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Christen und Juden III
Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum3. Die bleibende Erwählung Israels und der Streit um die Judenmission |
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3.1 Wie aktuell ist die Frage der Judenmission?3.1.1 Judenmission - sofern man darunter eine planmäßig durchgeführte, personell und institutionell organisierte Aktivität von Christen mit dem Ziel der Verbreitung christlichen Glaubens unter jüdischen Menschen versteht - gehört heute nicht mehr zu den von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und ihren Gliedkirchen betriebenen oder gar geförderten Arbeitsfeldern. Seit langem stehen statt dessen die Begegnung von Christen und Juden sowie der offene Dialog zwischen ihnen auf der Tagesordnung der Kirchen. Symptomatisch für diese Veränderung ist die Umbenennung von ehemals judenmissionarisch ausgerichteten kirchlichen Werken und Organisationen: So wurde zum Beispiel aus dem "Evangelisch-lutherischen Zentralverein für Mission unter Israel" der "Evangelisch-lutherische Zentralverein für Zeugnis und Dienst unter Juden und Christen", wobei der neue Name von allen Beteiligten als Ausdruck einer grundlegend revidierten Zielsetzung verstanden wird. Im gleichen Sinne nennt sich ein entsprechender Arbeitskreis in der Evang.-Luth. Kirche in Bayern: "Begegnung von Christen und Juden. Verein zur Förderung des christlich-jüdischen Gesprächs".3.1.2 Es gibt allerdings Gruppen evangelischer Christen, die nicht bereit sind, diese Distanzierung von der Judenmission mitzutragen. Besonders in evangelikalen Kreisen innerhalb und außerhalb der Landeskirchen wird der Vorwurf erhoben, mit einer solchen Distanzierung werde die auf den Auftrag Jesu zurückgehende Verpflichtung jedes Christen und der Christenheit insgesamt, den christlichen Glauben gegenüber allen Menschen zu bezeugen, verleugnet. Dahinter steht die Überzeugung, der Glaube an Jesus als Messias und das Bekenntnis zu ihm als dem Herrn sei alleinige und absolute Bedingung des Heils; Menschen, die diesen Glauben und dieses Bekenntnis nicht teilen - also auch Juden und Jüdinnen - seien darum vom Heil ausgeschlossen. Ihnen das Zeugnis des Glaubens an Jesus als Messias vorzuenthalten, sei darum zutiefst lieblos. Die Vertreter dieser Einstellung berufen sich auf Jesus selbst, die Apostel und die ersten christlichen Gemeinden, die sämtlich aus dem jüdischen Volk gekommen sind und diesem Volk das Heil in einer neuen Weise verkündigten. Sie betonen zudem, dass ihr Verhalten von Liebe zu den Juden und zum Judentum getragen sei, von Respekt und einem Gefühl der Verbundenheit mit jüdischem Glauben und jüdischer Tradition. Das macht sie weithin unempfindlich für Kritik von außen. Zwar gibt es im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland kaum Organisationen, die sich dieser Einstellung verpflichtet wissen. Freie Organisationen wirken jedoch auch in evangelische Gemeinden im Bereich einiger Landeskirchen hinein. In den letzten Jahren führte vor allem der Zuzug von Emigranten jüdischer Herkunft aus Russland und den übrigen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland zu einer Intensivierung der missionarischen Aktivitäten solcher Organisationen und Gruppierungen. 3.1.3 Diese Vorgänge haben in den jüdischen Gemeinden in Deutschland erhebliche Irritationen ausgelöst. Sie sehen sich dadurch bei ihrem Bemühen, die neu aus Osteuropa ankommenden Menschen zu integrieren und in den Bereich jüdischer Tradition hineinzuführen, behindert und in eine unerträgliche Konkurrenzsituation gedrängt. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat mehrfach in offiziellen Äußerungen zum Ausdruck gebracht, dass er in missionarischen Aktivitäten eine Bedrohung jüdischer Identität und Existenz in Deutschland sieht. Nicht nur von jüdischer Seite kam solche Kritik. Ihr schlossen sich auch die für den Dialog mit dem Judentum aufgeschlossenen Kreise in der Evangelischen Kirche in Deutschland an. Sie verweisen dabei sowohl auf theologische wie auch auf historische Argumente: Theologisch sei es weder vertretbar, Juden mit den außerhalb des biblischen Gottesglaubens stehenden Menschen und Völkern gleich zu stellen, noch den ihnen fehlenden Glauben an Jesus zum entscheidenden Kriterium für ihre Zugehörigkeit zu Gott und zum Bereich seines Heils zu erklären. Historisch sei jeder Versuch, jüdische Menschen zum Glauben an Jesus als Messias zu führen, von vornherein durch die Hypothek der im Laufe der zweitausendjährigen Kirchengeschichte aufgetretenen Judenfeindschaft unerträglich belastet, wobei als deren letzte und extreme Auswirkung der Versuch der totalen Vernichtung des europäischen Judentums in der Schoa verstanden wird. 3.1.4 Es ist insgesamt festzustellen, daß dieses Thema bisher nicht ausreichend bearbeitet worden ist. Dies wird durch die Beobachtung bestätigt, dass sich nur wenige kirchliche Erklärungen hierzu eindeutig geäußert haben (s.o. 1.1.2), und dass vor allem ausführlichere, die theologischen und historischen Argumente eingehend bedenkende Stellungnahmen fehlen. Zwar ist in den Dokumenten zum christlich-jüdischen Verhältnis in der Zeit von 1945 bis zur Gegenwart ein eindeutiger, wohl unumkehrbarer Trend festzustellen: Wurde zunächst die Mission an Juden als bleibender, mit organisatorischen Mitteln wahrzunehmender Auftrag der Kirche und der Christen mehr oder weniger undiskutiert fortgeschrieben, so verlagerte sich die theologische Diskussion mehr und mehr auf die Themen "Erwählung" und "Bund". Die Begriffe "Zeugnis", "Begegnung" und "Dialog" traten statt dessen in den Vordergrund, freilich ohne dass es zu einer hinreichenden Klärung hinsichtlich ihrer Inhalte und ihrer Tragfähigkeit gekommen wäre.
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