Landwirtschaft im Spannungsfeld, zwischen Wachsen und Weichen

Agrarentwicklung

2.1 Bäuerliche Wirtschaftsweise in vorindustrieller Zeit

(17) Das Verhältnis des Menschen zur Natur war schon immer zwiespältig. Eingebunden in Gesetzmäßigkeiten und natürlichen Kreisläufe mußte der Mensch die Natur nicht nur hegen und pflegen, sondern gleichzeitig auch immer mitgestalten und umgestalten. In seinem Kampf gegen Naturkatastrophen, Dürrezeiten, Schädlingsplagen und Hungersnöte hatte der Mensch der Natur nicht nur Nahrung, sondern auch Schutz, Zukunftssicherheit und Entfaltungsmöglichkeiten für sein gefährdetes Leben abzuringen.

(18) Gerade der Bauer hat durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder erfahren, wie abhängig er von der Natur ist. Um genügend Nahrungsmittel zu erzeugen, galt es, die natürlichen Kreisläufe und die Regenerationsfähigkeit des Bodens zu beachten. Der Landwirt war ebenso immer wieder gezwungen, in diese Natur umgestaltend einzugreifen. Sich selbst überlassene Natur ist nicht nur wohltätige Natur. Vieles von dem, was heute an unserer Naturlandschaft gerühmt und oft zu Recht aus ökologischen Gründen als erhaltungsnotwen dig hingestellt wird, ist von Menschen gestaltete Natur- /Kulturlandschaft. Die bäuerliche Nutzung von Natur und Landschaft - Nutzung heißt immer Eingriff - hat auch in früheren Zeiten schon Schäden und Fehlentwicklungen verursacht. Übersehen wird heute aber oft, daß sie auch viele unerwartet ökologisch positive Folgen hatte. So hat der Ackerbau landschaftsökologische und ästhetische Bereicherungen in die mitteleuropäische Waldlandschaft hineingebracht. Eine große Zahl von Pflanzen- und Tierarten, die vorher nur geringe oder gar keine Lebensmöglichkeiten hatten, konnte sich dadurch neu ansiedeln und ausbreiten. Gerade unsere Landschaft zeichnete sich aus durch eine Vielfalt beim Anbau der Nutzpflanzen und bei der Tierhaltung, der Fruchtfolgen, der Raumstrukturen, der Biotope, der Ökosysteme und der Übergänge vom Natürlichen zum Künstlichen. Das Ziel der bäuerlichen Landwirtschaft war Nahrungserzeugung und ausreichende wirtschaftliche Existenz. Als Ergebnis dieses Handelns schuf sie aber auch eine große Landschaftsbereicherung. Der Intensivierung waren Schranken gesetzt, weil die nötige Energie nur im eigenen Betrieb erzeugt werden konnte. Brachen (Pausen im Fruchtwechsel) wurden eingeschaltet. Alle landwirtschaftlichen Abfälle, vor allem die tierischen Exkremente wurden weiterverwandt. Die Kombination von Ackerbau und Viehhaltung war ökologisch gesehen eine besonders günstige Wirtschaftsform. Gegen Ende der vorindustriellen Zeit hat die bäuerliche Landwirtschaft eine an Zahl und Ansprüchen wachsende nichtbäuerliche Bevölkerung zu ernähren. Eine Auswanderung großen Umfangs setzte ein.

2.2 Probleme der Anpassung im Industrialisierungsprozeß

(19) Mit der Anwendung der Dampfkraft hielt die moderne Technik Einzug in die Landwirtschaft und revolutionierte Schritt für Schritt den Ackerbau. Darüber hinaus sorgten die Moor- und Ödlandkultivierung und die Umwandlung der Wirtschafts- und Anbausysteme (Übergang von der Drei-Felder- zur Fruchtwechsel - Wirtschaft) für einen anhaltenden Aufschwung der Produktion. Wesentlichen Anteil an diesem Prozeß der Intensivierung hatten nicht zuletzt die Entwicklung einer ökonomisch-rationellen Landwirtschaft im Sinne einer »angewandten Wissenschaft« und die Umsetzung naturwissenschaftlicher Forschung seit Justus von Liebigs bahnbrechenden Studien über den Nährstoffhaushalt der Pflanzen und deren Nährstoffversorgung. Mit diesem Eindringen der Chemie in die Landwirtschaft entfaltete sich eine rasch expandierende Düngemittelindustrie.

(20) Neben unbestreitbaren Erfolgen dürfen freilich die Schattenseiten nicht übersehen werden. Mit der Entstehung eines Weltagrarmarktes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigte sich immer deutlicher, daß die deutsche intensiv und kapitalaufwendig betriebene Getreideproduktion der extensiv und kostengünstig wirtschaftenden überseeischen Konkurrenz nicht standzuhalten vermochte. Besonders fühlbar wurde dies in der Phase großer Depressionen zwischen 1880 und 1890 und 30 Jahre später während der Weltwirtschaftskrise. Auf die weitere Entwicklung zwischen den beiden Weltkriegen mit der ideologischen Aufwertung des Bauernstandes und den »Ernährungsschlachten« im Dritten Reich kann hier nicht näher eingegangen werden.

2.3 Agrarentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg

(21) In den Hungerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg, galt es, unter erschwerten Bedingungen nicht wenige Bauern waren gefallen, vermißt oder in Kriegsgefangenschaft - sehr viel mehr Menschen infolge des Flüchtlingsstromes zu ernähren. Heimatvertriebene Bauern waren einzugliedern. Die Dorfgemeinschaft stand vor einer neuen Bewährungsprobe. Gleichzeitig mußten die Höfe modernisiert werden. Die Technisierung und Rationalisierung begann und damit der erwähnte tiefgreifende Strukturwandel. Als wichtige Bestimmungsfaktoren dieses Strukturwandels sind anzusehen:

  • die erheblich erweiterten Möglichkeiten im biologischen und im mechanisch-technischen Bereich. Sie hatten eine kaum erwartete Produktionssteigerung in der Landwirtschaft zur Folge. Gleichzeitig wurde bei langsam wachsender Nachfrage in beträchtlichem Umfang Arbeit durch Kapital ersetzt;      
         
  • ein zügiges, allgemeines wirtschaftliches Wachstum ließ die Einkommen und den Lebensstandard der Bevölkerung in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß ansteigen;
          
         
  • eine Übernahme der allgemeinen Wert- und Zielvorstellungen durch die bäuerliche Bevölkerung hatte zur Folge, daß u. a. das Einkommenswachstum der anderen Wirtschaftsbereiche als Orientierungsgröße für die eigenen beruflichen und betrieblichen Entscheidungen angesehen wurde. Diese Entwicklung wurde durch die Europäische Gemeinschaft wesentlich mitbestimmt.

(22) Seit der zweiten Hälfte der 50er Jahre hat die staatliche Agrarpolitik den sozialen und strukturellen Anpassungsprozeß der Landwirtschaft durch gezielte Förderungsmaßnahmen aktiv unterstützt. Damit wurde vor allem das Ziel verfolgt, die Konkurrenzfähigkeit bäuerlicher Betriebe im europäischen Agrarmarkt zu stärken und die Einkommen an die außerlandwirtschaftliche Einkommensentwicklung anzugleichen. Der dadurch hervorgerufene Wachstumsdruck auf die landwirtschaftlichen Betriebe konnte in der wirtschaftlichen Hochkonjunktur größtenteils aufgefangen werden, weil es auch in ländlichen Gebieten von der regionalen Wirtschaftspolitik geförderte außerlandwirtschaftliche und außerbetriebliche Beschäftigungsmöglichkeiten in zumutbaren Entfernungen gab. Die Inhaber von Höfen ohne ausreichende Entwicklungschancen haben sich vielfach für einen Berufswechsel entschieden. Diese (für die Betroffenen) schwierige Entscheidung wurde durch sozioökonomische Beratungshilfen und durch gezielte staatliche Förderungsmaßnahmen unterstützt. In den meisten Fällen ist der landwirtschaftliche Betrieb mit dem Berufswechsel des Inhabers nicht aufgegeben, sondern zum Nebenerwerb umgestellt und als solcher weiter bewirtschaftet worden.

(23) In der Mehrzahl der Betriebe erfolgte die Aufgabe der hauptberuflichen Bewirtschaftung im Zuge des Generationswechsels. Mit der Einführung des Gesetzes über die Altershilfe für Landwirte im Jahre 1957 und durch weitere agrarsoziale Ergänzungsmaßnahmen ist die Gewährung von Altersgeld und anderen Leistungen (Landabgabenrente, Verpachtungsprämien u. a.) an die Hof- oder Landabgabe gebunden worden. Das hat vielen Betriebsleitern die Entscheidung erleichtert, in den Ruhestand zu gehen, auch wenn kein geeigneter Hofnachfolger zur Verfügung stand. Die ungünstigen Zukunftsaussichten insbesondere für die klein- und mittelbäuerlichen Betriebe haben überdies zahlreiche Hoferben schon frühzeitig zu einer außerlandwirtschaftlichen beruflichen Ausbildung veranlaßt. Die familiäre, wirtschaftliche und soziale Situation hat sich bei vielen dadurch entscheidend verbessert. Das war auch der Grund, warum die kirchliche Landwirtschaftsdenkschrift 1965 zur Abwanderung aus Betrieben mit unbefriedigendem Einkommen und schlechten Chancen für eine zukünftige Entwicklung ermutigte. Andere Landwirte erhielten so die Möglichkeit, ihre Betriebe zu vergrößern. Auf die Agrarstruktur wirkte sich das insgesamt positiv aus. Die durchschnittliche Betriebsgröße einschließlich Pachtland stieg von 9 ha im Jahre 1965 auf 16 ha heute an.

(24) Diese relativ günstigen gesamtwirtschaftlichen Bedingungen sind inzwischen nicht mehr vorhanden. Insbesondere die verschlechterte Arbeitsmarktlage hat die Voraussetzungen für den landwirtschaftlichen Strukturwandel seit Mitte der 70er Jahre grundlegend verändert. Der Berufswechsel von Landwirten ist fast völlig zum Erliegen gekommen. Die Zahl der landwirtschaftlichen Erwerbstätigen vermindert sich daher im wesentlichen nur noch in dem Maße, in dem altersbedingt ausscheidende Familienarbeitskräfte nicht durch Hofnachfolger und ihre Angehörigen ersetzt werden. Die jährliche Verminderungsrate der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte hat sich seither halbiert: von 4 % bis 5 % in den 60er und beginnenden 70erjahren auf 2-3 % in den beginnenden 80er Jahren. Diese verringerte Abwanderung aus der Landwirtschaft entlastet zwar den Arbeitsmarkt in ländlichen Räumen, gleichzeitig bildet sich eine Form von »versteckter Arbeitslosigkeit« in den klein- und mittelbäuerlichen Betrieben heraus, die solche Familien vor wachsende soziale Probleme stellt.

2.4 Einkommenspolitische und soziale Probleme bäuerlicher Familien

(25) Die mit der Agrarpolitik in den vergangenen Jahrzehnten angestrebten Ziele konnten bisher nur teilweise erreicht werden. Dank des stetigen landwirtschaftlichen Produktivitätsfortschrittes ist es zwar gelungen, den Preisanstieg für Nahrungsmittel (im Vergleich zu den allgemeinen Lebenshaltungskosten) zu verlangsamen. Die struktur- und einkommenspolitischen Ziele der Landwirtschaft wurden jedoch nur bedingt erreicht. Bei aller Problematik von Einkommensvergleichen ist festzustellen: Der Einkommensabstand zu den außerlandwirtschaftlichen Wirtschaftsbereichen verringerte sich ebenso wenig wie das Einkommensgefälle innerhalb der Landwirtschaft. So ist das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beim oberen Viertel der Einkommensgruppe etwa sechsmal so hoch wie beim unteren Viertel der Vollerwerbsbetriebe. Das entspricht in etwa den Einkommensunterschieden in der übrigen freiberuflichen Wirtschaft, allerdings z. T. mit erheblich unterschiedlichem Niveau.

(26) Diese Unterschiede sind durch vielfältige Ursachen bedingt: Betriebswirtschaftliche (z. B. Kapitalausstattung, Verschuldung), natürliche (z. B. Bodengüter, Klima), agrarstrukturelle (z. B. Betriebsgrößen sowie Größe und Lage der Teilflächen), persönliche Qualifikation des Betriebsleiters, familiäre Situation u. a. Auch die Agrarpolitik hat zu den erheblichen Einkommensunterschieden beigetragen. Die EG-Preispolitik kam vor allem den größeren, standortbegünstigten und gut wirtschaftenden Betrieben zugute. Auch die Agrarstrukturpolitik zielte teilweise in dieselbe Richtung, um wettbewerbsfähige Betriebe zu schaffen. Bei den Inhabern vieler kleinerer Betriebe hat die Aufnahme einer außerlandwirtschaftlichen Erwerbstätigkeit zur wesentlichen Verbesserung der Einkommenssituation geführt. Heute liegt das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in den Nebenerwerbsbetrieben deutlich über dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen aller Vollerwerbsbetriebe.

(27) Daher konzentrieren sich die Einkommensprobleme in der Landwirtschaft heute auf die Gruppe der kleinen Voll- und Zuerwerbsbetriebe. Der Gewinn je Familienarbeitskraft als Maßstab des Durchschnittseinkommens ist für das untere Viertel der landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetriebe ist nach Angaben des Agrarberichtes 1984 in den letzten 15 Jahren stets unter 10.000,- DM jährlich oder rund 800,- DM pro Monat geblieben. Das bedeutet, daß ein hoher Anteil dieser Familien nicht einmal den Sozialhilfesatz erreicht. Auch wenn man berücksichtigt, daß sie für Wohnung und Nahrung nicht so viel Geld auszugeben brauchen und die Arbeit auf dem Hof mit nicht verrechenbaren immateriellen Werten verbunden ist, so leben diese Familien doch in einer schwierigen finanziellen und psychischen Situation. Viele dieser kleineren und mittleren Betriebe, oft auf ungünstigen Standorten, konnten sich im Zuge des Strukturwandels nicht so entwickeln, daß sie im Wettbewerb auf dem europäischen Agrarmarkt mithalten können. Ohne den Strukturwandel allerdings die Situation noch bedrückenden Da aber heute keine ausreichenden Erwerbsalternativen für aufgabewillige Landwirte vorhanden sind, ist mit einer weiteren Verschärfung der Konkurrenzsituation Innerhalb der Landwirtschaft zu rechnen. Schon heute ist die Alternative »Wachsen oder Weichen« für viele Betriebsleiter kein demagogisches Schlagwort mehr, sondern drohende Wirklichkeit. Wenn sich die ungünstigen Rahmenbedingungen nicht ändern, werden in den nächsten Jahren etwa 100.000 bäuerliche Familien als Folge der gesamtwirtschaftlichen Wachstums- und Beschäftigungsprobleme in eine sozial noch schwierigere Lage geraten. Unter dieser realen Gefahr leiden schon heute viele Familien, die, ähnlich wie die Arbeitslosen aus anderen Wirtschaftsbereichen, ihre Lebensansprüche erheblich eingeschränkt haben und teilweise von der Substanz ihrer Betriebe leben. Die Zahl derer, die Bauland - womöglich noch in Stadtnähe - verkaufen können, ist sehr gering. Die wirtschaftliche Not hat dabei nicht selten soziale Schwierigkeiten im Dorf und psychische Belastungen in der Familie zur Folge.

(28) Die ungünstigen wirtschaftlichen Entwicklungschancen haben schwerwiegende Auswirkungen auf die Zukunft der jugendlichen auf dem Lande. Das gilt sowohl für die Mehrzahl der Hofnachfolger als auch für einen großen Teil der weichenden Erben. Der Hoferbe muß im allgemeinen seine Entscheidung zur Übernahme des Betriebes zu einem Zeitpunkt treffen, in dem die betriebliche Existenzfähigkeit langfristig noch nicht sicher beurteilt werden kann. Fehlentscheidungen konnten in der Vergangenheit durch die Aufnahme einer außerlandwirtschaft lichen Tätigkeit korrigiert werden. Diese Möglichkeit dürfte auf absehbare Zeit nicht mehr so leicht gegeben sein. Außerdem wird angesichts des überdurchschnittlich großen Mangels an außerlandwirtschaftlichen Ausbildungsplätzen im ländlichen Bereich vielen weichenden Erben ebenso wie anderen jugendlichen in Stadt und Land der Eintritt ins Erwerbsleben erheblich erschwert werden.

(29) Wachsende Schwierigkeiten kommen auch auf die ältere Bevölkerung in Landgemeinden zu, die nicht mehr im Familienverband leben kann. Überwiegend handelt es sich dabei um Altenteller aus kleineren Betrieben, die von der nächsten Generation nicht weitergeführt werden. Sofern mögliche Hoferben vorhanden waren, haben sie einen anderen Beruf erlernt und sind fortgezogen. Die Betriebsflächen wurden vielfach verpachtet, und die Altenteller blieben auf sich selbst gestellt, mehr oder weniger einsam auf der verbliebenen Hofstelle. Die Folgen von Isolation und Vereinsamung lassen sich nur in solchen Dörfern abschwächen, in denen noch ein lebendiges Gemeinschaftsleben vorhanden ist.

(30) Trotz der erheblichen Belastungen, denen die in der Landwirtschaft tätigen Frauen ausgesetzt sind, beurteilen sie ihre Situation selbst überwiegend positiv. Vor allem die Einheit von Wohnung und Arbeitsplatz und die Möglichkeit für die Bäuerin, ihre Arbeit selbst zu bestimmen und einzuteilen, werden positiv bewertet. Als besonders vorteilhaft gilt die Möglichkeit, neben Haushaltsführung sowie Kinder- und Altenbetreuung in Form von »Teilzeitarbeit« im landwirtschaftlichen Betrieb mitzuarbeiten. In vielen Fällen hat die Frau des Betriebsleiters dabei einen Teilbereich der betrieblichen Arbeit selbständig und eigenverantwortlich übernommen. Bei der Betriebsaufgabe verliert dann nicht nur der Betriebsleiter seinen Arbeitsplatz, sondern auch die Ehefrau diese Möglichkeit der Teilzeitbeschäftigung. Im übrigen werden über 60.000 landwirtschaftliche Betriebe von Frauen als Betriebsleiterinnen bewirtschaftet.

(31) Die Anzahl der familienfremden Arbeitskräfte (Lohnarbeitskräfte) ist im Zuge des Strukturwandels drastisch zurückgegangen. Nach dem Agrarbericht liegt sie z. Z. einschließlich Garten- und Weinbau bei rund 98.000 Personen. Das bedeutet, daß nur etwa 8 % des Arbeitseinsatzes in der Landwirtschaft von Lohnarbeitskräften erbracht wird. Nur noch in rund 41.000 Betrieben sind Lohnarbeitskräfte tätig, davon in 30.000 Betrieben als vollbeschäftigte Arbeitnehmer. Die berufliche Anforderung an Lohnarbeitskräfte ist heute hoch. Dem wurde weitgehend durch eine qualifizierte Fachausbildung Rechnung getragen. Bei weiterer Rationalisierung werden in der Landwirtschaft auch Arbeitsplätze für familienfremde Arbeitskräfte verlorengehen. Dabei haben ältere Arbeitnehmer kaum berufliche Alternativen.

2.5 Struktur- und umweltgefährdete ländliche Regionen

(32) Neben den beruflich-betrieblichen und sozialen Folgewirkungen haben weniger der landwirtschaftliche Strukturwandel als das weithin unzureichende Angebot an zukunftsträchtigen Arbeitsplätzen mit Aufstiegschancen außerhalb der Landwirtschaft, der allgemeine Rückgang des Handwerks und der Rückzug gewerblicher Industrie zur Entleerung von Teilen des ländlichen Raumes geführt, noch verschärft durch den Geburtenrückgang und die teilweise negativen Folgen der Verwaltungsreform und der Zentralisierung von Bildungs- und Kultureinrichtungen. Durch diese Entleerung wird die Erhaltung der Infrastruktur und der Daseinsvorsorge für die verbleibende Bevölkerung erschwert. Funktionsgefährdete ländliche Räume können aber nicht allein durch agrarpolitische Maßnahmen gesichert werden. Dieses ist vielmehr Aufgabe einer umfassenden Regionalpolitik, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Das gilt in gleicher Weise auch für Regionen mit günstigen landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen.

(33) Ein weiteres Problem der Agrarentwicklungen ist die schon angesprochene starke Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion mit ihrer teilweise beträchtlichen Umweltbelastung. Darauf wird noch näher einzugehen sein. Die Spezialisierung des Betriebes beispielsweise und der Produktion hat im Zusammenwirken mit marktpolitischen Gegebenheiten zu regionalen Schwerpunktbildungen einzelner Produktionszweige geführt. Es haben sich Regionen mit Schwerpunkten der tierischen Produktion neben solchen, die auf günstigen Standorten intensiv Ackerbau betreiben, gebildet. Da jeder dieser Produktionsschwerpunkte besondere Umweltbelastungen zur Folge haben kann, können entsprechende ökologische Nachteile ebenfalls regional konzentriert auftreten.

2.6 Europäische und weltweite Zusammenhänge in der Agrarentwicklung

(34) Die Auswirkungen unserer Agrarentwicklung müssen auch in ihren internationalen Zusammenhängen gesehen werden. Hierbei sind neben den Rückwirkungen auf die Agrarwirtschaft der anderen EG-Länder insbesondere die Beziehungen zur Entwicklungspolitik zu bedenken. Einmal sind Nahrungsmittelvernichtungen in westlichen Ländern bei gleichzeitigem Hunger in den Entwicklungsländern in großes Ärgernis; andererseits wird durch Export von landwirtschaftlichen Produkten in Entwicklungsländer (und insbesondere durch Verschenken solcher Produkte) die Entwicklung der Landwirtschaft in diesen Ländern nicht gefördert. Die Agrarprotektion der Industrieländer schränkt die Exportmöglichkeiten der Entwicklungsländer ein und belastet die Handelsbeziehungen. Andererseits ergeben sich auch für die heimische Landwirtschaft Nachteile aus den Handelsbeziehungen mit den Entwicklungsländern - aber auch mit anderen Industrieländern -, etwa, wenn Futtermittelimporte zur Verdrängung hiesiger Futtermittel führen. Auch wird bei uns der Trend verstärkt, die tierische Produktion so auszuweiten, daß sie in keinem Verhältnis mehr zur vorhandenen eigenen Fläche steht (flächenunabhängige Veredelung). Die damit angelegte Entwicklung zur gewerblichen Produktion verschärft die Konzentration von Marktanteilen und so den Existenzkampf bäuerlicher Familienbetriebe.

(35) In der Europäischen Gemeinschaft nimmt die landwirtschaftliche Produktion langfristig als Folge von Ertragssteigerung und Erweiterung der Viehbestände um jährlich etwa 2,5 % zu. Demgegenüber ist der Zuwachs der Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten auf Grund des abgeschwächten Bevölkerungswachstums und der geringeren Zunahme des Pro-Kopf-Verbrauchs ständig zurückgegangen. Inzwischen übertrifft der Produktionszuwachs das Nachfragewachstum um mehr als das Doppelte. In der ersten Phase des gemeinsamen Marktes konnte der Produktionszuwachs teilweise durch Zurückdrängung der Importe aufgefangen werden. Nach Ausschöpfung der letzten Importlücken führen Produktionsausdehnungen, die über die Zunahme der heimischen Nachfrage hinausgehen, in vollem Maße zu höheren Überschußmengen und stark steigenden Belastungen des EG-Agrarhaushalts. Das gilt besonders für Milcherzeugnisse, aber auch für Getreide und andere Produkte.

(36) Auf Grund der wachsenden Überschußmengen sind die Aufwendungen des EG-Haushalts für Eingriffe in den Markt (Marktinterventionen) und Exporterstattungen von rd. 7,5 Mrd. DM im Jahre 1974 auf rd. 37 Mrd. DM im Jahre 1983 angestiegen. Einige Zufallsfaktoren, wie z. B. die Preisentwicklung auf den Weltmärkten und der Witterungsverlauf haben in den letzten beiden Jahren zwar einen schwächeren Anstieg bedingt. Bei Fortsetzung des bisherigen Trends ist aber auch künftig mit einem weiteren erheblichen Anstieg der Marktordnungsausgaben zu rechnen. Da diese Ausgaben inzwischen einen Anteil von mehr als 70 % am EG-Gesamthaushalt ausmachen und sich die entsprechenden Haushaltseinnahmen durch weitere Finanzzuwendungen der Mitgliedsländer nur begrenzt steigern lassen, wird sich die EG-Agrarpolitik in den nächsten Jahren vor allem an der Verhinderung weiterer Produktionszunahmen und des allmählichen Abbaus der Überschüsse ausrichten.

(37) Die Problematik der EG-Agrarpolitik spitzte sich innerhalb weniger Jahre wie folgt zu:

  • mit Beginn des Wirtschaftsjahres 1978/79 leiteten die zuständigen europäischen Entscheidungsgremien - EG-Kommission und EG-Ministerrat eine »vorsichtige« Preispolitik ein. Erwartungsgemäß führte das in den ersten Jahren nur zu einer begrenzten Abschwächung des Produktionswachstums. Die Folge war vielmehr mehr der Zwang, die Einkommen in der Landwirtschaft zu steigern;
          
         
  • angesichts der wachsenden landwirtschaftlichen Einkommensprobleme konnte der Ministerrat im Wirtschaftsjahr 1981/82 die vorsichtige Preispolitik nicht mehr durchhalten. Da in dieser Zeit die Weltmarktpreise für einige Agrarerzeugnisse kräftig stiegen, ergab sich auch ein finanzpolitischer Spielraum für eine aktive EG-Agrarpreispolitik;
          
         
  • die unvermindert weiter ansteigende Agrarproduktion und der zwischenzeitlich wieder erfolgte Rückgang der Weltmarktpreise für Getreide und Milchprodukte führte dann zu der gegenwärtigen Ausgabenexplosion des EG-Agrarhaushalts.

Seit Jahren fordern fast alle politischen Kräfte eine Neuorientierung der EG-Agrarpolitik. Über die einzuschlagenden Wege der Reformen kann man sich nur schwer einigen, vor allem weil die nationalen Interessen sehr unterschiedlich sind.

2.7 Suche nach neuer Ziel- und Wertorientierung

(38) Hinter den verschiedenen Reformvorschlägen (wie auch der agrar- und umweltpolitischen Tagesdiskussion) stehen, oft unausgesprochen, sehr unterschiedliche gesellschaftspolitische Vorstellungen über die Weiterentwicklung einer hochindustrialisierten Gesellschaft, die größere Gerechtigkeit und Umweltschonung anstrebt. Immer mehr Menschen setzen sich heute mit bestimmten Wertorientierungen der Leistungs- und Konsumgesellschaft kritisch auseinander. Insbesondere werden die Wertmaßstäbe in der Leistungsgesellschaft in Frage gestellt, was u. a. die Umwelterhaltung, die Entwicklungspolitik und die Friedenssicherung betrifft. Oberflächlich mag das als Modetrend angesehen werden. In Wirklichkeit aber liegen hier kritische Reaktionen auf stillschweigende oder öffentlich propagierte Zielsetzungen und Grundhaltungen vor. Das Menschenbild des Fortschritts und die ständige Steigerung der technischen, biologischen und chemischen Möglichkeiten werden kritisiert. Einen größeren Stellenwert für ein erfüllteres Leben erhält die Freude am eigenen Tun, das Wohnen in nichtstädtischer Umgebung und der Umgang mit Tier und Pflanze. Damit wird auch das Leben auf dem Lande und die Arbeit des Bauern aufgewertet, nicht selten romantisch verklärt. Auch das Bewußtsein für weltweite Verflechtung und universale Geltung der Menschenrechte verstärkt sich, was sich im entwicklungspolitischen Engagement vieler junger Menschen zeigt.

(39) Eine erweiterte Zielperspektive wird heute oft bei denen sichtbar, die statt eines quantitativen ein qualitatives Wachstum fordern. Dies heißt konkret, daß schädliche Nebenwirkungen der Produktion, wie die Verunreinigung von Luft und Wasser, ebenso aber auch gesellschaftlicher Nutzen, wie etwa die Erhaltung der Landschaft und des ökologischen Gleichgewichts als Nebenwirkung der landwirtschaftlichen Produktion bei wirtschaftlichen Entscheidungen mit berücksichtigt werden. Die Kirche hat bisher immer auf die Berücksichtigung der sozialen Komponente in der Marktwirtschaft hingewiesen. Heute muß sie auch auf eine stärkere Beachtung ökologischer Gesichtspunkte aufmerksam machen.

(40) Allerdings kann der Beitrag der Kirche weder darin bestehen, von einer Fortführung des wirtschaftlichen Wachstums in absehbarer Zeit allein die Lösung, auch der Agrarprobleme, zu erhoffen, noch einfach Schlagworte des qualitativen Wachstums zu übernehmen. Vielmehr gilt es, die berechtigten Anliegen, die hinter der Forderung nach qualitativem Wachstum stehen, aufzunehmen und an konkreten Einzelproblemen zu überprüfen. Dabei sollten die Möglichkeiten des technischen Fortschritts einbezogen werden. Unter dieser Fragestellung sollen im folgenden die drei Problemfelder dieser Denkschrift untersucht werden.

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