1.3 Das kirchliche Engagement für die Beschäftigten im Handwerk hat eine lange Tradition
(15) Handwerk und Kirche haben in der Geschichte der Christenheit vielfältig zusammengewirkt. Die Reformation hat in den deutschen Städten und insbesondere beim Handwerk ihre stärkste Resonanz und Stütze erfahren. "Die Freiheit eines Christenmenschen" und das spezifisch evangelische Arbeitsethos kamen der mentalen Situation des Handwerks unmittelbar entgegen und gaben den Handwerkern eine neue geistliche Motivation. Die Städte bildeten auch in der Neuzeit die wichtigsten Träger des protestantischen Ethos. Johann Hinrich Wichern hat sich in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts der Probleme der Handwerker besonders angenommen und u.a. evangelische Gesellen- und Meistervereine gegründet, auf die auch die heutigen Vereinsbildungen zurückgehen. Diese Vereine bemühten sich aufgrund des Gebots christlicher Nächstenliebe, Handwerker zu sammeln und an der Lösung sozialer und gesellschaftlicher Probleme mitzuwirken.
(16) Es ist nicht zu übersehen, daß protestantische Handwerkerkreise sich überwiegend in der allgemeinen Handwerkerbewegung engagierten, die 1848 mit dem "Deutschen Handwerker- und Gewerbekongreß" ihren ersten Höhepunkt erreichte. Ebenso finden sich protestantische Handwerksgesellen vorwiegend in der "Gesellen- und Arbeiterbewegung", die ebenfalls 1848 im "Gesellen- und Arbeiterkongreß" erste deutliche Akzente setzte. Die evangelischen Handwerkerverbände hingegen hatten zumeist keinen großen Zulauf. Demgegenüber hat die katholische Vereinsbewegung die Handwerker und Gesellen stärker im Horizont kirchlicher Willensbildung halten können. Diese wurden durch die stark berufsständische Zielsetzung der päpstlichen Sozialenzykliken (Rerum Novarum 1891 und Quadrogesimo Anno 1931) sozialethisch deutlich unterstützt.
(17) Es ist nicht zu leugnen, daß die Kirche im Zuge der industriellen Revolution teilweise
von der Wirklichkeit der industriellen Arbeitswelt und damit auch des Handwerks isoliert wurde und den Kontakt nicht in der erforderlichen Intensität halten konnte. Deshalb erwies sich auch die Gemeinsamkeit zwischen Kirche und Handwerk in der Zeit des Nationalsozialismus als nicht stark und tragfähig genug, um den Gleichschaltungsversuchen und Angriffen der Nationalsozialisten standhalten zu können. Die Zeit ist reif, um die Erfahrungen der Vergangenheit auszuwerten und neue Zukunftsperspektiven zu gewinnen.
(18) Die evangelische Handwerkerarbeit hat ihren Ursprung in den evangelischen Handwerkervereinen. Sie waren freie Zusammenschlüsse von evangelischen Handwerkerinnen und Handwerkern. Häusliches Leben und beruflicher Alltag des "ehrbaren" Handwerkers der Zunftzeit waren von christlicher Sitte und Brauchtum geprägt. Auch neben den Zünften gab es Zusammenschlüsse: die Bruderschaften, die überwiegend oder ausschließlich religiöse Zielsetzungen hatten. Etliche konnten ihre Traditionen bis heute fortführen. Im Bewußtsein ihrer Mitverantwortung für das Gemeinwesen und auf Grund ihres Engagements für ihre Kirche und die Sache des Glaubens suchten sie als Christen die Gemeinschaft mit ihresgleichen.
(19) In den Zusammenkünften und Aktionen der Handwerkervereine ging es um Fragen der Religion ebenso wie um eine vom Glauben geprägte Lebensführung in den Dingen des handwerklichen Alltags bis hin zu Entscheidungsfragen der Politik. Es waren vor allem die Handwerker selbst, die aktiv wurden und sich als evangelische Zusammenschlüsse bemerkbar machten. Die kirchliche Handwerkerarbeit hat auf diesen Grundlagen aufgebaut und eine "offene Handwerkerarbeit" geschaffen, die in ihrem Kern vom Engagement der ehrenamtlich tätigen Handwerker bestimmt ist, organisatorisch aber von hauptamtlichen kirchlichen Kräften und kirchlichen Zuschüssen getragen wird. Die vereinsgebundene Form wurde also beibehalten.
(20) Nach 1945 lebten viele Gesellen- und Meistervereine in enger Verbindung zur Kirche wieder auf, nachdem die Nationalsozialisten vorhandene Verbände so stark bedrängt hatten, daß der Verband Evangelischer Gesellen- und Meistervereine 1935 offiziell aufgelöst wurde. Privat haben aber einige Vereine als Freundeskreise oder innerhalb des Männerwerks der Kirche weiterbestanden. Insbesondere im Ruhrgebiet sowie in den Städten Siegen, Köln, Würzburg und München haben sich nach 1945 rasch neue Vereinigungen gebildet.
In der Evangelischen Kirche in Deutschland ist die Handwerkerarbeit in der "Evangelischen Bundesarbeitsgemeinschaft Handwerk und Kirche in der Männerarbeit der EKD" zusammengefaßt. Eine intensive Zusammenarbeit zwischen dem Verband Evangelischer Gesellen- und Meistervereine und der Männerarbeit der EKD gab es seit 1964 bei der gemeinsamen Herausgabe der Zeitschrift Kirche und Handwerk.
(21) Heute wird der kirchliche Dienst an den Handwerkern vorwiegend in Form offener Arbeit wahrgenommen. Die kirchliche Handwerkerarbeit ist im Bereich der evangelischen Landeskirchen als Teil des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt, als Arbeitszweig evangelischer Akademien, als Beauftragung von Pfarrern, als Teil der Männerarbeit oder als Ressort des zuständigen Landeskirchenamtes organisiert. In einzelnen Kirchengemeinden vor Ort gibt es gelegentlich aufgrund einer besonderen Situation oder aufgrund des Engagements bestimmter Persönlichkeiten Handwerksarbeitskreise. Gemeinsam mit der katholischen Kirche besteht ein "Zentraler Besprechungskreis Kirche und Handwerk", der sich zweimal jährlich mit Handwerkervertretern und Vertretern des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks trifft. Dieser Kreis wurde 1966 zunächst als evangelischer Gesprächskreis gegründet und ist 1995 in der Folge des Konsultationsprozesses der beiden Kirchen in einen evangelisch-katholischen Kreis umgewandelt worden. Dieses Gremium, dem Fachleute sowohl von kirchlicher als auch handwerklicher Seite angehören, führt einen regelmäßigen Gedankenaustausch, aus dem letztlich auch die Anregung zu der vorliegenden Denkschrift erwachsen ist.
1.4 Die Arbeit der Kirche mit Handwerkern
(22) Die Kirche sieht es als ihre Aufgabe an, ihren Gliedern in ihrer konkreten Lebenswelt beizustehen, ihren Glauben zu stärken und Hilfen für die Bewährung ihres Glaubens im Alltag der Welt zu geben. Es sind immer wieder gerade die engagierten Christen unter den Handwerkern, die ihrer Erwartung Ausdruck geben, die Kirche möge sich nicht nur um die Freizeitwelt ihrer Glieder kümmern, sondern vor allem auch um ihren Lebensbereich Arbeit und Wirtschaft. Gerade weil es im Lebensalltag des Handwerks nicht einfach nur um ökonomische Spezialthemen geht, sondern um umfassende Lebensfragen wie Sicherung der wirtschaftlichen Existenz, Mitverantwortung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Mitwirkung am öffentlichen Leben in der Region, Integration von Menschen, Gerechtigkeit im Wirtschaftsleben u.a.m. ist die Kirche für die Handwerker ein wichtiger Gesprächspartner. Das Wagnis des Kleinunternehmers, die wirtschaftlichen Rückschläge und Erschwernisse, die Konflikte oder das Gelingen von Kooperation und Partnerschaft im Betrieb, die soziale Verantwortung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Probleme der Frauen im beruflichen Alltag (Familie und Arbeitswelt), die Integration von Schwächeren, die soziale Anerkennung und das Eingebundensein in die Gesellschaft - für all das soll die Kirche in ihrem seelsorgerlichen und lebensbegleitenden Dienst Aufgeschlossenheit zeigen und solidarischer Gesprächspartner sein.
(23) Handwerkerinnen und Handwerker erleben in vielen Fällen ihren beruflichen Lebensbereich durchaus als eine Chance zu ganzheitlichem Wirtschaften in ihrem Stadtteil oder Dorf. In vielen wesentlichen Fragen des Betriebes haben sie Mitentscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeit. Sie erfahren die Situationen konkreter Mitverantwortung für ihren Betrieb, für soziale Fragen, für die Schonung der Umwelt oft unmittelbarer als Angehörige größerer Betriebe. Die Bedrohung von Arbeitsplätzen, den Anpassungsdruck in einer veränderten wirtschaftlichen Situation, die Belastung einer wirtschaftlichen Rezession, die Probleme der Betriebsübergabe, das Unrecht von Wettbewerbsverzerrungen, all dies und anderes mehr erleben Handwerker in großer Unmittelbarkeit. Aber sie leiden auch unmittelbarer an diesen Problemen. Deshalb erwarten sie von ihrer Kirche Verständnis und Orientierung. Die kirchliche Handwerkerarbeit sieht deshalb die Aufgabe, Handwerkerinnen und Handwerker zu begleiten, das Gespräch mit ihnen zu führen, Möglichkeiten der Mitarbeit in der Kirche aufzuzeigen.
(24) Handwerkerinnen und Handwerker wollen von ihrer Kirche gerade als die wahrgenommen werden, die einen bestimmten Beruf haben, und sie suchen den Dialog in der Kirche gerade auch über ihre beruflichen Probleme. Auffallend ist hierbei die besondere Treue von Menschen aus dem Handwerk zu ihrer Kirche. Sie sind sich dessen bewußt, daß sie einen nicht unmaßgeblichen Beitrag leisten können zum gesellschaftspolitischen Dienst ihrer Kirche und daß sie Teil ihrer Kirche sind.
(25) Das positive Bild vom Handwerk, das in dieser Denkschrift entfaltet wird und auf die Chancen des Handwerks hinweist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß gerade in der gegenwärtigen Phase viele Handwerker in einer bedrückten, manchmal sogar verzweifelten Grundstimmung sind. Es vollzieht sich zur Zeit ein starker wirtschaftlicher und technologischer Umbruch, der viele überfordert. Die rasche technologische Entwicklung muß mitvollzogen werden, viele Handelsketten und Verbrauchermärkte schaffen eine heftige Konkurrenz, die steigenden Umweltauflagen bedeuten schwierige Umstellungsprobleme und Kostenprobleme, die Nachbarschaft der handwerklichen Betriebe ist im Blick auf Lärm und Belastungen empfindlicher und intoleranter geworden, die Schwarzarbeit hat rapide zugenommen, Betriebsübernahmeprobleme und Generationenkonflikte kommen hinzu. Die kirchliche Handwerkerarbeit hört in ihren Gesprächen mit Handwerkern und Handwerkerinnen die Klage darüber, daß das allgemeine Klima kälter geworden ist. Bei vielen ist eine Müdigkeit und Ratlosigkeit zu verspüren. Hier ist es die Aufgabe der Kirche, sich solidarisch zu zeigen und auf die Seite dieser Schwächeren zu stellen.
(26) Die Arbeitsformen der kirchlichen Handwerkerarbeit sind
- gemeinsame Zusammenkünfte, bei denen aktuelle, das Handwerk und das Gemeinwesen betreffende Fragen diskutiert und ethische sowie religiöse Aspekte bedacht werden (wie etwa Sozialstaat, Arbeitslosigkeit, Privatisierung von öffentlichen Dienstleistungen, Europa, Selbständigkeit, Unternehmerethik, Betriebsnachfolge u.a. Themen),
- Betriebsbesuche, seelsorgerliche Gespräche, gemeinsame Aktionen und Projekte (wie etwa Handwerksförderung in Ostafrika als entwicklungspolitischer Beitrag ),
- Veranstaltung von Handwerkertagen, die Durchführung von Treffen und geistlichen Veranstaltungen bei den Handwerksmessen (verbunden mit einem volksmissionarischen Anliegen),
- Mitwirkung bei "Freisprechungsfeiern" (Abschlußfeiern der Gesellenausbildung) und Gildentagen,
- Kontakte mit Jugendlichen im beruflichen Lebensalltag,
- Betreuung von Handerwerkerdiskussionskreisen, die Beschäftigung von Fachgruppen (Ausarbeitung von Stellungnahmen und Arbeitshilfen),
- Durchführung von Studienfahrten und Studientagungen,
- die Veranstaltung von Andachten und Handwerkergottesdiensten sowie Begegnungen mit Kirchenleitungen.
(27) An dieser Stelle seien auch die neuralgischen Punkte der kirchlichen Handwerkerarbeit nicht verschwiegen:
- Die kirchliche Handwerkerarbeit gewinnt oft den Eindruck, daß sich ihre Kirche zu ausschließlich auf die Lebenswelt des gehobenen Mittelstandes und die Freizeitwelt ihrer Mitglieder konzentriert und zu wenig auf die Christen, die stark geprägt sind von den Problemen des Berufs und der wirtschaftlichen Verantwortung. Viele christliche Handwerker haben das Gefühl, daß ihre Kirche geprägt ist von denen, die ihre Stärke eher im theoretischen Bereich sehen und nicht sehr viel Verständnis haben für die Lebensthemen derer, die ihre Produkte mit ihren Händen herstellen. Selbst dann, wenn in der Tat die Arbeitswelt im Blick der Kirche ist, ist es oft die industrielle Arbeit.
- Die Verbindung zur jüngeren Generation in der kirchlichen Handwerkerarbeit und zu den Frauenorganisationen im Handwerk (Unternehmerfrauen im Handwerk) ist stark verbesserungsbedürftig. Viele kirchliche Handwerkerkreise beschränken sich auf ältere Handwerkerinnen und Handwerker, die ständisch organisiert sind. Die jüngeren Handwerkerinnen und Handwerker zeigen oft nicht die Bereitschaft, sich den Organisationen im Handwerk anzuschließen. Die abhängig Beschäftigten im Handwerk (Lehrlinge, Angelernte und Gesellen) stehen zum Teil zu wenig im Blickpunkt der kirchlichen Arbeit.
- Die Handwerkerarbeit geschieht keineswegs "flächendeckend", sondern sie beschränkt sich auf die Tätigkeit bestimmter (weniger) zuständiger Personen in der Kirche. Dieser kirchliche Arbeitszweig ist zum Teil personell stark unterbesetzt.
- Verbesserungsfähig ist auch die Zusammenarbeit mit den Gemeinden. Viele Gemeinden kennen nicht die Handwerker und Handwerkerinnen in ihren Reihen, viele Pastorinnen und Pastoren haben keinen Kontakt zum Handwerk. Die Themen und Lebensfragen des Handwerks werden in den Gemeindeveranstaltungen zu wenig aufgegriffen. Nur in vergleichsweise wenigen Gemeinden hat sich eine gute Zusammenarbeit mit der kirchlichen Handwerkerarbeit eingespielt.