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Christen und Juden III
Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum2. Der Bund Gottes |
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2.1 Offene Fragen"Eine Auffassung, nach der der Bund Gottes mit Israel gekündigt und die Juden verworfen seien, wird nirgends mehr vertreten." Dieser Satz aus Studie II schreibt ein wichtiges Zwischenergebnis des theologischen Diskussions- und Klärungsprozesses der letzten Jahrzehnte fest. Die Einsicht, dass Gottes Bund mit Israel ungekündigt ist, hat sich überall da durchgesetzt, wo Christen sich ernsthaft mit dem Verhältnis von Christen und Juden beschäftigt haben. Das biblische Zeugnis, auf das sie sich vor allem stützt, ist die Aussage des Paulus über die bleibende Bundestreue Gottes zu seinem Volk Israel in Röm 11,25-29. Man kann mit Recht von einer Wiederentdeckung dieses für diese Frage zentralen neutestamentlichen Textes sprechen. Die Kapitel 9 bis 11 des Römerbriefs, in denen der Apostel Paulus den Weg und das Geschick Israels bedenkt, werden heute hinsichtlich ihrer theologischen Tragweite neu gewürdigt.Das kann nicht ohne Folgen für die christliche Sicht des Judentums bleiben. Bis in die Gegenwart hinein war für Christen die Unterscheidung zwischen Kirche und Judentum hauptsächlich an der Unterscheidung von Altem und Neuem Testament, altem und neuem Bund orientiert. Das Judentum galt als das Gottesvolk des alten Bundes, die Kirche als das Gottesvolk des neuen Bundes. Nicht wenige zogen daraus die Folgerung, daß beide "Bünde" nicht nur zeitlich aufeinander folgend, sondern auch einander ausschließend seien. Den alten Bund führte man einseitig auf die Gesetzgebung durch Mose am Sinai zurück und sah in ihm deshalb die Grundlage einer "Gesetzesreligion". Er galt als ersetzt und aufgehoben durch den neuen Bund, der durch die sühnende Selbsthingabe Jesu am Kreuz eingesetzt war (1.Kor 11,25) und der seinem Wesen nach Gnadenbund war. Bezeichnung und Zuordnung der beiden Teile der christlichen Bibel als Altes und Neues Testament spiegeln diese Sichtweise eindrucksvoll und bis in die Alltagssprache hinein wider. Ein solches Konzept ist in seiner klassischen Form spätestens ab dem zweiten Jahrhundert n. Chr. belegt (vgl. z. B. Justin, Dial. 11,2-4). Die daraus gezogene Schlussfolgerung unterstellt: Die Nachkommen jener Juden, die nicht durch den Glauben an Christus den Weg in den neuen Bund gefunden haben, existieren in einem bundlosen Zustand: die Kirche ist stattdessen an Israels Stelle zum einzigen und wahren Volk des Bundes geworden. Die unausweichliche Konsequenz aus diesem tief verinnerlichten Selbstverständnis der Kirche war mindestens die Abwertung des Judentums als einer überholten Religion. Ist eine dem biblischen Zeugnis angemessenere Verhältnisbestimmung zwischen Judentum und Kirche unter der Leitvorstellung des Bundes möglich? Insbesondere verlangen in diesem Zusammenhang drei Fragen eine Antwort:
Die Diskussion darüber wurde ausgelöst durch die Antwort, die die Rheinische Synode in ihrer Synodalerklärung von 1980 dafür vorgeschlagen hat: "Wir glauben die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes als Gottes Volk und erkennen, dass die Kirche durch Jesus Christus in den Bund Gottes mit seinem Volk hineingenommen ist." Ähnlich heißt es in den 1990 von der Hauptversammlung des Reformierten Bundes verabschiedeten Leitsätzen: "Gott hat seinen Bund mit Israel nicht gekündigt. Wir beginnen zu erkennen: In Christus Jesus sind wir, Menschen aus der Völkerwelt - unserer Herkunft nach fern vom Gott Israels und seinem Volk -, gewürdigt und berufen zur Teilhabe an der Israel zuerst zugesprochenen Erwählung und zur Gemeinschaft im Gottesbund." Demnach gäbe es auch nach Christus nur einen einzigen Bund, nämlich den Bund Gottes mit Israel. Und die an Christus Glaubenden aus den Weltvölkern hätten um Christi willen Anteil an diesem. Mit der Leitvorstellung des Bundes wäre demnach eine theologisch einleuchtende und unstrittige Zuordnung von Christen und Juden möglich. Das macht die Faszination dieser Formel aus. Aber ist sie wirklich tragfähig? Zweifel hieran sind nicht zuletzt auch von Theologen, die das Grundanliegen der Rheinischen Synodalerklärung teilen, geäußert worden. Begründete Kritik kam auch von jüdischen Gesprächspartnern. Dabei geht es zum einen um die Frage nach den biblischen Grundlagen für eine solche Vorstellung. Deutlich ist, dass jedenfalls die dominanten biblischen Begriffe und Bilder, die in beiden Testamenten die eschatologische Einbeziehung der nichtisraelitischen Völkerwelt in die heilvolle Gottesnähe Israels ausdrücken, nicht am Bundesbegriff orientiert sind. Zum andern ist zu fragen, ob die Formel der bleibenden Sonderrolle Israels gerecht zu werden vermag und insbesondere, ob sie das Nebeneinander von Judentum und christlicher Kirche - zunächst einer Kirche aus Juden und Heiden, dann aber auch einer rein heidenchristlich geprägten Kirche - angemessen zum Ausdruck zu bringen vermag. Die nachfolgenden Abschnitte untersuchen, ob die Bundesaussagen in beiden Teilen der christlichen Bibel eine ausreichende Grundlage für eine Altes und Neues Testament übergreifende Theologie des Bundes ergeben. Daran schließt sich die Frage an, ob sich die biblische Bundesvorstellung systematisch-theologisch in der Weise weiter entwickeln lässt, dass sie eine angemessene Verhältnisbestimmung von Christen und Juden in der Gegenwart erlaubt.
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