Statement auf der Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung der Orientierungshilfe

Christine Bergmann, Bundesministerin a.D., Vorsitzende der Ad-hoc-Kommission des Rates der EKD

19. Juni 2013

Reichliche drei Jahre hat die Ad-hoc-Kommission an dieser Familienschrift gearbeitet. Der Auftrag, den der Rat der EKD erteilt hat, angesichts des gesellschaftlichen und politischen Wandels über Konsequenzen für die kirchliche Familienpolitik zu beraten, erforderte nach unserer Auffassung ein breites Herangehen an das Thema mit dem Ziel, eine evangelische Verständigung über Ehe, Familie und Partnerschaft in unserer Zeit anzuregen. Der Kommission war wichtig, deutlich zu machen, wie Familienleben in der Ambivalenz von Autonomie und Angewiesenheit erfahren wird, wie Freiheit und die Erfahrung von Geborgenheit in der Familie möglich wird.

Dabei hat unser Bild von Familie in den letzten Jahren eine Erweiterung erfahren: Familie – das sind nach wie vor Eltern- ein Elternteil oder zwei- mit ihren leiblichen, Adoptiv- oder Pflegekindern, vielleicht erweitert um die Großelterngeneration. Das sind aber auch die so genannten Patchwork-Familien, die durch Scheidung und Wiederverheiratung entstehen, das kinderlose Paar mit der hochaltrigen, pflegebedürftigen Mutter und das gleichgeschlechtliche Paar mit oder ohne Kinder. Die Menschen, die wir zur Familie zählen, leben nicht unbedingt gemeinsam unter einer Adresse – das heißt aber nicht, dass es nicht vielfältigen Austausch, Unterstützung, Hilfeleistung, Gespräche, kurz: familiales Zusammengehörigkeitsgefühl gibt. Und das gilt über die Generationen hinweg.

Unmissverständlich stellt die Ad-hoc-Kommission fest: „Wo Menschen auf Dauer und im Zusammenhang der Generationen Verantwortung füreinander übernehmen, sollten sie Unterstützung in Kirche, Staat und Gesellschaft erfahren. Dabei darf die Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werden, nicht ausschlaggebend sein“. Alle familiären Beziehungen, in denen Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, müssen sich auf die Unterstützung durch die evangelische Kirche verlassen können. Dabei geht es nicht nur um Anpassung an neue Familienwirklichkeiten. Es geht darum, das Versprechen der Freiheit und Gleichheit aller Menschen ernst zu nehmen und Gerechtigkeit auch in der Familie umzusetzen.

Auf wesentliche Trends die den Wandel von Familien heute prägen, möchte ich kurz hinweisen:

  • Lange Ausbildungszeiten und schwierige Berufseinstiege haben zur Folge, dass die Familiengründung im Lebenslauf immer weiter hinausgeschoben wird:
  • Zugleich nimmt die Vielfalt des Familienlebens zu. Zwar sind noch etwa drei Viertel der Familien Ehepaare mit Kindern, aber Familien auf Ehebasis sind zunehmend Patchwork-Konstellationen. Ein großer Unterschied in den Familienformen zeigt sich im Ost-West-Vergleich, z.B. machen in Ostdeutschland verheiratete Familien nur noch knapp die Hälfte aus, während es im Westen rund drei Viertel sind. Außerdem ist der Anteil von Alleinerziehenden (19%) und nichtehelichen Lebensgemeinschaften (17% in Ostdeutschland und 6% in Westdeutschland) deutlich gestiegen. Vollzeit-Erwerbsarbeit von Müttern hat in Ostdeutschland eine lange Tradition und ist nach wie vor das vorherrschende Familienbild.
  • Und schließlich wächst die gesellschaftliche Spaltung. Besonders problematisch sind die unterschiedlichen Lebenslagen von Ein- und Zwei-Verdiener Haushalten, die wachsenden Unterschiede zwischen denen, die für Kinder sorgen und denen, die keine Kinder zu versorgen haben. Statistisch gesehen sind wir – auch auf dem Hintergrund des demographischen Wandels – wohl zum ersten Mal in der Situation, dass die Zahl der Alleinlebenden zunimmt, während die Zahl der Menschen, die in einer Familie leben, abnimmt.
  • Fast jede dritte Familie hat heute einen Migrationshintergrund, das Bild der Familie muss auch in kultureller Hinsicht relativiert werden.

Gleichwohl ist bei längerfristiger Analyse entgegen mancher Krisenszenarien eine erstaunliche Kontinuität festzustellen, lässt sich sogar von einer Familiarisierung des kindlichen Aufwachsens in unserer Gesellschaft sprechen. Studien wie die Shell-Jugendstudie zeigen, dass die Beziehungen zwischen Kindern und ihren Eltern liebevoller und wärmer geworden sind.

Die Änderung der Geschlechterrollen, auch rechtlich fixiert, hat erheblichen Einfluss auf das familiäre Zusammenleben ebenso wie die Anerkennung der eigenständigen Rechte von Kindern. Chancengleichheit und Fairness innerhalb der Familie sind ein entscheidender Wert. Das Leitbild der partnerschaftlichen Familie sollte der Maßstab für kirchliches Handeln bei der Unterstützung von Familien sein.

Familien brauchen Unterstützung, um den vielfältigen Anforderungen – Kindererziehung und Fürsorgeleistungen, Pflege sozialer Kontakte, ehrenamtliche Arbeit, Teilhabe am Arbeitsmarkt - gerecht zu werden.

Familien brauchen Zeit, gemeinsame Zeit, um sich als Familie zu erleben. Kinder wünschen sich eine verlässliche Anwesenheit von Eltern und sie wünschen sich vor allem mehr Zeit mit ihren Vätern. Diese entsteht nicht von selbst sondern muss „hergestellt werden“. Die Kirche muss sich dafür einsetzen, die grenzenlosen Zeiterfordernisse moderner Ökonomien einzudämmen. Unser Eintreten für den freien Sonntag dient auch den Familien.

Die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und familiärer Sorge ist bis heute ein nicht gelöstes Problem. Die gegenwärtigen Debatten um den Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten zeigen es uns täglich. Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für die Unter-3-Jährigen, der auch als Bildungsangebot angesehen werden kann, wird mit Sicherheit weder quantitativ noch qualitativ umgesetzt werden. Hier ist auch die Kirche gefragt, die Betreuungslücken zu füllen. In Ostdeutschland finden wir eine bessere Situation vor. Die hohe Erwerbsquote der Frauen in Ostdeutschland, sie lag bei 90% 1989, war mit einem bedarfsgerechten Angebot an Betreuungseinrichtungen verbunden, das weitestgehend erhalten geblieben ist, heute jedoch mit einem breiteren Angebot freier Träger.

Die Zunahme der Erwerbsbeteiligung von Frauen in Westdeutschland, auch aus ökonomischer Notwendigkeit, stößt häufig an die Grenzen ungelöster Betreuung. In einem Drittel der Familienhaushalte erwirtschaften heute Mütter und Väter zu gleichen Anteilen das Familieneinkommen. Und immer mehr Mütter bestreiten das Hauptfamilieneinkommen. Gleichwohl werden die Versorgung und Erziehung von Kindern sowie die Alltagsarbeit und die Pflege von Angehörigen immer noch überwiegend von Frauen geleistet.

Jenseits ökonomischer Zwänge orientieren sich junge Männer und Väter nicht mehr selbstverständlich am Leitbild des Familienernährers. Die Zustimmung zu gleichberechtigten Formen der Partnerschaft hat deutlich zugenommen, die praktische Umsetzung lässt noch viel Spielraum. Vereinbarkeit wird damit immer mehr zu einem Männerthema, denn „ aktive“ Väter fordern in gleicher Weise familienfreundliche Arbeitsplätze und Arbeitszeiten. Jedoch kann von einer gleichberechtigten Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit keine Rede sein, sie ist weder akzeptiert noch institutionalisiert. Sie ist jedoch Voraussetzung einer an Gerechtigkeit orientierten Familie.

Familie ist der erste und wichtigste Bildungsort, so heißt es in der Kundgebung der 3. Tagung der 11. EKD-Synode in Magdeburg 2011. Umso wichtiger ist es, die Bildungswege der Kinder mit den Eltern zu gestalten. Auf kirchlicher Ebene ergeben sich vielfältige Möglichkeiten des Zusammenwirkens, der Erziehungspartnerschaft.

Die Kommission hat deutlich gemacht, dass das Familien-Idealbild einer harmonischen gewaltfreien Beziehung, das lange vorherrschte, nicht aufrecht erhalten werden kann. Gewalt in der Familie ist die am weitesten verbreitete Form von Gewalt und tritt als körperliche, psychische und sexuelle Gewalt oder auch als Vernachlässigung in Erscheinung. Betroffen von allen Formen sind vor allem Mädchen und Jungen und Frauen. Diese Gewalt wahrzunehmen, nach Möglichkeit vorzubeugen und Betroffenen Hilfe anzubieten ist auch eine Aufgabe der Kirche.

Es war das Anliegen der Kommission, für eine nachhaltige Familienpolitik zu plädieren, die gute Bedingungen für das Aufwachsen von Kindern schaffen möchte, Armutsgefährdung vermeiden und gesellschaftliche Teilhabe von Familien fördern will. D.h. Familienpolitik muss als Querschnittsthema verstanden werden.