Ein Fan und ein Olympiapfarrer lernen sich kennen

Abfahrt a la carte! - Olympiapfarrer Weber kribbelt es in den Beinen

17. Februar 2006

Ein Fan und ein Olympiapfarrer lernen sich kennen - Begegnung im Zug

Es sind die Olympischen Spiele der langen Wege. Der evangelische Olympiapfarrer, Thomas Weber, macht sich auf den Weg zum Biathlon-Wettkampf, der um 13 Uhr beginnt. Eine Stunde mit dem Zug nach Oulx, von dort mit dem Shuttle-Bus noch eine gute dreiviertel Stunde hoch in die Berge. Die Sonne scheint, eine Dunstglocke wölbt sich über Turin.

Im prall gefüllten Zug trifft Thomas Weber Fans, die sich - wie er - auf den Weg zu den Wettkämpfen gemacht haben. Bevor er Platz nimmt, bemerkt er den neugierigen Blick seines Gegenübers. Ein etwa 60 Jahre alter Engländer grüßt ihn höflich und mustert ihn interessiert von Kopf bis Fuß.

Die beiden kommen schnell ins Gespräch. Aus Birmingham stamme er und er sei großer Sportfan, allein stehend, ein Weltenbummler. Er gebe sein Geld für Reisen zu großen Sportveranstaltungen aus. Das hier sei für ihn eine Art Urlaub, erklärt er unserem Olympiapfarrer. Der Engländer schwärmt von den Olympischen Spielen vergangener Zeiten und erzählt von Nagano, Lake Placid und Athen. Da sei er auch schon überall mit dabei gewesen. In diesem Jahr beabsichtige er, zu den Weltspielen nach Aachen zu kommen.

"Wie gefällt Ihnen Turin?", fragt Weber interessiert. "Gut", antwortet er, "nur die vielen Baustellen haben so einen ganz eigenen Charme. Schade, dass vor Olympia nicht alles richtig fertig geworden ist. Ich hoffe, dass das in London in sechs Jahren nicht passiert: Denn dann finden die Olympischen Sommerspiele auf der Insel statt."

Im nächsten Moment greift er stolz in seine Tasche, zieht blitzschnell ein Bündel Eintrittskarten hervor und präsentiert seine Ausbeute für die kommenden Tage. "Ein Ticket für das Eishockey-Finale der Männer zum stolzen Preis von 200 Euro. Einmal Eiskunstlaufen für stolze 120 Euro", sagt er mit funkelnden Augen. Doch die absolute Krönung zeigt er ganz zum Schluss - das Biathlon-Ticket. An fünf Tagen will er dabei sein. Das sei das Mindeste.  "Dieser Sport begeistert, macht mich wahnsinnig. Spannung bis zum Schluss"; sagt er selig.

Nach der Zugfahrt

Doch dann interessiert er sich wieder für sein Gegenüber und zeigt fragend auf das deutsche Emblem auf Webers Jacke. "Ich bin der evangelische Olympiapfarrer und betreue das deutsche Team", erklärt  Weber. Er erzählt von seiner Arbeit, vom Olympischen Dorf und dem religiösen Zentrum. Die beiden reden über Gott und die Welt. Es herrscht eine entspannte, irgendwie vertraute Atmosphäre zwischen ihnen.

 Der Zug läuft in den Bahnhof ein. Die beiden verabschieden sich voneinander.

"Darum liebe ich Olympia, man trifft ein buntes Gemisch von Menschen", sagt der Engländer lachend.

"Ja, wir beide gehören dazu, der Sportfan aus England und der Olympiapfarrer aus Deutschland", antwortet Weber.

Abfahrt a la carte! - Olympiapfarrer Weber kribbelt es in den Beinen

"Als begeisterter Skiläufer darf ich mir diesen Wettbewerb nicht entgehen lassen: die Abfahrt der Damen in San Sicario", kündigt der Olympiapfarrer Thomas Weber das bevorstehende Rennen an, als er, neben den Betreuern und Skitechnikern erwartungsvoll im Zielraum steht.

Die Piste ist eisig und bestens präpariert.

Der französische Olympiasieger der Herrenabfahrt, Antoine Deneriaz, schreibt einige Meter entfernt Autogramme, gibt Interviews und lässt sich fotografieren. "Es muss ein wunderbares Gefühl sein, so erfolgreich gewesen zu sein", denkt Weber.

Das Rennen beginnt.

Die einzige deutsche Starterin in dieser Disziplin, Petra Haltmayr, legt eine sehr gute Abfahrt hin. Auf der großen Leinwand neben der Zieleinfahrt sind kaum Fehler während der schnellen Fahrt zu erkennen. Die Zuschauer und auch die Trainer sind begeistert. Am Ende belegt sie einen hervorragenden sechsten Platz, lag sogar zwischenzeitlich auf einem Medaillenplatz.

"Mir kribbelt es in den Beinen!", sagt Olympiapfarrer Weber. Der leidenschaftliche Skifahrer würde sich am liebsten sofort auf die Bretter stellen und die Piste hinunterjagen. Er bewundert die Superleistungen der Läuferinnen.

Mit mehr als hundert Stundenkilometern rasen sie ins Tal, angesichts der vereisten Unebenheiten, die sich durch den Hang ziehen, schlagen die Ski aneinander. Die Zuschauer  halten die Luft an. Gott sei Dank, an diesem Renntag gehen die wenigen Stürze glimpflich aus. Beim Abschlusstraining sah das leider anders aus, zwei Läuferinnen mussten verletzt abtransportiert werden.

Am Ende hat die Österreicherin Michaela Dorfmeister die Nase vorn. Vor den laufenden Kameras kommt sie kaum zum Luftholen. Von einer Fernsehanstalt zur nächsten wird sie weitergereicht. Enttäuscht schleichen die Verliererinnen an Weber vorbei. Ihre Körperhaltung verrät: Vier Jahr harte Arbeit sind nicht belohnt worden. Was mag in ihren Köpfen vorgehen?

Der evangelische Olympiapfarrer gratuliert Petra Haltmayr zu ihrer großartigen Leistung. Hinter der Tribüne lernt er ihren Vater kennen, der extra für diesen Wettkampf aus Bayern angereist ist. Weber gratuliert ihm. Er kann stolz auf die Leistung seiner Tochter sein. Eigentlich habe er gar nicht kommen wollen, erzählt er dem 45-jährigen Sportpfarrer. Die wenigen Male, die er in diesem Winter dabei gewesen sei, habe es bei seiner Tochter nicht so gut geklappt. Umso größer sei heute seine Freude. Ob er Angst um Petra habe, wenn er sich ein Rennen anschaue, möchte Weber wissen. "Freilich, ich bin jedes Mal heilfroh, wenn sie gesund im Ziel angekommen ist", antwortet er. "Aber meine Frau kann bei keinem einzigen Rennen zuschauen, das hält sie nicht aus."

Das kann Thomas Weber sehr gut nachvollziehen. " Was würde ich wohl sagen, wenn meine Tochter mit dem alpinen  Rennsport anfangen würde?", fragt er sich. "Aber dazu wird es wahrscheinlich nie kommen, ein Glück!", sagt er erleichtert.

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