3.6 Bildungsprobleme - Berufliche Perspektiven
(83) Schulische und akademische Bildung haben für unsere Wirtschaft und Gesellschaft zentrale Bedeutung. Der gleiche Stellenwert kommt aber auch der beruflichen Aus- und Fortbildung zu. Nur beide Bildungsbereiche zusammen führen zu einer ausgewogenen, den Begabungen, Neigungen und Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechenden Bildungs- und Qualifikationsstruktur. Im geteilten Deutschland nach 1945 haben sich zwei ganz unterschiedliche Formen beruflicher Bildung etabliert. Sie wurden 1990 wieder zusammen geführt. Die unterschiedlichen Prägungen wirken allerdings weiter.
3.6.1. Defizite im Bereich der beruflichen Bildung
(84) Die Bildungssituation hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker verändert. Der Anteil der Studenten an einem Altersjahrgang hat seit 1960 um 730% zugenommen, die Zahl der Lehrlinge demgegenüber um 15%.
(85) Das Handwerk leistet einen wichtigen Beitrag für die Berufsausbildung. Handwerkliche Betriebe bilden mehr als ein Drittel aller Lehrlinge aus, obwohl nur etwa 20% aller Arbeitnehmer im Handwerk beschäftigt sind. Die Zahl der Ausbildungsverhältnisse im Handwerk stieg von 1975 bis 1980 um 39%. Wohl aufgrund der damaligen Erfahrungen ist seitdem die betriebliche Ausbildung nicht mehr grundsätzlich in Frage gestellt worden. Die Diskussion um Reformen der beruflichen Bildung konzentriert sich seitdem vorwiegend auf qualitative Verbesserungen und die Anpassung an die veränderten wirtschaftlichen, technischen und organisatorischen Gegebenheiten. Die bildungspolitische Weichenstellung der Bildungsoffensive zugunsten der schulischen und allgemeinen Bildung wirkt sich allerdings bis zum heutigen Tage immer stärker aus.
(86) Das veränderte Bildungsverhalten der Jugend wird den Arbeitsmarkt zusätzlich beeinflussen. Der langfristige Trend zu höheren Schulabschlüssen geht eindeutig zu Lasten der Hauptschule und zugunsten der weiterführenden Schulen. Obwohl der Anteil der Hauptschüler laufend zurückgegangen ist und sich dafür der Anteil der Schulabgänger mit höheren Abschlüssen entsprechend erhöht hat, ist der Anteil der Hauptschüler an den Handwerkslehrlingen von 1984 bis 1993 von 48,6% auf 53% angestiegen. Der Anteil der Lehrlinge ohne Hauptschulabschluß hat sich sogar von 3,9% auf 6,0% erhöht. Leicht angestiegen ist auch der Anteil der Lehrlinge mit Hochschul- oder Fachhochschulreife, nämlich von 5,0% im Jahr 1984 auf 5,6% 1993. Rückläufig war allerdings der Anteil der Absolventen mit Mittlerer Reife oder aus Berufsfachschulen, der sich von 28,8% auf 24,2% verringert hat. Stärker als der zahlenmäßige Rückgang der Lehrlinge, der zum Teil demographisch bedingt ist, wird aus diesen Vergleichen deutlich, daß sich der Handwerksnachwuchs von der schulischen Vorbildung her qualitativ verschlechtert hat, obwohl die Anforderungen in den Handwerksberufen deutlich gestiegen sind.
(87) Das Handwerk ist auf diese Entwicklungen noch nicht ausreichend vorbereitet. Es kennt, gleichgültig, ob Sonderschüler, Hauptschüler oder Abiturient nur einen Bildungsgang: die Lehre mit dem Abschluß "Gesellenprüfung". Auf unterschiedliche Vorbildungen kann die handwerkliche Berufsausbildung nur durch Verkürzung der Lehrzeit reagieren. Dies reicht nicht aus.
(88) Mit dem steigenden Anteil von Schulabgängern mit höheren Bildungsabschlüssen hat sich die schulische Bildung verbessert, was selbstverständlich auch für die darauf aufbauende berufliche Aus- und Fortbildung von Vorteil ist. Dies um so mehr, als die Anforderungen an die berufliche Aus- und Fortbildung deutlich gestiegen sind. Zum Nachteil für die berufliche Bildung erwiesen sich allerdings die Erwartungen, die bei den Betroffenen mit höheren Bildungsabschlüssen verbunden sind. Sie neigen dazu, die Möglichkeiten einer beruflichen Bildung und der sich anschließenden Berufswege zu unterschätzen und die Möglichkeiten einer akademischen Ausbildung zu überschätzen. Dies gilt selbst für Absolventen mit der Mittleren Reife; sie bevorzugen häufig ebenfalls die ihnen offenstehenden Studiengänge. Viele Absolventen mit ausgesprochen praktischer Begabung verkennen in vielen Fällen auch ihre persönlichen Stärken. Einstellungen und Erwartungen spielen bei der Wahl von Berufs- und Bildungsweg eine ganz entscheidende Rolle. Die gewerblich-technischen Ausbildungsberufe sind weit weniger begehrt als beispielsweise die Ausbildung im kaufmännischen Bereich und in der Verwaltung, vor allem in Großbetrieben und im öffentlichen Dienst. Selbst dann, wenn sich Absolventen für eine gewerblich-technische Richtung entscheiden, werden die Großbetriebe und der öffentliche Dienst bevorzugt, erst danach kommen die kleineren Betriebe und das Handwerk. Innerhalb des Handwerks bilden wiederum bestimmte Berufe, z.B. im Nahrungsmittel- und im Bauhandwerk das Schlußlicht.
(89) Zwar gibt es inzwischen fachbezogene Übergänge von der Meisterprüfung zur Universität, viele berufliche Bildungsabschlüsse aber lassen gleichwohl derzeit eine spätere Weiterqualifizierung in schulischen und akademischen Bereichen nicht zu. Nach wie vor eröffnet allein das Abitur sämtliche Optionen des Zugangs zu allen Ausbildungswegen, auch im berufsbildenden Bereich. Ein Vergleich zwischen beruflicher und schulischer Aus- und Fortbildung zeigt die gravierende Benachteiligung der beruflichen Aus- und Fortbildung, die bis zur Einführung des sog. "Meisterbafög" besonders in der finanziellen Förderung offenkundig war. Diese Benachteiligung der beruflichen Bildung war weder aus sozialen noch aus arbeitsmarktpolitischen oder gar volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten länger zu vertreten. Mit dem jahrelang umstrittenen "Meisterbafög" wurde eine wichtige Weichenstellung zugunsten der beruflichen Fortbildung vorgenommen, auch wenn die Fördermodalitäten verbesserungsbedürftig sind. Es bleibt zu hoffen, daß durch das "Meisterbafög" dem Rückgang der Teilnehmer an Fortbildungsmaßnahmen, insbesondere bei der Meisterausbildung im Handwerk, entgegengewirkt werden kann.
(90) Betroffen war nicht nur die Meisterausbildung, sondern die berufliche Weiterbildung und Qualifizierung generell, die zur Anpassung an den raschen wirtschaftlichen, technischen und organisatorischen Wandel unerläßlich ist. Heute müssen sich alle Arbeitgeber und Arbeitnehmer ständig weiterbilden, um mit dem technischen und wirtschaftlichen Wandel Schritt halten zu können. Volkswirtschaftlich schädlich und sozialpolitisch höchst problematisch ist daher die Kürzung der Mittel für Umschulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen. Auch die Arbeitslosigkeit, die zu einem erheblichen Teil strukturell bedingt ist, fordert umfassende Umschulungs- und Requalifizierungsmaßnahmen, um die Berufschancen der Arbeitslosen zu verbessern. Der gesamte Bereich der Umschulung, Requalifizierung und Weiterbildung ist ein zentraler Ansatzpunkt zur Anpassung an veränderte wirtschaftliche, technische und organisatorische Gegebenheiten.
3.6.2. Nachwuchs- und Fachkräftemangel
(91) Im handwerklichen Bereich besteht seit Jahren ein erheblicher Fachkräftemangel. Es kommt letztlich den Betrieben selbst zugute, wenn sie so viele junge Menschen wie möglich ausbilden und ihnen die bestmögliche Ausbildung zu geben versuchen. Dabei müssen sich handwerkliche Betriebe verstärkt um Absolventen aus den höheren Schulen, um den qualitativ besten Nachwuchs bemühen. Gleichzeitig muß aber auch weniger Qualifizierten eine echte Chance im Handwerk geboten werden.
(92) In den nächsten Jahrzehnten wird sich der Altersaufbau der bundesdeutschen Bevölkerung dramatisch verändern. Noch in den 90er Jahren wird es erstmals mehr über 50-jährige als unter 30-jährige Erwerbstätige geben. Diese Entwicklung wird das Angebot an Arbeitskräften entscheidend verändern. Im Vergleich zur Mitte der 80er Jahre wird sich zur Jahrtausendwende die Zahl der Schulabgänger fast halbieren. Außerdem erreichen die geburtenstarken Jahrgänge zunehmend das Rentenalter, so daß künftig in hoher Zahl Fach- und Führungskräfte im Handwerk ausscheiden, ohne daß dies durch entsprechenden Nachwuchs ausgeglichen werden kann.
(93) Die Überalterung der Fach- und Führungskräfte ist dabei besonders hoch. Trotz seiner hohen Attraktivität findet das Handwerk bei den jüngeren Jahrgängen ein vergleichsweise geringes Interesse. Das Handwerk wird also früher und mehr als andere Wirtschaftszweige von einem Ausscheiden einer großen Zahl älterer Fachkräfte und dem Nachwuchsmangel betroffen sein. Der Arbeitsmarkt der ausgehenden 90er Jahre wird dann durch einen Mangel an Fach- und Führungskräften bestimmt sein. In Zukunft wird zunehmend die ältere Generation die Innovationen und den technischen Fortschritt im Betrieb tragen müssen.
(94) Obwohl das Handwerk viele jener Möglichkeiten in sich vereinigt, die gemeinhin Inbegriff humaner und selbstbestimmter erwerbswirtschaftlicher Betätigung sind, gibt es bei vielen Arbeitnehmern geradezu Berührungsängste.
Im Zusammenhang mit den großbetrieblichen Massenentlassungen der letzten Jahre stellt sich das drängende Problem, diese z.T. jungen und leistungsfähigen Menschen wieder in die Beschäftigung zu bringen. Aufnahmefähig und -bereit wären in vielen Fällen geeignete Handwerksbetriebe. Trotz intensiver Bemühungen und Hilfen von Arbeitsämtern, Kammern und Betrieben scheitert die Integration von Arbeitslosen, die zuvor in Großbetrieben gearbeitet haben, weil sie es ablehnen, eine Beschäftigung in einem Handwerksbetrieb anzunehmen - dies oftmals in Fällen, in denen sie ihre Ausbildung in einem solchen Betrieb absolviert haben. Dabei spielt der zu erwartende Lohn in den meisten Fällen keine entscheidende Rolle. Ausschlaggebend scheint vielmehr eine "großbetriebliche Prägung" und die Aufstiegschancen und beruflichen Aussichten im Bereich großer Betriebe zu sein.
Wenn man davon ausgeht, daß es ein Beschäftigungswachstum bei den Großbetrieben nicht mehr geben wird, kann diese Grundeinstellung zu einem ernsthaften Hindernis für den notwendigen Strukturwandel werden. Bei hoher Arbeitslosigkeit werden vorhandene Beschäftigungspotentiale im handwerklichem Bereich nicht genutzt. Es ist dringend erforderlich, hier mehr Durchlässigkeit zu erreichen.
3.7 Weltwirtschaftliche Herausforderungen
(95) Heute müssen sich Industrie, Handel und Handwerk und letztlich alle Bürger darauf einstellen, daß es weltweit wirkende Trends gibt, deren Wirkungen teilweise noch nicht absehbar sind. Durch den Wegfall der Grenzen im europäischen Einigungsprozeß, durch den Zerfall der Blöcke, durch Massenkommunikation und weltweit wirkende Migrationsprozesse ergeben sich neue globale Konstellationen. Die Verflechtung der Volkswirtschaften infolge der Internationalisierung der Märkte und Globalisierung der Produktion und Wissensverarbeitung stellen einzelstaatliche und nationalökonomische Betrachtungsweisen in Frage. Diese Entwicklungen sind nicht ohne Einfluß auf das Handwerk, obwohl dessen Wirkungsfeld die Region und nicht der Weltmarkt ist.
(96) Die lokalen und regionalen Märkte des Handwerks werden immer stärker von einer Globalisierung der gesamten Wirtschaft bestimmt. In zunehmendem Maße wird alles weltweit miteinander vernetzt. Moderne Kommunikationstechnologien machen Informationen an jedem Standort für alle schnell und direkt nutzbar. Weitreichende Verkehrserschließungen lassen Entfernungen schrumpfen und die räumlichen Märkte immer größer werden. Die Transport- und Kommunikationskosten nehmen, gemessen an den gesamten Produktionskosten, ab. Verkehrserschließungen und neue Kommunikationstechniken lassen bisherige relative Standortvorteile schwinden und begünstigen bislang benachteiligte Produktionsstandorte, die weiter entfernt von den Hauptabsatzgebieten sind.
(97) Mit der Globalisierung der Märkte, vor allem aber der zunehmenden Verflechtung der europäischen Märkte, wächst auch der Austausch von Gütern und Dienstleistungen aus dem handwerklichen Bereich. Es kommt zu sehr schnellen, gar sprunghaften Veränderungen, die die Unternehmen begünstigen, die schnell und äußerst flexibel reagieren können. Hier hat das kleinstrukturierte Handwerk eindeutig Vorteile gegenüber den Großunternehmen mit längeren Planungs- und Entscheidungszeiträumen. Insofern begünstigt die Globalisierung grundsätzlich die flexiblen kleinen und mittleren Unternehmen. Andererseits tun sich handwerkliche Betriebe äußerst schwer in der Nutzung moderner Kommunikationstechnologien sowie in der internationalen Zusammenarbeit. Hinzu kommt, daß die Globalisierung der Weltwirtschaft in vielen Wirtschaftszweigen für Produktions- und Dienstleistungsbetriebe eine regionale und betriebliche Dezentralisierung begünstigt. Dagegen werden für zentrale Entscheidungs- und Verwaltungseinheiten eher noch betriebliche und regionale Konzentrationen gefördert. Damit verbunden ist eine Ballung von Macht und Kapital.