20 Jahre friedliche Revolution

Materialien für Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen (hrsg. v. Kirchenamt der EKD, 2009)

Andachten und liturgisch-homiletische Anregungen

(5) Friedensgebet am Abend des 9. Oktober 2009


Christian Führer

Ablaufplan

Introitus: Orgel/Posaunenchor/Kantorei/Gospelchor/Jugendband

Begrüßung, Hinführung zum 9. Oktober 1989

(zu lesen im Wechsel von zwei Personen)

Lied: „Seid einander Segen“

Wir hätten nicht gedacht … (zwei Personen)
a) aus dem Westen
b) aus dem Osten
c) Lesung: Psalm 138, 1-3/7+8 (beide Personen lesen im Wechsel)

Lied: „Gott gab uns Atem“ (EG 432)

Lesung: Matthäus 5,3-10 (zwei Personen im Wechsel)

Predigt über Psalm 65, 9b

Lied: „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt ...“ (im EG in vielen Regionalausgaben verfügbar

Dank und Fürbitte, dazwischen: „Du Gott stützt uns, du Gott stärkst uns ...“
(6 Beter im Wechsel)

Vater unser
Segen

Lied: „Komm, Herr, segne uns“ (EG 170)

Postludium

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Begrüßung / Hinführung zum 9. Oktober 1989
(zu lesen im Wechsel von 2 Personen)

Am Abend des 9. Oktobers 1989 war die DDR eine andere als sie noch am Morgen gewesen war. Wir erinnern uns: Seit Monaten hatte die Kritik an den bestehenden Verhältnissen mehr als früher zugenommen, war die Zahl derer spürbar angeschwollen, die jede Hoffnung auf Wandelbarkeit des Systems fahren gelassen hatten und in ihrem Staat kein Land mehr sahen.

Als der Eiserne Vorhang löchrig wurde, beherrschte die Ausreisefrage alles. Auf einmal war etwas zum Greifen nahe, was die Kommunalwahlen im Mai noch verweigert hatten: Eine Möglichkeit der Entscheidung, obschon keine einfache. Viele wurden von der Angst ergriffen, in der Enge der Republik das Leben zu verpassen. Viele zogen die Aussicht einer unbekannten Freiheit der Gewissheit ihrer bisherigen Lebensumstände vor und ließen für etwas Vages, nach dem sie sich sehnten, obwohl sie es nicht kannten, alles und alle zurück.

Anfang September war die Atmosphäre angespannt wie nie zuvor. Die Ausreisewelle tat ihr Übriges, hinzu kam jedoch eine wachsende Zahl derer, die bleiben und Veränderung wollten. Anstelle von »Wir wollen raus!« trat mehr und mehr ein »Wir bleiben hier!« In völliger Verkennung dessen, was damit gemeint war, gab sich die Staatsmacht zwei Tage nach dem Nationalfeiertag wie man sie kannte: Finster entschlossen, dem “Spuk“ ein Ende zu machen. Die abweichenden Meinungen sollten zum Schweigen gebracht werden, schließlich durfte nicht sein, was nicht sein sollte. Also musste es verhindert werden – koste es, was es wolle. So jedenfalls war der Plan und so, befürchteten viele, würde es an jenem Montag vor zwanzig Jahren sein.

Wie wir wissen, kam jedoch alles ganz anders. 70.000 Demonstranten, so viele wie nie zuvor, nahmen am 9. Oktober 1989 all ihren Mut zusammen. So trug, was 1982 mit dem ersten Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche gleich einem einzelnen Senfkorn begann, sieben Jahre später reiche Frucht: Gespeist aus lokalen Basis- und Protestgruppen, aus der Masse der Ausreisewilligen und später dann aus Friedensgebetsteilnehmern aus der ganzen Republik, formierte sich unter dem Dach der Kirche eine kritische Masse, die sich nicht länger einschüchtern ließ. Die Demonstranten trugen die Botschaft der Bergpredigt aus der Kirche hinaus auf die Straße. Mit ihrem gewaltlosen Protest im Anschluss an das Friedensgebet setzten sie ein Fanal des Aufbruchs und des Ausbruchs aus der Umklammerung der SED. So schloss sich am 9. Oktober 1989 in der und um die Nikolaikirche der Kreis mit jener schicksalhaften Leipziger Montagsdemonstration.

In der Rückschau derer, die den Demonstranten gegenüberstanden, hieß es später: „Wir hatten alles geplant, waren auf alles vorbereitet – nur nicht auf Kerzen und Gebete!“ Ihrer pointierten Formulierung zum Trotz, vermag diese Haltung nicht darüber hinwegzutäuschen, dass es ihr entschieden daran mangelt, die Bedeutung der Ereignisse zu ermessen. Denn die Botschaft, die dahinter steckt lautet einzig und allein: Wir haben alles getan, was uns aufgetragen war, haben unsere Pflicht erfüllt. Pflichterfüllung als Leitgedanke, kein Hinterfragen der eigenen Haltung. Indem sich die Bedeutung der Ereignisse verschließt, gerät das unreflektierte Gedenken zur schieren Pose.

Man könnte jenes Geschehen vor 20 Jahren aus der Distanz so zusammenfassen: Ein erstarrter Apparat hatte jeden Bezug zur Realität verloren und war sich selbst genug. Nur zwei Tage nach den Feiern zum 40. Jahrestag der Staatsgründung war er führungslos geworden und taumelte von jenem 9. Oktober an seinem Ende entgegen. Fast auf den Tag genau ein Jahr später entschieden sich die Deutschen in Ost und West aus freien Stücken, die deutsche Teilung zu beseitigen, die DDR hörte auf zu existieren.

Dennoch wird auch dieser Blickwinkel den Ereignissen nicht gerecht. Ihm geht nämlich jedes Einfühlungsvermögen ab, das nur der entwickelt, der den Zusammenhang erinnert, in den die Ereignisse gestellt sind. Nur durch Erinnerung erschließt sich die Bedeutung der Ereignisse.

Ohne Erinnerung gerät das Gedenken zur schwachen Pose.

An den 9. Oktober zu erinnern, ist und bleibt für uns, bleibt für unsere Demokratie eine Verpflichtung: Einmalig in Deutschland gelang eine Revolution – ohne Blutvergießen, ohne einen einzigen Schuss. Und das in dem Land, das wie kein anderes im 20. Jahrhundert die Welt mit Unheil überschüttet hatte! Ohne einen Krieg zu provozieren, gelang es, Deutschland zu einen, was kaum mehr möglich schien, gelang es den Eisernen Vorhang zwischen Ost und West hinwegzufegen und damit die Spaltung Europas abzuschaffen. Aus der Stadt Walter Ulbrichts, mit besonderer Erinnerung an dessen Eifer bei der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli, wurde die Stadt der friedlichen Revolution.

Leipzigs Botschaft vom 9. Oktober 1989 lautet: Gesellschaftliche Konflikte friedlich und gewaltfrei zu lösen – das geht! Gerade in diesen Tagen, zwanzig Jahre danach, sind wir wieder vor eine Reihe existenzieller Fragen gestellt: Wird es gelingen, das Soziale an unseren Begriff der Marktwirtschaft wieder anzudocken, wird das neoliberale kapitalistische Weltsystem reformfähig sein, so dass es nachhaltig, verantwortlich und zugleich ökonomisch effizient funktionieren kann? Wird es möglich sein, den Naturvernichtungsfeldzug ebenso zu beenden wie den ausbeuterischen Expansionsdrang gegenüber der Dritten Welt?

Leipzigs Botschaft vom 9. Oktober 1989 lautet aber auch: Erinnert Euch, freut Euch und sagt Dank! Uns Deutschen wird gerne nachgesagt, wir wären zur Freude unfähig. In der Tat scheint vieles von dem, was vor wenig mehr als zwanzig Jahren unerreichbar schien, heute kein Anlass mehr zur Freude zu sein. Zwar haben wir – geht es um Fußball - mittlerweile gelernt, das Verlieren zu ertragen, uns trotzdem über das Erreichte zu freuen und mit den Siegern zu feiern. Doch wie belastbar ist das alles, wenn wir unsere Besitzstände gefährdet wähnen? Können wir tatsächliche Benachteiligung überhaupt noch von vermeintlicher unterscheiden? Sind wir dann noch in der Lage, über den Tellerrand hinauszublicken und den Überblick zu behalten?

Denken wir an den 9. Oktober 1989, haben wir allen Grund zur Freude und zu tiefer Dankbarkeit.

Lied: „Seid einander Segen...“


Ich hätte nicht gedacht ... ein Blick aus dem Westen

Vor 20 Jahren hätte ich im Westen nicht gedacht, dass die Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland möglich sein würde. Die Bilder der Montagsdemonstration am 9. Oktober ’89 aus Leipzig, die ich in den Nachrichten sah, beeindruckten mich tief.

Ich hätte nicht gedacht, dass das DDR Regime diese massive Kritik aus dem Volk tatenlos zulässt - vor allem nach den schrecklichen Ereignissen im Frühsommer in China auf dem Platz des himmlischen Friedens! Ich war in großer Sorge um den europäischen Frieden. Eine Eskalation hätte auch einen Flächenbrand entfachen können.

Ich hätte nicht gedacht, dass die Menschen im Osten den Mut aufbringen würden, für Freiheit und Demokratie auf die Straße zu gehen und ihr Leben zu riskieren. Ich empfand tiefen Respekt für die Menschen, und bangte um sie und ihre Familien.

Ich hätte nicht gedacht, dass die Welt mit friedlichen Mitteln so nachhaltig zum Besseren hin verändert werden könnte. Am Ende blieb die staunende Erkenntnis, dass dieses Wunder doch möglich war und ich es miterleben durfte. Ich musste nichts riskieren, ich war nur Zaungast, habe gehofft und versucht, mit meinen Gebeten zu unterstützen.

Ich hätte nicht gedacht ... ein Blick aus dem Osten

Ich im Osten hätte nicht gedacht, dass ich mich einmal nicht mehr so eingesperrt fühlen würde, sondern mich frei in aller Welt bewegen kann. Ich hatte oft ein Minderwertigkeitsgefühl, wenn die „freien Bürger“ aus dem Westen kamen und mir von ihren Möglichkeiten erzählten, die sie so selbstverständlich fanden.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich eines Tages frei meine Meinung äußern könnte, ohne Konsequenzen für mich und meine Familie befürchten zu müssen.

Ich hätte nicht gedacht, dass die innere Gefangenschaft, in die uns die staatstragende Partei zwingen wollte, aufgehoben würde. Es war für Eltern nicht leicht, ihre Kinder zu aufrechten Menschen zu erziehen und sie gleichzeitig davor zu bewahren, im Kindergarten oder in der Schule an den Pranger gestellt zu werden. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Belastung jemals von unseren Schultern genommen würde.

Zu begreifen ist dieses Wunder nicht. Wir können nur dankbar sein, dass wir mit diesem Geschenk leben dürfen.

Lesung: Psalm 138, 1-3, 7-8
(beide Personen lesen im Wechsel)

1 Ich danke dir von ganzem Herzen,
vor den Göttern will ich dir lobsingen.

2 Ich will anbeten vor deinem heiligen Tempel
und deinen Namen preisen für deine Güte und Treue;
denn du hast deinen Namen und dein Wort
herrlich gemacht über alles.

3 Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich
und gibst meiner Seele große Kraft.

7 Wenn ich mitten in der Angst wandle,
so erquickest du mich
und reckst deine Hand gegen den Zorn meiner Feinde
und hilfst mir mit deiner Rechten.

8 Der Herr wird meine Sache hinausführen.
Herr, deine Güte ist ewig.
Das Werk deiner Hände wollest du nicht lassen.


Lied „Gott gab uns Atem...“ (EG 432)


Lesung aus der Bergpredigt des Jesus von Nazareth; Matthäus 5, 3-10
(zwei Personen im Wechsel)

Selig sind, die geistlich arm sind;
denn ihrer ist das Himmelreich.

Die nicht schon auf alles eine Antwort wissen,
die sind gut dran,
denn ihnen tut sich die Welt Gottes auf.

Selig sind, die da Leid tragen;
denn sie sollen getröstet werden.

Die unter den Zuständen leiden,
die sind gut dran,
denn sie werden Mut und Hoffnung gewinnen.

Selig sind die Sanftmütigen;
denn sie werden das Erdreich besitzen.

Die nicht auf Gewalt setzen,
die sind gut dran,
denn ihnen wird die Erde gehören.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit;
denn sie sollen satt werden.

Die keine Ruhe geben und nach Gerechtigkeit schreien,
die sind gut dran,
denn sie werden zufrieden sein.

Selig sind die Barmherzigen;
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Die Gnade vor Recht ergehen lassen,
die sind gut dran,
denn sie werden Barmherzigkeit erleben.

Selig sind, die reinen Herzens sind;
denn sie werden Gott schauen.

Die sich selbst und anderen nichts vormachen,
die sind gut dran,
denn sie werden Gott vor Augen haben.

Selig sind, die Frieden stiften;
denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Die den Frieden herbeiführen,
die sind gut dran,
denn ihnen wird man glauben, dass sie von Gott sind.

Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden;
denn ihrer ist das Himmelreich.

Die angefeindet werden wegen neuer Gerechtigkeit,
die sind gut dran,
denn ihnen tut sich die Welt Gottes auf.


Predigt über Psalm 65, 9b: „Gott, Du machst fröhlich was da lebet im Osten wie im Westen.“

Liebe Friedensgebetsgemeinde!

Es war am 19. Februar 1988 in der Leipziger Nikolaikirche. Ich hatte etwa 50 Ausreisewillige zum Gesprächsabend „Leben und Bleiben in der DDR“ eingeladen. Die Reaktion der staatlichen Stellen im Vorfeld war heftig. Am Abend des 19. Februars wusste ich, warum: statt der 50 Eingeladenen waren etwa 600 Menschen gekommen.

Der Abend begann unter großer Anspannung. Weggehen oder Hierbleiben: das muss genau überlegt sein. Es ist eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Angesichts des Anlasses probierte ich eine neue Art von „Auslegung“. Ich nahm nicht einen Bibeltext und sagte einige kluge Sätze dazu. Sondern ich wählte ein Bibelwort aus, das die Menschen sofort anpackte, das sie unmittelbar auf sich beziehen konnten. Jesus hatte einmal zu seinen Freunden, die ihn umstanden, gesagt: „Wollt ihr auch weggehen?“ Diesen einen Satz nur zitierte ich und rief in die Kirche: „Jesus sagt: Wollt ihr auch weggehen?“ Es wurde mit einem Schlag totenstill in der Kirche. In den Menschen arbeitete es: Hier bist du geboren, zur Schule gegangen. Hier sind deine Eltern und Freunde. Und wenn du wirklich in den Westen kommst: Kannst du jemals wieder zurück? Womöglich erst als Rentner? Was machen die in diesem Staat eigentlich mit dir? Die ganze Aussichtslosigkeit ihrer Situation trat ihnen deutlich vor Augen. Ich sagte: „So können wir jetzt nicht aus der Kirche nach Hause gehen. Sehen wir noch einmal in die Psalmen, da steht ein wichtiger Satz für Sie drin. Im Psalm 65 heißt es „Gott, Du machst fröhlich was da lebet im Osten wie im Westen!“ Alle fingen an zu lachen. „Das haben Sie doch jetzt bestimmt erfunden“, rief jemand. „Nein“, sagte ich, „das steht schon seit Jahrhunderten in der Bibel für Sie, nur Sie haben es noch nicht gefunden!“ Die Stimmung kippte im Handumdrehen ins Positive um.

Eine befreite, fröhliche Ausgelassenheit breitete sich in der Kirche aus. Alle redeten miteinander. Ich hatte Mühe, noch einen Segen in die Massen zu sprechen. Danach kamen etliche zu mir: „Herr Pfarrer, wir gehören zwar nicht zur Kirche, aber können wir trotzdem ihre Friedensgebete besuchen?“ „Draußen steht die Nikolaikirche – offen für alle. Das gilt ausnahmslos. Sie sind uns herzlich willkommen“, erwiderte ich. Die Menschen hatten erkannt, wie gut es tut, nicht alleine zu sein. Vor allem aber, auch einmal lächeln oder lachen zu können in der ganzen Misere. Der Humor ist ein wichtiger Bruder des Glaubens. Leider kommt er in der Kirche noch zu wenig zum Tragen. In einer Situation dauernder Anspannung, Angst, Hoffnungslosigkeit und Wut kann ein Lächeln oder gar Lachen unwahrscheinlich befreiend sein. Gott sei Dank war uns das Lachen noch nicht vergangen! „Gott, Du machst fröhlich was da lebet im Osten wie im Westen“ – wird das auch noch gelten, wenn es ganz ernst wird?

Am 9. Oktober 1989, dem Tag der Entscheidung, in Leipzig? Zwei Tage zuvor waren bereits Hunderte von Menschen auf Lastwagen gezerrt und in die zementierten Pferdeboxen auf dem Gelände der Landwirtschaftsausstellung gepfercht worden. Der Auftakt sozusagen, jetzt endgültig Schluss zu machen, wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand. Aber es kam – ganz anders! Am 9. Oktober wurde die Nikolaikirche im Verbund mit den anderen Innenstadtkirchen zum Ausgangspunkt der Demonstration der 70.000 und damit zum Kernpunkt der friedlichen Revolution überhaupt. Einer Revolution, die aus der Kirche kam. Denn „Kirche“, wie Heinrich Albertz sagte, „war endlich einmal bei ihrem Herrn und damit auf der richtigen Seite: bei den Unterdrückten und nicht bei den Unterdrückern, beim Volk und nicht bei den Mächtigen.“ Und die unglaubliche Erfahrung der Macht der Gewaltlosigkeit, die die Partei- und Weltanschauungsdiktatur der DDR zum Einsturz brachte. Zugleich die wunderbare Bestätigung, dass alles wirklich wahr ist, was geschrieben steht: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.“ (Jesaja 7,9) „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen.“ (Sacharja 4,6) „Er stößt die Machthaber vom Thron und hebt die Niedrigen auf.“ (Lukas 1,52) „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12,9) Und als der 9. Oktober mit der Maueröffnung am 9. November sein spektakulärstes Ziel erreichte, kannten Staunen und Freude keine Grenzen mehr! Die tief greifenden Unterschiede zwischen Ost und West waren aufgehoben. Ein solches warmherziges Zusammengehörigkeitsgefühl in Freude und Dank hatte es seit Menschengedenken in Deutschland nicht gegeben! Wer diese Zeit zwischen dem 9. Oktober und dem 9. November 1989 miterlebte, wer diese Bilder sieht, der begreift, was es heißt: „Gott, Du machst fröhlich was da lebet im Osten wie im Westen.“ Wie wir es mit den 600 Menschen in der Nikolaikirche erlebt hatten, so war es im Großen geschehen: Aus der lebensgefährlichen Situation der Aussichtslosigkeit friedlicher Veränderungen der DDR war am 9. Oktober der nicht zu fassende Umschwung zu neuen, ungeahnten Hoffnungen und Möglichkeiten geworden!

Doch bald zog der nüchterne Alltag auch in die neuen Verhältnisse ein. Nicht lange, da kamen die ersten Ängste hoch. In der BRD, dass es ihnen an den lieb gewordenen Wohlstand gehen könnte. In der Noch-DDR, dass die negativen Seiten der Marktwirtschaft vom schwachen Teil der Bevölkerung nicht verkraftet werden könnten. Der Weg begann mit Enttäuschungen auf beiden Seiten. Im Gepäck und jederzeit griffbereit handliche Vorurteile, Gedächtnislücken, bewusste Verdrängungen, Vergangenheitsverklärung, mangelnde Kenntnis und Anschauung von 40 Jahren unterschiedlicher Entwicklung und Prägung. So waren die Deutschen hüben und drüben 1990 zunehmend ernüchtert auf dem Weg zur Einheit. Nicht eben froh, obwohl wir so viel erreicht haben, wonach wir sehnlich ausgeschaut. Nicht eben dankbar, obwohl uns ein Blick in die jüngste Vergangenheit und über gesamtdeutsche Grenzen hinweg eines Besseren belehren könnte. Nicht eben aufrecht, obwohl gerade der aufrechte Gang, mühsam in Friedensgebeten und Basisgruppentreffen unter Kirchendächern gelernt und auf der Straße bewährt, die ungeheuren Veränderungen 1989 bewirkt hatten. Darüber sind 20 Jahre ins Land gegangen. Obwohl die Arbeitslosigkeit ein dauerhaft hartes Problem ist, obwohl die Menschen am unteren Rand von Einkommen und sozialen Zuwendungen einen schweren Stand in diesem reichen Deutschland haben, obwohl immer noch schmerzliche finanzielle Unterschiede im Lohn zwischen Frauen und Männern und zwischen Ost und West bestehen, obwohl der neoliberale Globalkapitalismus durch die Banken- und Finanzkrise selbst offenbaren musste, dass auch er nicht zukunftsfähig ist, wird die Situation in Deutschland 2009 unverhältnismäßig heruntergejammert! Je länger die DDR-Zeit zurückliegt, um so mehr steigt die Zahl ihrer Bewunderer. Was ebenso für die gute alte Wirtschaftswunder-Zeit der BRD gilt. Dazu schleppen wir als schweres Erbe der DDR den Gewohnheitsatheismus mit uns herum, der das Gewohnheitschristentum ablöste. Aus der BRD lastet der Wohlstandsatheismus auf uns, der dazu noch einige christliche Flicken aufweist. Gegen Verklärung und Erblasten sagen wir den DDR-Nostalgikern in Biermannscher Schärfe: „...Das gesicherte Dahinsiechen ist vorbei. Alles ist in Bewegung geraten, die lebenslangen Frührentner fangen an ranzuklotzen wie sonst nur am Wochenende auf der Datscha. Der chronische Bummelstreik ist beendet...“ Und den BRD-Verklärern ebenfalls mit Biermann: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.“ Wir sollten uns aus dem steten Jammerton lösen, das Dankenswerte achten und die Missstände bekämpfen. Tiefgreifende Änderungen im Wirtschaftsystem sind nötig. Die Demokratie braucht eine gerechtere Wirtschaftsform als den Neoliberalismus mit den veralteten immer gleichen Antworten einer vergehenden Epoche. Die Wurzelsünde des Globalkapitalismus, die immer neue Anstachelung der Gier, muss überwunden werden. Wir brauchen die Jesus-Mentalität des Teilens, um so viele Menschen wie möglich beteiligen zu können an Arbeit und Einkommen. Wir brauchen die „solidarische Ökonomie“, die Verantwortung praktiziert. Dazu genügen nicht einige Appelle mit unerträglich ausgewogenen Verlautbarungen. Wir müssen alle in Bewegung bringen, weil es alle angeht. Wie zur friedlichen Revolution 1989. Dazu sind weder der Gewohnheitsatheismus noch der Wohlstandsatheismus in der Lage, die den lethargischen Egoismus pflegen. Vielleicht kommen sich viele heutzutage vor wie in einem Labyrinth. Man läuft pausenlos und findet doch den Ausweg nicht. Aber denken wir daran: Das Labyrinth ist oben offen! Wir brauchen wieder den Aufblick! Nicht das pausenlose Ablaufen der immer gleichen Wege. Den Aufblick, um uns orientieren zu können! Den Aufblick zu Jesus, dass wir nicht liegen bleiben und aufgeben, sondern wieder Mut und Hoffnung bekommen und wieder stehen können, dass wir widerstehen können, wie am 9. Oktober 1989. Dann sehen wir nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch das Dankenswerte, das wir jetzt schon haben. Wir sind ein offenes Land mit freien Menschen, wie es die Basisgruppen gefordert haben. Mit „Keine Gewalt“ und „Wir sind das Volk“ haben wir aus gebückter Haltung und unwürdiger Anpassung herausgefunden. In der friedlichen Revolution haben wir die Gnade Gottes erfahren trotz allem, was das „Volk der Dichter und Denker“ im vorigen Jahrhundert an unvorstellbaren Gräueltaten zu verantworten hat, besonders vor dem Volk, aus dem Jesus geboren wurde. Und leben mit der Erfahrung im Rücken und der Verheißung vor Augen: „Gott, Du machst fröhlich was da lebet im Osten wie im Westen!“

Wer wollte da mutlos werden?

Amen

Lied EG 585: „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt,...“

Dank und Fürbitte
dazwischen: „Du Gott stützt uns, du Gott stärkst uns...“

(6 Beter im Wechsel)

Du, unser Gott, wir danken Dir für die Verheißung Jesu aus der Bergpredigt. Du willst, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

In unserer Welt leben Menschen, die Opfer von Krieg, Unterdrückung, Menschenhandel, Folter, Hunger oder Missbrauch geworden sind. Wir bringen ihre Nöte vor Dich. Du kennst all ihre Namen und hörst ihre Hilferufe.

Wir bitten Dich durch Jesus Christus, segne und behüte alle Frauen und Männer, die sich einsetzen für Gerechtigkeit und Frieden.

ALLE: Du Gott stützt uns, Du Gott stärkst uns, Du Gott machst uns Mut. (gesungen)

Du, unser Gott, wir danken Dir, dass am 9. Oktober 1989 von der Nikolaikirche in Leipzig die Friedensbotschaft "Keine Gewalt" ausging und dass Du mit Deinem Segen bei allen Menschen warst, die trotz Lebensgefahr ihre Angst überwinden konnten und die Gewaltlosigkeit konsequent auf den Straßen praktiziert haben.

Wir bitten Dich durch Jesus Christus für alle, die auch heute Angst haben und dennoch ihre Stimme erheben, um für die zu sprechen, die erneut sprachlos, mutlos oder traurig und verzweifelt sind.

ALLE: Du Gott stützt uns, Du Gott stärkst uns, Du Gott machst uns Mut. (gesungen)

Du, unser Gott; wir danken dir, dass wir in einem friedlichen und demokratischen Land leben dürfen. Wir beklagen aber, dass in unserer Gesellschaft die Kluft zwischen arm und reich immer größer wird durch Maßlosigkeit und Gier.

Wir bitten Dich durch Jesus Christus, lass uns nicht müde werden dafür einzutreten, für alle Menschen ein würdevolles Leben, Bildungschancen und Möglichkeiten der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu schaffen.

ALLE: Du Gott stützt uns, Du Gott stärkst uns, Du Gott machst uns Mut. (gesungen)

Du, unser Gott, wir danken Dir für den Reichtum unserer Welt. Leider finden wir oft nicht den richtigen Umgang mit den Gütern der Erde. Misswirtschaft und Egoismus führen zu globalen und lebensbedrohenden Krisen.

Wir bitten Dich durch Jesus Christus für die Menschen, die sich von der Finanzkrise bedroht fühlen. Lass sie nicht verbittern, weil sie nicht mehr an gerechte Verhältnisse glauben können. Lass uns Arbeit und Einkommen gerecht teilen, um Arbeitslosigkeit und Armut wirksam zu bekämpfen.

ALLE: Du Gott stützt uns, Du Gott stärkst uns, Du Gott machst uns Mut. (gesungen)

Du, unser Gott, wir danken Dir, dass vor Dir alle Menschen gleich sind, die Frauen wie die Männer, die Reichen wie die Armen, die Mächtigen wie die Schwachen.

Wie oft sehen wir den Splitter in den Augen des anderen, den Balken im eigenen aber nicht.

Wir bitten Dich durch Jesus Christus um Deine Hilfe, unsere immer noch vorhandenen Vorurteile “hüben wie drüben“ zu überwinden. Lass auch nicht zu, dass sich erneut Rassismus und Fremdenhass in unserem Land festsetzen, gib uns die Energie zum Protest.

ALLE: Du Gott stützt uns, Du Gott stärkst uns, Du Gott machst uns Mut. (gesungen)

Du, unser Gott, wir danken Dir für alles Gute, das Du uns tagtäglich schenkst und erleben lässt. Auch wenn wir es oft nicht erkennen, so spüren wir doch, dass Du bei uns bist und Deine Hand über uns hältst.

Wir bitten Dich durch Jesus Christus, lass den Geist von 1989 in uns wach bleiben und auch unsere Kinder berühren, dass sie zu Menschen heranwachsen, die Jesus beim Wort nehmen und Missstände bekämpfen und für Gerechtigkeit eintreten.

ALLE: Du Gott stützt uns, Du Gott stärkst uns, Du Gott machst uns Mut. (gesungen)

Vater unser

Segen

Lied EG 170: „Komm, Herr, segne uns...“

Postludium

 

(6) Kerzenandacht am 9. November 2009


Fritz Baltruweit

Ankommen

in einer ziemlich dunklen Kirche.
Ein paar Kerzen brennen.

Die Menschen, die kommen, zünden im Altarraum eine Kerze an.

Glockenschläge

Friedens-Eröffnung
und Friedensgruß

„Wir hatten alles geplant.
Wir waren auf alles vorbereitet.
Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“
Die Worte von SED-Zentralkomitee-Mitglied Sindermann
stehen für das, was heute und in diesen Tagen vor 20 Jahren geschah.

Heute vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer.
Wir sind zusammengekommen,
an diese Stunde der Freiheit zu denken,
für sie zu danken,
und zu schauen:
Wo geht es heute darum,
für Freiheit, für Gerechtigkeit,
für Frieden einzutreten.

Herzlich willkommen
am Abend des 9. November in unserer Kirche.
Bilder stehen vielen von uns vor Augen:
Menschen, die auf der Berliner Mauer sitzen oder stehen –
mit Freuden-Tränen in den Augen.
Menschen, die in Scharen über die Todes-Grenze gehen –
die Freiheit vor Augen.
Wildfremde Menschen aus Ost und West,
die einander in die Arme schließen.
friedliche Revolution.
Zeit des Friedens.
Eine Wunder-Zeit.

Stille

So werden wir uns heute der Zusage Gottes bewusst,
der uns damals und heute sagt:
Friede sei mit Euch!
Und so sprechen auch wir uns an diesem Tag
gegenseitig den Frieden zu:
Friede sei mit euch!
(...)

Lied: Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen (EG 272)
oder: Nun danket Gott, erhebt und preiset… (EG 290, V.1+2)

Dankgebet

Lasst uns beten:
Gott,
wir danken dir heute noch einmal
für das Wunder,
das vor 20 Jahren an diesem Tag
und in diesen Tagen geschah.
Wir spüren deiner Freiheit nach,
deiner Lebenskraft,
deiner Friedens-Verheißung.
Sei mitten unter uns in dieser Stunde –
Zeig uns auch heute Wege der Befreiung,
wo das not-wendig ist.

Stille

So sprechen wir miteinander
Worte des 85. Psalms:

Alle: Gott,

erweise uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!
Könnte ich doch hören,
was Gott der Herr redet,
dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,
damit sie nicht in Torheit geraten.
Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,
dass in unserm Lande Ehre wohne;
dass Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
dass Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
dass uns auch der Herr Gutes tue,
und unser Land seine Frucht gebe;
dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe
und seinen Schritten folge.
Amen.

oder:[5]

Eine/r: Die Bäume werden in den Himmel wachsen,
dass ihre Kronen das Licht trinken,
ihre Wurzeln aber sind fest vergraben in der Erde.
Alle: Die Träume werden in den Himmel wachsen,
dass sie sich ausbreiten und entfalten
bis zum Himmelszelt,
und kehren wieder zurück auf die Erde;
geerdete Träume bekommen Hand und Fuß.

Eine/r: Güte und Treue begegnen sich wieder,
Gerechtigkeit und Frieden küssen sich.
Die Treue wächst auf der Erde
und die Gerechtigkeit schaut vom Himmel herab.

Alle: Mit meinem Leben wachse ich dem Himmel entgegen,
und der Himmel kommt mir entgegen;
er breitet sich unter meinen Füßen aus
wie Hände, die mich halten.

Eine/r: Ich möchte Leuchtspur zum Himmel sein,
damit die Wege zu ihm begehbar und hell werden.

Alle: Güte und Treue begegnen sich wieder,
Gerechtigkeit und Frieden werden sich küssen.
Die Treue wächst auf der Erde
und die Gerechtigkeit schaut vom Himmel herab.
Gott sei Dank.

oder:

Worte aus Psalm 18[6]

Alle: Ich hab dich lieb, Gott,
denn du gibst mir Kraft.
Gott, mein Felsen, meine Burg, meine Rettung,
du Gott, meine sichere Zuflucht,
mein Schutz, meine Hilfe, meine Festung!
Die Fesseln des Todes hielten mich gefangen
und Fluten des Unheils überwältigten mich.
Voller Angst rief ich zu Gott.
Gott erhörte mich
und gab mir Schutz,
führte mich hinaus in die freie Weite,
Denn groß ist Gottes Liebe zu mir.
Mein Lebenslicht, Gott, lässt du hell erstrahlen,
die Dunkelheit verwandelst du in Licht.
Mit Gott kann ich über Mauern springen.
Darum will ich dir danken,
und deinen Namen will ich mit Liedern loben.
Amen.


Bilder – Tagebuch-Notizen vom 9. November

An dieser Stelle könnte eine etwa zwei Minuten lange Wort-Collage stehen - oder vielleicht besser: eine O-Ton-Collage - oder sogar am besten: eine Bild-Collage rund um den 9. November 1989. Vielleicht können in diesem Zusammenhang die in Ziffer (12) dargestellten weiterführenden Materialien und Angebote hilfreich sein. Sie beinhalten auch zahlreiche Internetangebote.

Biblische Lesung

Ein biblisches Wort soll uns an diesem Tag begegnen,
das uns die Verheißung der Freiheit Jesu eröffnet.
Wir hören Worte aus Matthäus, Kapitel 5.

Selig sind, die da geistlich arm sind;
denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen;
denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen;
denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet
nach der Gerechtigkeit;
denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen;
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind;
denn sie werden Gott schauen.
Selig sind die Friedfertigen;
denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden;
denn ihrer ist das Himmelreich.

Der biblische Text (nicht die Einleitung zum Text!) kann mit Musik unterlegt werden:
entweder mit einer Harfenmusik oder mit einer Musik aus dem Lutherfilm.

Lied: Wenn wir Mauern überwinden [7]

Noten Lied: Wenn wir Mauern überwinden

2. Wenn Menschen sich nicht mehr bedrohen,
und Kriegsgeld der Entwicklung dient,
nicht Macht, sondern Versöhnung leitet
die Christen, Juden und Muslime,
wenn wir im Feind den Menschen sehen,
Begegnungen entwaffnend sind,
dann rosten Waffen und vermodern,
nd Frieden wird für jedes Kind.

Ref.: Das ist ein Fest,
wenn wir Mauern überwinden,
und der Himmel sich zeigt.
Wenn wir zueinander finden,
dann ist Friedenszeit.

3. Wenn wir den Menschen nahe kommen,
die tief in Armut sind und Not,
dann stärke Gott uns in den Kämpfen
hier für ein Leben vor dem Tod.
Wenn Regeln neu erfunden werden,
wie Reichtum in dieser Welt
zur Chance wird für alle Menschen,
dann wird die Zukunft neu bestellt.

Ref.: Das ist ein Fest, wenn wir Mauern überwinden...

4. Wenn Menschen nicht mehr angstvoll leben
wegen der Farbe ihrer Haut
und Neugier uns statt Mauern Brücken
bis in die Welt der Andern baut,
wenn wir dann miteinander leben
in bunter Gemeinsamkeit,
und Fremde sich zu Freunden wandeln,
dann werden Horizonte weit.

Ref.: Das ist ein Fest, wenn wir Mauern überwinden...

Text: Friedemann Müller
Musik: Fritz Baltruweit

Rechte: Autor (Text), tvd-Verlag Düsseldorf (Musik)

oder: Jesu, meine Freude (Neudichtung von: EG 396)

Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide,
Jesu, wahrer Gott. Wer will dich schon hören?
Deine Worte stören den gewohnten Trott.
Du gefährdest Sicherheit.
Du bist Sand im Weltgetriebe.
Du, mit Deiner Liebe.

Du warst eingemauert. Du hast überdauert
Lager, Bann und Haft. Bist nicht totzukriegen;
niemand kann besiegen deiner Liebe Kraft.
Wer dich foltert und erschlägt,
hofft auf deinen Tod vergebens,
Samenkorn des Lebens.

Jesus, Freund der Armen.
Groß ist dein Erbarmen mit der kranken Welt.
Herrscher gehen unter.
Träumer werden munter, die dein Licht erhellt.
Und wenn ich ganz unten bin,
weiß ich dich auf meiner Seite,
Jesu, meine Freude

Text: Gerhard Schöne

Auslegung: Der Tenor der Auslegung könnte lauten: „Wir sind das Volk“ oder aber „Yes, we can“.

Musik zum Nachdenken
[oder eines der beiden Lieder, die vor der Auslegung vorgeschlagen sind]

Kerzen anzünden für die Freiheit:

Fürbittengebet
20 Jahre frieldiche Revolution

(Zu jeder Bitte zünden wir noch einmal eine Kerze an.–
Alternative: statt Kehrvers und Kerzen: Nach jeder Bitte wird eine Klangschale angeschlagen – dann: Stille)

Vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer.
Wir sind dankbar für das Wunder von damals,
für die Menschen, die sich für die friedliche Revolution eingesetzt haben,
die ihr Leben für dieses Wunder aufs Spiel gesetzt haben.

Lasst uns Kerzen anzünden –
zum Danken, zum Gedenken und zum Für-Bitten.

Noten: Ich zünde eine Kerze an ...

Ich zünde eine Kerze an zum Dank für die Freiheit,
die sich damals ausbreitete wie ein Lichtermeer.
Liedvers: Dein Licht leuchte uns.

Eine Kerze zum Dank für die, die das auf den Weg gebracht haben.
Liedvers: Dein Licht leuchte uns.

Eine Kerze zum Gedenken an die, die im Kampf für die Freiheit ihr Leben lassen mussten.
Liedvers: Dein Licht leuchte uns.

Eine Kerze für die Familien, die in den Zeiten der Unfreiheit auseinandergerissen wurden.
Liedvers: Dein Licht leuchte uns.

Eine Kerze für die,
die ihre schlimmen Erinnerungen nicht loswerden können.
Liedvers: Dein Licht leuchte uns.

Eine Kerze für die,
die sich immer wieder neu für die Freiheit, für die Gerechtigkeit auf den Weg machen.
Liedvers: Dein Licht leuchte uns.

Eine Kerze für die, die heute unter Unrecht und Unfreiheit leiden.
Liedvers: Dein Licht leuchte uns.

Eine Kerze für die, die heute zu uns flüchten.
Liedvers: Dein Licht leuchte uns.

Eine Kerze für die,
die in den Kindern unsere Geschichte lebendig halten.
Liedvers: Dein Licht leuchte uns.

Eine Kerze für die, die Befreiung in deinem Licht sehn, Gott.
Liedvers: Dein Licht leuchte uns.

Wir beten gemeinsam:

Vater unser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

Segen

Gott segne uns und behüte uns.
Gott gebe uns Liebe, wo Hass ist,
Kraft, wo Schwachheit lähmt,
Toleranz, wo Ungeduld herrscht,
Offenheit, wo alles festgefahren scheint.
So sei Gottes Segen mit uns allen.
Er beflügele unsere Hoffnung
und begleite uns wie ein Licht in der Nacht.
Amen.

Lied: Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen (EG 266)
oder: Verleih uns Frieden (EG 421)


(7) Bausteine für Andachten
Doris Joachim-Storch

(7a) Ansprache: „Keine Gewalt!“

„Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar“ (Matthäus 5,39) Und: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ (Matthäus 5,44) Steht so in der Bergpredigt. Oft zitiert und selten befolgt. Denn wer macht sowas? Ein paar Idealisten und Visionäre. Damit lässt sich jedenfalls kein Staat machen, keine Realpolitik. „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, hat der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt gesagt. Und gemeint hat er damit die Friedensbewegung, der er Naivität nachsagte. Die Visionäre von 1989 gingen aber nicht zum Arzt, sondern zuerst in die Kirche und dann auf die Straßen, einen totalitären Staat zu stürzen allein mit Kerzen und Gebeten. Sie ließen sich schlagen. Sie ließen sich beschimpfen. Sie nahmen Nachteile am Arbeitsplatz auf sich. Sie ließen sich einsperren. Aber sie ließen sich nicht zur Gewalt hinreißen, auch dann nicht, als sie gewonnen hatten, nach dem 9. November. Wo man es fast hätte verstehen können, wenn sie Stasi- oder SED-Funktionäre gelyncht oder doch wenigstens verprügelt hätten. „Keine Gewalt“ – vielleicht wurde diese Parole sogar öfter skandiert als „Die Mauer muss weg“ oder „Wir sind das Volk“. Und als sie fast mantraartig immer wieder riefen „Keine Gewalt“, da wussten sie ja noch nicht, dass sich ihre Gewaltlosigkeit lohnen würde. „Wir hatten alles geplant, wir waren auf alles vorbereitet, aber nicht auf Kerzen und Gebete“, so sagte Horst Sindermann, der damalige Präsident der Volkskammer. Wieso hat hier funktioniert, was nach der Meinung von Realpolitikern wie Helmut Schmidt gar nicht hätte funktionieren können? Wir im Westen starrten damals ungläubig auf den Fernseher und verfolgten fiebrig die Ereignisse. Was uns Christen immer wichtig war: Frieden schaffen ohne Waffen, ohne Gewalt – das war plötzlich keine Theorie mehr. Hier bei den Menschen in der damaligen DDR wurden die Visionen Wirklichkeit. Dabei wusste auch die Friedensbewegung im Westen, dass sich Gewaltverzicht nicht automatisch rechnet. Den Beweis hatten nur wenige Monate vorher die Chinesen geliefert. Deren Militär hatte keine Hemmungen, auf dem sogenannten „Platz des Himmlischen Friedens“ gewaltlose junge Menschen zu verletzen und zu töten. Und dann der andere 9. November 1938 – die Reichspogromnacht. Was hat den Juden ihre Gewaltlosigkeit genützt? Sie haben es ihren Feinden nur leichter gemacht, erst ihre Synagogen und dann die Menschen zu verbrennen. Hitler konnte letztlich nur mit Gewalt gestoppt werden. Wieso also hat sich 1989 die Gewaltlosigkeit gelohnt? Kann man so überhaupt fragen? Denn das hieße zu behaupten, die Gewaltlosigkeit eines Jesus, eines Martin Luther King oder eines Mahatma Gandhi hätte sich nicht gelohnt, denn die endete jeweils tödlich. Nein, da gibt’s keinen Automatismus. Mann kann nicht einfach sagen: Gewaltloser Widerstand führt auf jeden Fall zum gewünschten Erfolg. Man kann aber auch nicht sagen: Gewaltlosigkeit ist auf jeden Fall zum Scheitern verurteilt. Dazu ist die friedliche Revolution von 1989 ein eindeutiger Gegenbeweis. Vermutlich haben die friedlichen Demonstranten von 1989 gar nicht groß drüber nachgedacht. Sie waren es sich als Christen einfach schuldig, gewaltlos zu bleiben. Und die Bergpredigt war ihr Maßstab. Das war sicher schwierig durchzuhalten. Aber wer hat gesagt, dass Christsein immer nur einfach sei? Vielleicht lässt sich aber doch eine Vermutung zum Geheimnis des Erfolgs anstellen: War es die schiere Masse, die den Staat einknicken ließ? Diese Hunderttausende von Menschen, die außer ihrem puren Dasein keinen Anlass gaben, ihnen Gewalt anzutun? Wenn das so sein sollte, dann könnten wir durchaus annehmen, dass zumindest in den Anfängen ein massenhaftes Aufstehen dem Nationalsozialismus ein Ende hätte bereiten können.

Die friedliche Revolution von 1989 zeigt jedenfalls: Feindesliebe und Gewaltverzicht können reale Mittel der Politik sein. Ein Beispiel, das uns für heutige längst eskalierte Konflikte Mut und Phantasie geben könnte.


(7b) Ansprache: „Bitte wenden Sie jetzt“

„Bitte wenden Sie jetzt“ – wenn das Navigationsgerät einem sowas auf der Autobahn sagt, kann man leicht in die Krise geraten. Auf der Autobahn wenden? Vollkommen ausgeschlossen, gefährlich und verboten. Da fährt man erst einmal in die falsche Richtung weiter, egal wie lange das dauert. So eine Wende muss man behutsam angehen, nichts überstürzen. Es ist ja gut, dass man sich die Wende vorgenommen hat – irgendwann. Die Demonstranten in Leipzig, in Berlin und anderswo – die haben’s gemacht: Sie haben gewendet, vor den Augen der Nationalen Volksarmee und den Leuten des Ministeriums für Staatssicherheit, sozusagen mitten auf der Autobahn. Das war gefährlich und verboten. Sie haben nicht gewartet, bis Egon Krenz seine Ankündigung wahrmacht und eine Wende einleitet. Sie haben das Steuer herumgerissen. Und es ist gut gegangen. Gott sei Dank! Da hat sich das Blatt der Geschichte gewendet. Und gewendet haben die Bürger der DDR ihre Aufmerksamkeit weg von der Resignation, die ihnen einflüsterte: „Es hat ja doch keinen Sinn. Was können wir schon tun?“ hin zur Hoffnung mit offenem Ausgang, zum Mut der rufen konnte: „Die Mauer muss weg“. Ja, wir können’s, wir können diesem Staat ins Angesicht widerstehen. Wir können’s – und das friedlich. In Gottes Namen: mit Ihm können wir nicht über die Mauer springen, aber sie zu Fall bringen – mit Kerzen und Gebeten. So viel hat sich mit dieser friedlichen Revolution gewendet. Und so mancher Wendehals hat sich angeschlossen – hinterher. So wie Egon Krenz, der den Begriff Wende zuerst benutzt hat, allerdings um gerade nichts zu wenden, nicht sich selbst oder die Partei oder die Politik. Höchstens ein paar Kurskorrekturen, ein bisschen mehr Reisefreiheit – natürlich nur auf Antrag. Vieles spricht dafür, statt des Begriffs „Wende“ den Begriff „Revolution“ zu verwenden, die eine deutsche und eine friedliche war. Soll man sich von einem SED-Funktionär Krenz die Begrifflichkeit aufdrängen lassen? Andererseits hat sich der Begriff längst verselbständigt, ist ein Synonym geworden für ein revolutionäres Ereignis, das es geschafft hat, kein Blut zu vergießen. Eine Revolution übrigens, die nicht wie frühere Revolutionen ihre Kinder gefressen hat. Diese friedliche Revolution hat ihre Kinder eher freundlich in den Vorruhestand geschickt – all diese betenden Gottesmänner und –frauen, die man bald nicht mehr brauchte für den Anschluss der DDR an die BRD oder den politischen Alltag im einig Vaterland. Darüber kann man klagen. Aber es hätte schlimmer ausgehen können.

Lange vor Krenz hat Martin Luther den Begriff „Wende“ benutzt. Offenbar liebte er ihn so sehr, dass er gleich mehrere hebräische und griechische Wörter mit dem Wort „wenden“, meistens in der Verbalform, übersetzte. Und wie so oft: Auch wenn Luther nicht immer korrekt übersetzte, so traf er doch den Geist der Sache. Und da ging es fast immer darum, dass Menschen vom falschen Weg umkehren und sich zu Gott wenden oder dass Gott sich den Menschen liebevoll rettend zuwendet. Und so könnte man es wagen zu sagen: Die friedliche Revolution hat sich ereignet, weil Menschen sich an Gott wandten. Sicher – es gab noch andere Gründe: Die DDR war bankrott, die UdSSR im Zerfall. Aber es hätte alles anders ausgehen können, blutiger, gewalttätiger. Aber das geschah nicht. Und zwar deshalb, weil diese vielen Hunderttausende von Menschen sich zu Gott gewendet haben, zu diesem gewaltlosen und barmherzigen Gott. Mit vollem Risiko. Denn sich an Gott zu wenden ist riskant. Wenn man sich an Gott wendet, riskiert man, dass man nicht mehr Herr oder Herrin der Lage ist, sondern Gott. Das ist immer so, auch wenn man gerade mal nicht einen ganzen Staat zu Fall bringen will, sondern nur sein eigenes Lebenschaos in den Griff zu bringen versucht. Sich an Gott zu wenden ist riskant, weil man das Geschehen aus der Hand gibt. Denn wozu sonst sollten wir uns an Gott wenden, wenn nicht mit der Bitte: „Dein Wille geschehe. Wir schaffen’s nicht allein.“


(7c) Ansprache: Von der wunderbaren Sprachverwirrung am Abend des 9. Novembers 1989

Normalerweise lieben wir Deutschen das Chaos nicht. Aber am Abend des 9. Novembers 1989 hatten wir ein Chaos zum Liebhaben. Dabei hätte es auch ein Chaos zum Fürchten werden können: Hier ein paar Panzer an den Grenzübergängen, die auch wirklich schießen, da ein paar Steine durch Demonstranten – und ein Blutbad wäre dagewesen. Aber es blieb bei einem Chaos, das hauptsächlich im hilflosen Stammeln oder Schweigen bestand, hervorgerufen durch eine Sprachverwirrung der Öffentlichkeitsarbeit des Zentralkomitees. Wie damals beim Turmbau zu Babel, als Gott die Sprachen der Menschen verwirrte, weil sie Böses taten, und das einheitlich, gemeinsam und gemein. Es war, als hätte Gott die Verwirrung und die Missverständnisse gestiftet, damit das Gute entsteht, an diesem 9. November. Und vielleicht hat Er das auch.

Da erläutert der Sprecher des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Günther Schabowski, um 18.53 Uhr in einer Pressekonferenz die neue Reiseverordnung, eilig zusammengestellt, um Ordnung ins Chaos zu bringen, das in den Deutschen Botschaften in Prag und Warschau herrscht. Die Bürger der DDR sollen reisen dürfen, sogar endgültig ausreisen, aber natürlich ordentlich und nach Plan. Die Freiheit muss beantragt werden. Und selbstverständlich behält sich die Partei oder wer auch immer vor, den Antrag auf Freiheit abzulehnen. So weit so ordentlich. Allein schon diese Verordnung ist eine Sensation. Und dann die einfache Frage eines Journalisten, ab wann denn die neue Reiseverordnung gelte. Darauf antwortet Schabowski, unsicher in seinen Papieren suchend und ratlos stammelnd: „Nach meiner Kenntnis – ab sofort, unverzüglich“. Ende der Konferenz. Schriftliches haben die Journalisten nicht in der Hand, was eher ungewöhnlich ist. Und so bleibt vieles unklar. Während die meisten Journalisten noch grübeln, was das denn zu bedeuten habe, meldet die erste Presseagentur: „DDR öffnet Grenzen.“ Dasselbe später in der Tagesschau. Und die Menschen strömen zu den Grenzübergängen. An diesem Abend gibt es von der DDR-Staatsspitze keine Anweisungen mehr. Egon Krenz beschließt, einfach nichts zu machen. Und die auf Befehl und Gehorsam geübten Offiziere von Staatssicherheit und Nationaler Volksarmee sind verwirrt, sie lösen zwar die Alarmstufe „Erhöhte Gefechtsbereitschaft“ aus, aber dann stellen die Kommandeure der Grenzregimenter die Maßnahmen auf eigene Verantwortung wieder ein. In der Zwischenzeit drücken die Menschen so heftig gegen die Tore der Mauer, dass ein Oberstleutnant um 23.30 Uhr sich gezwungen sieht, die Grenze aufzumachen, um noch größeres Chaos zu vermeiden. Und um Mitternacht beschließt der stellvertretende sowjetische Botschafter in Ost-Berlin, Moskau über den Grenzdurchbruch nicht zu informieren, um nicht unbedachte Reaktionen zu erzeugen. Die Herren und auch die Herrinnen des Arbeiter- und Bauernstaates konnten sich nicht mehr verständigen – nicht weil die Telefone nicht funktionierten, sondern weil sie nichts mehr zu sagen wussten. Sie verstanden die Welt nicht mehr, ihre Welt. 40 Jahre lang hatten sie Türme gebaut, so wie in Babel. Wachtürme, Grenztürme, Türme der Angst, der Kontrolle und des Todes. Und nun können sie diese nicht mehr bewachen, weil da andere Menschen kommen ohne Sprachverwirrung. Die in pfingstlicher Einmütigkeit die Sprache der Gewaltlosigkeit und des Gebetes sprechen. Eigentlich ist die Verwirrung der Politiker und der Grenztruppen sowie des Ministeriums für Staatssicherheit zum Lachen. So gut durchorganisiert, wie sie sonst waren! Und nun eine Verwirrung nach der anderen. Muss man da nicht von einem Wunder sprechen? Ein von Gott gestiftetes Chaos, aus dem die friedliche Revolution geboren wurde? David gegen Goliath – und das auch noch ohne Steinschleuder, sondern mit Kerzen und Gebeten. Dieser Koloss von DDR ist umgekippt. Und ja: Es ist ein Wunder, dass beim Sturz niemand verletzt oder getötet wurde. Wirklich niemand, auch kein Vertreter der Staatsmacht. Es ist ein Wunder – gewachsen durch die Beharrlichkeit im Gebet, unterstützt durch den Mut Einzelner, die einfach Entscheidungen trafen. Nämlich nicht zu schießen und die Leute einfach durchzulassen. Und dann die vielen Einzelnen, die sich nicht entmutigen ließen und immer wieder hingingen zu Friedensgebeten und Demonstrationen.

Ein Wunder. Ja! Aber ein Wunder muss gesehen und ergriffen werden. Menschen müssen bereit und wachsam sein für das Wunder, und zwar mit allen Risiken. Das waren die Demonstranten mit ihren Gebeten und ihrem Mut zur Gewaltlosigkeit. Was hilft das Wunder, wenn die Menschen es nicht ergreifen und nutzen vor lauter Angst, es könnte schief gehen, es könnte nicht gelingen. Solche Wunder, geboren aus Chaos und Verwirrung gibt es immer wieder. Was für eine Hoffnung auch für unsere gegenwärtigen Krisen! „Wir haben die Hoffnung der Furcht vorgezogen.“ So zitierte US-Präsident Barack Obama bei seiner Antrittsrede am 20. Januar dieses Jahres den ersten seiner Vorgänger, George Washington. Und er selbst ist ein Zeichen solcher Hoffnung. Mag sein, dass einige der in ihn gesetzten Hoffnungen inzwischen enttäuscht wurden, so wie die friedliche Revolution nicht nur blühende Landschaften, sondern auch Hedgefonds, Arbeitslosigkeit und Rechtsradikalismus brachte. Aber der Herbst 1989 ist eines von vielen Zeichen der Hoffnung in der Geschichte, ein Zeichen dafür, dass Gott aus dem Chaos Gutes schafft. Dieses Wunder ist geschehen vor unseren Augen, wie es im Psalm 118 (V.23) heißt. Darum: „Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. O Herr, hilf! O Herr, lass wohlgelingen!“ (Psalm 118,24)

Und eine kleine Anmerkung zum Schluss: In der Schweiz gibt es das Sprichwort „Hominum confusione et Dei providentia helvetia regitur“ – „Die Schweiz wird regiert durch Gottes Vorsehung und der Menschen Durcheinander“. Nach der friedlichen Revolution könnte man meinen, dass das nicht nur für die Schweiz gilt ...


(7d) Ansprache: Nun danket alle Gott ...

Hier ist Großes geschehen – in diesen Oktober- und Novembertagen 1989. Und wenn Großes geschieht, dann danken wir nicht den Großen dieser Welt sondern Dem, Der größer ist: Gott. Gewiss: Wir danken auch den vielen kleinen Leuten, die das Gesicht Deutschlands verändert haben, den Demonstranten, den Leuten aus der Kirche und von der Straße. Aber jetzt sitzen wir in der Kirche und danken Gott. Wofür eigentlich? Dass Er diesmal geholfen hat? Dass Er in die Geschichte eingegriffen hat? Ja, wenn etwas gut ausgeht, dann geht uns das Herz auf, und der Dank geht himmelwärts mit „Herzen, Mund und Händen“ zu dem, Der „große Dinge tut an uns und allen Enden“ (EG 321, Nun danket alle Gott). Aber auch darüber muss gesprochen werden: Es ging nicht jedesmal gut. Wie oft haben wir Gott um Frieden gebeten, und Krieg geschah? Nicht immer, wo Menschen sich zu Gott wendeten, geschah das Erbetene. Jesus in Gethsemane zum Beispiel – er hat zu Gott gebetet: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Aber eigentlich und zuerst bat er Gott darum, ihn zu verschonen. „Lass doch diesen Kelch an mir vorübergehen.“ Aber der Kelch ging nicht vorüber. Es war Gottes Wille, dass er stirbt, so erzählt es uns das Evangelium. Es ist schwierig zu sagen, Gott handelt in der Geschichte und wendet alles zum Guten. Denn sogleich stellt sich die Frage: Warum tut Er das nicht öfter? Warum erhört Er die Gebete der einen und die der anderen nicht? Und auch dieser Gedanke muss erlaubt sein: Hat die friedliche Revolution überhaupt etwas mit Gott und den Gebeten der Menschen zu tun? Oder ist sie nicht einfach eine glückliche Kette von Zufällen, in der Menschen beherzt und mutig das Richtige getan haben?

Es ist der Zweifel an die gute Vorsehung Gottes, an die providentia Dei, der so fragen lässt. Und unter allen Zweifeln ist dies der „vornehmste“. Die Theologin Dorothee Sölle meinte, der Vorsehungsglaube sei während der Shoah „an der Theodizee-Frage erstickt“. Wozu also sich an Gott wenden in der Not? Wozu das Gebet, wenn man nicht weiß, ob Gott sich überreden lässt, die Geschichte zum Guten zu wenden? Vielleicht, weil das Gebet die Betenden verändert? Hätten die Demonstranten ihren Mut behalten und diesen vollkommenen Gewaltverzicht durchgehalten, wenn sie nicht gebetet hätten? So beschreibt es Christian Führer von der Leipziger Nikolaikirche: „Ohne Jesus im Rücken hätte ich das nicht geschafft. Da hätte mich die Angst aufgefressen.“ Aber eigentlich haben wir Christen doch die Vorstellung, die Hoffnung auf Gottes Eingreifen möchte doch bitte mehr sein als Selbstmotivation.

Handelt Gott in der Geschichte? Greift Er ein? Trotz allen Zweifels: Der Glaube an die gute Vorsehung Gottes ist nicht totzukriegen. Trotz aller Verzweiflung, wenn wir auf unermessliches Leid blicken, wenn uns der Atem vor Entsetzen stockt: Dieser Glaube ist nicht erstickt. Und darum danken wir in diesen Wochen Gott für die friedliche Revolution vor 20 Jahren. Darum beschränken wir unseren Dank nicht allein auf die Demonstranten oder einzelne besondere Akteure wie Christian Führer. Wie selbstverständlich danken die Menschen der Bibel Gott für diese oder jene Rettung, für Bewahrung und Trost. Genauso selbstverständlich gehen sie davon aus, dass auch die schwierigen Ereignisse von Gott kommen. „Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tut?“ (Amos 3,6b) Und Hiob meint: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ (Hiob 2,10) Das widerspricht unserer Vorstellung von einem gütigen Gott. Das widerspricht unserem Denken, dass Menschen für das Böse verantwortlich sind und nicht Gott. Und dennoch trägt dieser Glaube. Wenn etwas Großes gut ausgeht, bewahrt er uns vor Allmachtswahn, nämlich uns für die einzigen Macher und Macherinnen der Geschichte zu halten. Und wenn etwas Großes schlecht ausgeht, gibt uns dieser Glaube einen Adressaten für unsere Klage, lässt uns zu Atem kommen, wenn uns das Leid den Atem verschlägt, lässt uns tief Luft holen - und sei es dazu, Gott unseren Zorn entgegen zu schleudern. So bleibt uns am Ende allen Zweifelns (im Sinne des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard) dieses große „Dennoch“, der existenzielle Sprung in den Glauben. Am Ende gut begründeter Skepsis bleibt uns nur, fröhlich oder aber auch verzweifelt – je nach dem – vor Gott zu treten, ihm für Bewahrung zu danken oder uns in hoffnungsloser Situation an ihn zu wenden, uns und unsere Geschichte in Gottes Hand zu legen und alles von ihm zu erwarten. Aber den Zweifel dürfen wir nicht voreilig überspringen. Den schulden wir den Opfern, den an der Mauer Erschossenen und den in Bautzen Zerbrochenen, die dieses gute Ende nicht mehr erlebt haben. Darum danken wir Gott in diesen Tagen nicht nur mit Herzen, Mund und Händen, sondern auch mit Demut und Zweifel und Trauer um die Opfer. Und mit dem Dank verbinden wir die Bitte: „Der ewigreiche Gott woll' uns bei unserm Leben ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben und uns in seiner Gnad erhalten fort und fort und uns aus aller Not erlösen hier und dort.“


(8) Fürbittgebete

Hans Jürgen Kutzner

Die im Folgenden gebotenen vier Fassungen richten sich nach den im Evangelischen Gottesdienstbuch genannten Grundformen. In Form I ist die klassische Ektenie aufgenommen mit gleichbleibendem Gebetsruf der Gemeinde. Bei Form II handelt es sich um das Diakonische Gebet mit zwei Sprechern und Gemeinderuf. Bei Form III handelt es sich um das Wechselgebet zwischen Liturg(in) und Gemeinde; in Form IV kommt eine meditative Gestaltung für einen Sprecher mit Elementen des Gebetsschweigens hinzu.

Eines ausführlichen Textblattes bedarf es für das Gebet nach Form III, da dort die Gemeindevoten stets wechseln. Für Form IV wären Kerzen für alle Teilnehmer(innen) bereit zu halten.

Form I (Ektenie)

(„Schwerter zu Pflugscharen“)

L: Voller Vertrauen rufen wir zum Gott des Friedens, zum Gott der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit und bitten Ihn:

Lass Schwerter zu Pflugscharen werden, Gott, und Lanzen zu Winzermessern.

G: Lass Schwerter zu Pflugscharen werden, Gott, und Lanzen zu Winzermessern.

L: Wir bitten für alle, die sich zu Werkzeugen Deines Friedens machen ließen in den Tagen der friedlichen Revolution. Die Bewegung, die sie damals angestoßen haben, trug vielfältig Frucht im Großen wie im Kleinen.

Wir bitten Ihn:

G: Lass Schwerter zu Pflugscharen werden, Gott, und Lanzen zu Winzermessern.

L: In unseren Tagen haben sich die Fronten verändert. Schuldverstrickung, Ratlosigkeit und ungerechtfertigte Feindbilder hindern mitunter die Kräfte des Friedens, Grenzen zu überwinden und Mauern zu durchbrechen. Für alle, die sich dem Erbe der Friedensstifter von 1989 verpflichtet fühlen, bitten wir Ihn:

G: Lass Schwerter zu Pflugscharen werden, Gott, und Lanzen zu Winzermessern.

L: Wir vertrauen darauf, dass unser Gott auch der Gott der Zukunft ist. Seine Verheißungen gelten auch denen, die in fernen Tagen für den Frieden in der Welt beten, arbeiten und kämpfen werden. Für die künftigen Generationen der Friedensstifter erflehen wir Gottes Segen und bitten Ihn:

G: Lass Schwerter zu Pflugscharen werden, Gott, und Lanzen zu Winzermessern.

L: Alles Gewordene und Vergangene, alles Werdende und zukünftige legen wir voller Vertrauen in die Hände dessen, der Schwerter zu Pflugscharen und Lanzen zu Winzermessern macht. Der uns in Jesus Christus verheißt, die Früchte des Ackers und des Weinbergs, in menschlicher Arbeit mit Pflugschar und Winzermesser geerntet, dereinst in Seinem Reich mit allen zu genießen, die von Seiner Freundschaft gelebt haben, leben und noch leben werden.

L/G: Amen.


Form II (Diakonisches Gebet)
(mit dem ukrainischen Kyrie aus EG 178.9)

L: Vereint in der Sehnsucht nach Gottes Schalom, nach umfassendem Heil für die ganze Welt lasst uns beten.

D: Für alle Menschen, die im politischen Leben Verantwortung tragen, sei es in ihrer Heimatregion, sei es in ihren Staaten, sei es in der internationalen Staatengemeinschaft, erbitten wir Gottes Geist der Weisheit, der Nüchternheit und des Mutes, damit wir Mauern und Grenzen überwinden können.
Lasst zum Herrn uns rufen:

G: Kyrie eleison, Kyrie eleison, Kyrie eleison!

L: Gott des Schalom, Du schenkst uns vielerlei Gaben und Möglichkeiten, Dir zu dienen und Deinen Frieden weiter hinein zu tragen in Deine Welt.

D: Lasst uns für alle schöpferischen Menschen bitten, die durch die Kunst des geschriebenen, gesprochenen und gehörten Wortes ihren Teil dazu beitragen, dass wir Mauern überspringen können. Die mit der komponierten, gespielten, gesungenen und getanzten Musik helfen, Grenzen zu überschreiten. Die durch geformte, gemalte, gebaute und betrachtete Bildwerke daran mitarbeiten, uns Räume der Freiheit und des Friedens zu erschließen.
Lasst zum Herrn uns rufen:

G: Kyrie eleison, Kyrie eleison, Kyrie eleison!

L: Du unser Friedensgott, in Deinem Heiligen Geist befähigst Du Menschen, ihre Gaben zu entdecken, zu entfalten und einzusetzen für eine Welt, die als Deine Welt erkennbar bleibt.

D: In vielerlei Forschung und Wissenschaft, in Laboren und Hörsälen, in Kindergärten, Schulen und Hochschulen befähigt unser Gott Menschen, Ihm zu dienen, indem sie für ihre Mitmenschen da sind. In diesen und vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft gibt Er uns die Möglichkeit, Werkzeuge Seines Friedens zu werden.
Lasst zum Herrn uns rufen:

G: Kyrie eleison. Kyrie eleison, Kyrie eleison!

L: Barmherziger, guter Gott des Schalom, des Friedens, der höher ist als all unsere Vernunft: alles, was wir erbitten, ist vor Dir. Führe Deine Welt Deinem ewigen Friedensreich entgegen.
Das bitten wir durch Jesus Christus, Deinen Sohn, unsern Herrn.

G: Amen.


Form III (Preces)
(gestaltet nach den Worten des Magnificat)

L: Lasst uns zu Gott bitten um das Kommen Seines Friedensreiches, da Gerechtigkeit und Heil kein Ende nimmt.

G: Schau auf unsere Niedrigkeit, wie Du auf die Niedrigkeit Deiner Magd Maria geschaut hast.

L: Lasst uns Gott bitten um die Heiligung Seines Namens.

G: Du hast Großes an der Niedrigen getan; Dein Name werde geheiligt.

L: Lasst uns bitten um Sein Erbarmen.

G: Du erbarmst Dich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die Dich fürchten.

L: Lasst uns bitten um wirkliche Demut.

G: Denn Du zerstreust diejenigen, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

L: Lasst uns bitten, denen recht zu dienen, die Gott am Herzen liegen.

G: Denn Du stürzest die Gewaltigen vom Thron und erhebst die Niedrigen.

L: Lasst uns bitten für alle, die hungern an Leib und Seele und dürsten nach Deiner
Gerechtigkeit.

G: Denn Du füllst die Hungrigen mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.

L: Lasst uns bitten für Gottes Volk in der ganzen Welt.

G: Denn Du gedenkst Deiner Barmherzigkeit und hilfst Deinem Diener Israel auf.

L: Gedenke Deiner Verheißungen an die, die vor uns waren.

G: Gedenke Deiner Verheißungen an unsere Väter und Mütter, an Abraham und seine Kinder, wie Du geredet hast, um ihren Glauben zu stärken.

L: Gedenke Deines Volkes, Deiner Welt und all derer, die Deinem Frieden dienen.

(Stille)

L: Erhöre uns, Gott, und nimm unser Gebet an, das wir vor Dich bringen im Namen  Deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus.

G: Amen.

 

Form IV (ohne Gemeindevoten)

(für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer liegen Kerzen bereit; die Osterkerze steht im Altarraum)

L: Guter Gott, Du schenkst uns Jesus Christus, das Osterlicht unseres Lebens. Dieses Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis wird es nicht überwinden.

(Die Osterkerze wird angezündet; danach Gebetsstille)

L: Liebevoller Gott, Du bietest in unserer Taufe jeder und jedem von uns Deinen Friedensbund ganz persönlich an. Aus diesem Bund der Liebe und des Friedens können wir niemals mehr herausfallen.

(jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer entzündet eigene Kerze, entweder in einer Prozession zum Altarraum oder im Weitergeben durch die Reihen. Danach Gebetsstille).

L: Wunderbarer, unfasslicher Gott, Du rufst uns zum Frieden auf. Du hast den Bogen beiseite gestellt in die Wolken, damit er nicht verletzen und töten kann, sondern zum Zeichen des Friedens werde zwischen Dir und allen Lebewesen Deiner Erde.

(Stille)

L: Ewiger, Leben schaffender, Leben spendender und Leben erhaltender Gott: Dein Engel hat den Stein vom Grab Jesu hinweg gewälzt. Felsen erbebten, Mauern stürzten ein, ein Vorhang zerriss. Neues Leben leuchtete hervor. Deine Neuschöpfung am Ostermorgen wirkt fort. Sie drückt Mauern ein mit der Kraft des Gebetes und des Mutes und der Vernunft. Sie entzündet Phantasie und Kreativität für das Überwinden aller Trennungen. Sie bereitet dem Leben die Bahn.

Wir löschen alle sichtbaren Flammen der Kerzen und beten zu Dir in der Stille, dass die Flamme Deiner Liebe, dass Dein Friedenslicht weiter brennen möge in unseren Herzen.

(Kerzen zum Verlöschen bringen, danach Stille)

L: Dir, Dreieiniger Gott, sei Ehre in Ewigkeit.

G: Amen.

 

(9) Andacht zum Gedenken an den 20. Jahrestag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 2010

Ilsabe Seibt

Vorbemerkung: Der 3.10.2010 fällt auf den Erntedanksonntag und empfängt von daher seine Prägung. Die Andacht ist vor diesem Hintergrund als Abendandacht konzipiert. Einzelne Elemente daraus können in den Gottesdienst am Vormittag integriert werden (Fürbittengebet).

Musik zum Eingang
Eröffnung
Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet (Psalm 66,20).

Einstimmung
Heute, am 3. Oktober 2010, gedenken wir der Ereignisse vor 20 Jahren. Ein Staat, die Deutsche Demokratische Republik, hat aufgehört zu existieren. Die sogenannten fünf neuen Bundesländer wurden durch Beitritt Teil der Bundesrepublik Deutschland. Damit kam eine Entwicklung zum Abschluss, die Menschen in Ost und West über viele Monate hinweg beschäftigt und in Atem gehalten hatte.

Dankbares Erinnern an alles, was geglückt ist, und waches Aufmerken auf das, was als Last geblieben ist – beides, so hoffen wir, gelingt im Angesicht Gottes. Lasst uns der Stille Raum geben.

Stille

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.

Lied: Nun sich der Tag geendet (EG 481, 1-3)

Stimmen der Erinnerung
Eine Frau sagt: In 20 Jahren hat sich mein Leben sehr verändert. Vieles musste ich neu lernen, im Beruf und im persönlichen Leben. Noch immer fällt mir der Verwaltungsaufwand für das Private schwer. Doch dies ist nichts gegenüber meiner tiefen Dankbarkeit und Freude über das Zusammenwachsen von Ost und West.

Ein Mann sagt: Für mich ist die Wende zu spät gekommen. Ich hätte gerne schon eher die Möglichkeit gehabt, zu reisen und die Freiheiten zu genießen, die meine Kinder nun selbstverständlich haben.

Eine Frau sagt: Wenn ich mich daran erinnere, wie unsere Städte vor 1990 ausahen – grau, marode und mit deutlichen Spuren des Krieges, dann staune ich immer noch über die Aufbauleistung der letzten 20 Jahre.

Ein Mann sagt: Früher hatten hier auf dem Dorf alle eine Arbeit. Heute ziehen alle Jungen in die Stadt oder gleich in den Westen. Materiell geht es uns gut, aber die Stimmung ist doch bedrückend.

Eine Frau sagt: In den 90er Jahren bin ich mit meinem Mann aus dem Westen in den Osten gezogen. Dort habe ich mir eine neue berufliche Existenz aufbauen können. Mein Blick hat sich erweitert, ich bin zufrieden.

Ein Mann sagt: Nach der Wende hat mein Betrieb bald alle Mitarbeiter entlassen. Ich war arbeitslos und musste mich neu orientieren. Nun habe ich meine eigene Firma und komme ganz gut über die Runden.

Eine Frau sagt: Vor 20 Jahren waren meine Kinder noch klein. Ich erinnere mich noch gut daran, wie erleichtert ich war, dass ihnen - anders als ich es in der DDR erlebt hatte - eine Schulzeit ohne politischen Druck bevorstand.

Ein Mann sagt: Ich erinnere mich an den 3. Oktober 1990 – Beethovens 5. Symphonie open air auf dem Bonner Rathausplatz. Sonne satt. Freude pur. Die Erinnerung macht mir noch heute eine Gänsehaut.

Eine Frau sagt: Vor der Wende war ich häufiger in der DDR als nach der Wende in den neuen Bundesländern. Die Kontakte meiner Kirchengemeinde zur Partnergemeinde in Brandenburg sind schnell eingeschlafen. Schade eigentlich.

Ein Mann sagt: Viele bei uns fordern die Abschaffung des Soli. Tatsächlich stehen viele Städte im Westen vor dem Bankrott. Kann wirklich weiter nach Himmelsrichtung bezahlt werden? Statt nach Bedürftigkeit? Ich fürchte, das geht auf die Dauer nicht gut.

Lesung

Der Herr erschien Salomo zu Gibeon im Traum des Nachts, und Gott sprach: Bitte, was ich dir geben soll!

Salomo sprach: Du hast an meinem Vater David, deinem Knecht, große Barmherzigkeit getan, wie er denn vor dir gewandelt ist in Wahrheit und Gerechtigkeit und mit aufrichtigem Herzen vor dir, und hast ihm auch die große Barmherzigkeit erwiesen und ihm einen Sohn gegeben, der auf seinem Thron sitzen sollte, wie es denn jetzt ist.

Nun, Herr, mein Gott, du hast deinen Knecht zum König gemacht an meines Vaters David statt. Ich aber bin noch jung, weiß weder aus noch ein.

Und dein Knecht steht mitten in deinem Volk, das du erwählt hast, einem Volk, so groß, dass es wegen seiner Menge niemand zählen noch berechnen kann.

So wollest du deinem Knecht ein gehorsames Herz geben, damit er dein Volk richten könne und verstehen, was gut und böse ist. Denn wer vermag dies dein mächtiges Volk zu richten?

Das gefiel dem Herrn gut, dass Salomo darum bat.

Und Gott sprach zu ihm: Weil du darum bittest und bittest weder um langes Leben noch um Reichtum noch um deiner Feinde Tod, sondern um Verstand, zu hören und recht zu richten,

siehe, so tue ich nach deinen Worten. Siehe, ich gebe dir ein weises und verständiges Herz, sodass deinesgleichen vor dir nicht gewesen ist und nach dir nicht aufkommen wird.

Und dazu gebe ich dir, worum du nicht gebeten hast, nämlich Reichtum und Ehre, sodass deinesgleichen keiner unter den Königen ist zu deinen Zeiten.

Und wenn du in meinen Wegen wandeln wirst, dass du hältst meine Satzungen und Gebote, wie dein Vater David gewandelt ist, so werde ich dir ein langes Leben geben.

Und als Salomo erwachte, siehe, da war es ein Traum. Und er kam nach Jerusalem und trat vor die Lade des Bundes des Herrn und opferte Brandopfer und Dankopfer und machte ein großes Festmahl für alle seine Großen (1. Könige 3,5-15).

Auslegung

Lied: Lass deines guten Geistes Licht (EG 389, 3-4)

Gebet
Lasst uns beten:

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.

Gott, wir danken dir für dein Geleit in den Umbrüchen unseres Lebens. Wir danken dir für alles Gute, das uns und anderen aus den Umwälzungen der vergangenen Jahre erwachsen ist.

Gott, sei denen nahe, die verpassten Chancen ihres Lebens nachtrauern. Steh allen bei, die sich aus der Bahn ihres Lebens hinausgedrängt fühlen und im Abseits stehen.

Gott, vergib allen, die Schuld auf sich geladen haben durch Übereifer oder Nichtstun, durch Bereicherung an anderen, die sich nicht wehren konnten. Schaff du selbst Versöhnung, wo unsere Kraft zur Versöhnung nicht ausreicht.

Gott, stärke alle Frauen und Männer, die sich für unser Gemeinwesen einsetzen. Gib ihnen den Mut, ihrem Gewissen zu folgen, und die Kraft, Verantwortung zu tragen.

Gott, schenk uns Zuversicht und Zutrauen in die Zukunft unseres Landes. Wir brauchen weise und verständige Herzen. Du kannst sie uns geben.

Gemeinsam rufen wir zu dir: Vater unser im Himmel ...

Lied: Sprich du das Wort, das tröstet und befreit (EG 382, 3)

Segen

Gott bleibe euch freundlich zugewandt.

Gott lasse euch bewahren, was gut war,
und neu ergreifen, was weiterbringt.
So segne euch der barmherzige Gott.

Musik zum Ausgang

 

Fußnoten:

[5] Aus: Hanns Dieter Hüsch/Uwe Seidel, Ich stehe unter Gottes Schutz, Psalmen für Alletage, Düsseldorf 1996, 56

[6] Nach: Erhard Domay und Hanne Köhler (Hg.), Der Gottesdienst, Liturgische Texte in gerechter Sprache, Band 3, Gütersloh 1998, 77f.

[7] CD-Aufnahme auf der CD zur Ökumenischen FriedensDekade 09 und in den Gottesdienstentwürfen zur Ökumenischen Dekade Gewalt überwinden 09 (Material--heft incl. CD), siehe S. 54/55. Dort finden Sie auch einen Chorsatz (pdf-Datei).



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