Verbindlich leben

Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften in der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ein Votum des Rates der EKD zur Stärkung evangelischer Spiritualität, EKD-Texte 88, 2007

Geleitwort des Ratsvorsitzenden

Evangelische Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften sind besondere Gestalten evangelischer Spiritualität. Seit Martin Luthers scharfer Kritik am Ordens und Klosterleben seiner Zeit hatten die Kirchen der Reformation über Jahrhunderte hin eine Scheu gegenüber dieser Lebensform. Kommunitäre Lebensformen, verbindliche Gemeinschaften, zölibatäre Selbstverpflichtungen schienen etwas „Unevangelisches“ an sich zu tragen. Das hat sich Gott sei Dank grundlegend gewandelt. Die Einsicht ist gewachsen, dass auch evangelische Spiritualität auf Gemeinschaften angewiesen ist, die dem gemeinsamen geistlichen Leben gewidmet sind. Das Selbstverständnis evangelischer Kommunitäten greift heute in der Regel nicht auf spätmittelalterliche Formen zurück, sondern stützt sich auf die ganz frühen Gestalten zölibatären und gemeinschaftlichen Lebens in der Zeit der Alten Kirche. Denn seit den Anfängen der Christenheit hat es geistlich verbindliches, spirituell verdichtetes und gemeinschaftliches Leben gegeben, das sich auf die Anbetung Christi richtete und eng mit tätiger Nächstenliebe verknüpft war. Die Tragfähigkeit und die Ausstrahlungskraft dieser Lebensform erweisen sich heute aufs Neue.

Heutige geistliche Gemeinschaften und Kommunitäten sind zu unterschiedlichen Zeiten und unter unterschiedlichen Bedingungen entstanden. Die einen sind eine eigenständige Fortsetzung der im 19. Jahrhundert entstandenen Dienstgemeinschaften von Diakonissen und Diakonen; andere gründen in den geistlichen Aufbrüchen des frühen 20. Jahrhunderts; wieder andere sind als evangelische Antworten auf die geistlichen, kulturellen und kirchlichen Wirrnisse in der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu verstehen oder entwickelten sich aus den Veränderungen der Nachkriegszeit. Heute stellt sich die Lebensweise von Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften offenkundig als eine verbindliche Lebensform derer dar, die sich gegen manche diffuse Unverbindlichkeit geistlich konzentrieren und die Freiheit des Glaubens in Gottes Gegenwart aus christlichen Wurzeln heraus gestalten wollen. Sie sind ein Schatz der evangelischen Kirche, den es zu fördern und zu festigen gilt.

Die evangelischen Kommunitäten, die Schwestern und Bruderschaften und die verbindlichen Gemeinschaften einschließlich ihrer Zentren legen Wert darauf, frei zu bleiben. Sie finanzieren sich zum großen Teil durch die jeweilige gemeinsame Arbeit oder durch Einkünfte aus individueller Berufsarbeit. Viele Kommunitäten haben intensive Freundes und Förderkreise, die sie finanziell und geistig unterstützen. Es ist diese Mischung aus Autonomie und Alternative, aus geistlicher Verdichtung und ökumenischer Offenheit, die die Faszination der Kommunitäten und verbindlichen Lebensgemeinschaften heute ausmacht. Entsprechend gibt es seit Jahren ein großes Interesse gerade junger Menschen an dem Angebot von „Klöstern auf Zeit“. Für eine bestimmte Dauer und biographische Wegstrecke möchte man eintauchen in ein Klosterleben, möchte einen Raum der Stille mitten im Strom der Zeit entdecken und so Halt finden vor Gott und in sich. Eine Liste von Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften, die ein solch befristetes Mitleben anbieten, ist diesem Text angefügt; sie wird seit Jahren in der EKD geführt und ist in der jeweils aktuellen Fassung auf der Homepage der EKD nachzulesen.

Ein gutes und förderndes Zusammenwirken von Kirche und Kommunitäten enthält große geistliche Chancen in sich. Angesichts der verbreiteten Sehnsucht nach geistlicher Verdichtung und spiritueller Suche, angesichts auch der vielen Kirchenräume, die Kirchengemeinden mitunter nicht mehr voll auszufüllen vermögen, ist es die Hoffnung des Rates der EKD, dass Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften besondere kirchliche Orte mit ihrem Gebet und Geist erfüllen können. Solche „kommunitären Profilgemeinden“, sei es als Stadtkloster oder als Eremitage auf dem Lande, sollten aber in einem guten Verhältnis zu den parochialen Strukturen vor Ort wirken können. Das ist die Hoffnung, die auch in der Reformdiskussion der EKD ausdrücklich ausgesprochen worden ist.

Es sind eine Reihe von geistlichen Herausforderungen, die sich mit dem Verhältnis zwischen den Kirchen und den evangelischen Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften stellen; die folgende Schrift versucht, einen Teil dieser Herausforderungen zu benennen und Anregungen zu geben, wie sie gemeinsam bearbeitet werden können. Dem Rat der EKD liegt sehr viel daran, einen guten gemeinsamen Geist zwischen evangelischen Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften auf der einen und Gemeinden, Kirchenkreisen und Landeskirchen auf der anderen Seite zu befördern; der Rat der EKD hofft darauf, mit dieser Veröffentlichung das Seine dazu beitragen zu können. Denn auch heute gilt, dass wir einander dienen sollen, „ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes“ (1 Petrus 4, 10).

Berlin/Hannover, im April 2007

Bischof Dr. Wolfgang Huber
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland



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