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Christen und Juden III
Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum5. Orientierungen im christlich-jüdischen Gespräch |
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5.1 Im Schatten von AuschwitzJede Begegnung zwischen Christen und Juden geschieht heute im Schatten von Auschwitz, zumal in Deutschland. Der systematisch vorbereitete und brutal ausgeführte Mord an Millionen von Juden und darüber hinaus einer großen Zahl von Nichtjuden, deren Menschenrecht auf Leben die nationalsozialistische Ideologie ebenfalls verneinte, stellt einen irreparablen Bruch in der europäischen Geschichte und Geistesgeschichte dar. Der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno spricht von einem "neuen kategorischen Imperativ", an dem sich alles Denken und Handeln zu messen habe: dass Auschwitz nicht noch einmal sei!Für die Kirche und für die christliche Theologie hat Auschwitz dazu noch eine eigene theologische Dimension: die Schuld vor Gott. Denn zugleich mit den Juden hat die Kirche den Gott verraten, der in Jesus Christus seine Kirche unauflöslich mit dem jüdischen Volk verbunden hat. Wo christlicher Glaube und kirchliche Lehre die Beziehung zum Judentum als zufälliges, geschichtlich bedingtes Faktum abtun, verleugnen sie den in der Schrift bezeugten Gott Israels, seinen Bund und seine Erwählung. Schon um ihrer eigenen Botschaft willen hätten die Christen dem erklärten Ziel der Nationalsozialisten, das Judentum auszurotten, Widerstand leisten müssen. Dass sie es nicht taten - oder nur in verschwindend kleiner Zahl - unterstreicht die Notwendigkeit einer fundamentalen Kritik der von traditionell antijüdischen Denkmustern geprägten christlichen Theologie. Diese Einsicht setzt sich erst allmählich durch. Viele Abwehrmechanismen auf Seiten der Christen waren und sind zu überwinden, bevor Christinnen und Christen die schuldhafte Verwicklung von Kirche und Theologie in jene Katastrophe, für die der Name Auschwitz steht, zu erkennen bereit sind. Die Verbindungslinien zwischen der Behauptung, die Kirche sei an die Stelle Israels getreten, während die Juden als vermeintliche Gottesmörder unter einem ewigen Fluch stünden, hin zu den Judenpogromen, die durch die Jahrhunderte das christliche Abendland von Spanien bis nach Russland überzogen und in letzter Konsequenz nach Auschwitz führten, treten immer deutlicher zutage. Die vordringliche Aufgabe jeder christlichen Theologie, die von Auschwitz berührt (Johann Baptist Metz) ist, bleibt es, das traditionelle Antiverhältnis zum Judentum zu überwinden. Im Hören auf die Schrift wird sie Israel als Volk Gottes bejahen und würdigen, dass Juden und Christen unterwegs sind zu demselben Ziel, wenn auch auf verschiedenen Wegen. Die in Studie II und in dieser Studie gewonnenen neuen Einsichten zu den biblischen Begriffen Volk Gottes, Christus / Messias und Bund untermauern exegetisch die Überzeugung, dass zwischen Gottes Treue zu seinem Bundesvolk Israel und dem Heil aller Menschen ein unauflösbarer Zusammenhang besteht. Die Kirche kann darum ihre Identität nicht gegen Israel oder an Israel vorbei beschreiben. Aus dieser besonderen Nähe zum Judentum erwuchs, wie die Theologiegeschichte zeigt, allerdings immer wieder die Gefahr einer Verfremdung oder gar Enteignung jüdischer Vorstellungen und Begriffe, die in der Konsequenz zu Judenfeindschaft führte. Auf diese Gefahr zu achten, ist nach Auschwitz eine Frage der Glaubwürdigkeit jeder christlichen Theologie.
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