Völlig anders ist die Bundestheologie des - ebenfalls der dritten christlichen Generation entstammenden - Hebräerbriefs ausgerichtet. Sie nimmt inmitten der übrigen Bundesaussagen des Neuen Testaments eine eigentümliche Sonderstellung ein. Der Umstand, dass man diesen Brief in der Alten Kirche fälschlich den Briefen des Paulus zugerechnet hatte, hatte erhebliche wirkungsgeschichtliche Folgen. Seine Bundesaussagen, vor allem die schroffe Entgegensetzung von "altem" (bzw. "ersten") und "neuem" Bund, wurden als zentrale Deutungsschlüssel für die Gesamtheit der paulinischen und neutestamentlichen Bundesaussagen herangezogen, wobei man insbesondere Hebr 8,7-13 als Beleg für das Ende des Bundes Israels und seine Ersetzung durch den "neuen" Bund in der Kirche las. Um den Bundesaussagen des Hebräerbriefes gerecht zu werden, muss man jedoch ihr Eigenprofil und ihre spezifischen Voraussetzungen erkennen.
Während in den bisher besprochenen neutestamentlichen Schriften der Begriff "Bund" kein theologischer Zentralbegriff ist, gewinnt er allein im Hebräerbrief den Rang einer theologischen Leitvorstellung. Hebr 8,1-10,18, der Abschnitt, in dem diese entfaltet wird, wird durch Zitate aus Jer 31 eröffnet (Hebr 8,7-13) und abgeschlossen (Hebr 10,16f), will also auf diesen für frühchristliches Bundesverständnis zentralen Text bezogen werden. So wird Jer 31,31-34 in Hebr 8,8b-12 vollständig und im Wortlaut zitiert, einschließlich des nachdrücklichen, weil doppelten Bezuges gerade auch des neuen Bundes auf Israel. Zugleich wird das Zitat jedoch mit einem interpretierenden Rahmen umgeben, der ausgesprochen schroff, ja negativ wirkt: "Denn wenn jener erste (Bund) untadelig wäre, würde nicht Raum für einen zweiten gesucht werden. Denn sie (d.h. die Israeliten) tadelnd, sagt er (d.h. der Profet)" (Hebr 8,7.8a); und: "Indem er (der Profet) von einem neuen (Bund) spricht, hat er den ersten für veraltet erklärt. Was aber veraltet ist und greisenhaft, das ist dem Untergang nahe. (Hebr 8,13)".
Eindeutig ist zunächst, dass der Hebräerbrief das Christusgeschehen als die in Jer 31 profetisch angekündigte neue Bundsetzung versteht. Und zwar ist die Interpretation von Jer 31 ausschließlich auf die Ankündigung von Gottes Vergebung (Jer 31, 34b) ausgerichtet und damit auf den Bereich des Kultischen konzentriert. Der Hebräerbrief deutet das Heilgeschehen in Christus durchweg in kultischen Kategorien.
Das hat Folgen für sein Verständnis des Bundes: Bisher war in Israel Gottes Vergebung an den Opferkult im Tempel gebunden. Jetzt löst das Selbstopfer Jesu Christi, des himmlischen Hohenpriesters, im himmlischen Heiligtum den bisherigen Kult Israels mit seinen Opferriten ab, indem es dessen endzeitliche Überbietung darstellt (Hebr 9,11-14). Damit wird der Kult Israels zum Inbegriff des vergangenen "alten Bundes". Dieser ist nunmehr, weil irdisch und geschichtlich bedingt, im Vergleich mit dem Kult im himmlischen Heiligtum ohne Kraft und ohne Wirkung, während der neue Bund das Irdisch-Geschichtliche transzendiert und darum ewig und übergreifend gültig ist.
Diese Interpretation des Bundes in kultischen Kategorien kommt auch in Hebr 10,16f zum Ausdruck: Weil durch Christus die Vergebung der Sünden endgültig und abschließend bewirkt ist, ist die profetische Zusage von Jer 31 erfüllt. Der bisherige Kult ist damit an sein Ende gekommen: "Wo aber die Sünden vergeben sind, da gibt es kein Sündopfer mehr".
Aus dieser unmittelbaren Gleichsetzung von Bund und Kult erklärt sich auch der Umstand, dass der Hebräerbrief nur von einem Bund Israels spricht, eben dem kultischen Bund. Die Vielfalt der Bundesaussagen des Alten Testaments wird überhaupt nicht berücksichtigt. Auch spielen zentrale Gesichtspunkte alttestamentlicher Bundestheologie - wie die Zusage der Nähe Gottes, die Verpflichtung auf die Tora und die erwählungsgeschichtliche Bedeutung des Bundes - für seine Auslegung von Jer 31 keine Rolle.
Eine nicht zu übersehende Voraussetzung dieser Sichtweise ist im spezifischen Welt- und Seinsverständnis des Hebräerbriefes gegeben. Ihm zufolge ist alles Irdische und Geschichtliche, somit auch Israels vergangene Geschichte, nur hinfälliges, vergängliches Abbild der himmlischen Wirklichkeit, und in diesem Sinne "alt". Das Eigentliche, Neue und Gültige ist das Himmlische. Weil Israels Tempel- und Opferkult irdisch war und von Menschen ausgeübt wurde, hatte er nur vorläufige und begrenzte Wirkung und bedurfte der Wiederholung. Der Kult im himmlischen Heiligtum und der von diesem bestimmte neue Bund hingegen transzendieren das Irdisch-Geschichtliche. Deshalb sind sie ewig und übergreifend gültig.
Es ist dies eine Sichtweise, die innerhalb des Neuen Testaments weitgehend isoliert dasteht. Um ihr gerecht zu werden, muss man das sie bestimmende Ziel erkennen: in seelsorgerlicher Absicht der Stärkung der angefochtenen Gemeinde zu dienen. Antijüdische Polemik hatte der Verfasser des Briefes schwerlich im Blick. Aber auf alle Fälle ist seine Sicht der Bundesproblematik auf Grund ihrer spezifischen Voraussetzungen zu einseitig, als dass sie als repräsentativ für das älteste Christentum gelten könnte.
Diese Einseitigkeit wird durch eine weitere Beobachtung bestätigt. Nirgends bringt der Hebräerbrief das Bundesmotiv in einen Zusammenhang mit dem Kirchenverständnis. Die Frage, in welchem Verhältnis Israel als Volk des Bundes zur Kirche steht, wird in ihm nicht behandelt, wie denn überhaupt das Problem des Miteinanders von Juden und Heiden in der Kirche für ihn keine erkennbare Rolle spielt. Im Gegenteil: Mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit wird die christliche Gemeinde, an die sich der Brief wendet, auf ihre ungebrochene Kontinuität mit Israels Heilsgeschichte angesprochen. Das gilt für die Nennung Israels und Judas in Jer 31 ebenso wie für den Bezug des gegenwärtigen Heilshandelns Gottes auf die Abrahamsnachfahren in Hebr 2,16 oder das Haus Gottes, über das Mose gesetzt war, in Hebr 3,1ff.
Wäre der Brief an eine vorwiegend heidenchristliche Gemeinde gerichtet, so müsste man annehmen, dass für diese - also für Christen der dritten Generation - der Unterschied von Juden- und Heidenchristen überhaupt nicht mehr existierte, oder gar, dass sie ihr Verhältnis zu Israel und die damit zusammenhängenden Fragen aus dem Blick verloren hatte. Doch das ist unwahrscheinlich. Eher wird man der durch die (vermutlich erst später hinzugefügte) Briefüberschrift "An die Hebräer" angedeuteten Spur folgend, an eine mehrheitlich judenchristliche Gemeinde zu denken haben. In diesem Fall könnte der Brief als Teil einer innerjüdischen Diskussion gelten, in der es um die Einordnung Jesu Christi in die gesamte Glaubensgeschichte des Gottesvolkes ging. Die vorherrschende Perspektive der Steigerung, die - vom ersten Vers (Hebr 1,1) an - das "mehr" und "größer" des Christusgeschehens herausstellt, scheint in diese Richtung zu weisen. Freilich hat es um die Wende vom ersten zum zweiten Jahrhundert schwerlich noch eine geschlossene größere judenchristliche Gemeinde gegeben, die nicht vom Problem des Heidenchristentums berührt gewesen wäre. Müsste man dann nicht angesichts der Ausblendung der ekklesiologischen Dimension der Bundesproblematik im Hebräerbrief annehmen, dass er und seine mehrheitlich judenchristlichen Adressaten die Kirche als das um die zum Glauben gekommenen Heiden erweiterte Gottesvolk Israel, das in ungebrochener Kontinuität zu seiner Geschichte steht, verstanden haben?
Das Verständnis und die Funktion aller dieser Aussagen mussten sich naturgemäß fundamental ändern, als Heidenchristen den Text lasen und ihn auf sich selbst bzw. auf die Kirche aus Juden und Heiden bezogen - eine Ausweitung, die der Text selbst gar nicht im Blick hatte.
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