Grundvoraussetzung für den Dialog zwischen Christen und Juden ist die Bereitschaft vieler Juden, sich trotz Auschwitz auf das Gespräch mit Christen einzulassen. Paradoxerweise ist der Dialog mit dem Judentum nie so intensiv geführt worden wie seit dem Zweiten Weltkrieg, obwohl infolge der Vertreibung und Vernichtung die Zahl der jüdischen Gelehrten und Gemeinden in Deutschland immer noch sehr gering ist. Vor dem Krieg, als sich u.a. einige der renommiertesten jüdischen Hochschulen auf deutschem Boden befanden, wurde diese Chance - mit wenigen Ausnahmen - vertan.
Zu den Voraussetzungen eines gelungenen Dialogs gehört die Bereitschaft, die vielfältige Gestalt des Judentums wahrzunehmen. Im jüdischen Selbstverständnis gibt es ebenso deutliche Unterschiede wie im christlichen. Die Beziehungen zwischen Juden und Christen haben oft darunter gelitten, dass von christlicher Seite den Juden ein aus dem Bezugsrahmen christlicher Theologie gewonnenes Verständnis des Judentums unterstellt und ihr eigenes Selbstverständnis dadurch nicht wahrgenommen wurde. Um über den Glauben sprechen zu können, muss man außerdem - wie auch sonst in der Ökumene - zunächst zu einer Verständigung über die Sprache kommen. Oft sind dieselben Worte bei Juden und Christen unterschiedlich gefüllt (z.B. die Begriffe Gesetz, Gerechtigkeit, Erlösung). An ethischen Fragen und an den Möglichkeiten gemeinschaftlichen Engagements sind die jüdischen Gesprächsteilnehmer häufig stärker interessiert als an der Frage, wie Christen Gott oder Jesus Christus verstehen.
Eine weitere Bedingung für den Dialog ist seine prinzipielle Offenheit (vgl. Abschnitt 3 dieser Studie). Im Gespräch zwischen Juden und Christen soll das je eigene Zeugnis Platz haben und bereichernd wirken, aber nicht auf Bekehrung des anderen ausgerichtet sein. Nach den überwiegend leidvollen Erfahrungen, die Juden im Lauf ihrer Geschichte mit Christen gemacht haben, ist für viele Juden eine unmißverständliche Absage an die Judenmission Voraussetzung für ein ehrliches und gleichberechtigtes Glaubensgespräch.
Das leitende Interesse der Partner im christlich - jüdischen Dialog ist nicht identisch: Christen können ihre eigene christliche Identität nicht bestimmen, ohne sich über ihr Verhältnis zu den Juden und zum jüdischen Glauben Rechenschaft abzulegen. Gerade in ihrem Bemühen um ein neues Verstehen der jüdischen Wurzeln ihres Glaubens sind sie auf jüdische Gesprächspartner angewiesen. Nach einer jahrhundertelangen Geschichte der Verzeichnung und Diffamierung des jüdischen Glaubens hat der begonnene Dialog in erster Linie den Charakter des Lernens, aber auch des Verlernens von negativen Klischees. Juden brauchen das Christentum nicht, um ihren eigenen Glauben zu beschreiben, obwohl auch das Judentum im Verlauf seiner Entwicklung vom Christentum beeinflusst worden ist. Sie wollen in der Begegnung mit Christen vor allem ein authentisches Bild vom Judentum vermitteln und auf diese Weise Vorurteilen und antisemitischen Einstellungen entgegenwirken. Die Gestaltung des Zusammenlebens zwischen Juden und Nichtjuden in einer traditionell christlich geprägten Umgebung ist ein wichtiges Anliegen. Der latente Antisemitismus in Deutschland und anderen Ländern bleibt dabei der Kontext, dem auch die christliche Seite ihre Aufmerksamkeit schenken muss. Das Wachhalten der Erinnerung an die Opfer der Schoa ist eine gemeinsame Aufgabe. Jede Generation wird dafür die eigenen angemessenen Formen finden müssen (vgl. 4.5).
Angesichts der wenigen jüdischen Gemeinden in Deutschland haben viele Christen kaum eine Möglichkeit, nachbarschaftliche Beziehungen zu einer jüdischen Gemeinschaft aufzubauen oder sich direkt am jüdisch-christlichen Dialog zu beteiligen. Dass jüdische Gemeinden angesichts ihrer eigenen integrativen Aufgaben (vgl. Abschnitt 1.1.2.) oft überfordert sind mit den Anfragen christlicher Gruppen nach Begegnung oder Teilnahme am Synagogengottesdienst, darf ihnen nicht als Desinteresse ausgelegt werden. Es ist zu wünschen, dass auch von kirchlicher Seite in Unterricht und Verkündigung die Aufgabe übernommen wird, jüdische religiöse Positionen unverstellt zu vermitteln und Kenntnisse des jüdischen religiösen Lebens weiterzugeben. In die eigene theologische Arbeit können die Früchte des jüdisch-christlichen Gesprächs, die inzwischen in einer umfangreichen Literatur Niederschlag gefunden haben, einbezogen werden. So wirkt darin indirekt ein dialogisches Element.
Wünschenswert ist jedoch die Präsenz jüdischer Lehrerinnen und Lehrer an den Theologischen Fakultäten und Ausbildungsstätten, wie sie an mehreren Orten schon seit längerem gegeben ist.
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