4. Sterbebegleitung in Gemeinde und Hospizbewegung
Im Matthäus-Evangelium (Kapitel 25) werden sechs Werke
der christlichen Nächstenliebe genannt: Hungernde speisen,
Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke
und Gefangene besuchen. Schon früh kam in den urchristlichen
Gemeinden ein siebentes Werk der Barmherzigkeit hinzu, nämlich
die Toten zu begraben. Außerhalb der Zählung dieser
klassischen »sieben Werke der Barmherzigkeit« galt die
Tröstung der Trauernden als selbstverständliche seelsorgerliche
Aufgabe.
Auch heute sind die Bestattung und alle damit verbundenen Riten
für den Menschen wichtig, um mit Tod und Angst umgehen zu
können. Gräber sind in besonderer Weise Orte, an denen
Menschen trauern können. Für Christen ist das Begräbnis
nicht nur Pietät gegenüber den Toten und den Hinterbliebenen,
sondern auch Ausdruck der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten.
Immer wieder wurden Menschen mit Zeiten besonders hoher Sterblichkeit
konfrontiert. Naturkatastrophen, Massenerkrankungen, hohe Säuglingssterblichkeit
und Kriege rafften die Menschen zu Tausenden dahin. Besonders
in den Pestzeiten des Mittelalters waren die Kräfte der Menschen
angesichts dieses Elends bis aufs äußerste angespannt.
In dieser Zeit entstand eine breit gestreute Ars-moriendi-Literatur,
die zum Begleiten der Schwerkranken und Sterbenden und zum Trösten
der Trauernden ermutigen wollte. In einem der bekanntesten mittelalterlichen
Sterbebüchlein heißt es: »Es ist kein Werk der
Barmherzigkeit größer, als daß dem kranken Menschen
in seinen letzten Nöten geistlich und sein Heil betreffend
geholfen wird«.
Die Grundhaltung, aus der Sterbe- und Trauerbegleitung geschieht,
wird heute auch »Freundschaftsdienst« genannt: Menschen
in existentiellen Herausforderungen durch Krankheit, Leiden, Sterben
und Tod Begleiterin oder Begleiter zu sein und als Freundin oder
Freund zuhörend und mitfühlend beizustehen. Ob es sich
um Angehörige, Geistliche oder andere Helferinnen und Helfer
handelt: Sie alle können ihren Dienst nur leisten, wenn sie
selbst begegnungsfähig sind. In vielen Initiativen privater
oder öffentlicher Art werden deshalb heute Ausbildungsmöglichkeiten
angeboten, die helfen sollen, solche Fähigkeiten zu entwickeln,
die der Begleitung Schwerkranker und Sterbender und ihnen nahestehender
Menschen dienlich sein können. Dazu gehören u.a. Eigenschaften
wie Wahrnehmen, Mitgehen, Zuhören, Verstehen, Weitergehen
und Loslassen, die in Gruppen und Vorbereitungskursen geübt
werden. Dabei geht es nicht nur um ein Tätigwerden und Handeln
nach außen, sondern um eine innere Haltung. Es wird versucht,
der eigenen Betroffenheit Ausdruck zu geben und Grundhaltungen
gegenüber dem Ende des Lebens in sich zu entwickeln. Als
Begleiterin und Begleiter geben Menschen weiter, was sie selber
in der Gemeinschaft der Lernenden und Liebenden empfangen haben.
Sie sind in dieser seelsorgerlichen Aufgabe nicht »Kenner«
und »Könner«, sondern Gerufene und Begabte. Als
solche entwickeln sie die Kraft, anderen nahe zu sein und Liebe
und Freundschaft zu schenken, wo es besonders nötig ist.
Und sie sind in der Lage, den sie tragenden Grund ihres Handelns
anderen Menschen mitzuteilen.
Eine solche »Freundschaftsbewegung« ist auch die Hospizbewegung
in Deutschland. In ihr entdecken nicht wenige, die bisher eher
kritisch und distanziert den Kirchen gegenüberstanden, daß
gelebter christlicher Glaube zur Menschwerdung im Leben und im
Sterben wertvolle Anregungen und Halt gibt.
Die Hospizbewegung in Deutschland hat sich, angeregt durch Impulse
aus Großbritannien und den USA, erst relativ spät auf
den Weg gemacht, hat schwierige Zeiten und Rückschläge
hinnehmen müssen. Sie hat sich aber in ihren Zielen nicht
beirren lassen:
- Annahme des Sterbens als Teil des Lebens
- Erfahrung von Sinn im Sterben
- Wahrnehmen der Sterbenden und ihrer Angehörigen als gemeinsame
Adressaten
- Unterstützung durch ein interdisziplinär arbeitendes
Team
- Einbeziehung freiwilliger Helferinnen und Helfer
- Supervision der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden
- Kooperation aller Beteiligten
- Integration der Hospizidee in die bestehenden Dienste und Einrichtungen
- Spezielle Kenntnisse in der Symptomkontrolle
- Kontinuität in der Betreuung
- Begleitung Trauernder
Mit diesen Zielen vor Augen haben sich in Deutschland sehr unterschiedliche
Zugänge und Verwirklichungen der gemeinsamen Hospizidee im
Rahmen längst vorhandener Sorge um kranke und alte Menschen
in Krankenhäusern, in Alten- und Pflegeheimen sowie in der
ambulanten Krankenpflege entwickelt. Großherzige Spenden
und Stiftungen ermöglichen es, die Arbeit, z.B. in den Krankenhäusern,
besser auf die Bedürfnisse Schwerkranker und Sterbender abzustimmen.
Zunehmend entstehen dort auch Palliativ-Stationen, z.T. in Zusammenarbeit
mit Begleiterinnen und Begleitern des ambulanten Hospizes.
Das vielfältige und differenzierte Bild der Hospizbewegung
in Deutschland läßt sich auf begrenztem Raum nicht
leicht beschreiben: Es gibt inzwischen mehrere hundert Hospizinitiativen,
von denen die Mehrzahl ökumenisch arbeitet. Zudem entstehen
auf regionaler und überregionaler Ebene weitere Zusammenschlüsse.
Zeit haben für andere »Sozialzeit«
gehört neben Arbeits- und Freizeit zu den Grundbedingungen
eines erfüllten Lebens. Sie wird nicht mit klingender Münze
bezahlt, sondern anders vergolten: mit neuer Aufmerksamkeit für
die Tiefe des Lebens, mit Erfahrungen der Begegnung, des Lernens
und des Lebensaustausches in Gruppen, mit fachkundiger Vorbereitung
und Begleitung, mit der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft,
die klärend und strukturierend, herausfordernd und bereichernd
das eigene Leben verändert.
Die Kirchen beider großen Konfessionen leisten auf allen
Ebenen Hilfen, ohne die Hospizbewegung als exklusiv kirchliche
Arbeit zu verstehen. Die weitaus meisten Hospizinitiativen in
Deutschland werden von engagierten Christen mitgetragen. Manche
haben im Dienst für Schwerkranke, Sterbende und ihre Angehörigen
die gemeinschaftsbildende Kraft eines christlichen Engagements
für die Schwachen und Hilfsbedürftigen neu entdeckt.
So kann in der Begleitung Sterbender tätiger Glaube neu Gestalt
gewinnen, und so können alternative Weisen des gegenseitigen
Gebens und Nehmens für die in unserer Gesellschaft zunehmend
notwendige »belastbare Solidarität« prägend
werden.
Hinweis:
Dieser Text kann auch als Broschüre (Gemeinsamer Text Nr. 6, herausgegeben vom Kirchenamt der EKD und dem Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz) beim Kirchenamt der EKD, Herrenhäuser Str. 12, 30419 Hannover, bezogen werden.