Zwischen Autonomie und Angewiesenheit: Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken

Statement auf der Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung der Orientierungshilfe des Rates der EKD

Nikolaus Schneider

19. Juni 2013

Kein Mensch ist eine Insel“ – mit diesem Zitat nahm John Donne die biblische Weisheit auf: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“. Familie als eine lebensnotwendige „Festlandsbindung“ hat jeder und jede.

Die Erwartungen an Familie und die Erfahrungen in Familie haben sich allerdings seit den biblischen Zeiten und auch seit dem Mittelalter sehr verändert. Familie heute existiert in sehr verschiedenen Formen. Gerade deshalb ist es nicht einfach, sich über Familie zu verständigen. Das gilt für die gesellschaftliche wie für die kirchliche Diskussion.

Die EKD hatte also vor vier Jahren gute Gründe, eine Ad-hoc-Kommission ins Leben zu rufen, die sich mit den aktuellen Herausforderungen für die Familienpolitik und die Familienarbeit der Kirche befassen sollte. Es ging um eine Bestandsaufnahme der Wirklichkeit von Familien, um einen Blick auf die jüngere Geschichte der Familienpolitik in Ost und West und die aktuellen sozialpolitischen Herausforderungen- aber auch um die Bedeutung biblischer Texte und evangelischer Theologie für unser Familienbild und die Bedeutung, die kirchliches Handeln angesichts der Brennpunkte der Familienpolitik heute haben kann. Brennpunkte in Erziehung, Bildung und Pflege, in Zeitpolitik und Geschlechterfragen und andere werden in der Mitte der Orientierungshilfe differenziert entfaltet.

Einige theologische Akzente der Familienschrift möchte ich referieren:

  1. Angesichts der Vielfalt biblischer Bilder und der historischen Bedingtheit des familiären Zusammenlebens entsprechen ein normatives Verständnis der Ehe als „Göttliche Stiftung“ und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus einer vermeintlichen „Schöpfungsordnung“ weder der Breite des biblischen Zeugnisses noch unserer Theologie.
  2. Das geschichtliche Gewordensein und der Wandel familiärer Leitbilder werden in dieser Schrift vorausgesetzt. Dabei kann sie sich auch auf Martin Luther beziehen: Bei aller Hochschätzung als ‚göttlich Werk und Gebot‘ erklärte er die Ehe zum „weltlich Ding“, das von den Partnern gestaltbar ist und gestaltet werden muss. Aus einem evangelischen Eheverständnis kann heute eine neue Freiheit auch im Umgang mit gesellschaftlichen Veränderungen erwachsen - im Umgang mit Geschiedenen genauso wie mit Einelternfamilie oder auch mit gleichgeschlechtlichen Paaren.
  3. Für die theologische Ethik ist die Familie ein generationenübergreifender Lebensraum, in dem Verlässlichkeit in Vielfalt, Verbindlichkeit in Verantwortung, Vertrauen und Vergebungsbereitschaft, Fürsorge und Beziehungsgerechtigkeit zu gestalten sind. Die Schrift empfiehlt für diese Gestaltungsaufgaben einen verbindlichen institutionellen Rechtsrahmen.
  4. Nach wie vor ist Familie der erste und wichtigste Orte der religiösen Sozialisation. Weit mehr als Pfarrer, Pfarrerinnen, Lehrerinnen und ältere Jugendliche, prägen Eltern und Großeltern den Glauben der nächsten Generation. Wenn es um die Weitergabe von Glauben und Werten, Traditionen und Erfahrungen geht, brauchen Familie und Gesellschaft alle Generationen.
  5. Mit der Freiheit moderner Menschen, ihr Leben beruflich zu gestalten und ihren Lebenspartner zu wählen, wachsen allerdings auch die Erwartungen aneinander. Im Blick auf das Gelingen des eigenen Lebens werden Partnerschaften immer wieder auf den Prüfstand gestellt. Paare und Familien in Krisen zu begleiten, ihnen Hoffnung und Halt zu geben, ist deshalb eine wichtige Aufgabe der Kirche.
  6. In biblischer Perspektive spielt in der vorgelegten Schrift der Segen Gottes eine große Rolle: der Segen, der bei Trauung und Taufe einer Familie die Begleitung Gottes zuspricht; der Segen, der den Bund Gottes mit uns Menschen zum Ausdruck bringt und uns auch dann Zukunft verspricht, wenn wir scheitern.