Der Geschmack von Freiheit und Mündigkeit - Eine Antwort auf die Frage: Was ist eine gute Religion? (Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung vom 27. März 2006)

Wolfgang Huber

27. März 2006

«Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche», formulierte der deutsche protestantische Theologe Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher im Jahr 1799. Seine Formulierung gewinnt heute an neuer Aktualität. - Noch vor kurzem behauptete ein verbreiteter Lehrsatz des Säkularismus, das persönliche Leben wie das gesellschaftliche Zusammenleben würden durch Religion nicht mehr beeinflusst; denn die Bedeutung von Religion habe sich verflüchtigt, sie sei zu einer blossen Privatsache geworden. Doch dieser Lehrsatz beruhte auf einem Irrtum. Er setzte die Säkularisierung des Staates mit der Säkularisierung der Gesellschaft gleich. Er schloss aus dem Wandel in der öffentlichen Bedeutung der Religion, die sich aus dem Ende des Kartells zwischen Kirche und Staat ergab, auf deren Verschwinden aus dem öffentlichen Leben. Das aber trifft nicht zu.

Wiederkehr

Im persönlichen wie im öffentlichen Bereich ist vielmehr eine Wiederkehr der Religion zu beobachten. Die mediale Aufmerksamkeit, die die Papst-Ereignisse des vergangenen Jahres auf sich gezogen haben, sind genauso dazuzurechnen wie in Deutschland die Wiedereinweihung der Frauenkirche in Dresden, der Weltjugendtag in Köln oder der Evangelische Kirchentag in Hannover im selben Jahr 2005. In der gegenwärtigen Wahrnehmung verbindet sich Religion freilich nicht mit solchen Ereignissen, sondern mit Gewalt. Das ist fatal, ist doch Religion für den Menschen und das menschliche Zusammenleben von grundlegender Bedeutung - nicht aber ihre Pervertierung. - Doch was ist «gute» Religion? Welche Kriterien lassen sich dafür geltend machen? Schleiermachers Definition von Religion bietet dafür einen guten Anknüpfungspunkt: Religion sei «Sinn und Geschmack fürs Unendliche». Anders gesagt: Gute Religion muss den Sinn für Mündigkeit wecken und den Geschmack von Freiheit in sich tragen. Gute Religion sehe ich durch diese beiden Leitmotive bestimmt: Mündigkeit zu wirken und Freiheit zu befördern.

Dies ist beispielsweise dort nicht der Fall, wo der Zugang zu wissenschaftlichen Einsichten über die Entstehung der Welt und die Entwicklung des Lebens im Namen des Bekenntnisses zu Gott als dem Schöpfer versperrt werden soll, wenn also der biblische Schöpfungsglaube mit einer kreationistischen Weltanschauung verwechselt wird. Und es geschieht ebenso wenig dann, wenn der Glaube an Gott zur Rechtfertigung von Gewalt gegen Menschen missbraucht und damit Gott selbst als Waffe gegen andere Menschen eingesetzt wird. Solche Formen fundamentalistischer Religiosität breiten sich heute an vielen Stellen aus. Vor dem Kriterium der Mündigkeit haben sie keinen Bestand.

Bündnis mit der Aufklärung

Wenn Religion selbst zu einer letzten Wirklichkeit erklärt und die Wirklichkeit Gottes nicht mehr von dem religiösen Handeln des Menschen unterschieden wird, dann ist eine für jede Religion notwendige Unterscheidung aufgegeben. Gute Religion lehrt zwischen der Wirklichkeit Gottes und der Religiosität des Menschen zu unterscheiden. Diese Unterscheidung ist um beider willen nötig: um Gottes willen, weil ihm nur auf der Grundlage einer solchen Unterscheidung die Ehre gegeben wird; und um der Religion willen, weil sie nur so als das begriffen werden kann, was sie ist - nämlich eine menschliche Aktivität.

Wenn ich im Umgang mit der Wiederkehr der Religion den Respekt vor der Mündigkeit des Menschen für wichtig halte, stehe ich bewusst in einer Tradition, die der Aufklärung eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Religion zuweist. Ich denke dabei insbesondere an Kants Diktum von der Aufklärung als dem «Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit». Das Christentum hat - auch in seiner evangelischen Ausprägung - lange und intensiv mit der Aufklärung gerungen und sich in diesem Ringen verändert. Heute können und wollen wir hinter die Aufklärung nicht mehr zurück; jede gute Religion steht vor der Anforderung, sich den Anfragen der Aufklärung zu stellen. Religion, die das Bündnis mit der Aufklärung aufkündigt, verweigert sich einem kritischen Wahrheitsanspruch. Der «Geschmack» von Mündigkeit gehört zu dem, was eine gute Religion kennzeichnet.

Ebenso gehört der «Geschmack» von Freiheit zu einer guten Religion. Dabei darf die Freiheit der einen nicht zur Unfreiheit der anderen werden. Der Streit um die Wahrheit kann nur mit dem Wort, dem Argument - und damit im wechselseitigen Hören - ausgetragen werden. Weder staatliche Autorität noch religiöse Machtansprüche können heute die Pluralität religiöser Wahrheitsansprüche aufheben. Auf diese Situation antwortet die freiheitliche Demokratie dadurch, dass sie die Freiheit des Gewissens und der Religion achtet, ja in dieser Freiheit geradezu das Fundament der Menschenrechte erblickt. Zu einer guten Religion gehört es deshalb, dass sie die Menschenrechte achtet und fördert.

Die grundrechtlich geschützte Freiheit hat nicht aus sich heraus Bestand. Sie ist ein Angebot an zur Freiheit berufene und befähigte Bürger, für das geworben und eingetreten werden muss. Hieraus ergeben sich Anfragen an die Religionsgemeinschaften. Wie stehen sie zum Einsatz von Gewalt, zum Respekt vor dem Andersgläubigen, in welchem Verhältnis stehen sie zur Gleichheit von Mann und Frau in Familie und Gesellschaft, zur Wahrnehmung demokratischer Rechte und zur Übernahme von Verantwortung?

Spätestens seit der Konfrontation mit einem gewaltbereiten, religiös verbrämten Fundamentalismus ist es unausweichlich, die Kraft zur kritischen Unterscheidung als Anforderung an die Religionen ernst zu nehmen. Das schliesst die Forderung ein, sich von Hasspredigern zu trennen und Indoktrinationen, die sich gegen die freiheitliche, offene Gesellschaft richten, zu verhindern. Die Frömmigkeit des Glaubens an Gott und religiöser Fanatismus sind klar voneinander zu trennen; aber im wirklichen Leben liegen sie manchmal dicht beieinander. Doch der Prüfstein ist und bleibt die Frage, ob Menschen Gott die Ehre geben und eben deshalb die gleiche Würde aller Menschen achten. Nur wo beides sich miteinander verbindet, vermag ich gute Religion zu erkennen. - Der Geschmack von Mündigkeit und Freiheit gehört zu jeder Religion, die für sich in Anspruch nehmen will, gut für die Menschen und ihr Zusammenleben zu sein. Als evangelischer Christ bin ich der Überzeugung, dass das Christentum in diesem Sinne eine gute Religion ist. Mit all meiner Kraft setze ich mich dafür ein, dass man dies auch wirklich «schmecken» kann.

Dr. Wolfgang Huber ist Bischof der Evangelischen Kirche Berlin - Brandenburg - schlesische Oberlausitz und amtet als Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Eine der letzten Buchpublikationen: «Vertrauen erneuern. Eine Reform um der Menschen willen» (Herder 2005).

Quelle: Neue Zürcher Zeitung (NZZ) vom 27. März 2006