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Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum

2.5 Jesus Christus - Ziel und Bekräftigung der Bundsetzungen Gottes

Auch die Schriften des Neuen Testaments behandeln das Thema "Bund". Allerdings tun sie das in unterschiedlichen Zusammenhängen und in unterschiedlicher Dichte. Es fehlen alle Anzeichen dafür, dass es eine einheitliche frühchristliche Theologie des Bundes gegeben hätte, in deren Rahmen dem Begriff "Bund" eine zentrale Bedeutung für die Bestimmung des Verhältnisses zwischen der Gemeinschaft der Jesusgläubigen und dem Volk Israel zugefallen wäre. Die einzige Ausnahme in dieser Hinsicht, auf die noch gesondert einzugehen sein wird, bildet der Hebräerbrief mit seiner ausgeprägten Bundestheologie. Im Blick auf die große Mehrzahl der neutestamentlichen Bundesaussagen läßt sich jedoch übergreifend feststellen:

  • auch sie setzen mehrere frühere Bundsetzungen Gottes mit seinem Volk voraus;
  • sie halten deren bleibende Gültigkeit fest, und
  • sie verstehen das Heilsgeschehen in Christus in
positiver Kontinuität zu diesen Bundsetzungen. Das Neue, einschließlich der neutestamentlichen Rede vom "neuen Bund", wird nur von dieser Grundlage aus sachgemäß zu verstehen sein.

Alle diese drei Momente der Kontinuität, besonders deutlich das zweite, lassen sich in den beiden Lobliedern in Lk 1 aufweisen, die vermutlich sehr alte judenchristliche Überlieferungen aufnehmen. Die Bundesaussage im Lobgesang des Zacharias, dem Benediktus (Lk 1,72f) kann - neben der Abendmahlsüberlieferung - als die älteste uns bekannte christliche Stellungnahme zum Thema "Bund" gelten. Die Geburt des starken Retters aus dem Hause Davids wird hier als Erfüllung des Bundes Gottes mit Abraham gedeutet: "Er hat das Erbarmen mit den Vätern an uns vollendet und an seinen heiligen Bund gedacht, an den Eid, den er unserm Vater Abraham geschworen hat" (Lk 1,72). Die eidliche Zusage Gottes an Abraham gilt als Grund dafür, "dass wir" - die Gemeinschaft der Jesusgläubigen in Israel - "furchtlos aus der Hand der Feinde gerettet, ihm dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor ihm all unsere Tage" (Lk 1,74b-75; vgl. Lk 1,55).

Im Blick ist dabei der Beschneidungsbund Gottes mit Abraham (1.Mose 17,6). Nur dessen Bundeszusage enthält die Ankündigung eines aus der Zusage Gottes hervorgehenden Königtums. Diese ist, wie wir u.a. aus PsSal 18,3-5 wissen, zum locus classicus für die Verbindung Abrahams mit der Erwartung eines messianischen Königs in Israel geworden. So wird die Erscheinung des Davidssohnes Jesus als abschließende Erfüllung des Abrahamsbundes in Israel gedeutet.

Liest man diese frühen judenchristlichen Zeugnisse für sich, so ist in ihnen die Stellung der Heidenchristen zum Bund noch kein Thema. Nun begegnen uns diese Lieder aber als zentrale Bestandteile der lukanischen Vorgeschichte (Lk 1-2). Sie sind also von Lukas mit Bedacht an den Eingang seines Doppelwerkes aus Evangelium und Apostelgeschichte gerückt worden, dessen übergreifendes Thema der Gang des Evangeliums von Jerusalem durch das römische Reich bis in dessen Hauptstadt - und damit die Entstehung der christlichen Kirche - ist. In dieser gesamten Darstellung spielt der Bundesbegriff nur in der Abendmahlsformel (Lk 22,20) eine Rolle. Lukas verwendet ihn also für die Deutung des Neuen, das in und mit der Kirche entsteht, gerade nicht, sondern beläßt ihn durch die zitierten Texte als Proprium Israels und seiner Verheißungen.

Auch Paulus hält an der bleibenden Gültigkeit der Bundsetzungen Israels fest. Das geht insbesondere aus dem Anfang des großen Israel-Traktats des Apostels (Röm 9-11) deutlich hervor. Hier nämlich spricht er - wie schon erwähnt - ausdrücklich im Plural von den "Bundsetzungen" als bleibendem Besitz Israels, ohne freilich zu erläutern, an welche Bünde er denkt (Röm 9,4).

Im weiteren Fortgang von Röm 9 bis 11 findet sich kein Anzeichen dafür, dass Paulus aufgrund der Distanz der überwiegenden Mehrheit der Juden gegenüber dem Christusglauben im Blick auf diese die früheren Bundsetzungen als aufgehoben ansähe. Im Gegenteil: Am Ziel- und Höhepunkt der Ausführungen über Geschick und Weg Israels (Röm 11,25-32) entfaltet er ein großes Hoffnungsbild der für die Zukunft für ganz Israel erwarteten eschatologischen Rettung. Dabei greift er ausdrücklich auf die alttestamentliche Tradition von Bund und Sündenvergebung zurück (Jer 31; 2.Mose 34,9f).

In diesem großen Hoffnungsbild werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Israels als eine durch das alles übergreifende Handeln Gottes konstituierte Einheit gesehen. Zwar hat Gott die Mehrheit des jüdischen Volkes in der Gegenwart "in den Ungehorsam eingeschlossen" (Röm 11,31), aber dies geschah, um Zeit zu gewähren für die Gewinnung der Heiden für das Evangelium. Am Ende wird jedoch "der Retter aus Zion kommen" (Röm 11,26b); der endzeitlich in Erscheinung tretende Christus wird ganz Israel um sich sammeln und endgültig in die Gegenwart Gottes hineinnehmen. Indem dies geschieht, wird die Bundeszusage des Jeremia endgültig erfüllt. Diese Verheißung greift aus der Vergangenheit - gleichsam über die gegenwärtige Periode des Ungehorsams Israels hinweg - direkt hinüber in die Zukunft. Gottes Güte und Treue überwölbt damit gleichsam das gegenwärtige Geschick Israels, und damit zugleich auch die Phase des Hinzukommens der Heiden. Dieser Bund ist demnach insofern der "alte", als er Gottes in der Vergangenheit begonnenes Erwählungshandeln an Israel festmacht. Er ist kein anderer Bund als der, mit dem Gott Israels Weg von Anfang an begleitet hat. Zugleich aber ist er der "neue", insofern er Israels Geschichte der eschatologischen Erfüllung entgegenführt.

Ein Gegensatz zwischen "altem" und "neuem" Bund kommt hier also nicht in den Blick. Paulus versagt sich aber auch insofern jedem theologischen Systematisierungsversuch, als er die Frage unbeantwortet läßt, in welchem Verhältnis zum erneuerten Bund Israels die zur Heilsgemeinde hinzukommenden Heiden stehen. Er begnügt sich mit dem Hinweis, dass Gott durch den Weiterbestand des Bundes Israels trotz der mehrheitlichen Ablehnung Jesu als des Messias die Voraussetzung für das jetzt ergehende Angebot des Glaubens an die Heiden geschaffen hat (Röm 11,25). Der Bund Gottes mit Israel ermöglicht so noch im Negativen den Zugang der Völker zu Gott. Er hat also eine heilvolle Wirkung auf die Heiden. Mit diesem Gedanken knüpft der Apostel an alttestamentliche Aussagen an, die dem Bund Gottes mit Israel heilvolle Folgen für die Weltvölker zuschreiben. Aber er überschreitet die von diesen gezogene Grenze nicht. Die Möglichkeit einer unmittelbaren Hineinnahme der glaubenden Heiden in den bleibend von Gott durchgehaltenen Bund mit Israel deutet er mit keinem Wort an. In den theologisch so gewichtigen Darlegungen über das Evangelium im übrigen Römerbrief kommt der Bundesbegriff an keiner Stelle vor. So drängt sich der Eindruck auf, dass eine solche Bundessystematik nicht im theologischen Blickfeld des Apostels gelegen hat.

Auch die Bundesaussagen der übrigen Paulusbriefe stellen die Gültigkeit der göttlichen Bundsetzungen für Israel nicht in Frage. Ein markanter Beleg dafür ist Gal 3,6-29. Paulus hebt hier den Gottesbund mit Abraham als wichtigen positiven Bezugspunkt für die Deutung des Christusgeschehens hervor. Dabei zieht er nicht den Beschneidungsbund von 1.Mose 17 heran, sondern den ihm vorausliegenden ersten Bund Gottes mit Abraham, von dem 1.Mose 15 berichtet. Die Verheißung von Nachkommenschaft, Abrahams Glaube und der daraufhin geschlossene Bund machen diesen für Paulus zum maßgeblichen Abrahamsbund, der durch den späteren Sinaibund nicht überholt wird. Auch nicht durch den Beschneidungsbund von 1.Mose 17, der für das normative Judentum den eigentlichen Abrahamsbund darstellt (vgl. Sir 44,20). Weil in 1.Mose 15 Abrahams Glaube so etwas wie ein Bundeszeichen ist, darum gilt die Bundesverheißung den Nachkommen Abrahams, die, gleich ihm, ihr Gottesverhältnis auf den Glauben stellen. Unter Rückgriff auf 1.Mose 12,3, den Segen, der von Abraham ausgehend, allen Völkern gilt, wird die Zusage Gottes auch auf die Heiden bezogen, die durch den Glauben an Christus Abrahams Nachkommen sind (Gal 3,29). Ohne dass solches explizit gesagt würde, kann man der Sache nach hier in der Tat von ihrer Teilhabe an diesem Abrahamsbund - nicht jedoch an dem von 1.Mose 17 - sprechen.

Eine ähnlich positive Wertung des Abrahamsbundes findet sich auch in dem schwierigen, Typologie und Allegorese vermengenden Abschnitt Gal 4,21-31. Wenn in ihm zwei Bundsetzungen einander in polemischer Antithese gegenübergestellt werden, so ist das schwerlich im Sinne eines Gegeneinander von "altem" Sinaibund und "neuem" Christusbund zu verstehen. Vielmehr dürften die beiden zueinander kontrastierten Bünde der auf Glauben gegründete Abrahamsbund von 1.Mose 15 und der auf die Tora bezogene Sinaibund sein. Beide werden allerdings dadurch, dass Sara und Hagar, die beiden Frauen Abrahams, als ihre symbolischen Repräsentantinnen dargestellt werden, indirekt mit der Geschichte Abrahams zusammengebracht. In dem einen Bund, der im Zeichen der Freiheit steht und dessen Repräsentantin darum Sara, die "Freie" ist, erfüllt sich für die Heiden die Abraham verheissene Freiheit des Glaubens. Und zwar ist es Christus, der den Heiden auf Glauben hin den Zugang zur Verheißung des Bundes Abrahams und damit zur Freiheit der Gotteskindschaft eröffnet hat (Gal 4,1-7). Aufgrund dieser Verheißung gelten die an Christus glaubenden Heiden als "Kinder der Freien", das heißt, als Nachkommen Saras. Als Freie stehen sie gleich privilegiert neben dem Verheissungssohn Isaak (Gal 4,30).

Der andere Bund, von dem Paulus hier spricht, ist der sich auf die Tora gründende Sinaibund (Gal 4,24). Wenn Paulus ihn durch die Sklavin Hagar repräsentiert sieht, so spielt er damit im Zuge der situationsbedingten Polemik des Galaterbriefes auf jene Unfreiheit an, die sich für die Heidenchristen in Galatien als Folge einer Übernahme der Tora ergeben würde. Letztlich handelt es sich also um zwei Aspekte jenes Bundes, den Gott mit Israel - repräsentiert durch dessen Stammvater Abraham - geschlossen hat.

Die schwierige Stelle 2.Kor 3,4-18 war wirkungsgeschichtlich für die christliche Rede vom Bund von großer Bedeutung. Aufgrund der sprachlichen Doppeldeutigkeit des griechischen Wortes diatheke, das sowohl mit "Bund" wie auch mit "Testament" übersetzt werden kann, gab sie nämlich indirekt den Anstoß für die Bezeichnung der beiden Teile der christlichen Bibel als "Altes" bzw. "Neues Testament" und wurde darüber hinaus weithin zum Anlaß für die Vorstellung eines Gegensatzes der beiden Bibelteile zueinander.

Paulus stellt hier in einer Auslegung der Mosegeschichte (2.Mose 34) den ihm als Apostel anvertrauten "Dienst des neuen Bundes" dem Dienst des Mose gegenüber, wobei er nicht diesen selbst, sondern dessen Bezeugung in der Schrift, also die im jüdischen Gottesdienst verlesene Tora, als "alten Bund" kennzeichnet (2.Kor 3,14). Vieles spricht dafür, dass er damit den Gesetzesbund vom Sinai in besonderer Weise in den Blick nimmt. Der Gegensatz liegt nicht im Wesen beider Bundsetzungen. Paulus denkt vielmehr allein an deren unterschiedliche Auswirkungen. Beide sind in der hier herangezogenen alttestamentlichen Tradition bereits angelegt. Der Bund des Mose, dessen Urkunde der "Buchstabe", d.h. die Tora ist (2.Kor 3,6), wirkt den Tod. Dies aber nicht etwa deshalb, weil er von seinem Ursprung her die Menschen auf den verkehrten, tödlichen Weg des Gesetzes führen würde, sondern allein deshalb, weil diejenigen, die faktisch die Tora übertreten, als Brecher des Bundes dem Gericht Gottes verfallen sind, wie es nach der Darstelung von 2.Mose 32-34 den Verehrern des goldenen Kalbes drohte. Der durch den Apostel Jesu Christi vertretene, in seiner Heilsverkündigung wirksame Bund hingegen wirkt Leben und Freiheit, wie es der aus Gottes Vergebung entspringenden Erneuerung des Bundes in 2.Mose 34 entspricht. In ihm nämlich ist der endzeitliche Gottesgeist wirksam, der lebendig macht und so den Menschen von Grund auf so verändert, dass sie die Freiheit der Kinder Gottes in neuem, vollem Gehorsam zu praktizieren vermögen (2.Kor 3,17f).

Ob Paulus zu diesem Midrasch direkt auf Jer 31,31ff zurückgreift, ist zwar unter den Auslegern nicht ganz unumstritten, doch sprechen gewichtige Anzeichen dafür - so die Rede vom "neuen Bund" und die Entgegensetzung der steinernen Tafeln und des lebenschaffenden Geistes (2.Kor 3,6). Auf alle Fälle aber trägt der "neue" Bund eschatologische Züge. Die mit ihm Verbundenen, das heißt, die Gemeinde der an Jesus Glaubenden, bekommen Anteil an der von der Gegenwart des endzeitlichen Gottesgeistes vermittelten unvergänglichen Herrlichkeit, die jene des Mose noch übertrifft (2.Kor 3,18). Auch hier kommt es zu keiner unmittelbaren Reflexion auf die Kirche als Volk des Bundes. Die Passage hat eschatologische und pneumatologische Konnotationen; sie bleibt jedoch ohne direkten Ertrag für die Ekklesiologie und speziell für die Frage nach dem Modus der Zuordnung der Gemeinschaft der Christusgläubigen zum Bundeshandeln Gottes.

Auch der deuteropaulinische Epheserbrief bleibt auf der von Paulus vorgezeichneten Grundlinie, indem er zwar ein positives, sich in heilsgeschichtlicher Kontinuität auf die Kirche hin öffnendes Bundesverständnis vertritt, aber auf eine unmittelbare Wesensbestimmung der Kirche vom Bundesgedanken her verzichtet. Für ihn ist die Kirche der Ertrag des Versöhnungswerkes Jesu Christi, durch das Juden und Heiden, die ehemals in Feindschaft Getrennten, zur Einheit zusammengeführt worden sind (Eph 2,11-18). Dabei beschreibt er die frühere Situation der Heiden, indem er auf ihre Defizite verweist: Sie waren "von Christus getrennt, der Gemeinde Israels fremd und von den Bundsetzungen der Verheißung ausgeschlossen" (Eph 2,12). Aus der Perspektive des Rückblicks umschreiben die Wendungen "Gemeinde Israels" und "Bundsetzungen der Verheißung" Israel als Bereich des Heils. Weil Israel diese Bundsetzungen hatte, war es ein Gemeinwesen, das durch Gottes Zusage des Mit-Seins mit seinem Volk geprägt und gestaltet war. Die Heiden hingegen hatten weder an diesen Bundsetzungen, noch an diesem Gemeinwesen Anteil, zugleich aber waren sie "ohne Christus", das heißt, sie waren vom Christusgeschehen ausgeschlossen.

Mit dieser Aussage wird das Christusgeschehen in eine Linie mit dem bundstiftenden Handeln Gottes an Israel gerückt. Aber die auf Grund des Gegensatzes von "einst" und "jetzt" naheliegende Erklärung der neuen, heilvollen Situation der ehemaligen Heiden mit den Begriffen "Gemeinwesen" und "Bund" unterbleibt. Gesagt wird lediglich, dass die ehedem Verfeindeten nunmehr "in einem Leib" - in der Kirche - "mit Gott durch das Kreuz versöhnt worden" sind (Eph 2,15), nicht jedoch, dass sie den Bundsetzungen des Gemeinwesens Israel integriert worden seien. Bundestheologie und Ekklesiologie werden zwar nahe aneinander gerückt, zu einer lückenlosen Integration der Bundestheologie in die Ekklesiologie kommt es jedoch nicht.

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