennbar sinkt.

Jugendliche und junge Erwachsene

Der Haltung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zur Religion kommt eine besondere Bedeutung für die weitere Entwicklung der Kirche zu. Dieser Gruppe gilt deshalb im Rahmen der V. KMU besondere Aufmerksamkeit. Im Vergleich zur IV. KMU zeigt sich ein deutlicher Befund: Mehr Jugendliche fühlen sich heute schwach verbunden; und mehr Jugendliche fühlen sich heute stärker verbunden als vor 10 Jahren. Wir haben es also mit einer Polarisierung zwischen starker und schwacher Verbundenheit zu tun, während das Mittelfeld "etwas verbunden" ausdünnt.

Die Entwicklungen in West- und in Ostdeutschland sind trotz der unterschiedlichen Ausgangsbedingungen gleichlaufend: Innerhalb der Kirchenmitglieder in den jüngeren Generationen ist eine steigende Distanzierung zur Kirche zu beobachten, die mit zunehmender religiöser Indifferenz einhergeht. Dies spiegelt sich auch in der Haltung der jüngeren Mitglieder zum Kirchenaustritt: So findet sich bei den jugendlichen Westdeutschen die höchste Bereitschaft, vielleicht aus der Kirche auszutreten. 19% der 14- bis 21-Jährigen sind sich dessen sogar relativ sicher, dass sie diesen Schritt in naher Zukunft vollziehen werden. Auch hier ist allerdings die Erklärung der Absicht von der Realisierung des Austritts zu unterscheiden.

"Junge Alte"

Die Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen (die "Jungen Alten") ist insbesondere in den kirchlichen Einstellungen und Verhaltensweisen, die sie von den Befragten ab 70 Jahren unterscheiden, eine interessante Altersgruppe. Befragt nach ihrer Lebenszuversicht äußert sich diese Gruppe ähnlich positiv wie die jüngeren Altersgruppen: Etwa 75% blicken zuversichtlich auf ihr weiteres Leben. Erst bei den Befragten ab 70 Jahren sinkt die Lebenszuversicht erkennbar ab. Auch das Nachdenken über das Lebensende spielt bei den 60- bis 69-Jährigen eine gewisse, aber noch nicht sehr präsente Rolle, wiederum im Unterschied zu den Befragten, die 70 Jahre oder älter sind. Über ein Drittel der 60- bis 69-Jährigen geht zudem davon aus, dass noch ein Neuanfang im eigenen Leben stattfinden kann. Beim ehrenamtlichen Engagement in der Kirche unterscheiden sich die evangelischen "Jungen Alten" kaum noch von der Gruppe der 30- bis 59-Jährigen. Fast 20% von ihnen sind im kirchlichen Bereich ehrenamtlich tätig. Darüber hinaus finden sich Potenziale für weiteres ehrenamtliches Engagement.

Dass bei älteren Menschen der Anteil der Kirchenverbundenen höher ist, gilt nach wie vor: 2012 sind etwa 62% der Evangelischen ab 70 Jahren sehr oder ziemlich kirchenverbunden, bei den 60- bis 69-Jährigen sind es etwa 44%, bei den 50- bis 59-Jährigen etwa 37%. Diese These muss jedoch im Hinblick auf die Gruppe der "Jungen Alten" differenziert werden: Diese Gruppe ist gegenwärtig weniger kirchenverbunden als in den vergangenen 40 Jahren. Der entsprechende Wert nähert sich dem der 50- bis 59-Jährigen an.

Dimensionen des Lebensstils

Die V. KMU legt keine weitere Lebensstil- bzw. Milieutypologie vor, sondern analysiert spezifische Merkmale oder Dimensionen, die die verschiedenen Lebensstile in besonderer Weise unterscheiden. Für die jeweilige Gestaltung der Kirchenmitgliedschaft als sozialer Praxis erweisen sich besonders die folgenden drei Dimensionen als bedeutsam: Traditionsorientierung, Bildungsaffinität, Interesse an Geselligkeit.

Mit der Dimension der Geselligkeit beispielsweise lässt sich analysieren, welche Rolle die Formen der Beteiligung und regelmäßigen Zusammenkünfte in Gruppen für die Mitglieder haben. Diese Formen entsprechen dem Ideal einer Mehrheit der stärker Kirchenverbundenen; sie stellen einen bestimmten Stil des Ausdrucks von Zugehörigkeit dar.

Für die einschlägigen kirchlichen Handlungsformen werden dabei auch Grenzen offensichtlich: Die große Zahl der weniger an Geselligkeit Interessierten unter den Kirchenmitgliedern (32% der Frauen und 43% der Männer, ein Drittel der Hochverbundenen) legt es nahe, Kirchlichkeit und gesellige Formen der Beteiligung nicht gleichzusetzen. Ein kirchliches Selbstverständnis, das Geselligkeitswünsche und "Gemeinschaft" im theologischen Sinn miteinander verkoppelt zur eigentlichen angemessenen Form christlicher Gemeinden, verengt Kirche auf gesellige Lebensstile.

Konfessionslose

In den letzten Jahrzehnten hat sich nicht nur in Deutschland, sondern auch im weiteren Westeuropa die Zahl der Konfessionslosen kontinuierlich erhöht. Prozesse des Kirchenaustritts spielen hierfür genauso eine Rolle wie eine sinkende religiöse Sozialisation und eine immer mehr zurückgehende Tradierung christlicher Religiosität auf nachfolgende Generationen.

Für viele Konfessionslose (besonders in Westdeutschland) ist ihre Konfessionslosigkeit Ergebnis eines Handlungsvollzuges, nämlich des Kirchenaustritts. Das zentrale Argument für ihren Austritt ist die Distanz zur Kirche, die die Befragten nennen. Die Kirche ist ihnen weitgehend gleichgültig, oder aber sie geben an, für ihren Lebensalltag einfach keine Religion mehr zu benötigen. Deutlicher noch als früher wird die aus diesen Antworten sprechende Wirkung religiöser Indifferenz als Ursache von Konfessionslosigkeit sichtbar. Zwar wird der Austrittsgrund "Kirchensteuer" immer noch häufig gewählt, er fällt aber nun - anders als noch vor 10 Jahren - deutlich hinter die anderen skizzierten Beweggründe zurück.

Konfessionslose können immer seltener als rein kirchendistanzierte "Gläubige" angesehen werden. Vielmehr haben sie sich recht stabil im "Normalzustand Konfessionslosigkeit" eingerichtet. Die eigene Konfessionslosigkeit wird dabei als individuelle Entscheidung gesehen und weniger als Produkt der sozialen Umstände. Gleichwohl beruht diese Entscheidung auf einem gewandelten sozialen Umfeld, welches Konfessionslosigkeit an vielen Orten nicht mehr diskreditiert, sondern teilweise die Begründungspflicht sogar Konfessionsmitgliedern zuweist.

Entsprechend fällt auch die Analyse des Wiedereintrittswunsches bei Konfessionslosen recht eindeutig aus: So sind es in West- wie in Ostdeutschland gerade einmal 1 bis 2% der Befragten, die sich einen Wiedereintritt in die Kirche überhaupt vorstellen können. Hier ist die Sozialisation von zentraler Bedeutung: So geben immerhin noch zwei Drittel der ostdeutschen Konfessionslosen an, konfirmiert worden zu sein (75% Westdeutschland), aber von den gleichen Befragten bezeichnen sich nur 25% (West) oder 10% (Ost) als religiös erzogen. Dies unterscheidet sich massiv von den Angaben der Kirchenmitglieder, die sich zu 70% als religiös erzogen einstufen. Aus diesen Befunden ist zu schließen, dass die Zukunft eher eine Stabilisierung bzw. Steigerung der Konfessionslosigkeit mit sich bringen wird. Die geringe soziale Bedeutung von Religion für das alltägliche Leben der Konfessionslosen lässt mittelfristig keine größeren Veränderungen erwarten.

1.2.3 Entwicklungen des evangelischen Profils

Erwartungen an die Kirche und die Verbundenheit mit ihr

Blickt man auf die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre zurück, fällt bei den Angaben der Evangelischen zur Verbundenheit mit ihrer Kirche besonders die Tendenz zur Polarisierung auf: Der Anteil Evangelischer, die sich ihrer Kirche "sehr" oder "ziemlich" verbunden fühlen, ist ebenso gestiegen wie der Anteil derer, die sich ihrer Kirche "kaum" oder "überhaupt nicht" verbunden fühlen. Die Mittelposition "etwas verbunden" ist mit 25% auf dem niedrigsten Stand seit 1992.

Evangelische, die sich ihrer Kirche verbunden und zugehörig fühlen, stimmen vielfältigen Mitgliedschaftsgründen zu. Besonders hohe Zustimmung erfahren dabei kirchliche Begleitung am Lebensende, ethische Werte, welche die evangelische Kirche vertritt, diakonisches Handeln und der christliche Glaube. Für kaum oder überhaupt nicht kirchenverbundene Evangelische, die nicht austreten wollen, ist hingegen Tradition das wesentliche Bindungsmotiv.

Je höher die Verbundenheit mit der Kirche, umso höher und umfassender die Erwartungen. Während Kirchenverbundene jedoch kirchliche Tätigkeit auch in Kultur und Politik erwarten (allerdings auch auf relativ niedrigem Niveau), beschränkt sich der Erwartungshorizont der weniger mit der Kirche verbundenen, aber nicht austrittsbereiten Evangelischen eher auf biografisch grundierte Handlungsfelder, z. B. Kasualien.

Diakonie

Konkretes diakonisches Engagement der Kirche erfährt eine sehr hohe Zustimmung, und das weit über die Kirchenmitgliedschaft hinaus. So befürworten z. B. 86% der evangelischen und 62% der konfessionslosen Befragten ausdrücklich das Betreiben diakonischer Einrichtungen seitens der Kirche.

Die mehrheitliche Befürwortung konkreten diakonischen Engagements durch Konfessionslose legt nahe, dass diakonische Einrichtungen eine wichtige Brückenfunktion innehaben. Dies schlägt sich nicht zuletzt darin nieder, dass Konfessionslose der Diakonie weitaus mehr Vertrauen entgegenbringen als den Kirchen - ein Rahmen, in dem sogar religiöse Kommunikation denkbar werden kann. So tauschen sich z. B. Konfessionslose, welche der Diakonie vertrauen, im Vergleich zu den übrigen Konfessionslosen wesentlich häufiger über Sinnfragen oder religiöse Themen aus. Allerdings decken sich die allgemein hohen und konkreten Erwartungen an den diakonischen Einsatz der Kirche nur zum Teil mit der Beurteilung kirchlicher Leistungsfähigkeit in Bezug auf soziale Probleme.

Der Pfarrberuf

Mehr als drei Viertel der evangelischen Kirchenmitglieder kennen eine Pfarrerin bzw. einen Pfarrer mindestens namentlich oder vom Sehen. Ein solcher persönlicher Eindruck - das zeigt der Vergleich mit denen, die keinen Pfarrer kennen - steht in engem Zusammenhang mit der Kirchenbindung. Insofern kann durchaus von einer pastoralen Schlüsselrolle für die Wahrnehmung der Kirche im Ganzen gesprochen werden. Für fast die Hälfte der Mitglieder ist die Wahrnehmung der Institution auch durch einen persönlichen, gesprächsweisen Kontakt zu einer Pfarrerin bzw. einem Pfarrer vermittelt. Dabei geben mehr als ein Viertel der Befragten an, einen anderen Pfarrer als den in der eigenen Gemeinde persönlich zu kennen. Bei Amtshandlungen, aber auch bei anderen gottesdienstlichen Gelegenheiten kann der Pfarrer also damit rechnen, weit über die Grenzen seiner Ortsgemeinde hinaus zu wirken.

Insgesamt hält ein Drittel der Evangelischen einen persönlichen face-to-face-Kontakt mit einer Pfarrerin oder einem Pfarrer für wichtig. Diese Kommunikationsform sollte also nicht überschätzt werden. Die pastorale Wirkung, und zwar durchaus die Wirkung als spezifische Person, ergibt sich in erheblichem Umfang durch distanzierte, aber wohlwollende Wahrnehmung. Nach Auskunft der Mitglieder vollziehen sich Begegnungen mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer vor allem bei Kasualien und anderen Gottesdiensten, bei Gemeinde- oder Stadtteilfesten sowie bei anderen, oft zufälligen Begegnungen. Es sind nicht Seelsorgegespräche, es sind aber auch nicht persönliche Kontakte im Gemeindehaus, sondern es sind ganz überwiegend öffentliche Auftritte, in denen der Pfarrer als Person wahrgenommen und zum Repräsentanten der Kirche wird.

1.2.4 Protestantische Potenziale in der Zivilgesellschaft

Sozialkapital

Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive wird die Frage nach der Existenz und den Entwicklungen sozialen Vertrauens aufgrund sozialen Engagements bereits seit geraumer Zeit in den Blick genommen. In den letzten Jahren hat diese Fragestellung unter dem Begriff "Sozialkapital" verstärkt auch in religionssoziologischen Untersuchungen Einzug erhalten, so auch in die V. KMU.

Die Ergebnisse weisen auf deutliche Potenziale des Protestantismus in der Gesellschaft hin, sowohl im Bereich des ehrenamtlichen Engagements als auch im Blick auf die Ausbildung interpersonalen Vertrauens. So beteiligen sich immerhin ein Fünftel der Kirchenmitglieder aktiv an kirchlichen und religiösen Gruppen. Darüber hinaus engagieren sie sich zudem häufiger als Konfessionslose in nichtkirchlichen Gruppen und Vereinen.

Die Ergebnisse zeigen ein überdurchschnittlich hohes Vertrauen der evangelischen Christen in andere Menschen. Dieses Vertrauen beschränkt sich nicht auf die Angehörigen der eigenen Religionsgemeinschaft, sondern erstreckt sich (mit Abstrichen) auch auf andere Religionen. Darüber hinaus zeigt sich ein enger Zusammenhang zwischen sozialem Engagement und dem Vertrauen in andere Menschen: Die Mitarbeit in kirchlich getragenen Aktivitäten hat eine positive Wirkung auf die Ausbildung von interpersonalem Vertrauen. In diesem Sinne trägt die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche in mehrfacher Weise zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Personen, die sich religiös engagieren, sind auch in anderer Hinsicht besonders aktiv im Ehrenamt.

Generell stellt die evangelische Kirche durch ihre Mitglieder einen relevanten Fundus an Sozialkapital zur Verfügung, der religiös fundiert und gesamtgesellschaftlich zu beachten ist. Dieses ist einerseits über die Aufnahme christlicher Werte impliziert und beruht andererseits auf den günstigen Gelegenheitsstrukturen für freiwilliges Engagement. Dabei sind die gesellschaftspolitischen Auswirkungen auf der Ebene des Vertrauens wie auch für die Identitätsstärkung und Identitätsausbildung nicht zu unterschätzen, wird damit doch auch eine wesentliche Ressource für den Zusammenhalt der politischen Gemeinschaft geleistet.

Lebenszufriedenheit

Die Lebenszufriedenheit hängt nicht nur von Faktoren wie Einkommen und Gesundheit, sondern auch von kulturellen Faktoren und der subjektiven Lebenseinstellung ab. Sie basiert auf objektiven Lebensbedingungen und dem subjektiven Wohlbefinden, das positiv (Zufriedenheit, Glück) und negativ (Belastung, Sorgen) bestimmt sein kann, sowie von Zukunftserwartungen (Hoffnungen, Befürchtungen) geprägt ist.

Im Blick auf diese komplexe Größe zeigt sich: Religiosität ist ein wichtiger Faktor für die Lebenszufriedenheit. Interessanterweise hat neben der von der Konfession zunächst unabhängigen Religiosität auch die Kirchenmitgliedschaft Einfluss auf die Lebenszufriedenheit: Diese ist bei Mitgliedern der evangelischen Kirche im Durchschnitt höher als bei Konfessionslosen. Ähnlich wie die Frage der Lebenszufriedenheit hängt auch die Selbsteinschätzung der Befragten zur wirtschaftlichen Lage von diversen Faktoren (Bildung, Einkommen, berufliche Situation u. a.) ab. Und auch hier zeigt sich: Unabhängig vom Netto-Einkommen beurteilen religiösere Menschen ihre wirtschaftliche Lage besser als weniger religiöse.

Engagement

Zum kirchlichen Engagement zählt im engeren, aktiven Sinne die Übernahme von Leitungsaufgaben, die aktive Mitwirkung in Gottesdiensten, die Mitwirkung in Chören oder Musikgruppen, die regelmäßige oder projektbezogene Mitarbeit in der Gemeinde. Im weiteren, passiven Sinn wurde auch der Besuch von Konzerten und kulturellen Veranstaltungen in Kirche und Kirchgemeinde, von Seminaren, Vorträgen, Meditationen u. Ä. sowie die Teilnahme am Frauenkreis, Männerkreis, Seniorenkreis, Jugendgruppe oder Gesprächskreis einbezogen. Auch hier liegt der Anteil der gar nicht Engagierten bei 75%. Es sind mehr Befragte in aktiven Bereichen engagiert als Befragte in lediglich passiven.

Wird zudem nach der freiwilligen finanziellen Unterstützung geschaut, wird deutlich, dass sie in einem Zusammenhang mit dem Grad des Engagements steht. Vier Fünftel der aktiv Engagierten unterstützen die Kirche und kirchliche Organisationen auch mit Spenden u. Ä. - im Vergleich zu ca. einem Fünftel der nicht Engagierten.

Wer sich selbst als religiös bezeichnet, ist in der Regel auch kirchlich engagiert. Frauen engagieren sich etwas, aber nicht übermäßig häufiger als Männer in der evangelischen Kirche. Die Daten der V. KMU lassen nicht auf einen Zusammenhang von kirchlichem Engagement und Bildung oder Einkommen schließen.

Die in der evangelischen Kirche Engagierten üben im Vergleich mit den nicht Engagierten häufiger religiöse Praktiken aus und sagen häufiger von sich selbst, dass sie ein gutes religiöses Wissen haben.



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