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Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum

3.3 Historische Gesichtspunkte

3.3.1 War dem Christentum auch das Bewusstsein seiner Verbundenheit mit dem Judentum abhanden gekommen, so kam es jedoch niemals im Verlauf seiner Geschichte zu einer völligen Ablösung vom Judentum. Weil sich das Christentum nicht ohne das Judentum definieren konnte, ist das Judentum zu keinem Zeitpunkt für das Christentum zu einer Fremdreligion geworden. Nachdem allerdings das Christentum Staatsreligion geworden war, bildete sich ein Verhalten heraus, das als christlicher Vormundschaftsanspruch gegenüber dem Judentum bezeichnet werden kann. In christlichen Augen hatten die Juden das schuldhaft versäumt, was ihre ureigenste Sache hätte sein müssen: der zu allererst an sie ergangenen Botschaft des Evangeliums zu glauben. Sie hatten gegenüber dem Anspruch Gottes versagt. Darin bestand das sie kennzeichnende Defizit. Vor allem aber konnte man sich als Ursache ihrer Verweigerung des Glaubens nur entweder böswillige Verblendung oder gar den Einfluß widergöttlicher Mächte vorstellen. Die Juden waren so in christlichen Augen ein Volk, dem die Fähigkeit zur Orientierung auf die Wahrheit hin abhanden gekommen war. Deutlich kommt dies etwa in der häufig anzutreffenden Darstellung der Synagoge mit verbundenen Augen zum Ausdruck. Die Kirche sah ihre Aufgabe darin, die Blinden endlich zum Licht der Wahrheit zu führen.

Was diese Aufgabe um so dringlicher erscheinen ließ, war der Umstand, daß im mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa Juden fast überall als Minderheit präsent waren - freilich nicht als integrierte Teile der christlichen Gesellschaft, sondern als deren äußerer Rand. Dadurch fühlte sich die Kirche in ihrem problematischen Anspruch auf Verchristlichung der gesamten Gesellschaft gestört.

Für die christliche Obrigkeit galten die Juden in alledem mehr oder weniger selbstverständlich als eine Menschengruppe, über die zu verfügen sie das Recht, ja die Pflicht hatte. Dabei konnten die äußeren Formen, in denen sich solches Verfügen über die Juden vollzog, durchaus unterschiedlich sein. Sie reichten von herablassender Betreuung bis zu Bedrohung, Diskriminierung und Verfolgung. Fest eingegraben in jüdisches Bewusstsein haben sich etwa die mittelalterlichen Zwangsbekehrungen, die in Spanien teilweise dazu führten, dass Juden sich zwar taufen ließen, im Geheimen jedoch ihre jüdischen Lebensformen weiter pflegten.

Auch da, wo Christen sich von jedem Gedanken an Zwang und Nötigung ausdrücklich verabschiedet haben, um stattdessen auf die Juden liebevoll zuzugehen und sie behutsam zum Verstehen der Botschaft des Evangeliums zu führen, wird man kritisch fragen können: Empfinden sich die Juden nicht letztlich auch wieder nur als Gegenstand christlicher Betreuung, nicht jedoch als in ihrer Eigenständigkeit ernst genommene mündige Partner? Die Art, wie in der Vergangenheit Christen mit Juden umgegangen sind, hat tiefgehende Traumata hinterlassen. Dessen sollen sich Christen bewußt sein.

Das Verhältnis Martin Luthers zu den Juden ist ein warnendes Beispiel dafür, wie nahe beide Formen christlichen Umgangs mit Juden beieinander liegen konnten. In seiner frühen Schrift "Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei" (1523) teilt Luther zwar das allgemeine Urteil der Kirche seiner Zeit, das jüdische Volk stehe unter dem Zorn Gottes, weil es den in seinen eigenen heiligen Schriften geweissagten Jesus nicht als Messias anerkannt habe. Er verweist jedoch auf die jüdischen Wurzeln des Christentums, wendet sich gegen Diskriminierung von Juden und jüdischen Lebensformen und redet stattdessen einer liebevollen Zuwendung der Christen zu Juden das Wort, ja er plädiert sogar für ihre Integration in die Gesellschaft. Er hofft, dass dadurch die Juden bereit werden, die christliche Botschaft zu hören und anzunehmen.

Enttäuscht darüber, dass diese Hoffnung sich nicht erfüllte, und besorgt um den Bestand seines reformatorischen Lebenswerkes, verfasste Luther zwanzig Jahre später (1543) die Schrift "Von den Juden und ihren Lügen". Sie ist ein erschreckendes Zeugnis tief verwurzelter Judenfeindschaft. In ihr zeigt sich, dass Luther, nicht anders als seine Zeitgenossen, die Verweigerung des Glaubens an Christus durch die Juden auf böswillige Verblendung und auf den Einfluss teuflischer Mächte zurückführte. Diese Spätschrift des Reformators enthält die furchtbaren sieben Ratschläge an die Obrigkeit, in denen er das Verbrennen von Synagogen, die Zerstörung jüdischer Häuser, Lehrverbot, Konfiszierung von Talmud und Gebetbüchern, Handelsverbot und Zwangsarbeit empfiehlt.

3.3.2 Das besondere Verhältnis zwischen Christentum und Judentum wurde in der christlichen theologischen Tradition vorwiegend im Sinne einander ausschließender Gegensätzlichkeit reflektiert. Nicht das Bewusstsein des Miteinanders in entscheidenden Punkten, sondern das Vorurteil des grundsätzlichen Widerspruchs zueinander bestimmte die christliche Wahrnehmung des Judentums. Dieses galt als eine dem Christentum in jeder Hinsicht entgegengesetzte Religion, ja geradezu als dessen verzerrtes Gegenbild. Das wirkt bis heute - wenn auch weithin unreflektiert - in den Klischees der christlichen Verkündigungssprache nach, wenn in ihr jüdisches Denken und Leben immer wieder als dunkle Folie erscheint, vor der sich die Wahrheit christlichen Glaubens abhebt (vgl. Studie II, 3.2.1).

Die Tatsache, dass dieses Denkschema nicht auf Kirche und Theologie beschränkt blieb, sondern in der Neuzeit erhebliche Auswirkungen auch auf das Denken einer säkularen Gesellschaft hatte, ist zu einleuchtend, als dass sie leichthin bestritten werden könnte.

3.3.3 Erst nach der Schoa begannen die Kirchen, ihr Verhältnis zu den Juden neu zu bedenken. Es konnte nicht ausbleiben, dass dabei die Problematik der Judenmission in einem neuen Licht erschien.

Kann, ja darf nach dem Massenmord an den Juden christliche Mission an ihnen noch möglich sein? Es waren vor allem im christlich-jüdischen Dialog engagierte Christen, die diese kritische Frage stellten. Sie teilten dabei weithin die Sichtweise ihrer jüdischen Gesprächspartner, wonach in der Schoa die geschichtliche Folge jener Grundeinstellung sichtbar geworden sei, die seit der Zeit der Alten Kirche Christen gegenüber Juden eingenommen haben. Die Schoa sei die letzte Konsequenz aus der christlichen Bestreitung des jüdischen Selbstverständnisses, als das erwählte Volk Gottes eine einzigartige Geschichte mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu haben. Und sie zogen daraus die Folgerung: "Judenmission nach Auschwitz - nie wieder!" (Rolf Rendtorff).

Dem ist von Befürwortern judenmissionarischer Aktivitäten widersprochen worden. Trotz der Bereitschaft, einen Zusammenhang zwischen der Schoa und der Wirkungsgeschichte der negativen christlichen Grundeinstellungen gegenüber den Juden zu konstatieren und darüber hinaus eine besondere Schuld der Kirchen in Deutschland einzuräumen, wurde in diesen Kreisen weithin bestritten, dass die Christenheit insgesamt aufgrund ihrer Geschichte in die Ursachen der Schoa schuldhaft verstrickt sei. Nicht selten argumentierte man sogar, intensivierte missionarische Zuwendung zu den Juden könne eine Art christlicher Wiedergutmachung für die an ihnen verübten Verbrechen sein. Sollte es nicht möglich sein, so fragte man, die Judenmission nach der Schoa dadurch auf eine neue Basis zu stellen, dass Christen sich in einem Akt der Neubesinnung von den bisherigen negativen Denkmustern lösen und durch ihr Verhalten gegenüber jüdischen Menschen ihre liebevolle Gesinnung gegenüber dem jüdischen Volk eindeutig unter Beweis stellen? Wäre nicht sogar eine intensivierte missionarische Bemühung um die Juden der sprechendste Beweis solcher liebevollen Gesinnung?

Solche Argumentation greift jedoch zu kurz, weil sie die Grundsätzlichkeit der durch die Schoa ausgelösten Fragen nicht wirklich wahrnimmt. Es geht nicht nur um die Korrektur eines Fehlverhaltens, sondern um ein grundsätzlich neues Denken und ein daraus folgendes neues Verhalten.

Christen können sich von ihrer Vergangenheit so wenig distanzieren wie Juden. Die Schoa gehört wesentlich zur Vergangenheit beider und ist für beide Gegenstand bleibenden Gedenkens und damit zugleich ein Wendepunkt ihrer Geschichte. Dies gilt in besonderer Weise für Deutschland und seine Schuldgeschichte mit den Juden. Der Schoa zu gedenken, bedeutet aber für alle Christen die Erkenntnis, dass sie Folge und Kumulation eines fast zweitausendjährigen fehlgeleiteten Verhältnisses zum Judentum ist. Mit anderen Worten: Sie ist für Christen ein in seiner Deutlichkeit unüberhörbarer Ruf zur Umkehr, der das gesamte bisherige Verhältnis zwischen ihnen und den Juden in Frage stellt - und damit auch die Haltung zur Judenmission.

Wer Judenmission nach der Schoa für nicht mehr möglich hält, will damit der Schoa keine heilsgeschichtliche Bedeutung zuschreiben. Sehr wohl aber ist es unsere Sache als Christen zu bedenken, was die Schoa für unsere eigene Geschichte als Christen und für unser Gottesverhältnis bedeutet: Sie ist für uns ein geschichtliches Geschehen, aus dem ein in seiner Nachdrücklichkeit nicht mehr überhörbarer Bußruf Gottes an uns ergeht. Buße heißt, den falschen Weg bisherigen Denkens und Handelns zu erkennen, sich realistisch dessen Konsequenzen zu stellen, und sich auf einen neuen Weg des Urteilens und Handelns einzulassen.

3.3.4 Als Fazit dieser geschichtlichen Überlegungen ergibt sich:

  • Wir erkennen als Christen angesichts der Schoa den falschen Weg unseres bisherigen Denkens und Handelns gegenüber den Juden. Vorher kaum bewusstes und reflektiertes Fehlverhalten wird von seinen schrecklichen Folgen her manifest.

  • Wir stellen uns als Christen den Konsequenzen solchen Fehlverhaltens, wenn wir uns dessen bewusst werden, dass die Schoa in unwiderruflicher Weise einen tiefen Einschnitt im Verhältnis zwischen Christen und Juden bedeutet. So sollte uns deutlich sein: Eine Kirche, die sich nicht mit aller Macht ihres Zeugnisses gegen die an Juden verübten Verbrechen eingesetzt hat, sollte bei der Bezeugung ihres Glaubens gegenüber jüdischen Menschen - um es vorsichtig zu formulieren - äußerste Zurückhaltung üben. Eine Kirche, die sich nicht mit allen ihr verfügbaren Mitteln in der Zeit tödlicher Bedrohung vor ihre getauften Glieder jüdischer Herkunft gestellt hat, hat schwerlich die Vollmacht zur Judenmission.

  • Wir lassen uns aufgrund des Bußrufs der Schoa auf einen neuen Weg des Urteilens und Handelns ein. Ein wichtiger Schritt dazu besteht in der Einsicht, die sich aufgrund eines neuen Lesens des Alten und Neuen Testaments ergibt: Gott hat Israels Bund zu keinem Zeitpunkt gekündigt. Israel bleibt Gottes erwähltes Volk, obwohl es den Glauben an Jesus als seinen Messias nicht angenommen hat. "Gott hat sein Volk nicht verstossen" (Röm 11,1). Diese Einsicht lässt uns - mit dem Apostel Paulus - darauf vertrauen, Gott werde sein Volk die Vollendung seines Heils schauen lassen. Er bedarf dazu unseres missionarischen Wirkens nicht.

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