Neuorientierung für eine nachhaltige Landwirtschaft

Ein Diskussionsbeitrag zur Lage der Landwirtschaft, Gemeinsame Texte 18, 2003

Zusammenfassung

Die Landwirtschaft in Deutschland, Europa und weltweit befindet sich in einem tiefen Umbruch: Große Erfolge in der Produktivitätssteigerung auf der einen Seite stehen ungleicher Verteilung, Preisdumping, zahlreichen Betriebsaufgaben sowie ökologischen Problemen gegenüber. Die seit 1992 eingeleiteten Reformen der europäischen Agrarpolitik mit einem komplexen System von Ausgleichszahlungen konnten Fehlentwicklungen nicht verhindern. Die gegenwärtige Situation ist für die soziale Lage der landwirtschaftlichen Familien, für die Volkswirtschaft und für die ökologische Situation von Boden-, Gewässer- und Tierschutz mit hohen Belastungen verbunden. Die große Zahl der Betriebsaufgaben ist Zeugnis einer existenziellen Not. Die in der Öffentlichkeit heftig diskutierten Krankheiten bzw. Skandale – BSE-Krise, Maul- und Klauenseuche – sind keine Einzelphänomene, sondern sind teilweise Ausdruck von Strukturproblemen der Landwirtschaft in der Zerreißprobe zwischen ökonomischen und ökologischen Erfordernissen.

Zugleich ist die weltweite Krise der Landwirtschaft ein Kernproblem globaler Gerechtigkeit: Während auf den Weltmärkten ein Überschuss an Nahrungsmitteln herrscht, die Preise immer weiter fallen und subventionierte Überschussprodukte aus den USA und der EU die Eigenproduktion von Nahrungsmitteln in Entwicklungsländern zurückdrängen, ist es nicht gelungen, das Problem der Welternährung zu bewältigen. Der rapide Verlust an fruchtbarem Boden und der bedrohliche Rückgang der Verfügbarkeit von Wasser, das zu 70 % in der Landwirtschaft verbraucht wird, ist schon heute eine der primären Armutsursachen. Wirksame Armutsbekämpfung für die 800 Millionen hungernden Menschen ist nicht möglich ohne eine tiefgreifende Reform der globalen Agrarpolitik.

Die anhaltende Krise der Landwirtschaft ist nicht nur ein sektorales Problem, sondern Ausdruck einer umfassenden Krise im Verhältnis zur Natur und in der Gestaltung von Globalisierungsprozessen. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die durch neue Orientierungen und Kooperationen zwischen unterschiedlichen Politikfeldern und Berufsgruppen sowie eine verhaltensrelevante Bewusstseinsveränderung der Verbraucherinnen und Verbraucher bewältigt werden kann. Soll die Landwirtschaft ihrer besonderen Verantwortung für die Schöpfung und die nachhaltige Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen gerecht werden, braucht sie eine breite gesellschaftliche Unterstützung und Begleitung für neue Wege in die Zukunft. Daran mitzuwirken ist auch für die Kirchen eine substanzielle Aufgabe.

Der hier vorgelegte Text will dazu beitragen, ethische Orientierungen auf der Grundlage des Leitbilds der Nachhaltigkeit zu bieten und einen offenen Dialog über notwendige Reformen, tragende Werte und künftige Chancen der Landwirtschaft anzustoßen.

Verantwortung für die Schöpfung durch nachhaltiges Wirtschaften

Ethische Leitperspektive für eine zukunftsfähige Landwirtschaft ist das Prinzip der Nachhaltigkeit, dem sich die Kirchen aus christlicher Schöpfungsverantwortung verpflichtet haben (vgl. „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“, Hannover / Bonn 1997). Dem Leitbild der Nachhaltigkeit entspricht auf der ordnungspolitischen Ebene eine an ökologischen und sozialen Kriterien orientierte Marktwirtschaft, die die Dynamik des Marktes mit sozialer Fairness und wirksamen Mitteln zum Schutz der Umwelt verbindet. Es ist Wegweiser für eine Integration ökologischer, ökonomischer und sozialer Belange. Eine nachhaltige Landwirtschaft ist darauf ausgerichtet, die Natur in ihrer ganzen Vielfalt als Nahrungsquelle und Lebensraum zu nutzen und zu bewahren. Sie schützt Wasser, Boden und Luft im ursprünglichen Wortsinn als „Lebens-Mittel“ und achtet Tiere und Pflanzen als Geschöpfe Gottes.

Politische Reformen auf der Ebene der Europäischen Union

Für den Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft hat die Reform der europäischen Rahmenbedingungen zentrale Bedeutung. Diese sollte folgenden Zielen verpflichtet sein:

  • Erhaltung und Förderung selbständiger, möglichst wettbewerbsfähiger und gleichwertig an der gesellschaftlichen Wohlfahrtsentwicklung beteiligter Landwirtschaftsbetriebe;

  • schonende Nutzung von Boden und Wasser zur langfristigen Bewahrung ihrer lebenswichtigen Funktionen;

  • verantwortlicher Umgang mit den Tieren durch eine ihrer Art und ihren Bedürfnissen entsprechende Ernährung, Pflege und Unterbringung;

  • Aufrechterhaltung einer an die ländlichen Räume angepassten Siedlungsstruktur sowie Schaffung und Erhaltung eines vielfältig gegliederten Landschaftsbildes;

  • internationale Gerechtigkeit und Solidarität mit den Armen und Hungernden durch Schutz der Eigenproduktion von Nahrungsmitteln in Entwicklungsländern.

Die Zielkonflikte zwischen diesen unterschiedlichen Aspekten fordern von allen Seiten die Bereitschaft zu Kompromissen sowie zur Auseinandersetzung mit dem neuen Denken der Nachhaltigkeit, das auf Vernetzungen und Synergien zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Erfordernissen sowie auf globale und intergenerationelle Gerechtigkeit angelegt ist.

Notwendig sind verbindliche und europäisch sowie global abgestimmte Rahmenbedingungen für Anbauverfahren, Bewirtschaftungsformen und Tierhaltung. Die anstehenden politischen Reformen in der EU-Agrarpolitik sollten dazu genutzt werden, die notwendigen Umschichtungen der EU-Mittel aus dem Bereich der produktionsbezogenen Stützung in direkte Einkommenshilfen mit volkswirtschaftlichen, sozialen und ökologisch sinnvollen Leistungen zu verknüpfen. Die Reduktion der Dumping-Exporte aus der europäischen und nordamerikanischen Überproduktion auf die Märkte der Entwicklungsländer ist ein vorrangiges Ziel globaler Solidarität. Viele der aktuellen Vorschläge der EU-Kommission zur Halbzeitbilanz der Agenda 2000 bieten gute Ansatzpunkte und Chancen für notwendige Reformen, die nicht verpasst werden sollten. Dabei sollte allerdings nicht verschwiegen werden, dass politische Reformen hinsichtlich der ökologischen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen finanzielle Folgen haben, die nicht allen Beteiligten Besitzstandswahrung ermöglichen werden.

Neue Perspektiven für eine multifunktionale Landwirtschaft

Angesichts der tiefen Umbrüche und des hohen Wettbewerbsdrucks in der Landwirtschaft wird sich die zukünftige Landwirtschaft in Deutschland entweder auf wenige besonders ertragreiche landwirtschaftliche Anbauflächen zurückziehen oder als multifunktionale Landwirtschaft neue Perspektiven gewinnen. Dem Ansatz der Nachhaltigkeit entspricht eine individuell an die jeweiligen Standorte und Möglichkeiten angepasste Kombination unterschiedlicher Einkommenssegmente: Neben der Erzeugung von Nahrungsmitteln, die auf besonders ertragreichen landwirtschaftlichen Anbauflächen weiterhin im Vordergrund stehen wird, werden z. B. Anbau und Verarbeitung nachwachsender Rohstoffe, Energiegewinnung aus Biomasse, Anbau von Arznei- und Gewürzpflanzen, Naturschutz und Landschaftspflegeleistungen, Direktvermarktung von Lebensmitteln oder Angebote von Ferien auf Bauernhöfen zu den Tätigkeitsfeldern der Landwirtschaft gehören.

Die Öffnung der Landwirtschaft für diese vielfältigen Aufgaben erfordert seitens der Gesellschaft, dass sie ein breites Spektrum landwirtschaftlicher Leistungen, das schon heute weit über den unmittelbar wirtschaftlich anerkannten Bereich der Vermarktung von Nahrungsmitteln hinausgeht, finanziell honoriert. Erst auf diesem Hintergrund können die Kriterien der Wettbewerbsfähigkeit für landwirtschaftliche Betriebe angemessen bestimmt werden. Die gesellschaftliche Verständigung über den großen externen Nutzen der Landwirtschaft – z. B. im Bereich der Kulturlandschaft oder der Sozialstruktur ländlicher Räume – schafft eine ethische Basis für die Förderung einer multifunktional auf diesen Gemeinwohlnutzen ausgerichteten Landwirtschaft. Für den schwierigen Weg zu einer solchen Neuorientierung, der nur mühsam durch innovative und wettbewerbsfähige Produkte, Vermarktungswege und Dienstleistungen erschlossen werden kann, sind die in der Landwirtschaft tätigen Menschen auf solidarische Unterstützung angewiesen.

Die Vielfalt der spezifischen Landschaften und Sozialstrukturen in Deutschland und anderen Ländern bedarf regionalspezifischer Landnutzungsformen, die sich behutsam und multifunktional an die jeweiligen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Standortgegebenheiten anpassen. Zur kreativen Vielfalt unterschiedlicher Landnutzung trägt die subsidiäre Stärkung lokaler und regionaler Wirtschaftskreisläufe wesentlich bei. In einigen Regionen haben sich kirchliche Bildungseinrichtungen und Verbände intensiv am Aufbau regionaler Vermarktungsstrukturen beteiligt, weil sie darin gute Chancen für eine nachhaltige Landwirtschaft und ein neues Identitätsbewusstsein der ländlichen Räume sehen. Wir begrüßen die Vorschläge der Halbzeitbilanz der Agenda 2000, die Regionalisierung durch geographische Markenzeichen, Regionalvermarktung und Herkunftsbezeichnungen fördern wollen.

Verbraucherverantwortung durch eine neue Kultur bewusster Ernährung

Nachhaltigkeit fordert nicht nur politische und institutionelle Reformen, sondern ebenso neue Wege in der praktischen Lebensgestaltung jedes einzelnen. Bezieht man das Nachhaltigkeitsprinzip auf die Ernährung, so bedeutet dies:

  • mehr Transparenz in der Produktions-, Verarbeitungs- und Vermarktungskette der Nahrungsmittel;

  • klare Kennzeichnung der Produkte, gezielte Information und qualitätsbewusster Einkauf;

  • Wertschätzung der Nahrungsmittel durch eine Kultur aufmerksamer Zubereitung und bewusster Ernährung.

Zahlreiche Zivilisationskrankheiten stehen in direktem Zusammenhang mit den Essgewohnheiten in unserer Gesellschaft. Die Kosten der ernährungsbedingten Krankheiten in Deutschland werden auf 65 Mrd. Euro pro Jahr geschätzt; bei Lebensmitteln wird oft an der falschen Stelle gespart. Die Nachfrage nach qualitativ vielseitiger und mehr pflanzlicher Nahrung könnte eine Synergie zwischen Gesundheitsvorsorge und nachhaltiger Landwirtschaft bewirken.

Begleitung der Menschen in der Landwirtschaft – ein kirchlicher Auftrag

Zur Neuorientierung für eine nachhaltige Landwirtschaft können die Kirchen wesentlich beitragen durch das Angebot von Dialogforen zwischen Landwirten, Verbrauchern, Futtermittelherstellern, Lebensmittelverarbeitern und Lebensmittelhändlern, Tier- und Naturschützern, Vertretern der Politik sowie Agrar- und Ernährungswissenschaftlern. Dieser Dialog kann u. a. in den vielfältigen Angeboten der Landvolkshochschulen, der Landvolk- und Landjugendbewegungen sowie der Stadt-Land-Partnerschaften verwirklicht werden. In der Seelsorge und der praktischen Hilfe für die landwirtschaftlich tätigen Menschen engagieren sich die Kirchen durch ihre Dienste auf dem Lande, Betriebshilfsdienste, landwirtschaftliche Familienberatungen und Dorfhelferinnen. All diese Initiativen sollen an die neuen Herausforderungen bei der Veränderung der Landwirtschaft angepasst, weitergeführt und verstärkt werden.

Die Kirchen engagieren sich weltweit durch ihre Entwicklungsdienste und Hilfswerke für die Ernährungssicherheit und landwirtschaftliche Ausbildung der Ärmsten. Gezielte armutsorientierte ländliche Entwicklungsprojekte ihrer Partner in Afrika, Asien oder Lateinamerika versuchen das Recht auf Nahrung exemplarisch umzusetzen und konsequent die Kriterien der Nachhaltigkeit zu berücksichtigen. Auch politisch setzen sich Kirchen dafür ein. Dabei hoffen sie, dass solche Ansätze als Signale der Solidarität und der Neuorientierung wahrgenommen und von der Regierungspolitik in den jeweiligen Ländern auf breiter Basis fortgesetzt werden. Wir bitten alle Kirchenmitglieder, die Arbeit der Hilfswerke durch Spenden zu unterstützen.

In christlichen Festen, insbesondere im Erntedankfest, kommen Achtung und Dank im Umgang mit den Gütern der Schöpfung zum Ausdruck. Gerade weil Nahrungsmittel heute für viele im Überfluss vorhanden sind, bedarf es der bewussten Einübung einer solchen Haltung. Der Bewusstseinswandel im Umgang mit Tieren und Nahrungsmitteln schafft eine notwendige Basis für nachhaltige Landwirtschaft und ist ein Zeugnis für gelebten Schöpfungsglauben.