2.5 Strukturwandel im Handwerk
2.5.1 Veränderungen innerhalb der Berufsgruppen
(43) In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Struktur des deutschen Handwerks stark gewandelt. Dieser Strukturwandel hat sich innerhalb der einzelnen Handwerksgruppen sehr unterschiedlich ausgewirkt. Die großen Verlierer waren die Bekleidungs-, Textil- und Lederhandwerke, die von der Industrie zunehmend in eine Nischen- und Restfunktion zurückgedrängt wurden. Die Zahl der Betriebe hat sich seit 1949 auf 9,5 % und die der Beschäftigten auf 14 % des damaligen Bestandes reduziert. Einen starken Rückgang hat auch das Holzgewerbe zu verzeichnen. Andere Handwerksbereiche, die ebenfalls einen Rückgang zu verzeichnen hatten, konnten gleichwohl ihre wirtschaftliche Bedeutung behaupten.
(44) Es gibt aber auch viele Gewinner des Strukturwandels. Hier haben die Betriebszahlen und die Beschäftigtenzahlen zugenommen. Die Handwerksgruppe Gesundheits- und Körperpflege-, chemisches und Reinigungsgewerbe hat bei den Betriebszahlen einen Zuwachs von 28,4 % und bei den Beschäftigtenzahlen einen Rekordzuwachs von 429 % zu verzeichnen. Im Metallgewerbe sind die Betriebszahlen um 28,8 % angestiegen, die Beschäftigtenzahl hat sich dort seit 1949 um 149,3 % erhöht. Die Zahl der Betriebe im handwerksähnlichen Gewerbe, das erst 1965 dem Handwerk zugerechnet wird, hat sich seit 1968 ebenfalls mehr als verdoppelt.
(45) Derselbe Strukturwandel, der sich im Handwerk in den alten Ländern über Jahrzehnte hinweg vollzogen hat, ist in den neuen Ländern in vollem Gange und wird sich dort gewissermaßen im Zeitraffertempo in wenigen Jahren vollziehen. Viele Betriebe in traditionellen Handwerksberufen, vor allem im Bekleidungs-, Textil- und Ledergewerbe, die sich im Rahmen der Planwirtschaft behaupten konnten, sind bei rationeller Wirtschaftsführung, steigender Produktivität, schärferer Konkurrenz und verändertem Verbraucherverhalten einem massiven Verdrängungswettbewerb der Industrie ausgesetzt. Die anderen Berufsgruppen des Handwerks sind, wenn auch in unterschiedlicher Weise, Gewinner des durch die Planwirtschaft hintangehaltenen Strukturwandels. Dabei spielt auch der unterdurchschnittliche Handwerksbestand in der DDR eine große Rolle.
2.5.2 Wandel der Berufe und Berufsbilder
(46) Wie die gesamte Wirtschaft ist das Handwerk einem ständigen Wandel unterworfen. Viele Handwerksberufe, die früher große Bedeutung hatten, sind völlig verschwunden. Andere handwerkliche Tätigkeiten wurden in großem Umfang von der Industrie übernommen, so vor allem im Bekleidungs-, Textil- und Ledergewerbe. Daneben gibt es Handwerke, die sich über Jahrhunderte hinweg im Kern erhalten haben, wie z.B. Bäcker, Fleischer, Steinmetze oder Maurer. Im Zuge des technischen Fortschritts haben Handwerke neue Aufgaben übernommen, wie z.B. die Schlosser und Mechaniker. Viele Handwerksberufe sind neu entstanden, wie z.B. Elektroinstallateure, Radio- und Fernsehtechniker, Zahntechniker oder Fotografen.
(47) Das Handwerk mußte sich immer wieder veränderten Gegebenheiten anpassen So waren z.B. Schmiede, Stellmacher und Sattler zur Zeit der Pferdekutschen unentbehrliche Handwerksberufe. Mit dem Aufkommen der Motorisierung verloren sie an Bedeutung, weil sich der Bedarf geändert hatte. Damit begann aber zugleich die Anpassung der Betriebe an den veränderten Bedarf. Schmiede wurden zu Kraftfahrzeugmechanikern, Wagner zu Karosseriebauern, Sattler zu Autosattlern. Zusätzlich entstanden neue Berufe durch das Kraftfahrzeug, wie der Autolackierer, der Autoelektriker und der Vulkaniseur.
(48) Aus einem der ältesten Berufe des Handwerks, dem Schmied, haben sich zahlreiche neue Berufe des Metallhandwerks entwickelt, ohne die das moderne Wirtschaftsleben undenkbar wäre. Beispiele dafür sind der Kraftfahrzeugmechaniker, der Klempner, der Gas- und Wasserinstallateur, der Zentralheizungs- und Lüftungsbauer, der Werkzeugmacher, der Maschinenbaumechaniker, der Feinmechaniker, der Kälteanlagenbauer.
(49) Durch Spezialisierung entstanden z.B. aus dem Schuhmacher der Orthopädieschuhmacher, aus demTischler der Parkettleger, Rolladen- und Jalousiebauer oder Bestattungsunternehmer, Maurer wurden zu Beton- und Stahlbetonbauern. Sattler, Tapezierer und Polsterer sind alte Berufe, die in dem neuen Beruf des Raumausstatters aufgegangen sind. Völlig neue Spezialberufe entstanden, so z.B. der Gebäudereiniger oder als handwerksähnliches Gewerbe der Gerüstbauer, der Bodenleger und viele andere mehr.
2.5.3 Wandel der Berufsinhalte
(50) Es haben sich aber nicht nur die Berufe, sondern vor allem die Berufsinhalte im Handwerk gewandelt. Der technische Fortschritt hat das Handwerk ebenso verändert wie die Industrie. Selbst "alte" Handwerksberufe wie die Zimmerer setzen elektronische Datenverarbeitung ein und konstruieren am Computerbildschirm. Bäcker und Fleischer überwachen ihre Maschinen zur Qualitätsgarantie für ihre Erzeugnisse mit modernen elektronischen Steuerungssystemen. Kfz-Mechaniker, Radio- und Fernsehtechniker, Zentralheizungs- und Lüftungsbauer oder Gas- und Wasserinstallateure reparieren, warten und montieren Produkte der Industrie. Sie müssen deshalb mit dem technischen Stand in der Industrie Schritt halten. Handwerkliche Zulieferer wie die Werkzeugmacher müssen sich hinsichtlich der technischen Ausstattung und ihres Wissens an ihre industriellen Auftraggeber anpassen, wenn sie sich auf dem Markt behaupten wollen. Damit haben sich auch die Arbeits- und Organisationsformen in den Handwerksbetrieben verändert. Zugleich haben sich die Anforderungen an die Qualifikation der im Handwerk Beschäftigten erheblich erhöht.
2.6 Handwerk und Industrie
(51) Das Handwerk hat sich im Prozeß der Industrialisierung aufs Ganze gesehen behauptet und sogar ihm eigene Chancen geltend machen können. In wesentlichen Teilen ist es nicht von jener Konzentrationstendenz erfaßt worden, die für die moderne Wirtschaftsentwicklung charakteristisch war. Allerdings konnten im großen und ganzen nur die Dienstleistungshandwerke mit dem allgemeinen Bevölkerungswachstum Schritt halten. Sie bleiben nach Art und Umfang ihres Leistungsangebots im wesentlichen vom Wettkampf mit der industriellen Produktion verschont. Moderne Arbeitstechniken wie etwa die von der Mikroelektronik bestimmten Techniken haben im übrigen zu den besonderen Möglichkeiten gerade im Bereich der handwerklichen Betriebe geführt und mitgeholfen, ihre Position neben und mit den industriellen Betrieben zu festigen.
(52) Für die Produktionshandwerke läßt sich feststellen, daß das Handwerk sich gegenüber der Industrie auf jenen Gebieten nicht halten kann, auf denen sich die Industrie die kostensparenden Vorteile der Massenproduktion und der Großmaschinentechnik zu Nutze macht. Das Handwerk ist überall dort im Nachteil, wo zur Produktion vorwiegend nur eine Massenleistung erforderlich ist. Handwerkliche Betriebe aber haben dort gute Chancen, wo Spezialbedarf und persönlichkeitsbestimmte Leistung maßgebend sind. Auch dort, wo rasch sich ändernde Tätigkeiten charakteristisch sind (z.B. Reparaturbereich, Baugewerbe) oder eine enge Verbindung zum Kunden entscheidend bleibt (Bäcker, Fleischer), haben Handwerksbetriebe eine gute Position. Dies hat dazu geführt, daß die Industrie mehr und mehr dazu übergeht, solche Fertigungsbereiche aus der eigenen Betriebsstruktur auszulagern, die nicht im engeren Sinn industrietypisch sind, und sie in selbständige (zumeist kleine, innerhalb des Großbetriebs weiterhin tätige) Firmen umzuwandeln ("Outsourcing").
(53) In vielen Handwerkszweigen erlaubt eine offensive Nutzung des technischen Fortschritts die Sicherung bestehender und die Eroberung neuer Handwerksmärkte. In anderen Handwerkszweigen wird künftig verstärkt eine individuelle Handarbeit mit geringem technischen Einsatz nachgefragt.
(54) Die wirtschaftlichen und technischen Prozesse sind künftig mehr denn je von turbulenten Entwicklungen und sprunghaften Veränderungen geprägt. Die Planbarkeit der Prozesse und die Strategierationalität nehmen ab. An die Stelle der weit vorausschauenden Planung tritt schnelles und flexibles Handeln. Damit kehren sich die bisherigen Nachteile des Handwerks, die geringe Planbarkeit der Arbeiten und die kurzen Planungszeiträume, in entscheidende Vorteile um. Von entscheidender Bedeutung für die handwerklichen Betriebe wird dabei sein, daß sie mit den gewaltigen Problemen der Informationsbeschaffung und -verarbeitung fertig werden.