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Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum

2.3 Was ist neu am "neuen Bund" von Jer 31?

Jer 31,31-34 ist die wohl bekannteste, in ihrer Wirkungsgeschichte folgenreichste Bundessausage des Alten Testaments. Jeremia kündigt hier im Auftrag Gottes einen "neuen Bund" an, der "mit dem Hause Israel und mit dem Haus Juda" geschlossen werden soll. Dieser Bund werde anders sein als jener Bund, den Gott mit ihren Vätern beim Auszug aus Ägypten geschlossen hat. Denn jenen Bund haben sie gebrochen, "ob ich gleich ihr Herr war". Auch ein Kennzeichen des "neuen Bundes" wird benannt: Gott selbst wird seine Tora in die Israeliten hineinlegen und sie auf ihr Herz schreiben: "Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: ‚Erkenne den Herrn', sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der Herr."

Herkömmliche christliche Auslegung dieser Stelle ging von drei Voraussetzungen aus: (1.) Der Bund Gottes mit dem Volk Israel werde vom Profeten als nicht mehr in Kraft befindlich dargestellt. Israel sei somit bereits in der Zeit des Exils ohne Bund gewesen. (2.) Der hier angesagte "neue Bund" meine einen in ferner Zukunft liegenden Bund, der in keiner Kontinuität mit dem alten Bund Israels mehr stehe; und (3.) die so vorausgesetzte Diskontinuität sei in der Materie des neuen Bundes begründet, denn dieser beziehe sich nicht mehr auf die Tora und ihre Erfüllung, sondern werde allein vom Geist Gottes gewirkt werden. Alle drei Voraussetzungen bedürfen jedoch dringend der Korrektur.

Der Profet spricht zwar von einem Bruch des Bundes durch die "Väter", wobei der den Wortbruch der Jerusalemer 589/88 mit dem Ungehorsam der Exodus- und Wüstengeneration zusammenschaut. Jedoch ist der Bund durch diesen Bundesbruch keineswegs hinfällig geworden; von seiner Aufkündigung durch Gott ist nicht die Rede. Die Wendung "ob ich gleich ihr Herr war" (Jer 31,32) benennt vielmehr das, was über den Bundesbruch hinweg reicht und die Kontinuität gewährt: Gottes Eigentumsrecht, das sich in der Sündenvergebung (Jer 31,34) wie im bleibenden Anspruch der Tora manifestiert. Um dieser Gefährdung zu begegnen, kündigt Gott nunmehr durch den Profeten einen neuen Bund an. Dessen Neuheit soll nicht etwa darin bestehen, dass der vorausgegangene Bund für aufgekündigt erklärt, die Tora vom Sinai überwunden und durch ein anderes Gesetz ersetzt wird. Noch weniger geht es um einen neuen menschlichen Partner. "Neu" wird der vom Profeten angesagte Bund vielmehr darin sein, dass er den bisherigen Bund eschatologisch überbietet: Er wird der abschließende, vollkommene Bund sein, Gottes letztes und unüberbietbares Wort in dieser Sache. Anders als die bisherigen Bundsetzungen wird er gegen die Möglichkeit eines Bundesbruches seitens Israels abgesichert sein. Gott selbst wird ihnen die Fähigkeit schenken, die Tora zu halten, ohne jemals mehr von ihr abzuweichen.

Auch dieser "neue Bund" von Jer 31,31 bezieht sich also auf die Tora. Sie wird dieselbe sein, die schon dem Bund vom Sinai zu Grunde gelegen hatte. Aber nun soll die bisherige Distanz zwischen Israel und der Tora überwunden werden. Der den Bund gefährdende Ungehorsam soll ein Ende haben, weil Israel mit dem in der Tora bekundeten heiligen Gotteswillen endgültig geeint sein wird, indem Gott ihm die Tora unmittelbar ins Herz legt. Es wird dann keiner Mahnungen und Weisungen von außen her mehr bedürfen. Die Grundstruktur der bisherigen Bundsetzungen wird hier also keineswegs aufgehoben, sie bleibt vielmehr erhalten, ja sie tritt noch deutlicher als bisher in Erscheinung. Der neue Bund ist der bisherige Bund in endzeitlich gesteigerter Form. So spricht Jeremia denn auch nirgends von einem "alten" Bund, sondern - wenn er das bisherige bundbegründende Gotteshandeln meint - von einem "ewigen, unvergesslichen Bund" (Jer 50,5). Die Auslegungen von Jer 31,31ff im nachbiblischen Judentum haben diese Stelle auch durchweg so verstanden.

Obwohl die frühen Rabbinen das Verhältnis zwischen Israel und Gott relativ selten auf den umfassenden Begriff des Bundes brachten, haben sie dennoch die jeremianische Verheißung eines neuen Bundes aufgegriffen und theologisch fruchtbar gemacht. Wo sie dies tun, betonen sie die Kontinuität zwischen Altem und Neuem. Der neue Bund ist Erneuerung und Bekräftigung des alten und somit ein erneuerter Bund. Dieser steht keineswegs im Gegensatz zur Sinai-Tora, sondern ist geradezu von Anfang an in ihr angelegt, der neue Bund ist bereits im alten Bund enthalten; der qualitative Unterschied - hier der gebrochene, dort der, der nicht mehr gebrochen wird - geht Hand in Hand mit einer im Wesen des alten Bundes selbst begründeten Kontinuität. Jer 31,33 wird dann in der talmudisch-midraschischen Auslegungstradition häufiger zitiert als die beiden vorangehenden Verse, für gewöhnlich aber von dem Motiv des neuen Bundes abgekoppelt. Was vom biblischen Kontext dennoch bleibt, ist die eschatologische Signatur der Verheißung: Die ins Herz geschriebene Tora wird zu einer Tora, die man in der kommenden Welt, nachdem man sie gelernt hat, nicht wieder vergisst.

Auch der Befund des Schrifttums von Qumran bleibt letztlich auf dieser Linie. Die qumranische Gemeinschaft weiß sich zwar durch einen von Gott gestifteten Bund gegründet. Dieser jedoch steht keineswegs im Gegensatz zum Sinaibund, und ob er als neuer Bund im Sinne von Jer 31,31ff verstanden wurde, ist überdies höchst fraglich. Die Wendung vom neuen Bunde im Lande Damaskus in der Damaskusschrift darf jedenfalls nicht für eine solche Deutung in Anspruch genommen werden. Denn die Gemeinde des neuen Bundes im Lande Damaskus, auf die sie verweist, ist keine gegenwärtige Größe, sondern die Vorgängergemeinde der qumranischen Gemeinschaft, die durch radikalen Gesetzesgehorsam (wahrscheinlich in der seleukidischen Verfolgung) ihre Treue zu den Bundsetzungen Gottes erwiesen und damit den bereits bestehenden Bund neu aktualisiert hat.

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