3.4.1 Ein neues Verhältnis von Juden und Christen erfordert auch eine neue Begrifflichkeit. Manches spricht für die Verwendung des Begriffs "Zeugnis" als übergreifendes theologisches Leitwort (vgl. Studie I,3.6). Er ist im biblischen Sprachgebrauch verwurzelt und gewinnt von da her einen gewissen Grad von Eindeutigkeit. Sowohl dem Alten Testament und dem Judentum wie auch dem Neue Testament ist die Rede von "Zeugen" und "Zeugnis" geläufig. Es geht dabei durchweg um die Haltung eines personhaften Eintretens für Gott und seine Wahrheit. Und zwar ist Zeugenschaft durchweg nicht auf bloß verbale Äußerungen eingegrenzt, sondern umfasst einen weiten Bereich von Bedeutungsnuancen, die in einem zentralen Sachverhalt übereinstimmen: Zeuge ist man nicht nur durch die Weitergabe einer Botschaft, sondern durch die Gesamtheit der Existenz.
In solchem umfassenden, biblisch begründeten Sinn verstanden, können die Begriffe "Zeuge" und "Zeugnis" zum Ausdruck bringen: Christen und Juden begegnen einander als Zeugen in der Weise, dass sie jeweils ihre Glaubenserfahrung und Lebensform einbringen. Damit wäre ausgeschlossen, dass unterschiedliche Machtpositionen einseitig ausgespielt werden oder dass ein Partner als bloßer Sender, der andere als bloßer Empfänger einer Botschaft erscheint. Zugleich wäre so die Fixierung auf verbale Inhalte aufgehoben und die existentielle Art einer sich in Gedanken, Worten und Taten, also in der Ganzheit des Seins ausdrückenden Beziehung unterstrichen.
Gerade hier drohen jedoch immer wieder Missverständnisse, die ausgelöst werden durch die Verflachung des Begriffs "Zeugnis" in der kirchlichen Umgangssprache. Hier nämlich dient er weithin als Bezeichnung für monologische Verkündigung, für eine einseitige, auf andere ausgerichtete, auf das bloß Verbale beschränkte Proklamation. Ein auf diesen Aspekt eingeengtes christliches Zeugnis gegenüber Juden liefe darauf hinaus, diesen gleichberechtige Partnerschaft zu verweigern und sie lediglich als Objekte von Verfügungs- bzw. Betreuungsabsicht wahrzunehmen.
3.4.2 Der Begriff "Begegnung" erscheint am besten geeignet, diesem Missverständnis entgegenzuwirken, denn er stellt die tiefe personale Dimension der Beziehung heraus. In einer Begegnung bleibt für die Dominanz des einen über den anderen Partner kein Raum, wohl aber für den gegenseitigen Respekt, für die Achtung vor der Überlieferung, in der der Partner steht, und vor den Überzeugungen, zu denen er gelangt ist. Vor allem aber ist der Begriff "Begegnung" auch offen für Gott, der über beiden Partnern steht und dem gegenüber beide verantwortlich sind und bleiben (vgl. Studie II, 3.5.2).
Das schließt nicht aus, sondern ein, dass es in der Begegnung auch zur Bezeugung des eigenen Glaubens kommt, so sehr Takt und das Bewusstsein der Belastungen aus der Vergangenheit Christen zur Zurückhaltung anleiten sollten.
3.4.3 Ähnlich bringt der Begriff "Dialog" den Aspekt gleichberechtigter Partnerschaft zur Geltung. Er betont jedoch stärker als der Begriff "Begegnung" das Moment des diskurshaften Austausches von Positionen und Meinungen. Darüber hinaus ist er geeignet, das Verhältnis zwischen Christen und Juden in eine gewisse Analogie zu den im Rahmen der innerchristlichen Ökumene geführten Gesprächen zwischen verschiedenen christlichen Kirchen zu rücken und zu einer Übertragung der in diesem Bereich gemachten Erfahrungen zu ermutigen.
In ökumenischen Dialogen zwischen verschiedenen christlichen Kirchen haben sich Debatten, die mit der Absicht geführt wurden, den Partner von der Richtigkeit der eigenen Position zu überzeugen, als unergiebig erwiesen. Wenig hilfreich war es aber auch, wenn in solchen Dialogen die jeweils eine Seite bemüht war, ihre eigene Position möglichst weit der des Gesprächspartners anzunähern und dabei die tatsächlich bestehenden Differenzen möglichst zu verkleinern und in den Hintergrund treten zu lassen. Sinnvoll und weiterführend sind Dialoge nur dann, wenn beide Partner sich selbst, ihre eigenen Positionen und die dahinter stehenden Traditionen in ihrer Tragweite und Bedeutung aufzuschließen bereit sind, und wenn gleichzeitig die Bereitschaft vorhanden ist, die Positionen und Traditionen ihres Gesprächspartners zu verstehen und ggf. den eigenen Standpunkt zu verändern. Dabei machen sie die Erfahrung, dass die Bereitschaft, den Partner in seiner Eigenständigkeit und individuellen Prägung wahrzunehmen, dazu führt, sich selbst neu zu erkennen und Neues über die eigene Identität zu erfahren.
Wenn Verfechter einer Judenmission traditionellen Stils gegen das Dialogmodell einwenden, hier werde die Eindeutigkeit des Zeugnisses von Jesus als dem Messias Israels durch die Unverbindlichkeit bloßen Meinungsaustauschs ersetzt, so greift dieser Vorwurf zu kurz, denn er setzt die traditionelle einseitige Blick- und Denkrichtung vom Christentum auf das Judentum voraus und stellt damit letztlich die theologische Legitimität jüdischer Existenz in Frage.
Haben Christen es nicht nötig, über den Reichtum jüdischer Tradition und die existentielle Tiefe jüdischer Gotteserfahrung etwas zu lernen? Sind sie ihrer eigenen Existenz und deren geschichtlicher Ausprägungen so gewiss, dass sie darauf verzichten können, sich durch den Dialog mit jüdischen Partnern in einem neuen, ungewohnten Licht zu sehen? Können Christen es sich leisten, auf die Möglichkeit zu verzichten, vom Judentum Impulse für eine bessere Gerechtigkeit, für eine treuere und gehorsamere Erfüllung des Willens Gottes zu empfangen?
Soll das christlich-jüdische Verhältnis auf eine neue Basis gestellt werden, so muss an die Stelle der besitzergreifenden Umarmung eine behutsame Freundschaft treten mit so viel Distanz, wie der andere sie braucht.
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