Der Bund steht im Alten Testament in einem unaufhebbaren Zusammenhang mit der Identität Israels. Darin besteht die Besonderheit dieses Volkes unter allen Völkern, dass es durch Gottes heilvolle Zusage in ein unmittelbares Gemeinschaftsverhältnis mit ihm gesetzt und zum Gehorsam gegen seinen geoffenbarten Willen berufen ist. Anders gesagt: Darin, dass ihm der Bund geschenkt ist, unterscheidet sich Israel von den "Völkern". Zugleich wird damit der Bund mit Israel zum Identitätszeichen Gottes selber.
Zwar gibt es bekanntlich vielfältige und gewichtige Verheißungen, die von einer heilvollen Auswirkung der Israelbeziehung Gottes auf die weltweite Völkerwelt reden - von der Teilnahme am Abrahamssegen (1.Mose 12,3) über die Völkerwallfahrt zum Zion (Jes 2,2ff par Mi 4,1ff; Jes 60; 66,23) bis zur universalen Anbetung Gottes (Jes 45,18ff; Zeph 2,11). Aber nur in wenigen von ihnen spielt der Bundesbegriff eine Rolle. Nach Jes 55,3ff wird Israel durch den ihm geschenkten David-Bund instand gesetzt, Gott unter den Völkern zu verherrlichen, mit der Folge, dass auch diese sich seinem Gott zuwenden. Und vom "Gottesknecht", dessen Identität mit und Beziehung zu Israel ein Geheimnis bleibt, wird gesagt, dass er zum "Bund des Volkes" und als solcher zum "Licht der Völker" werden soll (Jes 42,6). In dieser Aussage kann "Volk" vom Kontext her Israel oder die Menschheit bezeichnen. Nach einigen Texten spielt also der Bund Gottes mit Israel indirekt für die Völkerwelt eine Rolle; er "verbindet dieses Volk mit der Menschheit, so dass der Bund mit ihm zum Bund mit den Völkern allen wird" (Leo Baeck).
Jedoch würde durch eine ausdrückliche Einbeziehung der Weltvölker in den Bund Israels die für Israels Selbstverständnis grundlegende Unterscheidung zwischen Israel als dem einen Gottesvolk und den Völkern in Frage gestellt bzw. aufgehoben. Man kann dieser Konsequenz auch nicht durch eine Unterscheidung zwischen Israel als Gottesvolk einerseits und dem Bund Gottes mit diesem seinem Volk andererseits ausweichen, um daraus die weitergehende Folgerung abzuleiten, die Kirche sei zwar nicht in das Gottesvolk Israel, wohl aber in die Bundesbeziehung zwischen Gott und Israel hineingenommen. Damit nämlich würde die identitätsstiftende Bedeutung des Bundes für Israel letztlich verkannt.
In diesem Zusammenhang bleibt zudem durchgängig zu bedenken, dass sich im Anschluss an 1.Mose 17 die individuelle Aneignung des Bundes zwischen Gott und Israel durch die männlichen Mitglieder mit der Beschneidung vollzieht. Die berit milla (Beschneidungsbund) ist im Judentum bis heute der reale "Sitz im Leben" des Bundes. Eine unmittelbare Einbeziehung der heidenchristlichen Kirche in diesen Bund ist kaum denkbar. Vielmehr ist an den Gedanken anzuknüpfen, dass es gerade der Bund mit Israel ist, durch den Gott auch die Völker für sich gewinnen will.
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