Zwischen Autonomie und Angewiesenheit: Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken

Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

Vorwort

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, heißt es in einer der ersten Geschichten der Bibel. Die Texte der Bibel erkennen und deuten den Menschen als ein Gemeinschaftswesen: Er braucht die ehrfurchtsvolle Beziehung zu Gott und vertrauensvolle Beziehungen zu Mitmenschen, um gesegnet und glückserfüllt zu leben. Und auch wenn sich seit den biblischen Zeiten unsere Ansprüche an Beziehungen und die Formen unseres Zusammenlebens verändert haben - bis heute spüren Männer und Frauen: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.

Menschen genießen die Geborgenheit in ihren Herkunftsfamilien und suchen nach verlässlichen Partnerinnen und Partnern, um eigene Familien zu gründen. Auch gescheiterte Beziehungen vermögen ihre Hoffnung auf eine lebenslange Liebe nicht zu zerstören. Liebe, Verlässlichkeit und Treue in Partnerschaft und Familie zu erfahren und zu gestalten, das bleibt ein Lebenstraum - so schwer es manchmal auch sein mag, diesen Traum konkret zu leben.

Auch wenn Familie heute in ganz unterschiedlichen Formen gelebt wird, es gilt noch immer: Menschen brauchen den Willen und die Fähigkeit, sich auf ein „Du“ als gleichwertiges Gegenüber einzulassen, an Bindungen auch in Belastungen festzuhalten und schöne wie schwierige Zeiten miteinander zu teilen, um verlässliche und langfristige Beziehungen zu gestalten.

Familien, in denen Menschen füreinander Sorge und Verantwortung übernehmen, brauchen Unterstützung und gute Rahmenbedingungen. Darum geht es in der hier vorliegenden Orientierungshilfe. Der Rat der EKD möchte deutlich machen, wie wichtig die Leistungen sind, die Familien erbringen: Kindererziehung, Alten- und Krankenpflege, seelische Unterstützung und Gastfreundschaft, Wertevermittlung und Fürsorge - das alles geht weit über das hinaus, was Staat und gesellschaftliche Organisationen leisten können. In den vergangenen Jahren ist Familienpolitik daher aus guten Gründen zu einer zentralen gesellschafts- und sozialpolitischen Frage geworden. Parteien und Medien diskutieren, ob und wie die Mittel für Familienpolitik in Deutschland richtig eingesetzt werden. Alte und neue Instrumente wie Ehegattensplitting und Betreuungsgeld sind in der Diskussion. Und grundlegende Entscheidungen zur Gleichstellung von Lebenspartnerschaften mit der traditionellen Ehe werden nicht nur in unserem Land in Kirchen, Politik und Gesellschaft leidenschaftlich und kontrovers diskutiert.

Der Rat der EKD hat bereits vor drei Jahren eine Ad-hoc-Kommission eingesetzt, um über die kirchliche Perspektive zur Familienpolitik zu beraten. Ich danke der Kommission unter Leitung von Frau Ministerin a.D. Dr. Christine Bergmann und Frau Prof. Dr. Ute Gerhard für ihren Einsatz, für die gründliche Diskussion der vielfältigen Themen und Fragen und die Erarbeitung dieses Textes.

Ich hoffe, dass diese Veröffentlichung der EKD in Kirche und Gesellschaft zu Diskussionen und zum Weiterdenken einlädt. Denn Familie geht längst nicht mehr nur Frauen und Kinder an. Familie zu gestalten ist auch eine Aufgabe für Männer und betrifft alle Generationen und Lebensbereiche. Unternehmen und kommunale Einrichtungen, Sportvereine und Schulen sind heute wichtige Partner der Familie - genauso wie die Kirchengemeinden mit all ihren Einrichtungen und Ehrenamtlichen. Mir liegt daran, dass Menschen aus all diesen Bereichen sich ihrer Verantwortung bewusst werden und Netzwerke fördern, die Familien unterstützen und stärken. Die evangelische Kirche mit ihrer Diakonie und ihrer Bildungsarbeit kann und soll ein tragfähiger Knoten in einem solchen Netzwerk sein.

Viele Geschichten der Bibel zeigen uns, wie sehr Familienbeziehungen und Gottesbeziehung, Glaube und Familienerfahrungen miteinander verbunden sind. Und es ist auch meine Erfahrung und Überzeugung: Das Vertrauen auf Gottes Liebe und Treue vermag Menschen immer wieder neu zu stärken, einander zu trauen und sich in Liebe und Treue aneinander zu binden.

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ (2. Mose 2,18) So klar formuliert es die Bibel und sagt uns gleichzeitig zu: Gottes Angesicht und Gottes Liebe begegnen uns im Angesicht und in der Liebe unserer Mitmenschen. Wir wollen mit dieser Orientierungshilfe Menschen Mut machen, einander als Gottesgeschenk zu entdecken, einander verlässlich zur Seite zu stehen und miteinander verantwortlich und verbindlich Zukunft zu gestalten. Was uns im Leben wirklich trägt, das ist das Vertrauen auf die unverdiente Liebe Gottes und auf die von eigenen Leistungen unabhängige Liebe vertrauter Menschen.

Das immer neu zu erfahren, dazu wünschen wir auch mit diesem Text Gottes Segen.

Hannover, im Juni 2013

Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland