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Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum

5.7 Vor neuen Aufgaben

Das christlich-jüdische Gespräch hat bedeutende Ergebnisse erzielt. Es ist bisher jedoch trotz großer Bemühungen nur unzureichend gelungen, diese auch auf die Ebene der Gemeinden zu tragen. Hier liegt eine der wichtigsten Aufgaben für die Zukunft. In den zurückliegenden Jahren standen die kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Kirchen im Dritten Reich und die Suche nach einer Theologie, die die überkommenen antijüdischen Denkmuster hinter sich lässt, im Vordergrund. Die Themen hat dabei oft die christliche Seite vorgegeben. So unverzichtbar diese Phase des Dialogs gewesen ist, um Christen überhaupt erst dialogfähig zu machen, so gewiß wird die Bedeutung des christlich-jüdischen Dialogs gerade für die jüdischen Gesprächspartner in Zukunft davon abhängen, ob seine Inhalte die beide Seiten berührenden drängenden Themen unserer Zeit betreffen.

Die pluralistische Gesellschaft braucht dringend Modelle, wie mit den kulturellen und religiösen Differenzen positiv umzugehen ist, die so oft Anlaß zu Konflikten geben - sogar innerhalb einzelner Religionsgemeinschaften. Die Frage, wie sich die eigene Identität ohne Überheblichkeit oder eine abwehrende Haltung gegen die jeweils "anderen" bestimmen und behaupten läßt, steht heute an vorderster Stelle. In einer unübersichtlich gewordenen Welt, in der es immer weniger gemeinsame Werte und Traditionen gibt, wächst das Bedürfnis des Einzelnen nach Identität. Christen haben im Dialog mit dem Judentum gelernt, die wechselseitige Beziehung zwischen Theologie und Glaubenspraxis ernster zu nehmen. Sie beginnen nach Auschwitz zu erkennen, dass sowohl die Sprache als auch das Handeln Kriterien für die Wahrhaftigkeit von Theologie sind. Diese Umkehr im Denken muss sich in einer veränderten Praxis bewähren.

Die Hinwendung zum Alten Testament als der gemeinsamen Bezugsgröße im Gespräch mit Juden hat den Blick geschärft für den Wert der biblischen Tradition gerade in den aktuellen Auseinandersetzungen um gesellschaftliche und ethische Probleme (vgl. Abschnitt 4.1-5). Der Traditionsabbruch, der sich am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts unübersehbar zeigt, stellt Christen und Juden gleichermaßen vor die Herausforderung, in einer Welt, die den Namen Gottes kaum noch nennt, von der Hoffnung des Glaubens und seiner orientierenden Kraft Zeugnis zu geben.

Christen und Juden bestimmen ihre Identität aus dem Glauben an Gott, der den Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen hat und ihm in seinem Wort den Weg zum Leben offenbart. Die biblische Rede vom Bund hat für beide - allerdings in unterschiedlicher Weise - identitätsstiftende Bedeutung (vgl. Abschnitt 2): Für Juden ist ihr Gottesbund mit der Gabe der Tora unauflöslich verknüpft. Für Christen ist die Gemeinschaft mit Christus, wie sie besonders im Heiligen Abendmahl erfahren wird, die Grundlage des endzeitlich erneuerten Bundes. Durch diesen Bund haben sie teil an Israels Hoffnung auf die Vollendung des Gottesreiches, dessen Anbruch im Kommen Jesu Christi sie glaubend bezeugen.

Ein wichtiges Anliegen der Theologie nach Auschwitz ist die Überwindung der Vorstellung, christliche Identität könne sich nur in polemischer Abgrenzung zum Judentum aussprechen. Die in Teil 2 dieser Studie vorliegende Untersuchung zeigt exemplarisch, dass die traditionelle Rede vom "alten" und "neuen" Bund, die bewusst oder unbewusst fast immer eine Herabsetzung des Judentums einschloß, sich keineswegs auf die Breite der biblischen Tradition stützen kann.

Als Ergebnis von Studie II und dieser Studie kann aber auch festgehalten werden, dass die Suche nach einer biblisch fundierten Formel, mit der sich das Verhältnis zwischen Kirche und Israel treffend beschreiben ließe, bisher zu keiner befriedigenden Lösung geführt hat. Deutlich erweist sich allerdings am Bundesbegriff, wie sehr die frühe Gemeinde ihr Bekenntnis zu Christus aus der Mitte der Schrift heraus verstanden hat.

Der christlich-jüdische Dialog lebt davon, dass beide Partner die Glaubensüberzeugung des jeweils Anderen in ihrem Anspruch auf Wahrheit respektieren und sich darauf einlassen, ihre eigene Glaubensüberzeugung zu der des Anderen in Beziehung zu setzen. Von Christen und Juden wird Gott als Grund und Einheit aller Wahrheit verstanden; zugleich wissen sie aber, dass Gottes Wahrheit für seine Schöpfung noch nicht vollständig erschienen ist. Insofern schafft für beide der Verweis auf Gott als Grund und Ort der Wahrheit Raum für das Wahrheitsbewußtsein des jeweils Anderen (Vgl.Teil 3).

Wenn es der Kirche gelänge, an der tiefsten Bruchstelle, die ihre Geschichte über Jahrhunderte geprägt hat, neue Wege zu beschreiten und vorzuleben, dass ihr Vertrauen in Gott, "der da ist, der da war und der da kommt" (Offb1,8) so groß ist, dass, was Juden und Christen im Glauben trennt, ausgehalten werden kann und das geschwisterliche Leben miteinander nicht hindern muss, dann wäre sie ein hoffnungsvolles Zeichen für die Möglichkeit versöhnten Lebens in der Zerrissenheit der Welt.

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