"Das christlich-jüdische Verhältnis ist dadurch einzigartig, dass Juden und Christen die Schrift gemeinsam haben, die die Bibel Jesu, seiner Jünger und der neutestamentlichen Autoren ist." (Studie II, 3.2.2). Dies ist in der Vergangenheit kaum gewürdigt worden und blieb deshalb folgenlos. Die jüdische Schriftauslegung zum Beispiel schien den Christen ohne theologische Bedeutung, da die Juden Christus als den für sie entscheidenden Schlüssel zur Auslegung der Schrift ablehnten. In der christlichen Kunst des Mittelalters kommt diese Einstellung zum Ausdruck in dem beliebten Motiv von Kirche und Synagoge, das - in Anspielung auf 2.Kor 3,14ff - die blinde Synagoge mit den zerbrochenen Tafeln des Bundes im Kontrast zur triumphierenden Kirche zeigt.
Im christlich-jüdischen Gespräch haben Christen neu entdeckt, welchen Gewinn für Auslegung und Bibelwissenschaft es bedeutet, die jüdische Schriftauslegung in Talmud und Midrasch kennen zu lernen. Es war Hochmut zu meinen, die Juden, die seit mehr als 2000 Jahren mit der Schrift umgehen, hätten den Christen nichts zu sagen.
Das Evangelium von Jesus Christus ist nicht zu verstehen ohne das Alte Testament. Dass Gott Liebe ist und Versöhnung will - nicht nur für Israel, sondern für die gesamte Menschheit - ist alttestamentliche und jüdische Tradition. Gerade die Texte, die von der Deutung des Todes Jesu als Heilsereignis sprechen, sind stark alttestamentlich geprägt (Mk 14,24; Röm 3,25). Für die neutestamentlichen Zeugen ist das, was im Alten Testament von Gott gesagt ist, verdichtet in der Person Jesu Christi, dem fleischgewordenen Wort Gottes. Das "Neue" ist in der Deutung des Neuen Testamentes gerade das Alte, nämlich das von alters her als das Neue Erwartete.
Im Rahmen ihres zweiteiligen Kanons hat die christliche Kirche die jüdische Bibel - ihr "Altes Testament" - stets von Christus her und auf Christus hin verstanden. Ohne Zweifel wird damit eine Perspektive eingenommen, die nicht aus dem Alten Testament selbst hervorgeht, sondern vom Neuen Testament her an das Alte herangetragen wird. Aber auch die umgekehrte Perspektive ist für das christliche Verständnis unaufgebbar, um die Botschaft Jesu im weiten Horizont der biblischen Verheißungen und damit ihn selbst als den Christus zu verstehen. Ohne die Sprache des Alten Testaments würde der Kirche die Sprache überhaupt ausgehen. Zentrale Begriffe des Neuen Testaments wie Sühne und Vergebung, Rechtfertigung und Heil kommen aus dem Alten Testament. Es ist noch zu wenig ins Bewußtsein gerückt, dass eben diese Sprache bis heute - im wörtlichen und im übertragenen Sinne - im jüdischen Volk gesprochen wird. Für Christen kann es nur ein Gewinn sein, zu erfahren, wie Jüdinnen und Juden die Schrift deuten und in ihrem Leben darauf antworten: Die jüdische Bibel und das jüdische Volk gehören zusammen.
Wie das Neue Testament sich auf das Alte Testament bezieht, so steht auch die nachbiblische jüdische Tradition, die im Laufe der Jahrhunderte gesammelt und schriftlich zusammengefasst wurde (z.B. in den beiden Talmudim) unbestreitbar in Kontinuität zur Schrift.
Jeder Versuch, jüdische Auslegung oder jüdisches Leben mit der Tora als defizitär zu beschreiben, ist entschieden zurückzuweisen. Angemessen ist vielmehr eine Haltung des Respekts und der Dankbarkeit gegenüber den jüdischen Lehrern, die über Jahrhunderte hinweg den alttestamentlichen Text und das Verständnis seines Wortlauts bewahrt und auch der Kirche überliefert haben.
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