Aktuell - EKD - Foren - Glaube aktuell - Arbeitsfelder - Kirche interaktiv -

EKD_Logo

Button Christen und Juden III

Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum

5.4 Sachkritik am Neuen Testament?

Die kritische Sichtung antijüdischer Traditionen im Christentum hat zu der Frage Anlass gegeben, ob und in welchem Maße die Wurzel judenfeindlicher Einstellungen bereits im Neuen Testament zu suchen ist. In der Tat gibt es Stellen im Neuen Testament, die Jesus und - später - die christusgläubige Gemeinde im Konflikt mit Juden zeigen bzw. solche Konflikte voraussetzen Für eine sachgemäße Auslegung solcher Texte ist dreierlei zu beachten:
  • Die in den Evangelien geschilderten Auseinandersetzungen Jesu, etwa mit Pharisäern und Schriftgelehrten, sind innerjüdische Konflikte. Man mag sie mit einem Familienstreit vergleichen, der mit Härte ausgetragen wird, aber die grundsätzliche Zusammengehörigkeit nicht in Frage stellt.

  • Zweitens ist in den Evangelien zu unterscheiden zwischen der erzählten Jesusgeschichte und dem, was aus der aktuellen Situation der einzelnen Evangelisten bzw. ihrer Adressaten in die Darstellung mit einfließt. So schlagen sich z.B. im Matthäusevangelium Probleme nieder, die erst in der Zeit nach 70 n.Chr. eine Rolle spielen. Bei einer Reihe von antijüdisch empfundenen Texten eröffnen die Analyse des historischen Hintergrunds und die Berücksichtigung der begrenzten Aussageabsicht eines Textes durchaus Möglichkeiten einer nicht polemischen, sachgemäßen Interpretation.

  • Drittens ist darauf zu achten, dass die spätere Trennung von Juden und Christen nicht schon in die Interpretation der neutestamentlichen Texte eingetragen wird.

Umstritten ist, wie weit die Sachkritik - also die Zurückweisung einzelner biblischer Aussagen von der Mitte der Schrift her - gehen darf. Einerseits beruft man sich auf die Mündigkeit des Christentums, das um seiner Glaubwürdigkeit willen aus der nachweisbar fatalen Wirkungsgeschichte einiger neutestamentlicher Texte nun auch Konsequenzen ziehen müsse. Andererseits gibt es grundsätzliche Vorbehalte gegen Sachkritik an biblischen Texten: Der offene Prozess der Exegese werde durch Sachkritik abgebrochen und die Möglichkeit, das vermeintlich schon Verstandene noch einmal anders zu verstehen, verbaut.

Es scheint noch kaum ausgelotet, wie grundsätzlich die Anfragen an den christlichen Umgang mit der Schrift sind, die sich aus der Aufdeckung der negativen Seiten ihrer Wirkungsgeschichte ergeben. Die Autorität der Bibel ernst zu nehmen erfordert von Christen, dass sie von deren Mitte her die Interpretationsmuster und das Vorverständnis ihrer Interpreten immer wieder befragen und überprüfen.

nächstes Kapitel
Überblick



Linie

Button Home

Copyright © 2000 Evangelische Kirche in Deutschland
Herrenhäuser Straße 12, 30419 Hannover
Telefon: 0511 - 2796 - 0
Telefax: 0511 - 2796 - 777
E-Mail: presse@ekd.de
Technischer Support: ISS Internet Service