5.4 Rahmenbedingungen verbessern
(209) Handwerkliche Betriebe können einen wertvollen Beitrag zu wirtschaftlichem Erfolg und Wohlstand sowie zum Nutzen des Gemeinwesens vor allem dann leisten, wenn sie günstige Ausgangsbedingungen haben und wenn sich die Belastungen für die handwerklichen Betriebe in verantwortbaren Grenzen halten. Zu den herausragenden Belastungen zählen die vergleichsweise hohen Personalnebenkosten.
5.4.1 Personalnebenkosten verringern
(210) Eine Senkung der Personalnebenkosten ist unerläßlich. Sie würde nicht nur zur Entlastung bzw. Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der handwerklichen und aller arbeitsintensiven Wirtschaftsbereiche beitragen, sondern sich auch durchschlagend positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken. Beitragsminderungen zur Sozialversicherung hätten unmittelbare Auswirkungen auf die Nettolöhne und damit eine verteilungspolitische Bedeutung Allerdings kann es durch die steuerliche Gegenfinanzierung zu Belastungen kommen.
(211) Zur erforderlichen deutlichen und nachhaltigen Senkung der Personalnebenkosten müssen gleichzeitig verschiedene Wege beschritten werden:
- Mit Augenmaß muß auch auf der Leistungsseite eine Reform der Sozialversicherungen und die weitere Stärkung der Eigenverantwortung erreicht werden.
- Die Tarifpartner müssen eine deutliche Begrenzung der Personalnebenkosten in den von ihnen zu verantwortenden Bereichen verwirklichen. Die Einführung flexibler Arbeitszeitformen mit langen Ausgleichszeiträumen scheint beispielsweise im Baubereich ein erfolgversprechender Weg zu sein.
- Arbeitgeber wie Arbeitnehmer müssen durch ihr eigenes Handeln ebenfalls alles daransetzen, die Personalnebenkosten zu reduzieren. Ein sinnvoller präventiver Gesundheits- und Arbeitsschutz oder die menschengerechte Gestaltung der Arbeitswelt können beispielsweise dazu beitragen, nachhaltig Personalnebenkosten zu senken und gleichzeitig die Produktivität deutlich zu erhöhen.
- Entscheidend ist vor allem die Entlastung der Sozialversicherungen von versicherungsfremden Leistungen durch eine systemkonforme Finanzierung aus Steuern. In ihrer Wirtschaftsdenkschrift "Gemeinwohl und Eigennutz" (1991) hat die Evangelische Kirche in Deutschland darauf hingewiesen, daß sich der Staat im Rahmen der Konsolidierung der Staatsfinanzen bei der Finanzierung sozialer Leistungen entlastet hat. Die Denkschrift betont, daß sich der Staat aus seiner Verantwortung für die Mitfinanzierung sozialer Leistungen nicht zurückziehen darf. Dies gilt heute in besonderer Weise, da die vereinigungsbedingten Soziallasten in hohem Umfang auf die Beitragszahler der sozialen Sicherungssysteme abgewälzt worden sind.
- Schließlich ist zu prüfen, ob neben dem Faktor Arbeit und der Lohn- und Gehaltssumme zusätzliche Bemessungsgrundlagen für die Finanzierung der Sozialleistungen sinnvoll wären.
(212) Eine Umschichtung der Finanzierung der versicherungsfremden Leistungen auf eine Steuerfinanzierung ist nach Auffassung vieler Sachverständiger möglich. In der Diskussion befinden sich insbesondere folgende Vorschläge, die auf Einsparungen bzw. neue Finanzierungsquellen zielen: ein massiver Subventionsabbau, eine höhere Effizienz der Besteuerung durch eine starke Vereinfachung des Steuerrechts, eine Erhöhung der Mehrwertsteuer und umweltschützende Ressourcenabgaben (wie sie etwa im Weißbuch der Europäischen Union gefordert werden).
(213) Notwendig ist eine Neuorientierung des Steuerrechts, die den Gesichtspunkten der Ökologie und der Wertschöpfung stärkere Beachtung schenkt, d.h. eine relative und absolute Verteuerung von Energie und anderer erschöpfbarer Ressourcen im Verhältnis zur menschlichen Arbeit (z.B. zweckgebundene Energieabgabe zur Entlastung der Sozialversicherung). Die damit verbundenen Mehreinnahmen sollten ausschließlich zur Senkung der Lohnnebenkosten verwendet werden, so daß für die arbeitsintensiven Wirtschaftszweige insgesamt keine Mehrbelastung, sondern eher eine Entlastung wirksam wird.
(214) Insgesamt kommt es darauf an, Anreize zu Kostenersparnissen zu erhalten und Prozeß- wie Produktinnovationen in eine ausgeglichene Balance zu bringen, die Eigenverantwortung zu stärken sowie die einzelbetrieblichen und gesamtwirtschaftlichen Ziele miteinander zu harmonisieren. Die bestehenden größenbedingten Nachteile müssen deutlich abgebaut und vor allen Dingen die Personalnebenkosten durch die aufgeführten Maßnahmen einer spürbaren Umsteuerung gesenkt werden.
5.4.2 Schulische Allgemeinbildung und berufliche Bildung verbessern
(215) "Die Bedeutung der beruflichen Bildung wächst," betont die EKD-Stellungnahme "Evangelisches Bildungsverständnis in einer sich wandelnden Arbeitsgesellschaft" (1991) und fährt fort: "In ihr rücken Elemente der Allgemeinbildung mit denen der Fachausbildung immer enger zusammen ... Der Abstand zwischen akademischer und beruflicher Ausbildung für den Facharbeit wird immer kleiner." Diesem Trend muß auch im Blick auf die Bildungschancen Rechnung getragen werden. Schülern mit vergleichsweise niedrigen Bildungsabschlüssen müssen die gleichen Bildungschancen eingeräumt werden, wie den Schülern mit höheren Abschlüssen. Die bisher ergriffenen Maßnahmen des beruflichen Aufstiegs reichen nicht aus. Aus diesem Grunde wird die in der Zwischenzeit in mehreren Ländern erreichte bessere Durchlässigkeit des Bildungswesens durch die Gleichstellung von Bildungsabschlüssen der beruflichen Bildung mit schulischen Bildungsabschlüssen begrüßt. Dieser Weg sollte konsequent weiterverfolgt werden.
(216) Die schulische Allgemeinbildung dient der Persönlichkeitsbildung. Sie ist zugleich die Grundlage für den späteren Beruf. Abitur und abgeschlossenes Studium bedeuten für immer mehr Menschen einen Umweg zu einer Berufstätigkeit, die bereits viel früher mit einem anderen beruflichen Bildungsweg erreichbar gewesen wäre. Vor allem aber erfordert der gesellschaftliche, technische und wirtschaftliche Wandel laufend neue Kenntnisse und Fähigkeiten, die immer wieder neu erworben werden müssen. Bildung und Ausbildung erfordern immer stärker lebenslanges Lernen. Deshalb finden auch die meisten Lern- und Bildungsprozesse im engen Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz und damit berufsbezogen statt.
(217) Die Tatsache, daß im dualen System zur Zeit rund 10%-15% der Auszubildenden zu keinem Bildungsabschluß gelangen konnten, nötigt dazu, in Zukunft differenzierte Bildungsgänge zu schaffen, die auf die zunehmend unterschiedlichen Vorbildungen der Jugendlichen in den Ausbildungsgängen Rücksicht nehmen. Dem Handwerk würde sich damit die Chance eröffnen, die Attraktivität der beruflichen Bildung zu erhöhen und qualifizierte Nachwuchskräfte zu bekommen.
(218) Der Wandel sowohl in den technischen Anforderungen als auch im Blick auf anspruchsvolle Managementaufgaben haben in allen Bereichen des Handwerks - wie bereits dargelegt - erhebliche Veränderungsprozesse ausgelöst. Es ist deshalb erforderlich, die Arbeitsplatzgestaltung auf der einen Seite und die künftige Gestaltung der beruflichen Bildung auf der anderen Seite diesen Anforderungen entsprechend neu zu gestalten bzw. zu adjustieren. Diese beziehen sich nicht mehr nur auf den einzelnen Arbeitsplatz oder den einzelnen Betrieb, sondern gleichermaßen auch auf den Umgang mit dem betrieblichen Umfeld. Neben die geforderte Fach- und Sachkompetenz im technischen oder kaufmännischen Bereich treten weitere und zunehmend auch umfassendere Bildungsanforderungen, die in hohem Maße auch die Human- und Sozialkompetenz mit einbeziehen.
(219) Es geht darum, in der beruflichen Bildung die Rahmenbedingungen insgesamt zu verbessern. Diese sollten so gesetzt werden, daß sich Lernfreude und Lernbereitschaft entfalten können. Das bedeutet in erster Linie Konzentration auf das allgemeinbildende Schulwesen, um dort die Grundlage zur Bereitschaft für lebenslanges Lernen zu legen. Allein schon im Blick auf die Probleme am Arbeitsmarkt bedarf es einer Bildungsoffensive, die das Praktische und das Geistige sehr viel stärker zusammenführt. Das Bildungssystem muß knapper (kürzere Ausbildungszeiten) und nach verschiedenen Seiten hin elastischer sein. Eine sich rasch ändernde Welt erfordert es, das Bildungssystem flexibler zu gestalten. Um arbeitsmarktpolitischen Erfordernissen Rechnung zu tragen, sollten Zielgruppenberatungen (etwa für Ingenieure) und Einarbeitungszuschüsse geschaffen werden. Die raschen Veränderungen in Wirtschaft und Beruf stehen im Widerspruch zu den rechtlichen Vorgaben für die berufliche Aus- und Fortbildung. Berufsordnungsmittel, Rahmenlehrpläne und Prüfungsanforderungen werden immer rascher von der Entwicklung überholt. Die Anpassungszeiträume müssen deshalb verkürzt werden, die ständige Überprüfung und Weiterentwicklung muß flexibel geregelt werden.
(220) Es geht hierbei nicht einfach darum, ökonomischen und sozialstaatlichen Erfordernissen durch Verbesserungen des Bildungssystems Rechnung zu tragen, vielmehr sollen junge Menschen Lebenschancen erhalten und sich entfalten können. Die praktischen Begabungen sollten mehr Chancen bekommen und ihr Weg in eine sie befriedigende Berufstätigkeit sollte ihnen leichter gemacht werden. Zudem ist zu bedenken: Die freie, mündige, reflexive und verantwortungsbewußte Persönlichkeit entwickelt sich nicht einfach nur im Erwerbsberuf, sondern insgesamt in der kritischen, auf ein tieferes Selbst- und Weltverständnis zielenden Auseinandersetzung mit den Bereichen, die zweifellos auch außerhalb von Ökonomie und Beruf liegen.
(221) Eine wichtige Aufgabe liegt auch bei der Verbesserung der Übergänge vom Bildungssystem in das Beschäftigungssystem. Eine niedrigere Eingangsbesoldung kann hier ebenso eine wichtige Hilfe sein.
5.4.3 Fortbildung verbessern
(222) Von den Bedürfnissen der Praxis ausgehend haben Fortbildungsmaßnahmen aller Art immer größere Bedeutung bekommen. Dabei geht es vor allem um die Vermittlung berufsübergreifender neuer Technologien. So haben die Handwerksorganisationen das Angebot an beruflichen Fortbildungsmaßnahmen mit anerkannten Abschlüssen kontinuierlich ausgebaut. Die Berufsbildungs- und Technologiezentren des Handwerks sind darüber hinaus zu den wichtigsten Beratungsstellen für den praxisbezogenen Technologie-Transfer geworden. Es werden aber nicht nur neue Technologien vermittelt, sondern auch alte Handwerkstechniken gepflegt und weitergegeben. Von allen diesen Möglichkeiten wird in steigendem Maße Gebrauch gemacht. Darüber hinaus finden in enger Abstimmung mit der Arbeitsverwaltung Umschulungs- und Anpassungskurse aller Art statt. Eine enge Zusammenarbeit erfolgt auch mit zahlreichen anderen Institutionen. Im Blick auf die Bedeutung dieser innovativen Bildungs- und Informationseinrichtungen sollte auch die finanzielle Förderung dieser Einrichtungen angemessen weitergeführt werden.
(223) Für die Fortbildung ist in Zukunft ein Bildungssystem anzustreben, das sich durch Offenheit, Durchlässigkeit, Flexibilität und die Bereitschaft zu Veränderung und Innovation auszeichnet. Ziel der Fortbildung muß es sein, eine relativ breit angelegte selbständige berufliche Handlungsfähigkeit zu erreichen und die Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. Dazu sollten am Arbeitsplatz zusätzliche Möglichkeiten zum Lernen geschaffen und mehr Zeit zur Betreuung der Nachwuchskräfte eingeplant werden. Der Lernplatz in der Schule sollte im Gegenzug mehr Praxisbezug haben. Schüler sollten beispielsweise vor konkrete und komplexe Aufgaben gestellt werden. Aktive Lern- und Arbeitsmethoden (Entdeckungslernen, Fallbeispiele, Projekte, Planspiele) sollten mehr in den Unterricht eingebunden werden.
5.4.4 Möglichkeiten zur Existenzgründung verbessern
(224) Von der Frage der Existenzgründungen war bereits im Zusammenhang mit den Beiträgen zum Abbau der Arbeitslosigkeit die Rede. Wichtige Elemente einer Förderung von Existenzgründungen sind ganzheitliche Dienste, die den potentiellen Existenzgründern sämtliche benötigten Hilfen und Informationen aus einer Hand liefern, sowie eine höhere Risikobereitschaft der Kreditinstitute bei der Bereitstellung des Gründungskapitals. Existenzgründer können der Kreditwirtschaft keine Sicherheiten in Form von erfolgreichen Bilanzen der Vergangenheit liefern. Ihre Sicherheit liegt vielmehr in ihrer eigenen Person und in ihrem Gründungskonzept. Eine intensive Zusammenarbeit zwischen Beratungseinrichtungen und Kreditwirtschaft kann helfen, den Banken und den Existenzgründern zugleich mehr Informationen und Sicherheiten zu geben.
(225) Notwendig ist hier vor allem die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Existenzgründungen. Sie sind für einen Handwerksmeister entscheidend, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Zu den persönlichen Voraussetzungen kommen die allgemeinen, gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen, unter denen ein Selbständiger oder eine Selbständige arbeiten muß. Ohne Zweifel sind im Zuge des fortschreitenden Konzentrationsprozesses und des vermehrten Eindringens von Großunternehmen in mittelständische Märkte in den letzten Jahren die kaufmännischen Anforderungen an Existenzgründer gestiegen. Der Rückgang der Selbständigen-Quote in der gesamten Wirtschaft spiegelt sicherlich auch diese wachsenden Anforderungen wider. Die Handwerksmeister und -meisterinnen müssen an dieser Stelle Unterstützung finden. Es gilt, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, daß die selbständige Ausübung eines Handwerks auch im Vergleich zur Angestelltentätigkeit attraktiv und lohnend ist. Wesentliche Momente sind dabei auch die Einbeziehung und die beruflichen Ausbildungsmöglichkeiten der Ehepartner, die entscheidend die Gründung und den Erfolg eines handwerklichen Familienbetriebes mitbestimmen.
(226) Vieles deutet darauf hin, daß die Gründungspotentiale längst nicht ausgeschöpft sind. Die Ausbildung zum Meister und das dichte organisationseigene Netz der Beratung und Förderung von Existenzgründungen sind wesentliche Argumente dafür, daß im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen Existenzgründungen im Handwerk sehr erfolgreich sind. Im Vollhandwerk, das die Meisterausbildung als Voraussetzung für eine Selbständigkeit voraussetzt und damit zugleich die jungen Meister in das dichte Beratungs- und Fortbildungsangebot der Handwerksorganisation einbezieht, ist die Konkursquote sehr viel niedriger als im handwerksähnlichen Gewerbe. Die vergleichsweise hohe Konkursquote handwerksähnlicher Existenzgründungen signalisiert, daß hier noch ein sehr hoher Qualifikations- und Beratungsbedarf besteht.
5.4.5 Für das gesellschaftliche Ansehen sorgen
(227) Zu den zentralen Aufgaben der Handwerksorganisation gehört es, das gesellschaftliche Ansehen des Handwerks nach außen zu verbessern und dementsprechend auch auf die eigenen Betriebe einzuwirken. Im politischen Bereich muß sie darauf hinwirken, daß Chancengleichheit auch für Handwerk und Mittelstand gewährleistet und damit eine ausgewogene Struktur von Klein-, Mittel- und Großbetrieben erhalten bleibt. In diesem Sinne ist Handwerkspolitik zugleich auch ein unverzichtbarer Bestandteil der Wirtschafts- und Sozialpolitik im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft.
5.4.6 Die Situation des Handwerks in Europa verbessern
(228) Nach dem derzeitigen Stand der Harmonisierungsbestrebungen hat die Europäische Union nicht die Absicht, sich in die Frage einzumischen, ob und ggf. wie eine bestimmte Berufstätigkeit bzw. der entsprechende Ausbildungsgang geregelt und organisiert werden soll. Das gleiche gilt für die "richtige" berufsständische Verfassung. Sichergestellt werden muß allerdings, daß die bestehenden Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten nicht die Inanspruchnahme der sogenannten Grundfreiheiten verhindern, also insbesondere die Niederlassung als selbständiger Handwerksbetrieb in einem anderen als dem Herkunftsland und die Erbringung handwerklicher Dienstleistungen europaweit.
(229) Zur Gestaltungsfreiheit der Mitgliedsstaaten, die nach dem derzeitigen Stand weiter bestehen wird, gehört die deutsche Handwerksordnung mit dem großen Befähigungsnachweis. Desweiteren hat der Europäische Rat im Vertrag von Maastricht im Dezember 1991 die ausschließliche Verantwortlichkeit der Mitgliedsstaaten für die Inhalte und die Organisation der beruflichen Bildung ausdrücklich festgeschrieben. Die EU-Kommission hat stets bekräftigt, daß sie das System der deutschen Meisterprüfung als Grundpfeiler der deutschen Handwerksordnung als unantastbar ansieht.
(230) Ausgeweitet werden sollten auch die Ansätze einer Kooperation des Handwerks auf Europaebene. So finden beispielsweise jetzt schon regelmäßige Treffen zwischen deutschen und französischen Handwerkern statt. Eine große Zahl von Partnerschaften zwischen deutschen und französischen Handwerkskammern haben die Zusammenarbeit zwischen Handwerkern z.B. auf dem Gebiet des Lehrlings- und Gesellenaustauschs erleichtert.
5.5 Die kirchliche Handwerkerarbeit intensivieren
(231) "Die Verbesserung und Vertiefung der Beziehung von Kirche und Handwerk, Kirchengemeinde und Handwerkern, darf nicht bei praktischen Beziehungen wie z.B. Baumaßnahmen aufhören," heißt es in der EKD-Stellungnahme "Chancengleichheit für das Handwerk" aus dem Jahre 1978 zum Verhältnis von Kirche und Handwerk. Die Stellungnahme fährt fort: Das Bemühen um eine intensive Beziehung zwischen Kirche und Handwerk "gehört zum Auftrag der Kirche, der auch dem Berufsleben gilt ... Eine Berufsseelsorge im Handwerk ist nur möglich, wenn sich die in der kirchlichen Gemeindearbeit Tätigen ein größeres Maß an Verständnis für die Probleme der gewerblichen Mittelschichten aneignen. Dies setzt voraus, daß sich kirchliche Werke und Einrichtungen mit diesem Bereich der Arbeitswelt befassen. Sie sollten ihre Hilfe vor allem in menschlicher Hinsicht wirkungsvoll anbieten und auf dem Gebiet der Mittelschichten Sachkenntnis auch innerhalb der kirchlichen Gemeindeseelsorge verbreiten. Es kommt darauf an, daß die Begegnung zwischen Kirche und Handwerk nicht nur eine Frage dieser Gruppen bleibt. Sie sollte sich auch auf Orts- und Gemeindeebene vollziehen, zumal das Handwerk zu den Berufsgruppen gehört, die in größerer Nähe zur Kirche geblieben sind als manche anderen Gruppen in der Gesellschaft."
(232) Viele Beispiele zeigen, wie erfolgreich kirchliche Handwerkerarbeit sein kann. Formen der Kontaktarbeit mit den Elementen Geselligkeit, Offenheit des Gesprächs, Traditionspflege, Pflege des solidarischen Miteinanders haben sich bewährt. Die kirchliche Handwerkerarbeit befindet sich gleichwohl in einer Umbruchssituation. Es gibt mittlerweile viele Versuche mit neuen Arbeitsformen, die von neuen Kooperationen geprägt sind (z.B. die Zusammenarbeit mit anderen "Nichtregierungsorganisationen" sowie mit staatlichen Stellen, die Zusammenarbeit mit anderen kirchlichen Arbeitszweigen wie dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt, der kirchlichen Familienarbeit, die Zusammenarbeit mit der Diakonie bzw. mit Diakonen und Diakoninnen, die Durchführung Runder Tische sozialer Verantwortung vor Ort, Ansätze gesellschaftspolitischer Arbeit und anderes mehr). In vielen Bereichen muß es deshalb zu neuen Ansätzen und Ergänzungen der bestehenden Arbeit kommen.
(233) Schwerpunkte der kirchlichen Handwerkerarbeit sollten sein:
- die Bearbeitung von wirtschaftsethischen und sozialethischen Grundfragen sowie aktuellen Lebensfragen des Handwerks im Sinne des Grundanliegens dieser Denkschrift. Im sozialethischen und gesellschaftspolitischen Gespräch der Kirche sollten die hier angesprochenen Fragen einen größeren Raum haben; es muß deutlich sein, daß es am Beispiel Handwerk um Kernfragen unserer sozial und ökologisch verpflichteten Marktwirtschaft und um die wirklich typischen Probleme des Menschen in der Arbeitswelt geht. Eine stärkere Öffnung gegenüber dem Handwerk und seinen Problemen kann eine Chance sein auch für die gelegentlich auf Akademikerschaft, gehobenen Mittelstand und Industrie ausgerichtete Kirche. Das Angebot kirchlicher Tagungs- und Kursarbeit zur Behandlung theologischer und sozialethischer Probleme des Handwerks sollte ausgeweitet und methodisch verbessert werden. Eine Aufarbeitung der Fragen, die mit der Berufs- und Arbeitsethik in der Industriegesellschaft zu tun haben, und eine Neubesinnung auf die christlichen Grundlagen sind erforderlich;
- eine Verbindung von kirchlicher Arbeit und offener Arbeit. Es kann durchaus ein Nebeneinander von kirchlichen Handwerkervereinen, Selbsthilfegruppen und Seniorengenossenschaften, informellen Gruppen und gelegentlichen Veranstaltungen (Ausflüge, Meditationsveranstaltungen, kirchliche Feste mit Handwerkern und Veranstaltungen mit geselligem Miteinander) mit wechselnder Zielgruppe des Handwerks geben;
- die Personalschulung für die kirchliche Arbeit (Handwerkspraktika für angehende Pfarrerinnen und Pfarrer, kirchliche Ergänzungsausbildung für Diakoninnen und Diakone mit gewerblicher Vorbildung, handwerksbezogene Studientage für kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in funktionalen Diensten bis hin zur kirchlichen Erwachsenenbildung);
- eine stärkere Ausrichtung der Arbeitsformen kirchlicher Arbeit auf Sprache und Kommunikationsformen der im Handwerk Beschäftigten (Bedeutung von Symbolen, Gemeinschaft, Geselligkeit);
- eine stärkere Betonung der Seelsorge an den im Handwerk Beschäftigten. Sie umfaßt das öffentliche seelsorgerliche Wort in Gottesdienst, Handwerkerkreis, Gemeindeabend und Berufsschule und die individuelle Seelsorge. Hier heißt es, nicht nur die Fragen, Nöte und Probleme von Handwerkern zu hören, sondern auch ihre Signale, ihre Überzeugungen und Bewertungen sowie die Fragen des Glaubens. Wichtig ist hier vor allem die seelsorgerliche Hilfe für das Familienleben. Ein intaktes Familienleben, in dem die Zusammenarbeit von Mann und Frau von gegenseitigem Verständnis und der Bereitschaft zur Vergebung von Fehlern getragen ist, ist die wichtigste Voraussetzung zur Bewältigung der großen menschlichen Aufgaben, die in jedem Handwerksbetrieb zu lösen sind;
- regelmäßige Gespräche zwischen sachkundigen Vertretern der Kirche und des Handwerks auf verschiedenen Ebenen. Hierzu gehört vor allem auch ein Kontakt mit den Ausbildern im Handwerk und den Auszubildenden. Der Kontakt sollte sich nicht nur auf den Religionsunterricht an den Berufsschulen konzentrieren. Besonders wichtig ist, daß Hilfen zum gegenseitigen Verständnis gegeben und die wechselseitigen Aufgaben diskutiert werden;
- die Durchführung von Gottesdiensten und Veranstaltungen mit dem Handwerk auf Gemeindeebene, die von Vertretern der betreffenden Berufsstände zusammen mit Pfarrern und kirchlichen Mitarbeitern vorbereitet und ausgestaltet werden.