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Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum

5.5 Die Wiederentdeckung der Kapitel 9 bis 11 des Römerbriefs

Sehr verschieden sind die geschichtlichen Beziehungen zwischen Synagoge und christlicher Gemeinde, die den jeweiligen Hintergrund der neutestamentlichen Texte bilden. Sie reichen von bestätigender Anknüpfung an das (seinerseits höchst disparate) Judentum bis zu vernichtender Polemik. Das Neue Testament gibt Einblick in die Entstehungszeit des Christentums. In ihm werden nicht nur die für seine frühe Entwicklung maßgeblichen Hauptlinien sichtbar, sondern auch die konkreten geschichtlichen Umstände, unter denen seine Glaubensüberzeugungen ausfomuliert worden sind (z.B. beim sog. Apostelkonzil, s.o. 3.2.3). Verschiedene theologische Stränge liefen damals nebeneinander her, deren grundlegende Gemeinsamkeit im Bekenntnis zu Christus als dem auferstandenen Herrn bestand.

Bei dem Versuch, zu einer theologischen Verhältnisbestimmung von Christen und Juden in der Gegenwart zu gelangen, kann man sich daher nicht auf einzelne Schriftstellen berufen. Stattdessen ist der Gesamtzusammenhang neutestamentlicher Verkündigung zu beachten und der Kontext eines Textes - damals und in der Gegenwart - zu berücksichtigen. Ein Beispiel für solches Vorgehen ist die Entscheidung in Studie II (3.4.4) dem Abschnitt Römer 9 bis 11 bei der theologischen Urteilsbildung über den Begriff "Volk Gottes" Priorität einzuräumen. In der vorliegenden Studie (2.6) kann umgekehrt dem Hebräerbrief keine vergleichbare Schlüsselstellung zugewiesen werden.

Im Anschluss an Römer 9,1-5 hat sich heute die Überzeugung durchgesetzt, dass alle Juden, auch die nicht an Christus glaubenden, in der Kontinuität des Bundes und der Verheißungen Gottes stehen : Sie sind "Israeliten ... denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören, und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch". Die alte kirchliche Tradition, die in Israel nur mehr eine Größe der Vergangenheit sah, läßt sich biblisch nicht rechtfertigen. Diese Einsicht hat für das christlich-jüdische Gespräch grundlegende Bedeutung (s.o. 2.1 und 3.2.4).

Inspiriert von Römer 9 bis 11 erweist sich ein theologischer Ansatz, der das ewige, Zeiten und Völker umfassende Wort Gottes in den Vordergrund stellt, im Unterschied zu einem individualistisch, allein auf die Entscheidung des Einzelnen ausgerichteten Verständnis des Evangeliums als der Schrift gemäßer. Die neue Sicht auf Römer 9 bis 11 hat den für den evangelischen Glauben zentralen Punkt der Rechtfertigung allein aus Gnaden durch Glauben vertieft, indem sie diese mit der Treue Gottes zu seinem erwählten Volk Israel in Beziehung setzt. Sie ist ein Beispiel dafür, wie der Dialog mit dem Judentum sich bereichernd für das Verständnis des eigenen Glaubens auswirken kann.

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