8. Alltag und Sonntag
Der Wechsel von Arbeit und Ruhe gehört zum geschöpflichen Leben des Menschen. Die Unterbrechung des Alltags durch den christlichen Sonntag macht deutlich, daß der Mensch nicht das ist, was er aus sich macht. Mit ihrem Einsatz für den Schutz des Sonntags treten die Kirchen für ein unverzichtbares Element humaner Sozialkultur ein; denn im Unterschied zur wachsenden Freizeit während der Arbeitswoche ist die freie Zeit des Sonntags gemeinsame Zeit. Entscheidend ist aber letztlich nicht, was die Kirchen politisch fordern, sondern wie Christen und Gemeinden selbst mit dem Sonntag umgehen.
(8.1.) Die Unterscheidung von Alltag und Festtag ist in allen Kulturen und Religionen verbreitet. Seit Kaiser Konstantin im Jahr 321 den Sonntag zum staatlichen Feiertag erklärte, gilt er als eine klassische Institution christlicher Kultur. Sonntage und Feiertage genießen in Deutschland den Schutz der Verfassung. "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt." (Art. 140 GG i.V.m. Art. 139 WRV) Diese Garantie durch Gesetz und Verfassung hat wesentlich dazu beigetragen, daß sich die überlieferte Sonntags- und Feiertagskultur festigen und entfalten konnte: Die große Mehrheit der Erwerbstätigen braucht an den Sonn- und Feiertagen nicht zu arbeiten. Das Programmangebot in Theater, Kino und Fernsehen ist - wenigstens etwas - "erhebender" als sonst. Die Speisekarte zu Hause oder im Lokal ist festlicher als am Alltag. Es gibt gemeinsame freie Zeit, die der Begegnung und dem Zusammensein in Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft zugutekommt. Der Gottesdienst hat am Sonntag einen festen Platz.
(8.2.) Seit geraumer Zeit ist die kulturelle Institution des Sonntags einer Erosion ausgesetzt. Verschiedene Entwicklungen tragen dazu bei:
Im Zuge der Pluralisierung und Individualisierung der Lebensstile verlieren viele Konventionen an Bindungskraft, so auch der Sonntag. Es gab und gibt Sonntagskonventionen, die wie eine Zwangsjacke wirken; ihnen gegenüber bedeuten Pluralisierung und Individualisierung einen Zugewinn an persönlicher Gestaltungsfreiheit und sind nicht von vornherein negativ zu beurteilen.
Gravierender ist die Tatsache, daß die Unterbrechung des Alltags durch die Sonn- und Feiertage zunehmend als ökonomischer Nachteil wahrgenommen wird. Es gibt einen starken, ökonomisch motivierten Trend zu stärkerer Flexibilisierung der Arbeitszeit. Dabei ist fraglich, ob das Argument des Wettbewerbsnachteils in allen Fällen zutrifft und ob die globale Wettbewerbswirtschaft mit ihren tendenziell unbegrenzten Anforderungen an die Flexibilität der Erwerbstätigen nicht gerade jene individuelle Stabilität, Entscheidungskraft und Sicherheit untergräbt, die sie voraussetzt. Jedenfalls rechtfertigt die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit nicht jeden Preis. Hinzu kommt, daß für weite Kreise der Bevölkerung der Sonntag noch bequemer werden soll (Beispiel "Sonntagsbrötchen"), dies aber auf Kosten der gemeinsam geteilten Zeit von Mitmenschen geschieht. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Die entscheidende Frage lautet, wie eine Gesellschaft leben möchte und was den Menschen der Sonntag bedeutet.
Der Sonntag ist deshalb am stärksten dadurch gefährdet, daß immer mehr Menschen mit ihm nichts Rechtes anzufangen wissen; die Ausweitung der gewerblichen Angebote füllt eine Zeit, die ansonsten als leer empfunden wird. Der über Jahrhunderte selbstverständliche Bestand des Sonntags hat dazu geführt, daß die Fähigkeit erheblich geschwunden ist, über den religiösen und sozialen Sinn dieser Institution Rechenschaft zu geben.
(8.3.) Der Wechsel von Arbeit und Ruhe, der Rhythmus von Tätigsein und Feiern gehört zum geschöpflichen Leben des Menschen; er ist - so könnte man sagen - ebenso ernst zu nehmen wie die Pflege der leiblichen Gesundheit. Dies ist ein Grundmotiv der christlichen Feiertagskultur, das die Christenheit mit dem Judentum verbindet. Im 3. bzw. (je nach Zählung) 4. Gebot des Dekalogs heißt es: "Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt" (2. Mose 20,8ff). Es geht dabei nicht nur um das Heilighalten des Wortes Gottes oder die Heiligung des Lebens im allgemeinen, sondern um die Heiligung eines bestimmten Tages. Heiligen heißt: absondern, von den gewöhnlichen Dingen unterscheiden, herausheben. Der Dekalog verankert das Gebot der Feiertagsheiligung im Schöpfungshandeln Gottes selbst: "Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn" (2. Mose 20,11, vgl. 1. Mose 2,2). Nicht die Steigerung des Arbeitseinsatzes, nicht die Verdoppelung der Kräfte vollenden das Werk, sondern die Ruhe von der Arbeit. Das ist für den Menschen Zumutung und Trost zugleich: die Zumutung, daß er den Erfolg seiner Arbeit nicht in Händen hat und gewährleisten kann, aber auch der Trost, daß ihm nicht mehr abverlangt wird, als menschenmöglich ist.
(8.4.) Die Christenheit gedenkt mit der Feier des Sonntags des Tages der Auferstehung Jesu Christi. Schon die Begründung der Sabbatheiligungsgebots durch den Gedanken der Ruhe des Schöpfers von seinem Werk hat eine eschatologische Dimension, das heißt, sie ist auf die zukünftige Bestimmung der Welt und der Menschheit bezogen: Alle Arbeit auf Erden geht dem ewigen Sabbat Gottes entgegen, der irdische Feiertag ist sein Abbild. Der christliche Sonntag erinnert an die neue Schöpfung, die in Jesus Christus schon Gegenwart ist, aber als vollendete noch aussteht. Die Welt und das Leben der Menschen gehen auf die große Ruhe Gottes zu, mit der alle Mühe und Arbeit, alles Versagen und Scheitern zu einem Ende kommen. "Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen" (Hebr 4,9f). Der Sonntag dient nicht nur dem geschöpflichen Leben durch die Ermöglichung leiblicher und seelischer Rekreation; er ist Ausdruck des christlichen Grundverständnisses vom Menschen, das besagt: Der Mensch ist nicht das, was er aus sich macht und machen kann. Die Unterbrechung des Alltags durch den Sonntag befreit den Menschen aus der Fixierung auf seine Arbeit und seine Leistungen.
(8.5.) Der Sonntag ist im christlichen Verständnis ein Symbol des Reichs der Freiheit gegenüber dem Reich der Notwendigkeit. Nun hat allerdings die wirtschaftliche, technische und soziale Entwicklung der Industriegesellschaft in den letzten 150 Jahren die Arbeitszeit drastisch verkürzt und den Umfang der Freizeit dementsprechend ausgeweitet. Tarifliche Arbeitszeitverkürzungen ersetzen jedoch den Sonntag als kulturelle Institution nicht, denn Arbeit, die durch den Sonntag heilsam unterbrochen werden soll, erschöpft sich nicht in Erwerbsarbeit. Vor allem aber unterscheidet sich die freie Zeit des Sonntags von der Freizeit während der Arbeitswoche dadurch, daß sie gemeinsame Zeit ist. Die Flexibilisierung der Arbeitszeit führt dazu, daß bei sinkender Wochenarbeitszeit dennoch weniger gemeinsame freie Zeit zur Verfügung steht. Um so wichtiger ist die gemeinsame Zeit des Sonntags. Sie bedarf institutioneller Gewährleistung. Wenn sich die Kirchen bei Politikern, Unternehmern und Gewerkschaften für verläßliche Regelungen zum Schutz des Sonntags einsetzen, so nicht aus Eigeninteresse, sondern weil sie damit für ein unverzichtbares Element humaner Sozialkultur eintreten.
(8.6.) Kirchen und Christen stehen vor der Aufgabe, den christlichen und deshalb humanen Sinn des Sonntags verständlich zu machen und ihm neue Attraktivität zu verleihen. Ausschlaggebend ist dabei nicht das, was sie zum Schutz des Sonntags politisch fordern; entscheidend ist, wie sie selbst mit ihm umgehen. Die Sonntagskultur - oder eben: -unkultur - im Erscheinungsbild von Gemeinden und Familien sowie der Lebensführung des einzelnen spricht eine deutliche Sprache. In diesem Zusammenhang kommt der Feier des öffentlichen Gottesdienstes eine besondere Bedeutung zu. Der Sonntag wird zwar nicht erst und allein durch den Gottesdienst zum Sonntag; vielmehr kennt die Christenheit das Feiern von Gottesdiensten an jedem Tag der Woche. Die Feier des Gottesdienstes und die Teilnahme an ihm begründen nicht die Heiligung des Sonntags, aber sie bezeugen seinen Sinn. Indem Christen sich zum Gottesdienst versammeln, demonstrieren sie, daß die Unterscheidung des Sonntags vom Alltag dem Leben dient. Die Feier des Gottesdienstes muß das Markenzeichen für die christliche Deutung und Gestaltung des Sonntags sein.