Fern der Heimat: Kirche - Urlaubs-Seelsorge im Wandel
Ein Beitrag der EKD zu einer missionarischen Handlungsstrategie, EKD-Texte 82, 2006
II. Der Urlaub – Anlass für eine Begegnung mit Kirche
Zunächst sind die Dimensionen dieses Handlungsfeldes zu bedenken: Jedes Jahr machen auf Mallorca zwischen 3 und 4,5 Millionen Deutsche Urlaub, auf Gran Canaria sind es ca. 3 Millionen und auf Teneriffa fast 4 Millionen, auf Fuerteventura und Lanzarote zusammen über 3 Millionen. Das sind allein in diesen Regionen (Kanaren und Balearen) zwischen 13 und 15 Millionen deutsche Urlauber, von denen wohl ca. ein Drittel evangelisch sind, also 4,5 bis 5 Millionen. Andere touristische Regionen wie das spanische Festland, Griechenland oder die Türkei verzeichnen – wie in Kap. I.1 gesehen – sehr große und z.T. wachsende Zahlen deutscher Urlauber. So verbringen insgesamt am Mittelmeer rund 23 Millionen Deutsche ihren Urlaub. Diese Zahlen zeigen, dass die EKD in ihrer Arbeit an Urlaubsorten in Südeuropa einen wichtigen Dienst an vielen Millionen Mitgliedern der Landeskirchen wahrnimmt.
Diese Dimensionen wirken sich auch in der Praxis aus. Viele Menschen nehmen im Urlaub die Möglichkeit wahr, einen Gottesdienst zu besuchen. In den Gemeinden in Südeuropa sind Gottesdienste mit ca. 150 Urlaubern keine Seltenheit und der evangelische Gottesdienst in Playa del Inglés auf Gran Canaria, eine der Hochburgen deutscher Touristen, wird während der Saison jede Woche von ca. 350 Urlaubern besucht.
Offensichtlich findet der Gottesdienstbesuch bei vielen Urlaubern aus den unterschiedlichsten Beweggründen eine ganz besondere Beachtung und Bedeutung. Angesichts der geschilderten Tourismustheorien und der Nähe zu den Schwellen des Lebens überrascht es nicht, dass 41% der Touristen sich im Urlaub mit ihrer Lebenssituation befassen und über die Gestaltung ihres Lebens nachdenken(12). Pfarrerinnen und Pfarrer an den Urlaubsorten Südeuropas berichten übereinstimmend, dass sich die Gottesdienstgemeinde neben Residenten zum einen aus Personen zusammensetzt, die ihrer Heimatgemeinde verbunden und kirchlich aktiv sind und zum anderen aus Personen, die in Deutschland entweder nur noch eine lose Anbindung an ihre Gemeinde haben, oder ausgetreten sind, oder noch nie Mitglied einer Kirche waren. Dabei ist der Anteil der sog. „Kirchenfernen“ auffallend hoch, das Verhältnis von gut kirchlichen Teilnehmern zu neu oder wieder Suchenden wird auf 30% zu 70% geschätzt(13). „Das Interesse an Lebens- Such und Sinnfragen ist bemerkenswert und die im besten Sinne fast volkskirchlich anmutende Aufgeschlossenheit [...] ist einfach erstaunlich“(14).
So eröffnet der Urlaub vielen Menschen, die nicht (mehr) in der Kirche sind, die Gelegenheit für eine neue Begegnung mit Kirche. Der Urlaub ist der Ort, Neues auszuprobieren und sich berühren zu lassen, auch in den Tiefenschichten der Seele. Die Zeit des Urlaubs bietet die Möglichkeit zum Innehalten, zum „Seele baumeln lassen“, Durchatmen und Nachdenken. Vergangenes kann bedacht werden, Gegenwärtiges wird gelebt und genossen. Zukünftiges wird geplant und neue Horizonte gelangen in den Blick. Damit kann der Urlaub zur Gelegenheit lebensgeschichtlicher Sinnarbeit und Anlass für einen Gottesdienstbesuch werden. Hier zeigt sich eine Nähe zu den Kasualien(15), wenn man bedenkt, dass Kasualien „Gelegenheiten lebensgeschichtlicher Sinnarbeit“(16) sind. Ebenso ist zu bedenken, dass der Urlaub eine Schwellensituation darstellt (s. S. 14). Lebensschwellen und Lebensgeschichte sind Brennpunkte gegenwärtiger Kasualtheorie(17). Das rückt den Gottesdienst im Urlaub in die Nähe der Kasualien; er ist aber zugleich von diesen zu unterscheiden(18), da eine Kasualie mehr ist als anlassbezogenes Handeln. Trotzdem ist erkennbar: Der Urlaub ist Schwellenübergang, Anlass zu lebensgeschichtlicher Sinnarbeit und so für viele Menschen Grund und Anlass, wieder einen Gottesdienst zu besuchen.
Diese Nähe des Urlaubsgottesdienstes zu den Kasualien hat eine doppelte Folge: den Auftrag der Evangeliumsverkündigung in der besonderen Situation des Urlaubs und eine dem Urlaub angemessene Form des Gottesdienstes. Kirche hat die Aufgabe, den Menschen auch bei diesem Schwellenübergang nahe zu sein und ihn zu gestalten. Hier lässt sich Gott als der Mitgehende erfahren. Deshalb ist es eine liturgische Aufgabe, Formen zu entwickeln, die der punktuellen Begegnung, der Situation des Umbruchs und des Neuen Rechnung tragen. In dieser besonderen Situation angemessene Formen der Verkündigung zu gestalten sowie den Menschen eine Gotteserfahrung zu ermöglichen, bedeutet eine große missionarische Chance. Für kirchliches Handeln und für die Menschen eröffnet der Urlaub neue Horizonte.
Fußnoten:
(12) So Rinne, Reiner: Kirchlicher Dienst an Urlaubsorten im Ausland, in: Kirchenamt der EKD, Hauptabteilung III (Hg.): Mitteilungen aus Ökumene und Auslandsarbeit, Ausgabe 1998, S. 200-202, hier S. 201.
(13) Mezger, Steffen: a.a.O., S. 7.
(14) Ebd., S. 3.
(15) Grundsätzlich lassen sich ein „weiter“ und ein „enger“ Kasualbegriff unterschieden. Der enge Kasualbegriff umfasst Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung, der weite Kasualbegriff umfasst darüber hinaus noch besondere gottesdienstliche Akte wie Ordination, Beichte sowie verschiedene Weihehandlungen, S. Steck, Wolfgang: Art. Kasualien in: TRE, Bd. 17., Berlin - New York 1988; Winkler, Eberhard: Art. Kasualien, 4RGG Bd. 4, Tübingen 2001. Eberhard Winkler geht sogar so weit, auch Geburtstage unter einen weiten Kasualbegriff zu fassen, s. ders., Tore zum Leben, Neukirchen 1995, S. 43ff.
(16) Gräb, Wilhelm, Lebensgeschichte – Lebensentwürfe – Sinndeutungen: eine praktische Theologie gelebter Religion, Gütersloh 1998., S. 188.
(17) Fechtner, Kristian: Kirche von Fall zu Fall. Kasualpraxis in der Gegenwart – eine Orientierung. Gütersloh 2003, S. 34.
(18) Auf das unterschiedliche Gewicht der Schwellensituation des Lebens verglichen mit dem Urlaub weist auch Turner in seine Theorie der „rites de passage“ hin. Er unterscheidet dabei liminale und liminoide Phänomene. Als Liminale sieht er die kirchlichen Schwellenübergänge, also Konfirmation, Taufe, Hochzeit und Beerdigung. Daneben haben sich, so Turner, Riten ausgebildet, die den kirchlichen Übergangsriten ähneln und eine ihnen vergleichbare gesellschaftliche Funktion erfüllen. Er nennt sie liminoide Phänomene und versteht darunter Kunst, Sport, Spiel, Unterhaltung, Freizeit und Urlaub, die einen vom Alltag unterschiedenen Bereich beschreiben. Auch hier zeigt sich die Nähe und zugleich die Unterscheidbarkeit des Gottesdienstes im Urlaub zu den Kasualien. S. Turner, Victor: Vom Ritual zum Theater. Der Ernst des menschlichen Spiels, Frankfurt a.M. 1989, S. 83ff.

