Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis

„Fruchtbare Potentiale und beachtliche Herausforderung“

EKD stellt fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V. KMU) vor

06. März 2014

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat erste Ergebnisse der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V. KMU) veröffentlicht.

Der Vorsitzende des Rates der EKD, Nikolaus Schneider, sagte anlässlich der Vorstellung der zusammenfassenden Publikation „Engagement und Indifferenz – Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis“ am heutigen Donnerstag in Berlin, Kernanliegen der Untersuchung sei es, „ein möglichst realistisches und differenziertes Bild der sozialen Praxis von Kirchenmitgliedern zu gewinnen: Zum einen ist nüchtern zu konstatieren, dass eine zunehmende Indifferenz bei Kirchenmitgliedern in vielen Hinsichten zu Abschmelzungsprozessen führt. Zum anderen aber zeigen die Ergebnisse der Studie das vielfältige Engagement von Kirchenmitgliedern und damit eine Reihe von Potenzialen, die für zukünftige Entwicklungen der Kirche fruchtbar sein können“, so Schneider weiter.

In diesem Zusammenhang hob der Ratsvorsitzende hervor, dass der Anteil evangelischer Kirchenmitglieder, die sich ihrer Kirche stark verbunden fühlen, steige. Schneider: „Drei von vier Evangelischen schließen laut unserer Untersuchung einen Austritt kategorisch aus.“ Damit sei die Bereitschaft zum Kirchenaustritt im Vergleich zu den Werten von 1992 und 2002 in allen Altersgruppen abermals deutlich gesunken.

Der Leiter des Institutes für Soziologie der Universität Münster, Detlef Pollack, unterstrich in einer ersten Analyse der Ergebnisse, dass die „wachsende religiöskulturelle Pluralisierung“ die evangelischen Christen herausfordere, ihre eigene religiöse Identität zu stärken, aber gleichzeitig anderen religiösen Gemeinschaften gegenüber tolerant zu sein. Dies sei durchaus der Fall, denn die V. KMU zeige, so Pollack: Die Offenheit gegenüber nichtchristlichen Religionen und das Vertrauen in Menschen mit einer nichtchristlichen religiösen Zugehörigkeit sind unter Evangelischen höher als unter Konfessionslosen“

Birgit Weyel, Professorin für praktische Theologie in Tübingen, erläuterte, dass die V. KMU stärker erforscht habe, wie sich Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis gestalte. Dabei zeige sich, dass die Beziehung zur Kirche nicht primär als ein 'mehr' oder 'weniger' an Verbundenheit, Beteiligung und Überzeugung verstanden werde, sondern als gelebte Praxis der Menschen, die diese als ihre je eigene Form von Mitgliedschaft gestalten. Weyel: „Viele unserer Fragen in der KMU zielen daher auf konkrete Anlässe und Gelegenheiten, in denen Menschen religiös und kirchlich handeln. Zum Beispiel: Wer geht mit wem gemeinsam in den Gottesdienst? Welche Gelegenheiten zum Austausch über religiöse Themen werden wahrgenommen? Durch welche biographischen Anlässe sind diese motiviert?“ Dabei habe sich gezeigt, dass der private Bereich zentral sei. „Ehepartner und Lebenspartnerin, aber auch Freunde sind die wichtigsten Gesprächspartner über religiöse Themen. Der Austausch erfolgt vor allem unter 'Wahlverwandten', also Menschen, die sich einander sehr verbunden fühlen und sich wechselseitig ausgewählt haben“, so die Theologin.

Kirchenpräsident Volker Jung von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, hob bei der Vorstellung der Studie hervor, dass die V.KMU eine „Tendenz zur Polarisierung der Mitglieder“ im Blick auf ihre Kirchenverbundenheit“ zeige. Jung: „Während die Gruppe derer mit mittlerer Verbundenheit eher abnimmt, wachsen die Gruppe der engagierten Hochverbundenen und (quantitativ deutlicher) die Gruppe der religiös Indifferenten.“ Auf der einen Seite werde Kirchenmitgliedschaft bei den Hochverbundenen inhaltlich klar begründet. Traditionelle theologische Verortungen werden erwartet und geteilt und mit einer hohen Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement verbunden.

Auf der anderen Seite aber, so der Kirchenpräsident weiter, sei „Kirchenferne“ weniger von kontroverser Auseinandersetzung oder Abgrenzung geprägt, sondern von nahezu vollständiger Gleichgültigkeit. Jung: „Mitglied der Kirche zu sein das wird über alle Altersgruppen hinweg zunehmend zur Frage eines klaren Ja oder Nein.“

Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm erläuterte schließlich die „Potenziale des Protestantismus“, die sich in der Untersuchung erkennen ließen: „Ein Fünftel der Kirchenmitglieder beteiligen sich aktiv an kirchlichen und religiösen Gruppen. Darüber hinaus engagieren sie sich zudem häufiger als Konfessionslose in nichtkirchlichen Gruppen und Vereinen. Weite Kreise des ehrenamtlichen Engagements in Politik und Kultur, in Gesundheit und Parteien sind sozusagen protestantisch geprägt.“

In diesem Sinne, so der Landesbischof, trage die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche in „mehrfacher Weise“ zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Personen, die sich religiös engagieren, seien auch in anderer Hinsicht besonders aktiv im Ehrenamt. Bedford-Strohm: „Generell stellt die evangelische Kirche durch ihre Mitglieder einen relevanten Fundus an Sozialkapital zur Verfügung, der als wesentliche Ressource für den Zusammenhalt der politischen Gemeinschaft erkennbar wird.“

Info Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU):

Einstellungen zur Kirche, religiöse Prägungen und Tendenzen der Mitgliederentwicklung – alle 10 Jahre bittet die evangelische Kirche seit 1972 im Rahmen großer repräsentativer Studien Experten aus Sozialwissenschaft und Theologie zum Blick von außen auf die Institution und ihre Mitglieder. Der besondere Fokus der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (V.KMU) liegt auf folgenden Themen: Religiöse und kirchliche Praktiken als interaktives Beziehungsgeschehen. Mit wem tauschen sich Menschen aktuell über religiöse Themen aus? Welche kommunikativen Netzwerke gibt es in diesem Feld in oder neben der Institution Kirche? Welche Faktoren und Themen sind prägend, wenn es um die Kirche geht?

Infos zur Bestellung des Textes:

Der erste zusammenfassende Band über die V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft „Engagement und Indifferenz – Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis“ hat 132 Seiten inklusive zahlreicher Abbildungen. Der Band kann im Internet heruntergeladen werden: www.ekd.de/kmu und als Broschüre bestellt werden unter versand@ekd.de. Die Gesamtstudie wird voraussichtlich im Sommer 2015 über den Buchhandel beziehbar sein.

Berlin/Hannover, 6. März 2014

Pressestelle der EKD
Reinhard Mawick



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