Taufe und Kirchenaustritt

Theologische Erwägungen der Kammer für Theologie zum Dienst der evangelischen Kirche an den aus ihr Ausgetretenen, 2000

II. Zum Verständnis der Taufe

Die Frage nach der Bedeutung des Getauftseins für die aus der Kirche ausgetretene Person erfordert eine Besinnung auf das theologische Verständnis der Taufe. Hierzu werden bei grundsätzlicher Einigkeit darüber, daß die Getauften mit Christus und seiner Kirche und diese umgekehrt mit dem Getauften verbunden sind, im gegenwärtigen theologischen Gespräch unterschiedliche Akzente gesetzt.

Auf der einen Seite wird die Taufe vornehmlich als Handeln Gottes am Täufling verstanden, durch das dem Getauften das Christusheil zugeeignet und er in die Kirche als den Leib Christi eingefügt wird. Bei der Taufhandlung ist nach diesem Verständnis der Täufling wesentlich Empfangender. Die Taufe von Säuglingen erscheint als besonders sachgemäß, weil an ihr der reine Geschenkcharakter des zugeeigneten Heils deutlich in Erscheinung tritt.

Zum anderen wird die Taufe vorrangig als von Gott gestiftetes Zeichen begriffen, das vor allem zur Vergewisserung des heilbringenden Glaubens gegeben ist. Als Drittes ist das Verständnis der Taufe als Bekenntnishandlung des Täuflings - zusammen mit der taufenden Gemeinde - zu nennen. Die Taufe ist hiernach ein für das Leben des Christen grundlegender Gehorsamsakt des Glaubens und hat zugleich die Bedeutung eines Gebetes um den Geist Gottes.

Als Grundzüge dieser Taufverständnisse können gelten:

1. Getauft wird in göttlichem Auftrag und in der Kraft göttlicher Verheißung. Die Taufhandlung ist ein "Gemeinschaftswerk" (Karl Barth) von taufender Gemeinde und Täufling. Es ist ein auf das ganze Leben des Täuflings ausgerichtetes grundlegendes Handeln der Gemeinde an einem Einzelnen, das dieser im Glauben (bzw. durch den Glauben von Eltern und Paten) begehrt und empfängt. Dieses Handeln hat den Charakter des Bekenntnisses, des Gehorsams und des Gebetes.

2. Die Gabe der Taufe besteht darin, daß durch die Taufhandlung der die Welt liebende Gott (Joh. 3, 16) sich für den Getauften auf seine Gnade ein für alle Mal festlegt und der Getaufte sich auf das, woran er glaubt, ein für alle Mal festlegen lässt. Diese Festlegung oder, wie das Neue Testament sagt, Versiegelung (vgl. 2. Kor 1, 22) ist auf beiden Seiten unaufhebbar.

3. Ihre auf diesen Glauben festlegende Wirkung erhält die Taufe durch Jesus Christus selbst, der dem bei seinem Namen gerufenen Täufling in und unter dem Handeln der Gemeinde am Heil teilgibt (Röm 6, 1 ff.). Gleichzeitig wird er durch Christus in die Kirche als seinen Leib eingefügt (1. Kor 12, 13), und er wird zum Zeugnis in die Welt gesandt. Die Gabe der Taufe bedarf des Glaubens zu ihrer heilswirksamen Entfaltung, der Unglaube hingegen führt unter das Gericht Gottes.

4. Die Frage der Ordnung der Taufe ist in der evangelischen Theologie dogmatisch umstritten und vom Neuen Testament her schwer zu entscheiden. Weithin wird für christliche Familien die Taufe kleiner Kinder als sachgemäß angesehen, wobei der Glaube und das Bekenntnis von Eltern, Paten und Gemeinde für den Täufling eintreten. Es wird aber von anderen aus unterschiedlichen Gründen auch dafür plädiert, für Kinder christlicher Familien kein Taufalter festzulegen. Grundsätzlich werden Menschen jeden Alters zur Taufe eingeladen.

5. Das Ziel der Taufe ist nach kirchlicher Lehre ein Dreifaches: Die

Verherrlichung des dreieinigen Gottes, Leben und Seligkeit der Getauften und der Aufbau der Kirche. In jedem Taufakt wird durch die Ausrufung des Namens des dreieinigen Gottes dieser verherrlicht und dem Getauften Heil zugesprochen. Zugleich zeigt sich die Kirche in und mit der Taufe als lebendige, wachsende und dem Gebot Jesu gehorsame ecclesia perpetuo mansura.

Aller Dienst der Kirche an den aus ihr Ausgetretenen muß dieses Ziel vor Augen haben. Dabei kann dieser Dienst daran anknüpfen, daß, trotz der Distanzierung von der Kirche oder des mit dem Kirchenaustritt gegebenen Bruchs, durch die Taufe dennoch eine Verbindung der Kirche mit dem Getauften bestehen bleibt.



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