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Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum

2.7 Der "neue Bund" im Abendmahl als Zusammenfassung der Heilswirkung des Christusgeschehens

Besondere Bedeutung für das urchristliche Bundesverständnis haben die sogenannten Stiftungsworte des Herrenmahles. Zweifellos handelt es sich hier um dessen ältesten Anhaltspunkt an der frühchristlichen Überlieferung.

Den vier neutestamentlichen Belegen der Herrenmahlsüberlieferung 1.Kor 11,23-25; Mk 14,22-24; Mt 26,26-28; Lk 22,19-20 sind drei Grundelemente gemeinsam:

1. Das Brotwort:
(a) "das ist mein Leib" (Mk 14,22; Mt 26,26);
(b) "...das ist mein Leib für euch" (1.Kor 11,24), bzw. "...dies ist mein Leib, der für euch gegeben ist" (Lk 22,19), ("dies tut zu meinem Gedächtnis").

2. Das Becherwort mit dem Bezug auf "Bund" in zwei unterschiedlichen Fassungen:
(a) "Das ist mein Bundesblut, das für Viele vergossen wird" (Mk 14,24; Mt 26,28 fügt hinzu: "zur Vergebung der Sünden").
(b) "Dieser Becher ist der neue Bund in meinem Blut ..." (1.Kor 11,25); bzw.: "das für euch vergossen ist" (Lk 22,20).

3. Das eschatologische Wort mit dem Ausblick auf die Gottesherrschaft:
(a) Amen, ich sage euch, ich werde nicht mehr vom Gewächs des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, wenn ich es neu trinken werde in der Königsherrschaft Gottes" (Mk 14,25; bei Mt 26,29 geändert in: "...wenn ich es mit euch trinken werde in der Königsherrschaft meines Vaters"); bzw.: "...ich sage euch, ich werde von nun an nicht mehr vom Gewächs des Weinstocks trinken bis die Königsherrschaft Gottes kommt" (Lk 22,18);
(b) "so oft ihr nämlich dies Brot esst und diesen Becher trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt" (1.Kor 11,26).


Ob das Bundesmotiv im Becherwort auf Jesus selbst zurückgeht, ist zwar nach wie vor umstritten, doch zeichnet sich in der neueren Forschung ein breiter Konsens für sein hohes Alter ab. Demnach hätte Jesus bei seinem Abschied aus der Jüngergemeinschaft die durch ihn ermöglichte Mahlgemeinschaft als den Ort gekennzeichnet, von dem her sich in Zukunft die profetische Erwartung einer umfassenden endzeitlichen Erneuerung des Gottesverhältnisses Israels, seines Bundes (Jer 31), realisieren werde. Dass er angesichts seines bevorstehenden Todes sein bisheriges Schweigen über den Bund brach, ist keineswegs unwahrscheinlich. Auch der Umstand, dass das Stichwort "Bund" in diesem Zusammenhang vielfältig theologisch befrachtet ist und unterschiedliche Bezüge offenhält, läßt es als durchaus möglich erscheinen, dass die Stiftung des Bundes für Jesus selbst Deutekategorie seiner Lebenshingabe gewesen ist.

Unverkennbar nimmt die Bundesformulierung des Becherwortes in Mk 14,24; Mt 26,28 Bezug auf 2.Mose 24,8 und damit auf den Bundesschluss vom Sinai: Mose besprengt dort das Volk mit dem "Blut des Bundes", um es so auf den mit Gott geschlossenen Bund zu verpflichten. Weil schon in der priesterlichen Theologie des Pentateuch Opfer Sühnewirkung haben, ist eine sündenvergebende Wirkung des Blutes schon in der Tradition mit im Blick. Freilich: Die Wendung "mein Blut des Bundes" zeigt an, dass der Bund, von dem Jesus spricht, in seinem eigenen Blut - d.h. in seiner Lebenshingabe - gestiftet ist. Diese besiegelt nicht nur eine Verpflichtung; sie ist vielmehr selbst Grundlage der Bundesstiftung in der Weise, dass sie Sühne schafft und damit den Weg für die Gemeinschaft der Bundesteilnehmer mit Gott frei macht. Es ist Gott selbst, der durch die Hingabe Jesu diesen erneuerten Bund setzt. (vgl. 1.Kor 11,23; vgl Röm 3,25). An eine Ablösung des Sinaibundes ist dabei in keiner Weise gedacht.

Das Abendmahl ist demnach von Jesus, zumindest aber von der ältesten Gemeinde, als Akt einer Bundsetzung verstanden worden, der die Grenzen des bisherigen Gottesvolkes Israel zwar nicht aufhebt, aber doch über sie hinausgreift. Dass mit dem Hinweis auf die "Sühne für die Vielen" im Becherwort (Mk 14,24; Mt 26,28) Jes 53,11f, das Wort vom Gottesknecht, der leidend für die "Vielen" eintritt, aufgenommen wird, steht dabei außer Frage. Schon im Kontext von Jes 53 sind damit nicht nur die Sünder in Israel, sondern darüber hinaus auch die Weltvölker mit im Blick (vgl. auch Jes 52,14f). In diesem Sinne wurde auch der auf Jes 53,11 anspielende Hinweis auf die "Vielen" im Brotwort bereits von der frühen Gemeinde (vielleicht sogar schon von Jesus selbst) verstanden im Sinne einer Öffnung dieser Bundsetzung zu den Menschen am äußersten Rande Israels, vielleicht sogar schon zu den Weltvölkern.

Doch wie ist der Bund, und was ist als Bund genau zu denken? Trotz der Aufnahme von 2.Mose 24 in Mk 14,24 und Mt 26,28 liegt eine ausdrückliche Verpflichtung der "Vielen" entsprechend der dort berichteten Selbstverpflichtung Israels (2.Mose 24,7) kaum in der Intention der Formulierung. Zudem ist keinesfalls zu übersehen, dass zwar der Tod Jesu und mit ihm dessen Sühnewirkung ein einmaliges Geschehen darstellt, die Wirkung bzw. Vermittlung aber an ein wiederholbares und zu wiederholendes Mahl und die dadurch gegebene Gemeinschaft gebunden wird. Ein Bund mit den (jeweiligen) Mahlteilnehmern, der dem Bund zwischen Gott und Israel analog wäre, ist also offenkundig nicht intendiert. Soweit die knappe Formel erkennen lässt, wird in ihr der Tod Jesu vielmehr als ein dem Sinaibund analoges Bundesgeschehen bezeichnet, dessen (sühnende) Wirkung auf die Vielen auch außerhalb Israels zielt und in der Mahlgemeinschaft angeeignet bzw. vermittelt wird.

Im Tode Jesu wäre dann nach dieser Deutung das verdichtet und realisiert, was einige alttestamentliche Texte als eschatologische Hoffnung formulieren: dass aus dem Bund mit Israel schließlich das Heil für die Völker erwächst, ohne dass diese einen eigenen Bund bekommen oder direkt in die Bundsetzungen Israels einbezogen werden. Zwar nicht im deutlich anklingenden Text von Jes 53 (wo von "Bund" nicht die Rede ist), wohl aber in Jes 42,6 wird gesagt, der Gottesknecht selbst werde zum "Bund des [Menschheits-]Volks" werden.

Paulus (1.Kor 11,25) und Lukas (Lk 22,19f) haben eine erweiterte Fassung des Becherwortes. Der Becher ist bei ihnen bezeichnet als "der neue Bund in meinem Blut". Als das entscheidende Merkmal dieses durch Jesu Lebenshingabe ermöglichten Bundes wird also nunmehr dessen Neuheit herausgestellt. Dass mit diesem Prädikat der Bezug auf die profetische Ankündigung eines "neuen Bundes" in Jer 31,34 verstärkt werden soll, kann als sicher gelten.

Dieser Bezug ist jedoch, ebensowenig wie in Jer 31 selbst, antithetisch zu verstehen. Weder ist die Ablösung der bisherigen Bundsetzungen Israels gemeint, noch ist daraus abzuleiten, dass dieser "neue" Bund sich hinsichtlich seiner Grundlagen und Voraussetzungen von jenen unterscheide, etwa in der Weise, dass für die bisherigen Bundsetzungen die Tora konstitutive Grundlage war, während der "neue" Bund sich auf die von Jesus geleistete, im Glauben durch die Bundesempfänger angeeignete Vergebung gründe. Vielmehr klingt bei dem Prädikat "neu" hier, nicht anders wie in Jer 31, das endzeitliche Handeln Gottes an.

Dies kommt zunächst unübersehbar im eschatologischen Ausblick der Stiftungsworte (Mk 14,25) zum Ausdruck: Das Mahl Jesu weist voraus auf jene zukünftige Mahlgemeinschaft, die bildhaft die bleibende Gottesgemeinschaft in der Vollendung darstellt, und ist zugleich deren Vorwegnahme. Damit wird eine Linie weitergeführt, die bereits vorösterlich durch die Mahlgemeinschaft Jesu im Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft (Mk 2,16; 6,35-44; 8,1-9; Lk 14,1-15) vorgeprägt war. Dieses eschatologische Motiv verbindet sich in der Herrenmahlstradition mit einem soteriologischen. In diesem Sinn bringt das Becherwort mit seinem Hinweis auf den "neuen Bund" die Heilswirkung des Todes Jesu mit dem neuen Bund von Jer 31 zusammen. Die Verheißung "ich will... einen neuen Bund schließen (Jer 31,31) wird als bereits erfüllt in der Selbsthingabe Jesu in den Tod verstanden und als Erneuerung des Bundes Gottes mit seinem Volk gefeiert. Dessen sühnende Wirkung zielt über Israel hinaus auch auf die Völkerwelt.

In Jer 31 wird verheißen, dass die Menschen in Israel aus ihrem Innersten heraus den Willen Gottes, die Tora, tun werden, und dass sich darin Gottes Sündenvergebung realisiert. Weil sich dabei das Geflecht von Gott, Tora und menschlichem Herzen verändert, hat die Rede vom "neuen Bund" immer mit einer neuartigen Geltung der Tora zu tun. Dieses erwartete Neue wird nun im Urchristentum als bereits gegenwärtig wirksam erfahren und geglaubt - mitten und trotz aller gegenläufigen Kräfte. Zum Verständnis eines solchen Bewusstseins wird man an die für die ersten christlichen Gemeinden konstitutive Geistbegabung denken müssen, wobei Gottes Geist die Menschen auf eine völlig neue Weise befähigt, aus ihrem Inneren heraus immer wieder den Willen Gottes zu tun.

Entsprechend hatte die von Jesus gestiftete Mahlgemeinschaft nicht nur zentrale Bedeutung für das Selbstverständnis der christlichen Gemeinde als einer vom Christusgeschehen bestimmten, auf die Endzeit ausgerichteten Gemeinschaft. Zu den verheißenen neuen Taten Gottes gehörte aber seit langem gerade auch das Hinzutreten der heidnischen Völker zum Gott Israels. Dementsprechend war die Entstehung von Gemeinden aus Juden und Heiden eine besonders gewichtiger Ausdruck dieses Neuen. Alles spricht dafür, dass sich auch die Heidenchristen bei der Beteiligung am Herrenmahl durch die Formulierung vom "neuen Bund" im Blut Jesu Christi als in diese Gemeinschaft einbezogen verstanden haben. Um so bedeutsamer ist der Umstand, dass weder in der Herrenmahlstradition noch sonst im Neuen Testament "Bund" als unmittelbar ekklesiologischer Begriff verwendet wird. Weder der Vorgang der Ausweitung des Heilsgeschehens auf alle Völker noch die neue Gemeinschaft selbst werden als Bund bezeichnet. Das Neue liegt vielmehr in dem durch Jesu Tod ermöglichten und im Mahl zugeeigneten neuen Gottesverhältnis durch die Sündenvergebung, genau wie es Jer 31 verheißen hat.

Weder Jesus selbst noch die neutestamentlichen Zeugnisse bezeichnen mit "Bund" eine von Israel unterschiedene Größe - das gilt selbst vom Hebräerbrief. Der Kontext des Herrenmahls, die darin aufgenommenen Traditionen sowie der Vorgang selbst weisen in eine andere Richtung.

Zum Verständnis des Vorgangs ist entscheidend, dass ein menschlicher Partner zu einem Bund und seine Zustimmung fehlen. Weder ist ein Bundesschluss mit einer kollektiven Größe "Kirche" irgendwo erzählerisch dargestellt, noch wird die individuelle Zueignung des Heils und der Eintritt in die neue Gemeinschaft je mit dem Bundesbegriff in Verbindung gebracht. Dies erfährt dadurch seine Bestätigung, dass das Neue Testament die Taufe, in der sich von Anfang an die Aufnahme in die christliche Gemeinde gültig vollzog, nirgends mit der Bundesthematik in Verbindung bringt. Sie galt nicht als Analogie zum Beschneidungsbund, der berit milla. Erst sehr viel später ist sie zwar religionsphänomenologisch, nicht aber theologisch dazu geworden. Offenkundig ist nach übergreifendem neutestamentlichen Verständnis der Bundesgedanke an der Christologie und an der Eschatologie orientiert - nicht jedoch an der Ekklesiologie. Der Zuspruch des Bundes, wie er sich im Becherwort des Herrenmahls vollzieht, realisiert die Wirkung des Todes Jesu - Sündenvergebung in Gestalt toraorientierter Herzenserneuerung bzw. Sühne "für die Vielen" außerhalb Israels - und weist ein in das Endgeschehen der heilvollen Selbstdurchsetzung Gottes zur Gemeinschaft mit allen Menschen. Dieser Zuspruch wird jedoch terminologisch nicht als Eintritt in einen Bund bezeichnet.

In Jesus bzw. in seinem Tod nimmt der Bund Gottes eine neue Gestalt an, in der sich alte eschatologische Verheißungen aktuell und vorwegnehmend realisieren: Verheißungen, die von einem neuen Bund mit der Verinnerlichung des Gotteswillens, von Sühne für die weltweite Völkerwelt und überhaupt davon reden, dass Gottes Bund mit seinem Volk über dieses hinaus auf das Heil für alle Menschen zielt.

Bleibt man bei den biblischen Traditionen und ihrer theologischen Sprache, dann geht es in diesem Vorgang weder um einen neuen Bund im Sinne eines anderen Bundes Gottes mit einer anderen Größe als mit Israel noch um eine Einbeziehung der Heidenchristen in den Bund Gottes mit seinem Volk. Die Rede ist vielmehr von einer durch Jesus in seinem Tod realisierten neuen Gestalt des einen Bundes, von dem es ja schon viele Gestalten gab, die sich nicht gegenseitig aufheben - diesmal allerdings mit Wirkungen, die weit über Israel hinaus reichen. Sie - und speziell die Aufnahme von Jer 31 - zielen naturgemäß zuerst auch und vor allem auf Israel. Indem Israel in seiner Mehrheit diese Gestalt seines Bundes mit Gott nicht annahm (Röm 11), verstärkte sich die Wirkung auf die Völkerwelt und blieb faktisch allein übrig.

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