Christen und Juden III

EKD-Denkschrift Nr. 144, 2000

Vorwort

Mit der Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) "Christen und Juden III. Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum" wird die Reihe der Studien fortgesetzt und abgeschlossen, die mit "Christen und Juden (I)" von 1975 und "Christen und Juden II. Zur theologischen Neuorientierung im Verhältnis zum Judentum" von 1991 begonnen hat. Mit diesen Texten, die im Auftrag des Rates von der Studienkommission Kirche und Judentum erarbeitet worden sind, will die EKD Beiträge leisten zur Neubesinnung der Kirche im Blick auf ihr Verhältnis zum Judentum. Die Studie I hatte sich der Aufgabe gestellt, ein Bewußtsein zu schaffen und zu vertiefen für die gemeinsamen Wurzeln von Christentum und Judentum, für das Auseinandergehen der Wege und für die vielgestaltige Problemlage, mit der wir es heute zu tun haben. Die Studie II blickte dann bereits auf die Erklärungen von acht Gliedkirchen der EKD zurück, die, angefangen mit der Erklärung der Evangelischen Kirche im Rheinland von 1980, Gedanken der Studie I aufgegriffen und fortgeführt hatten. Es konnte jetzt bereits von einem "bisher erreichten Konsens" gesprochen werden. Einen besonderen Schwerpunkt der Studie II bildete die Untersuchung des Begriffs "Volk Gottes" - stellt er einen Schlüssel dar für eine theologische Zuordnung von Kirche und Judentum?

Die Studie III fasst wiederum den Ertrag des seitherigen weiteren Nachdenkens im Bereich der Gliedkirchen der EKD zusammen. Sieben Gliedkirchen haben Aussagen zum Verhältnis von Christen und Juden nicht nur gemacht, sondern diese zugleich in ihre Grundordnungen aufgenommen. Neun weitere Gliedkirchen haben synodale Erklärungen zum Verhältnis von Christen und Juden teils neu, teils abermals veröffentlicht. Einen Schwerpunkt der neuen Studie bildet die Frage: Was leistet der Begriff "Bund" für eine sachgemäße theologische Zuordnung von Kirche und Judentum? Angepackt wird ferner das brennende Problem der sogenannten "Judenmission": Erlaubt, ja gebietet die leidvolle und schuldbeladene Geschichte der Kirche in ihrem Verhältnis zum Judentum heute den Verzicht auf eine organisierte, gesonderte Judenmission - ohne dass damit die universelle Geltung der christlichen Verkündigung, die auch Juden nicht ausschließt, in Frage gestellt wird? Im Blick auf die Spannungen zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern stellt sich die Studie der Frage: Wie lässt sich die alttestamentliche Verheißung des Landes, die mit der Zusage des Bundes Gottes an Israel so eng verknüpft ist, verstehen - ohne dass daraus eine christliche Bestätigung von territorialen Ansprüchen jüdischer Gruppen oder eine religiöse Überhöhung des Staates Israel abgeleitet wird? Die Überlegungen, die zu diesen Fragen in der Studie angestellt werden, und die Antworten, die sie zu geben versucht, sind auf einen möglichst breiten Konsens innerhalb der EKD angelegt. Dennoch wird die Zustimmung dazu - wie auch im Rat der EKD - nicht einhellig, sondern differenziert ausfallen.

Wie schon die vorangehenden Studien kann auch die vorliegende Studie nicht in Anspruch nehmen, alle wesentlichen Fragen behandelt oder gar gelöst zu haben. Der Rat der EKD hat den von der Studienkommission ausgearbeiteten Text eingehend, zu manchen Punkten auch kontrovers, beraten. In der Frage der Auslegung einzelner Bibelstellen bleibt schon der Natur der Sache nach Raum für unterschiedliche Auffassungen. Der Rat will mit der Studie III zur Auseinandersetzung einladen, Positionen nicht ausgrenzen, sondern sie auf ihre Konsensfähigkeit ansprechen, Schwerpunkte setzen und Signale geben für weitere Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum.

Der Weg, den wir in unserem Verhältnis zum Judentum zu gehen haben, als Kirchen, als Gemeinden, als interessierte Einzelne, als Theologen oder Nichttheologen, bedarf weiterer Schritte. Dafür möchte die neue Studie hilfreich sein. Der Rat übergibt sie den Gemeinden und allen interessierten Leserinnen und Lesern in der Hoffnung, daß die Neubesinnung der Kirche auf ihr Verhältnis zum Judentum an theologischer Tiefe gewinnt und das Gespräch zwischen Christen und Juden neue Impulse erfährt.

Hannover, den 14. März 2000

Präses Manfred Kock
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland