Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Gewaltsame Konflikte und zivile Intervention an Beispielen aus Afrika - Herausforderungen auch für kirchliches Handeln, EKD-Texte 72, 2002

Vorwort, Leitsätze und Thesen

Vorwort

Die Anschläge vom 11. September 2001 und ihre Folgen haben uns vor Augen geführt, wie sehr wir selbst mit scheinbar weit entfernten gewaltsamen Konflikten verwoben sind. Die aktuelle Bedeutung von Religion und von Religionsgemeinschaften in diesen Auseinandersetzungen ist auch bei jenen bewusst geworden, die den Faktor Religion bislang unterschätzt haben. Nun wird verstärkt diskutiert, welche Rolle die Religionen einerseits mit ihren ideologisch pervertierten Konfliktanteilen an der Zuspitzung von Gewalt und andererseits mit ihren friedensfördernden Traditionen an der Deeskalation von Konflikten haben.

Mit der Arbeit an der vorliegenden Studie hatte die EKD-Kammer für Entwicklung und Umwelt bereits lange vor den Anschlägen auf die USA begonnen. Notwendig geworden waren diese Überlegungen spätestens mit der Entsendung deutscher Soldaten in Konfliktherde außerhalb des NATO-Bündnisgebiets. Auf dem Balkan ebenso wie in Afghanistan zeigte sich, dass militärische Interventionen im Grunde nur wenig beisteuern können, um dauerhafte Lösungen zu gewährleisten.

Gegenwärtig ist wieder einmal Afrika Schauplatz einer großen Zahl gewaltsamer Konflikte. Da die Kirchen in diesem Kontinent vielfach engagiert sind, befasst sich die Kammer der EKD bei dieser Studie schwerpunktmäßig mit gewaltsamen Konflikten in afrikanischen Staaten. Dort wird beispielhaft deutlich, vor welchen Fragen und Problemen auch das ökumenische Handeln der Kirchen in Deutschland, die kirchliche Entwicklungszusammenarbeit und die Katastrophenhilfe der Diakonie stehen. Die Kammer-Studie beschreibt ethische Dilemmata, mit denen die Kirchen und ihre Hilfsorganisationen konfrontiert sind, wenn sie in gewaltsamen Konflikten vermitteln oder elementare Not lindern wollen. Sie beschränkt sich aber nicht darauf, Probleme lediglich zu benennen. Sie will über international diskutierte Konzepte für zivile Intervention in gewaltsamen Konflikten informieren und Handlungs- und Wirkungsmöglichkeiten ziviler Interventionen in gewaltsamen Konflikten aufzeigen.

„Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ – bereits mit der Auswahl des biblischen Leitworts aus dem Lukasevangelium knüpft die Kammer der EKD für Entwicklung und Umwelt an den Titel der friedensethischen Denkschrift von 1994 „Schritte auf dem Weg des Friedens“ an und baut auf sie auf. Der Blick wird auf unseren eigenen Weg gerichtet. Welche Schritte können wir tun, als Kirchen, als Christinnen und Christen, als engagierte Bürger um eine gewaltsame Austragung von Konflikten zu vermeiden, zu ihrer Beilegung beizutragen und verfeindete Parteien zu versöhnen? Wer diese Fragen beantworten und die Konsequenzen für das eigene Handeln bedenken will, muss die komplizierte Dynamik von gewaltsamen Konflikten besser verstehen. Die Studie der EKD-Kammer für Entwicklung und Umwelt nimmt darum neben der Rolle von Religionen auch die Fragen der Ethnizität, die Folgen der Globalisierungsprozesse in der Weltwirtschaft sowie Ursachen und Folgen des Zerfalls staatlicher Strukturen in den Blick ebenso wie einige der komplexen Wechselwirkungen zwischen diesen Komponenten.

Von den Kirchen ist zum Thema Krieg und Frieden schon viel gesagt worden. Die Studie ist ein weiterer Versuch des Rates der EKD und seiner Kammer für Entwicklung und Umwelt, die Kirchen und ihre Dienste und Werke zu friedensstiftendem Handeln ermutigen. Diese Ermutigung zielt über den nationalen Kontext hinaus. Auch im Blick auf die ökumenischen Partnerschaften mit Kirchen in Kriegsgebieten sollen hiermit Anregungen für kritische Bestandsaufnahmen geliefert und Anstöße für nötige Reformen gegeben werden.
Der Rat der EKD dankt der Kammer für Entwicklung und Umwelt und den anderen an der Vorbereitung beteiligten Personen für die Erarbeitung dieses EKD-Beitrags zur ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt.

Hannover, 15. Juli 2002

Präses Manfred Kock
Vorsitzender des Rates der
Evangelischen Kirche in Deutschland


 
Leitsätze und Thesen

  1. Religiöse Identität kann bei der Gruppenbildung von Konfliktparteien und für die Legitimierung von Gewalthandlungen eine wichtige Rolle spielen. Aber Religionen und Religionsgemeinschaften können auch ein wichtiges Potenzial zur Wahrung und Wiederherstellung des Friedens und zur Versöhnung entfalten.

  2. Ein entscheidender Faktor für die gewaltsame Austragung von gesellschaftlichen Konflikten liegt in der Aushöhlung von Staaten und staatlicher Autorität. Staaten zerfallen nicht, sie werden zerstört. 

  3. In vielen Fällen ist der Krieg selbst, nicht erst der erhoffte Sieg, mit erheblichen wirtschaftlichen Vorteilen für die Kriegsherren verbunden, die nur in einem rechtsfreien Raum zu realisieren sind.  

  4. Auch ein noch so archaisch anmutendes Gewaltgeschehen im entferntesten Winkel der Erde ist mit dem Weltmarkt verbunden. Der Zugang zum globalen Markt macht die Gewaltherrschaft über Naturschätze und Produkte profitabel. Wirtschaft und Politik müssen gemeinsam dazu beitragen, die Möglichkeiten einer gewaltsamen Austragung von Konflikten zu verringern.  

  5. Die heutigen Kriege werden vor allem mit sogenannten Kleinwaffen ausgetragen, die zwischen den verschiedenen Krisengebieten oder Industrieländern und Kriegsgebieten gehandelt werden

  6. Entwicklungs- und Katastrophenhilfe, von der oft das Überleben von Hunderttausenden oder gar Millionen von Menschen abhängt, kann von kriegsführenden Parteien in ihr militärisches Kalkül miteinbezogen werden.  

  7. Staatliche Einflussnahme kann den Entscheidungsspielraum der nicht-staatlichen Hilfsorganisationen einschränken.  

  8. Nothilfe- und Entwicklungsorganisationen müssen in gewaltsamen Konflikten kontinuierlich überprüfen, inwieweit ihr Handeln gewaltminimierend oder gewaltverschärfend wirkt.  

  9. Zur Reduzierung von Gewalt in gesellschaftlichen Konflikten ist eine wirksame Kontrolle des Handel mit Produkten nötig, die aus Kriegszonen stammen und zur Finanzierung von Kriegen genutzt werden. 

  10. Ein wichtiger Ansatz für externe Intervention sind die Einrichtungen und Gruppen in der Bevölkerung, die nicht aktiv in das gewaltsame Konfliktgeschehen einbezogen sind.  

  11. Es ist auch Aufgabe der Kirchen, eine Politik der Krisenprävention und Konfliktbearbeitung zu verfolgen, statt sich allein auf die zivilisierende Wirkung von Entwicklung und Demokratisierung zu verlassen.  

  12. Nichtregierungsorganisationen müssen sich davor hüten, dem Aufbau eigener Hilfenetzwerke Priorität vor dem Aufbau öffentlicher Einrichtungen zu geben. NRO können demokratische Strukturen nicht ersetzen.  

  13. Kirchen in Industriestaaten müssen in ihren Dialogen mit der Wirtschaft auch die Fragen aufgreifen, die sich aus der Verbindung lokaler Kriegsökonomien mit dem Weltmarkt ergeben. Dieser Aspekt muss auch in der Kontroverse um Globalisierung mitbedacht werden.  

  14. Ein ziviler Friedensdienst muss nach dem Prinzip des geringsten Eingriffs, dem Grundsatz der Hilfe zur Selbsthilfe und unabhängig von staatlichen Einflüssen gestaltet werden.  

  15. Kirchen, humanitäre Hilfs- und Entwicklungsorganisationen, zivile Friedensdienste haben Wirkungsmöglichkeiten, um die gewaltsame Austragung von Konflikten zu verhindern oder zu ihrer Beendigung beizutragen. Aber niemand kann Frieden für andere machen. Frieden muss von innen, aus der jeweiligen Gesellschaft heraus, wachsen.



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