1.2.5 Öffentlichkeit und politische Prozesse
Das politische Leben in demokratischen Staaten ist weitgehend auf ein vielfältiges Mediensystem und eine effektive Nachrichtenübermittlung angewiesen. Die Medien liefern den Bürgerinnen und Bürgern und den Verantwortlichen in der Politik die für ihre Entscheidungen notwendigen Informationen und konstituieren eine politische Öffentlichkeit. Sie bieten ein Forum zur Auseinandersetzung über die politischen Prioritäten, schaffen damit die Voraussetzung für die politische Meinungs- und Willensbildung, für politischen Konsens und gesellschaftliche Integration. Die Medien wirken selbst mit an der Meinungsbildung und ergänzen als "vierte Gewalt" - durch Kontrolle und Kritik mächtiger Personen und Institutionen - die politischen Funktionen der drei klassischen Gewalten.
Risiken
Die Verbesserung der Nachrichtentechnik im professionellen wie auch im privaten Bereich läßt das Informationsangebot weiter erheblich ansteigen. Die Medien können aus der Fülle der von Agenturen und Diensten, von Informanten und eigenen Korrespondenten stammenden Nachrichten nur einen winzigen Bruchteil auswählen. Der hohe Selektionsdruck verweist auf die kritische Rolle der Nachrichtenwert-Kriterien, nach denen Journalistinnen und Journalisten über die Wichtigkeit der Meldungen entscheiden. Kriterien wie vor allem Neuigkeit, Überraschung, Dramatik, Negativismus (Konflikt, Kontroverse, Schaden) und Betroffenheit prägen die "Medienrealität". Mit der Erhöhung des Selektionsdrucks steigt auch das Risiko von Verzerrungen im Nachrichtenangebot. Der gesteigerte publizistische Wettbewerb durch neue Medien bringt es mit sich, daß häufiger als bisher Persönlichkeitsrechte durch die Medien verletzt und Gebote der publizistischen Ethik mißachtet werden. Durch den zunehmenden Wettbewerbsdruck geraten die Medien in die Gefahr, Sensation und vordergründige Aktualität der sorgfältig recherchierten Nachricht vorzuziehen, unsichere Nachrichtenquellen zu benutzen oder sogar auf Fälscher hereinzufallen.
Die Menge und Vielfalt der Angebote ist auch von den Mediennutzern nur noch schwer beherrschbar. Es macht zunehmend Mühe, in der Fülle der Informationen die wirklich wichtigen und nützlichen zu erkennen, zumal vieles nur der Befriedigung von Neugier, Sensationslust und Voyeurismus dient. Um die Möglichkeiten adäquat zu nutzen, die das ständig erweiterte Angebot bietet, wäre ein enormer Zeit- und Geldeinsatz notwendig. Das Gefühl der Informationsüberlastung nimmt zu. Die vielfach kritische, den Konfliktaspekt von Politik, Gewalt und Verbrechen betonende Berichterstattung ist der politischen Bildung nicht förderlich, begünstigt womöglich Politikverdrossenheit und eine negative Weltsicht. Das liegt auch an den Besonderheiten der menschlichen Informationsverarbeitung, die - zumindest in der alltäglichen Situation der Mediennutzung - nicht auf Lernen und kognitive Differenzierung angelegt sind.
Mit der Erweiterung des Informationsangebots vergrößert sich die Kluft zwischen den gut informierten und den schlecht informierten Bürgerinnen und Bürgern. Menschen, die eine gute Ausbildung und hohe Medienkompetenz besitzen, politisch interessiert und vorgebildet sind, können das erweiterte Medienangebot am besten nutzen. Ihr Wissen und ihr politisches Interesse nehmen weiter zu, ihr Engagement wächst. Menschen, die dagegen durch das vermehrte Informationsangebot überfordert sind, nutzen eher die umfangreicheren Unterhaltungsmöglichkeiten durch neue Medien und bleiben politisch abstinent.
Die Vielzahl der Medien und Angebote und eine entsprechende Segmentierung der Nutzergruppen spalten die Öffentlichkeit in viele Teil- und Unterforen auf. Tendenzen der Individualisierung und sozialen Differenzierung, der Pluralisierung der Lebensstile werden dadurch gefördert, gesellschaftliche Integration erschwert.
Neue Medien verbessern die Möglichkeiten, auf künstliche Weise realitätsgetreue Eindrücke und eine synthetische Wirklichkeit zu erzeugen. Davon wird zunehmend auch im Journalismus Gebrauch gemacht, z.B. mit der Bearbeitung digitalisierter Fotos, Computeranimation, Bluebox- und Paintbox-Techniken im Fernsehen. Die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen Wahrheit und Täuschung wird dadurch schwieriger. Zunehmende Aktivitäten der öffentlichen Beeinflussung und des Themenmanagements sind darauf gerichtet, Ereignisse zu inszenieren und die Medien zu instrumentalisieren. Die Gefahr, daß politisch weitreichende Entscheidungen auf der Grundlage von inszenierter Wirklichkeit und einer manipulierten Öffentlichkeit gefällt werden, nimmt zu.
Chancen
Verbesserungen der Nachrichtentechnik kommen seit jeher zu allererst den Nachrichtenagenturen und Informationsmedien zugute. Satellitenkommunikation, Faxgeräte, Mobilfunk, miniaturisierte Bild- und Tonaufzeichnungsgeräte, Datenbanken, Notebook-Computer und Bilddigitalisierung sind dafür aktuelle Beispiele. Sie steigern erheblich die Leistungsfähigkeit des Journalismus und tragen dazu bei, daß die Bürgerinnen und Bürger höchst aktuell von allen wichtigen Schauplätzen unterrichtet werden. Die Möglichkeiten der Teilhabe am lokalen, nationalen und weltweiten Geschehen werden durch neue Informationsangebote - z.B. durch weitere Spartenkanäle und politische Informationen in Online-Diensten - erweitert.
Aber auch im privaten Bereich verbessert sich mit der Verbreitung neuer IuK-Techniken wie Kabel- und Satellitenrundfunk, Online-Dienste, Videotext, Videorecorder, Multimedia-Endgeräte, mobile Radio- und Fernsehgeräte der Zugang zu öffentlich relevanten Informationen. Menschen können sich immer unabhängiger von zeitlichen und räumlichen Beschränkungen und immer mehr auch ihren individuellen Interessen entsprechend informieren.
Mit der Erweiterung des Mediensystems und der Verbreiterung medialer Angebote erhöht sich die Vielfalt der Themen und Meinungen in der öffentlichen Diskussion. Politiker und Interessenvertreter haben mehr und unterschiedlichere Sprachrohre und Podien zur Verfügung. Auch für nicht etablierte Parteien, kleine Minderheiten und Gruppen mit Sonderinteressen verbessern sich die Chancen, im öffentlichen Diskurs zur Geltung zu kommen. Die Wahlmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger unter vielen verschiedenartigen Informationsquellen nimmt zu. So werden Manipulation und Indoktrination durch einseitige Information erschwert. Allerdings muß man realistisch in Rechnung stellen, daß diese prinzipiell erweiterte Kontroll- und Schutzmöglichkeit bald an ihre Grenzen stößt. Denn gewöhnlich findet ein Mediennutzer nur die Zeit, eine Nachrichtensendung oder ein Nachrichtenmagazin zu verfolgen.
Es verschärft sich der Wettbewerb unter den Medien allgemein, dabei speziell der publizistische Wettbewerb um die aktuellsten Ereignisse, um die attraktivsten Themen und die kompetentesten Interviewpartner, um besonders schnelle Übermittlung, um aufklärende Recherche und enthüllende Hintergrundberichte. Mehr Medien beschäftigen mehr Journalistinnen und Journalisten, die ihre Karrierechancen durch die Profilierung im investigativen und kritischen Journalismus zu verbessern suchen. Dies kann die Wahrnehmung der Kritik- und Kontrollfunktion der Medien fördern, ebenso ihre Beteiligung an der öffentlichen Meinungsbildung.
1.2.6 Kirche und Gemeinde
Die Arbeit der Kirchen ist von der jeweiligen Medienentwicklung sowohl auf den Gebieten der Erziehung, Wissenschaft und Bildung als auch in Verkündigung und Seelsorge, Caritas und Diakonie betroffen, besonders aber in ihrer eigenen Medien- und Öffentlichkeitsarbeit: So ändert sich nicht nur das Vorkommen von Religion und Kirche in nichtkirchlichen Medien. Auch die konfessionell orientierte bzw. kircheneigene Publizistik und die Medienarbeit müssen sich einem gewandelten Nutzungsverhalten stellen; das gilt gleichermaßen für die Bundesebene wie für die Ebenen der Diözesen, der Landeskirchen und der einzelnen Gemeinden. Die Öffentlichkeitsarbeit der Kirchen, die sowohl die Dimension der Binnen- als auch der Außenkommunikation umfaßt, ist von den Veränderungen ebenso betroffen wie die medienpolitischen Optionen der Kirchen.
Die Auswirkungen der Medienentwicklung auf die kirchliche Arbeit sind ebenso ambivalent wie die Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft; es bestehen sowohl Chancen als auch Anzeichen für eine problematische Entwicklung.
Risiken
Besonders bei den elektronischen Medien wird - bei Beibehaltung des gegenwärtigen kirchlichen Engagements - die Ausweitung der Programmangebote dazu führen, daß im Verhältnis zum Gesamtangebot die Zahl kirchlicher Beiträge zurückgeht (Verdrängung durch Angebotsmenge). Die Ausweitung der Programme hat bereits in den vergangenen Jahren zu teilweise erheblichen Einschaltquotenverlusten bei Sendungen mit religiös-kirchlichen Themen geführt, da diese mit massenattraktiven Programmen konkurrieren müssen. Das bedeutet auch, daß es in vielen Programmen zunehmend schwieriger wird, Menschen über den engeren Kreis der kirchlich Interessierten hinaus zu erreichen. Diese Entwicklung kann sich fortsetzen.
Neu hinzukommende Programmangebote werden überwiegend Spartenprogramme sein, die sich an jeweils eine bestimmte Zielgruppe wenden. Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage, wie die Kirchen ihr umfassendes Lebens-Deutungs-Angebot zu den Menschen und in das gesellschaftliche Gespräch bringen können. Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, ob dies weiterhin vorrangig mit dem Anspruch auf Programmbeteiligungen (kirchliche Sendungen in der bisherigen Form bei den öffentlich-rechtlichen und den privaten Vollprogrammanbietern) oder auch mit dem Angebot eigener Spartenprogramme, die jedoch das Risiko einer Art Rückzug ins Ghetto in sich bergen, geschehen kann bzw. geschehen soll. Entscheidungen müssen behutsam getroffen werden, weil die Kirchen angesichts der wirtschaftlichen und programmlichen Kräfteverhältnisse im elektronischen Markt und im Hinblick auf die begrenzten eigenen Ressourcen auf Verhältnismäßigkeit zu achten haben.
Durch die weitere Kommerzialisierung von Information und Kommunikation können die gemeinschafts- und meinungsbildenden Funktionen von Kommunikation und ihre kulturelle Bedeutung, die für die Gesellschaft von elementarem Wert sind, immer mehr in den Hintergrund gedrängt werden.
Außerdem kann durch die Dominanz einer einseitig medialen Kommunikation in religiösen und kirchlichen Handlungsfeldern, wie z.B. im Internet abrufbare Predigten und "Beichtprogramme", Katechese über CD-ROM etc., der unaufhebbare Zusammenhang zwischen persönlichem Kontakt und Glaubensweitergabe in der Gemeinde vernachlässigt und dadurch Seelsorge eher erschwert werden.
Chancen
Die Medien bieten den Christen und den Kirchen die Chance, öffentlich zum Glauben einzuladen, auf die Vielfalt christlichen Lebens aufmerksam zu machen und zu einer christlichen Lebensführung zu ermutigen. In den Medien und mit ihren eigenen Publikationen bringen die Kirchen die versöhnende Kraft des Evangeliums in die Öffentlichkeit.
Die neuen Medienanwendungen bieten den Kirchen vielfältige Möglichkeiten, in einem kreativen Prozeß die kirchliche Verkündigung des christlichen Glaubens in neuen (auch unterhaltsamen) Formen zu präsentieren. Es ergeben sich zusätzliche Formen der Interaktion mit den Mediennutzern. Die Ausweitung der Übertragungswege und der Programmangebote bietet den Kirchen auch die Möglichkeit, Inhalte für einzelne Zielgruppen speziell aufzuarbeiten und zu präsentieren, möglicherweise in Kooperation mit anderen Anbietern, z.B. in den Bereichen Bildung und Beratung.
Die Medienentwicklung hält gerade für dialogisch orientierte Angebote vielfältige Möglichkeiten bereit. Die breite Etablierung interaktiver Dienste regt neue Formen der Kommunikation an. So können Menschen z.B. über unterschiedliche Diskussionsforen in den Online-Diensten und Mail-Boxen unabhängig von Entfernungen miteinander in Kontakt treten. Der Kontakt mit kirchlichen Einrichtungen und Gruppen kann erleichtert werden: Anfragen und Informationssuche können ohne psychische Hemmschwelle gestartet werden. Es entsteht zunächst ein unverbindlicher Kontakt, der für den Informationssuchenden wichtige Hinweise enthalten und zu weiteren Kontakten auf anderen Ebenen führen kann. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirchen können die neuen Formen der elektronischen Kommunikation für einen effektiven und schnellen Informationsaustausch nutzen.
Bei der weiteren Etablierung von lokalen elektronischen Medien können sich die Kirchengemeinden vor Ort mit in das Mediengeschehen hineinbegeben. Dabei können sie sowohl am weiteren Aufbau eines Netzes sozialer Kommunikation im Nahraum mitwirken, als auch die Öffentlichkeitsarbeit für die Aktivitäten der Gemeinde nutzen sowie Menschen und Programme der Gemeinde bekannter machen.
Durch die Vervielfältigung der Medienangebote wird das einzelne mediale Ereignis entwertet. Gegenüber einer beliebig gewordenen Mediennutzung gewinnt die einzelne unmittelbare Erfahrung an Wert. Für die Arbeit in der Gemeinde und in anderen kirchlichen Arbeitsfeldern wird es deshalb verstärkt darauf ankommen, Möglichkeiten direkter zwischenmenschlicher Begegnung und religiöser (Primär-)Erfahrung zu schaffen.