"Gewalt gegen Frauen"

Im Auftrag des Rates der EKD, 1999 (Teil I)

V. Exkurs: Diskussion des Themas in der Frauenarbeit und der Männerarbeit

Die Mitgliederversammlung der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland (EFD) hatte im Oktober 1995 beschlossen, daß die EFD ein Papier zu den theologischen Aspekten der Gewalt gegen Frauen und Mädchen erarbeiten solle. Das Papier wurde für die Diskussion in Frauen- und Gemeindegruppen erstellt und im September 1996 von der EFD-Mitgliederversammlung verabschiedet; 124 zugleich wurde es als Beitrag der Frauenarbeit in das Studienvorhaben "Gewalt gegen Frauen" eingebracht.

Aus der in dem Beschluß der EKD-Synode ebenfalls angesprochenen Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland (im folgenden Männerarbeit) wurden zwei Papiere eingebracht: Der Theologische Vorsitzende legte im Dezember 1996 "Einige theologische Überlegungen aus der Sicht eines Mannes" vor124, der Geschäftsführer faßte im November 1996 die Rezeption des Themas in der Männerarbeit der EKD zusammen. Beide Texte sind in Kenntnis des EFD-Papiers entstanden.

1.1 Hinter dem Beschluß der EFD, sich mit dem Thema gezielt unter theologischem Aspekt auseinanderzusetzen, steht die Beobachtung in Beratung und Seelsorge, daß Frauen und Mädchen, die Opfer von Gewalt werden, sich als Schuldige fühlen. Das führt zu der Frage nach der Mitschuld von Kirche und Theologie an der Leidensbereitschaft von Frauen und der Gewaltbereitschaft von Männern.

Der Erarbeitung des Papiers liegen eine Reihe von Vorentscheidungen zugrunde, die dem allgemeinen Diskussionsstand in der Frauenbewegung entsprechen: Gegenstand ist die Gewalt von Männern gegen Frauen und Mädchen, ohne zu leugnen, daß auch Jungen Opfer von Gewalt sind und auch Frauen Gewalt ausüben. Die Thematik wird auf sexuelle Gewalt zugespitzt, da Gewalt zwischen Männern und Frauen immer sexuelle Elemente enthält bzw. in sexuelle Gewalt umschlägt. Es wird einseitig Partei für Frauen und Mädchen genommen, wie es der Bildungs-, Präventions- und Beratungsarbeit mit Frauen als den tatsächlich oder potentiell von Gewalt Betroffenen angemessen ist. Gewalt wird als personales Handeln definiert, für das Täter verantwortlich gemacht werden können, wobei sich gewaltsames Handeln und gewaltfördernde gesellschaftliche Strukturen gegenseitig bedingen und legitimieren. Der Begriff "Opfer" wird nur als Gegenbegriff zu "Täter" verwendet, er sollte nicht dazu benutzt werden, mißhandelte und mißbrauchte Frauen auf ihren Opferstatus festzulegen. Sie sind als um Überleben ringende Handlungssubjekte anzusprechen.

1.2 Die theologischen Ausführungen werden in den Rahmen einer feministischen Patriarchatskritik gestellt, die Gewalt gegen Frauen als Ausdruck eines in die gesellschaftlichen Strukturen eingeschriebenen Macht- und Wertgefälles zwischen Männern und Frauen sieht. Diese Struktur schlägt sich im christlichen Gottesbild, in der Christologie und in der christlichen Anthropologie und Ethik (dem Verständnis von weiblicher Schuld und Sünde, der Idealisierung von Ehe und Familie und der Forderung nach Vergebung seitens der Opfer) nieder und wird durch Predigt und Lehre der Kirche immer wieder abgestützt. Sie führt u.a. dazu, daß sich die Opfer schuldig, also als Täter/innen fühlen und die Täter zu Opfern erklärt und entschuldigt werden.

Dabei geht es zum Teil darum, die biblische Tradition gegen ihre patriarchale Auslegungsgeschichte in Schutz zu nehmen, zum Teil darum, theologische Traditionen, die durch eine zweitausendjährige Schuldgeschichte diskreditiert sind, zugunsten anderer theologischer Traditionen zu relativieren. Das Papier schließt mit Hinweisen, wie Frauen die christliche Tradition für Befreiung und für die konkrete Praxis des Widerstehens gegen Gewalt in Anspruch nehmen können.

Bei den theologischen Ausführungen kann das Papier an eine breite emanzipatorische Frauenbildungsarbeit auf feministisch-theologischer Basis anknüpfen, die sich in Bibelarbeiten zu Texten über Gewalt gegen Frauen, theologischen Studientagen und selbstgestalteten (Klage-) Gottesdiensten vollzieht. Dabei stößt vor allem die Kritik an einem einseitig männlichen, autoritären Gottesbild auf weitgehenden Konsens in der Frauenarbeit. Weniger akzeptiert bzw. zur Kenntnis genommen ist die feministische Infragestellung einer einseitigen Betonung der Sühneopfertheologie.

1.3 Das Papier wurde auf der EFD-Mitgliederversammlung 1996 zunächst sehr kontrovers diskutiert. Angefragt wurden vor allem die kritischen Aussagen zur Bedeutung des Leidens und des Todes Jesu. Zum anderen wollten viele Delegierte nicht durch öffentliche Kritik an Kirche und Theologie Beifall von der falschen Seite bekommen. Diese Anfragen wurden als ein Bestandteil des Papiers in einem Anschreiben ausdrücklich benannt. Daraufhin konnte das Papier fast einstimmig verabschiedet und haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen in der Evangelischen Frauenarbeit und Frauen und Männern in anderen kirchlichen Handlungsfeldern als Diskussionsgrundlage empfohlen werden.

Obwohl die EFD aufgrund dieser Diskussionslage bewußt keinerlei Öffentlichkeitsarbeit für das Papier gemacht hat, war die ursprüngliche Auflage von 3 000 Exemplaren bereits im Dezember 1996 vergriffen. Es mußten zweimal 5 000 Exemplare nachgedruckt werden. Insgesamt sind bis Sommer 1997 11.000 Exemplare bei der EFD angefordert worden.

2. Anders als das Papier aus der Frauenarbeit sind die beiden Papiere aus der Männerarbeit der EKD persönlich verantwortete Ausführungen, die die Diskussion, wie sie in Schwerpunktheften des "Männerforums" und in der Männerarbeit insgesamt geführt wird, aufgreifen.

2.1 Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt gegen Frauen nimmt die Männerarbeit ebenso wie die Frauenarbeit einen bewußt geschlechtsspezifischen Standpunkt ein. Das ist ein wichtiges Ergebnis der Frauenbewegung, das nun auch in der Männerarbeit zu fruchtbaren neuen Ansätzen und Aktivitäten führt. Eingeräumt wird, daß diese bei den Männern in der Kirche noch in den Anfängen sind und auch auf nur geringes Interesse in der allgemeinen Öffentlichkeit stoßen. Als notwendig angesehen wird eine geschlechtsspezifische Bildungs- und Beratungsarbeit mit Männern und eine emanzipatorische Jungenarbeit.

Ebenso wie in der Frauenarbeit werden die strukturellen Ursachen der Gewalt, die männlichen Dominanzstrukturen und die strukturelle Benachteiligung und Minderbewertung von Frauen benannt. Auch wird der Gewaltbegriff nicht so weit gefaßt, daß personale Verantwortung verloren ginge und Unrecht nicht mehr zugerechnet werden könnte. Gesellschaftliche Strukturen fördern zwar Männergewalt, aber Männer sind ihnen nicht ausgeliefert, sondern tragen Verantwortung. Mit der Frauenarbeit wird eingeräumt, daß Vergebung nur erbeten, nicht eingefordert werden kann.

2.2 Frauenarbeit und Männerarbeit haben bei der Thematik Gewalt gegen Frauen asymetrische Ausgangsbedingungen. Frauen sind in jedem Fall tatsächliche oder potentielle Opfer von Männergewalt, und sie erfahren in ihrem Alltag alle Männer als potentielle Täter. Sie können durch eine öffentliche Diskussion des Themas und daraus erfolgende gesellschaftliche Veränderungen nur gewinnen. Die Männerarbeit muß berücksichtigen, daß die geforderte Solidarität und der erforderliche Bewußtseinswandel für Männer komplexer ist als für Frauen. Sie hat Gründe, die These, daß alle Männer potentielle Täter sind, zu differenzieren. Sie muß deutlich machen, daß die Infragestellung gewaltfördernder gesellschaftlicher Strukturen zu Machtverlust von Männern führt, ja bewußten Machtverzicht erfordert.

Die Männerarbeit sieht, daß Männer eine doppelte Solidarität aufbringen müssen: Sie müssen in "Solidarität mit den Frauen" für die Opfer von Männergewalt eintreten und stehen doch zugleich auf der Seite von Männern: auf der Seite der gewaltfreien Männer, um diese darin zu bestärken, und an der Seite der Täter, um diese - auch um der Opfer willen - zur Einsicht ihrer Schuld und - auch um der Gemeinschaft von Frauen und Männern willen - zur Therapie zu führen. Der theologischen Unterscheidung zwischen Sünde und Sünder entspricht für sie der Satz "Nein zur Tat, aber Ja zur Täterarbeit".

Die als kollektive Schuldzuweisung erlebte These, daß alle Männer potentielle Gewalttäter sind, wird aus der Sicht der Männerarbeit aus folgenden Gründen zurückgewiesen: Sie ist ungerecht und ungerechtfertigt; dadurch werden Männer, die sich um gewaltfreies Handeln bemühen, verbittert; sie könnte zu einer falschen Solidarisierung von Männern mit Gewalttätern führen: gewalttätige Männer könnten sie als Entschuldigung für ihr Tun mißverstehen. Nachdem das gesagt ist, können alle Männer, auch solche, die Gewalt verurteilen, zu einem differenzierten Schuldbekenntnis dafür aufgefordert werden, daß sie Gewalt und Gewaltstrukturen zulassen, billigend in Kauf nehmen oder davon profitieren und sich des Unterlassens aktiven Eintretens gegen Männergewalt und Gewaltstrukturen schuldig machen. (Dieser Gedanke ist ein Pendant zu der feministischen These von der Mittäterschaft von Frauen.) Von besonderem Interesse ist der Gedanke, daß letztlich auch Männer durch die Dominanzstrukturen von Macht und Gewalt geschädigt werden und an Rollenzwängen und Überforderung leiden. Nur wenn sie sich selbst als Opfer des Systems begreifen lernen, kann der Wille zu Veränderung in ihnen erstarken und der erforderliche Machtverzicht als Gewinn entdeckt werden.

2.3 Anders als das Papier der Frauenarbeit enthalten die Ausführungen der Männerarbeit keine kirchen- und theologiekritischen Ansätze. Theologische und Glaubensaussagen - Buße, Schuldbekenntnis, Umkehr, befreiendes Evangelium - werden in einem traditionellen Sinne herangezogen. Das ist für Männer insofern möglich, als die biblische und theologische Tradition überwiegend aus der Sicht von Handlungssubjekten formuliert ist, die, indem sie handeln, schuldig werden und der Vergebung bedürfen.

Frauen (und andere gesellschaftlich weniger privilegierte Menschen), haben gelernt, aus der christlichen Überlieferung vor allem die Aussagen auf sich zu beziehen, die zu Geduld um Christi willen und zum Erleiden von Unrecht und Gewalt auffordern, und sie werden darin durch Theologie und Predigt bis heute bestätigt. Seit Frauen diese Rollenzuweisung um ihrer selbst und um der Gemeinschaft von Frauen und Männern willen in Frage stellen, fangen sie an, die Bibel mit anderen Augen zu lesen und nach Elementen der Tradition zu suchen, die sie als Frauen zu aktivem Handeln ermächtigt.

Eine eigenständige theologische Perspektive könnte die Männerarbeit erarbeiten, wenn sie die Einsicht, daß auch Männer durch das System versehrt werden, als theologischen Fragehorizont aufnimmt und aus der Sicht von Männern die biblischen Gottesbilder und die Rollenmodelle in der biblischen Tradition kritisch sichtet und neu entwirft.

3. Die Papiere von Frauenarbeit und Männerarbeit befragen auf dem Hintergrund von eigener Bildungs-, Beratungs- und Präventionsarbeit die akademische Theologie und von dieser Position aus die Tradition. So werden Solidaritäten geklärt, Differenzierungen angebracht und Aufgaben für die Theologie formuliert.



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