|
|
3.2.1 Christlicher Glaube ist seinem Wesen nach missionarisch. Mission, das heißt, der Auftrag zur öffentlichen Bezeugung des Glaubens an den von Gott zum Weltherrscher erhöhten Jesus von Nazareth, ist mehr als eine bloße Möglichkeit, über deren Wahrnehmung oder Nichtwahrnehmung Christen frei entscheiden könnten. Er ergibt sich vielmehr als Konsequenz aus dem christlichen Urbekenntnis "Herr ist Jesus" (Röm 10,9; 1.Kor 12,3; vgl. Phil 2,11). Verzicht auf öffentliches Zeugnis wäre gleichbedeutend mit einer Zurücknahme der universalen Dimension christlichen Glaubens. Dieses Bekenntnis besagt: Gott hat Jesus zum endzeitlichen Herrscher eingesetzt, indem er ihn von den Toten auferweckte und zu seiner Rechten erhöhte. Alles Weltgeschehen läuft auf die Begegnung mit ihm zu, um in ihr seine heilvolle Vollendung zu finden.
Christen glauben, dass in der Botschaft Jesu von Nazareth die biblisch begründete Hoffnung des jüdischen Volkes auf den Anbruch der Herrschaft Gottes ihre äußerste Konkretion und Verdichtung erfuhr, und dass sein Wirken auf die Sammlung ganz Israels als endzeitliches Volk der Gottesherrschaft ausgerichtet war. Die Botschaft von der Auferweckung Jesu von den Toten und seiner Erhöhung zu Gott bedeutet nach neutestamentlichem Zeugnis die Ausweitung der Zusage des Kommens der heilvollen Herrschaft Gottes auf die ganze Welt und alle Völker. Daraus ergibt sich für den christlichen Glauben der Auftrag, für Gott und seine Herrschaft Menschen in einer die ganze Welt umspannenden Kirche zu sammeln. Christlicher Glaube will, dass die ganze Welt teil hat an seiner Hoffnung. Er versteht sich als Sendung zum Zeugnis vor der Welt, die ihren Grund in der Sendung Jesu hat: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch" (Joh 20,21).
3.2.2 Der neutestamentliche Befund zeigt jedoch bei näherer Betrachtung: Schon im Urchristentum waren Verständnis und Vollzug dieses missionarischen Auftrags keineswegs einheitlich. Das Zeugnis gegenüber Israel hatte andere theologische Voraussetzungen und war auch inhaltlich anders strukturiert als das Zeugnis gegenüber den nichtjüdischen "Weltvölkern". In der nachösterlichen Anfangsphase der christlichen Kirche knüpften die Jünger Jesu an das Wirken des vorösterlichen Jesus an, das der endzeitlichen Sammlung Israels und seiner Darstellung als reines, Gott ungeteilt zugehöriges Volk gegolten hatte. Mission war so zunächst ein ausschließlich innerjüdischer Vorgang (Mt 10,6). Zentraler Inhalt des an Israel ergehenden Zeugnisses war die Botschaft von der Erfüllung der profetischen Hoffnung auf die endzeitliche Vollendung des Gottesvolkes in Jesus und vom Aufleuchten des Heils Gottes in seinem Volk. Die heidnischen Weltvölker waren dabei zunächst allenfalls indirekt im Blickfeld. Ihr Hinzukommen zum Heil stellte man sich entsprechend der profetischen Erwartung der endzeitlichen Völkerwallfahrt zum Zion (Jes 2,1-5; Mi 4,1-3) vor: Um das errettete und erneuerte endzeitliche Israel als Zentrum würden sich - so diese Hoffnung - auch die Weltvölker als weiterer Kreis versammeln.
3.2.3 Die direkte missionarische Hinwendung zu den Heiden war für die im Judentum verwurzelte christliche Urgemeinde alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Ihre Befürworter mussten viel theologische Überzeugungsarbeit leisten, um die Widerstände gegen sie zu überwinden. Einen entscheidenden Durchbruch brachte das sogenannte Apostelkonzil in Jerusalem (ca. 48). Paulus und Barnabas, den Vertretern der Gemeinde von Antiochia, in der erstmals Juden und unbeschnittene Heiden zusammen lebten, gelang es bei diesem Treffen, Petrus und Jakobus, die Leiter der judenchristlichen Jerusalemer Urgemeinde, davon zu überzeugen, dass auch Menschen aus den Weltvölkern durch die Begegnung mit Jesus, die sich in Verkündigung und Taufe vollzog, zur Gliedschaft in der Kirche berufen seien (Gal 2,1-10).
Von Bedeutung war in diesem Zusammenhang der Umstand, dass Paulus die theologische Notwendigkeit des Überschritts zur Heidenmission mit seiner profetisch-visionären Vorstellung theologisch untermauert hat, Gott selbst habe, indem er die Mehrheit Israels zunächst noch für den Glauben an Jesus als Messias verschloss, den Christusgläubigen jetzt Zeit gegeben für die Völkermission (Röm 11).
3.2.4 Es gibt in den im Neuen Testament enthaltenen Briefen des Paulus manche Anzeichen dafür, dass die auslösende Motivation für diesen Gedanken nicht etwa die Gleichgültigkeit gegenüber Israel als dem Gottesvolk und die Hinwendung zu einer undifferenzierten gesamtmenschheitlichen Sicht des Heils gewesen ist. Vielmehr spielte dabei die Erfahrung des weitgehenden Scheiterns der Sammlung Israels im Zeichen des Glaubens an Jesus eine entscheidende Rolle. Für Paulus als Glied des jüdischen Volkes war diese Erfahrung, die er bereits früh bei seinem missionarischen Wirken machen musste, außerordentlich schmerzhaft (Röm 9,2-3), und er stand mit ihr innerhalb der ersten christlichen Generation keineswegs allein.
In Röm 9 bis 11 hat der Apostel aus dieser Erfahrung eine weiterführende theologische Einsicht gewonnen: Gott selbst hat sich den Abschluss der Sammlung Israels erst für die Zukunft vorbehalten; er wollte damit Zeit dafür gewähren, daß zuerst die Weltvölker bis zu den Enden der Erde im Glauben an Jesus gesammelt werden sollten (Röm 11,25). Die ursprüngliche Erwartung der nahe bevorstehenden endzeitlichen Sammlung von ganz Israel um Jesus war damit durch Paulus zwar keineswegs außer Kraft gesetzt. Aber sie war nun gleichsam umgedreht: Erst nachdem die Weltvölker als Zeugen und Teilhaber des in Israel in der Gestalt Jesu erschienenen Heils gesammelt wären, sollte Israel selbst in seiner Gesamtheit errettet werden. Israel sollte dann durch Gottes endzeitliches Handeln Jesus als seinen Messias erkennen und damit in das ihm zugesagte Heil eingehen (vgl. 2.5).
Unbestritten bleibt für Paulus bei alledem, dass Israel auch weiterhin in besonderer Weise mit Gott verbunden ist, obwohl es sich in seiner Mehrheit der Botschaft von Jesus als seinem Messias und Herrn verschloss: Es ist aufgrund der ihm von Gott verliehenen Heilsgaben (Röm 9,4f) bleibend erwählt und damit Gottes Volk (Röm 11,2). Die weltweite Völkermission ist der endzeitlichen Sammlung Israels zugeordnet als deren Vorbedingung. Weder ist Israel vom Heil getrennt, noch ist es eingeebnet in die Völkerwelt - als ein Volk unter anderen. Grundsätzlich bleibt der Auftrag zur Sammlung Israels als des Gottesvolkes des Anfangs bestehen (Gal 2,7); aber er ist hinsichtlich seiner Durchführung geschieden vom Auftrag zur weltweiten Völkermission.
3.2.5 Auf dem Apostelkonzil waren Heidenchristentum und Judenchristentum grundsätzlich als zwei gleichberechtigte, jedoch in mancher Hinsicht unterschiedliche Ausprägungen christlichen Glaubens anerkannt worden. Dementsprechend wurden zunächst auch beide Zweige christlicher Mission personell und auch hinsichtlich ihrer Blickrichtung voneinander unterschieden. Wo Juden zum Glauben an Jesus gewonnen wurden, sollte deren Zugehörigkeit zu Israel als dem Gottesvolk einen unverzichtbaren Bezugsrahmen ihres Glaubens bilden. Die Judenchristen blieben den Formen gemeinschaftlichen Lebens in Israel und den dafür maßgeblichen Ordnungen der Tora verbunden. Es war entscheidend, dass das Zeugnis von Jesus als dem Messias Israels für Juden als ein aus Israels Mitte selbst hervorgehendes Zeugnis erkennbar blieb. Von da her war es selbstverständlich, dass es Juden waren, die den Auftrag zur Verkündigung Jesu unter Juden hatten (Gal 2,7).
3.2.6 Wie im Römerbrief des Paulus, so spielt auch in dem etwa 30 bis 40 Jahre später entstandenen Matthäusevangelium die Erfahrung der Ablehnung Jesu als des Messias durch die überwiegende Mehrheit des jüdischen Volkes und deren theologische Verarbeitung eine zentrale Rolle. Matthäus zeichnet die Geschichte Jesu als Geschichte der abschließenden, von leidenschaftlicher Liebe getragenen Zuwendung Gottes zu seinem Volk, die in tragischem Scheitern endete. Die bekannte Schlussszene, der sogenannte Missionsbefehl (Mt 28,18-20), handelt davon, wie nach diesem Scheitern durch Gottes Handeln ein neuer, unerwarteter Anfang erschlossen wurde: Der auferstandene und erhöhte Jesus sendet nunmehr seine Jünger zu den Weltvölkern, das heißt, zu den Menschen außerhalb des Gottesvolkes. Ihnen soll Jesus jetzt aufgrund seiner gegenwärtigen weltweiten Herrschaft als der maßgebliche messianische Lehrer verkündigt werden. Israel, das Gottesvolk, dem Jesu ganze Zuwendung gegolten hatte, wird in diesem Sendungsbefehl auffälligerweise nicht erwähnt.
Traditionelle christliche Auslegung hat mit dieser Stelle häufig die Auffassung verbunden, dass die Christusgläubigen aus den Weltvölkern an die Stelle des infolge seines Ungehorsams verworfenen Israel treten und dass Israel nunmehr seinen Status als Gottesvolk verloren habe, um fortan in christlicher Sicht als eines unter den vielen anderen Weltvölkern zu gelten. Aber bei näherem Hinsehen ergibt sich weder ein überzeugendes Anzeichen dafür, dass Matthäus lehrt, das "alte" sei durch ein "neues" Gottesvolk ersetzt worden (wie sich denn überhaupt diese traditionelle dogmatische Sprachregelung im Neuen Testament nirgends findet), noch dafür, dass er die Juden unterschiedslos in die Reihe der "Weltvölker" stellt. Dies ist vielmehr die zentrale Aussage von Mt 28,18-20: Obwohl Israels endzeitliche Sammlung um Jesus als seinen messianischen Herrscher noch aussteht, ist jetzt - und zwar aufgrund der Einsetzung Jesu in weltweite Vollmacht - das Zu-Jüngern-Werden der Weltvölker möglich und an der Zeit. Vieles dürfte dafür sprechen, dass Matthäus durch sein Schweigen über Israel an dieser hervorgehobenen Stelle seines Evangeliums bewußt eine "Leerstelle" offen gelassen hat. Es ist anzunehmen, er habe - ähnlich wie Paulus in Röm 11 - damit gerechnet, dass Gott sich - jenseits der nunmehr anstehenden Ausbreitung des Evangeliums unter den Weltvölkern - eine menschlichem Spekulieren und Nachrechnen entzogene Möglichkeit vorbehalten habe, sein Heil abschließend auch in Israel zum Zuge kommen zu lassen.
3.2.7 Das im Neuen Testament belegte Bild der missionarischen Expansion des Christentums am Ende des ersten und zu Beginn des zweiten Jahrhunderts lässt erkennen, dass es bereits in der zweiten und dritten christlichen Generation zu einer folgenschweren Verschiebung der Proportionen gekommen ist. Mehr und mehr galt das Heidenchristentum als der Normalfall des Christentums, mit der Folge, dass das Judentum in christlicher Sicht schon bald für die Heidenchristen zu einer fremden und befremdlichen Größe wurde. Dementsprechend wurde die Heidenmission zum Normalfall von christlicher Mission.
Große Bedeutung für diese Entwicklung hatte die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n.Chr. Dieses wohl einschneidendste Ereignis in der Geschichte des frühen Christentums hatte das Ende der judenchristlichen Jerusalemer Urgemeinde zur Folge. Das Judenchristentum verlor damit sein einflussreiches Zentrum. Zwar gab es noch für mehrere Jahrhunderte Gruppen von Judenchristen, vor allem in Judäa und Galiläa, aber auch in den angrenzenden Gebieten des östlichen Mittelmeerraums sowie in den großen Metropolen der damaligen Welt. Aber diese wurden einerseits durch die in der Zeit um 100 n. Chr. erfolgende Ablehnung seitens der Synagogengemeinden an den Rand des Judentums gedrängt. Andererseits blieben sie im Zusammenhang der um diese Zeit einsetzenden Entwicklung zur Großkirche ohne Einfluss. Die Großkirche war in ihrem Wesen und Selbstverständnis heidenchristlich orientiert.
Dies erklärt den Umstand, dass bereits in einigen - um 100 n. Chr. entstandenen - neutestamentlichen Spätschriften eine erstaunliche Israel-Vergessenheit begegnet.
Juden, die nunmehr zu Christen wurden, konnten dies nur, indem sie die Gemeinschaft des jüdischen Volkes verließen und dessen Leben im Bereich der Tora aufgaben. Christentum begegnete ihnen ausschließlich in der Gestalt des Heidenchristentums, und damit als eine ihrer religiösen Lebenswelt und Tradition sich zunehmend entfremdende Größe.
3.2.8 Aus diesem biblisch-neutestamentlichen Befund ergeben sich folgende für die gegenwärtige Diskussion zum Stichwort "Judenmission" unmittelbar relevanten Einsichten:
- Bereits die frühen Zeugen christlichen Glaubens haben die Erfahrung gemacht, dass jüdische Menschen sich in ihrer überwiegenden Mehrzahl dem Glauben an Jesus verschlossen haben. Ebenso haben sie gelernt, dies nicht nur als im Willen Gottes beschlossene Tatsache zu respektieren, sondern es als in einem unmittelbaren Zusammenhang stehend mit der Zulassung der Heiden zur Gemeinschaft mit dem Gott Israels zu begreifen. Dies zu respektieren und darin das Handeln Gottes zu sehen, sollte auch heute für das Verhalten der Heidenchristen angesichts der Gegenwart Israels bestimmend sein.
- Die frühen neutestamentlichen Zeugen - vorab der Apostel Paulus - wussten davon, dass Israel das Volk der Bundsetzungen und Verheißungen Gottes war und dies auch trotz seiner mehrheitlichen Verweigerung des Glaubens an Jesus blieb. Daraus gewannen sie die Gewissheit, Gottes unverbrüchliche Treue zu seinem Volk werde es - trotz des weitgehenden Scheiterns des christlichen Zeugnisses - zum endzeitlichen Heil führen. Christen haben nach langer Vergessenheit das apostolische Zeugnis von der bleibenden Erwählung Israels neu entdeckt. Aus ihm ergibt sich für uns die notwendige Folgerung, dass Juden keineswegs im Status der Heilsferne und Heillosigkeit stehen. Unbeschadet der grundsätzlichen Universalität des christlichen Zeugnisses ist die Notwendigkeit besonderer christlicher missionarischer Zuwendung zu den Juden heute kritisch in Frage zu stellen.
nächstes Kapitel
Überblick
|