DEBATTE UM "DA VINCI CODE"

"Jesus war keineswegs angepasst" (Landesbischof Kähler* im Spiegel-Gespräch)

24. mai 2006

Im Bestseller "Sakrileg" behauptet Dan Brown, Jesus sei mit Maria Magdalena verheiratet gewesen und habe mit ihr ein Kind gehabt. Ein Tabubruch für EKD-Vize Bischof Christoph Kähler. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE beschreibt er Brown als ahnungslosen Verschwörungstheoretiker.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bischof Kähler, war Jesus verheiratet, wie Dan Brown in seinem Buch "Sakrileg" behauptet?

Kähler: Das ist extrem unwahrscheinlich. Mehr kann ein Historiker nicht sagen. Nach allem, was wir aus den Evangelien wissen, hat Jesus eher familienfern gelebt. Die Berichte verweisen auf einen ganz anderen Lebensentwurf als den mit Frau und Kindern.

SPIEGEL ONLINE: Petrus und Judas nennen Jesus "Rabbi". Rabbiner waren für gewöhnlich verheiratet.

Kähler: Jesus war mit Sicherheit kein ordinierter Rabbiner im heutigen Sinne. Seine religiöse Prägung erhielt er in der Gruppe um Johannes den Täufer, von dem sich keine Beziehung zum Rabbinat nachweisen lässt. Es stimmt jedoch: Normale Rabbiner und normale Männer hatten im Judentum die Pflicht zu heiraten.

SPIEGEL ONLINE: Jesus war ein Außenseiter?

Kähler: Er war keineswegs angepasst. Und seine ersten Anhänger, die Jünger, zogen mit ihm heimat-, besitz- und ehelos als Wanderprediger umher.

SPIEGEL ONLINE: Eine der Behauptungen in Browns Buch lautet, Jesus habe mit Maria Magdalena ein Kind gehabt. Was würde es für die Kirche bedeuten, wenn Jesus Vater war?

Kähler: Wenn das so wäre, müssten wir über das Leben Jesu völlig neu nachdenken. Wie wäre seine Forderung nach einer radikalen Nachfolge, einer radikalen Existenz ohne Besitz, ohne Heimat, ohne Familie dann zu bewerten? Es gibt jedoch überhaupt keine Quellen oder Anhaltspunkte dafür, dass Jesus Vater gewesen ist. Die Angaben, die Brown im Roman und im Film macht, sind reine Fiktion.

SPIEGEL ONLINE: Im apokryphen Evangelium des Philippus ist zu lesen: "Und die Gefährtin des Erlösers war Maria Magdalena." Er habe sie ab und an auf den Mund geküsst.

Kähler: Das ist mit Sicherheit kein Hinweis auf eine Ehe oder auf eine gemeinsame Elternschaft. Maria Magdalena gehört zu einem Kreis von Anhängern, den wir nicht vollständig erfassen können. Im Laufe der Kirchengeschichte ist sie dann für Gnostiker interessant geworden, eine Strömung, die das eigentliche Heil darin sah, Sexualität gerade nicht zu leben. Brown bedient sich gnostischer Texte, die eine völlig andere Tendenz haben, als er nahelegen will.

SPIEGEL ONLINE: Kann der Single Jesus ein Modell für die heutige Gesellschaft sein, welche die Familie als ihren Grundstein sieht?

Kähler: Wir haben im Christentum immer wieder beide Strömungen: Die einen, die radikale Fragen stellen und die persönliche Konsequenzen nicht scheuen, und die anderen, die tragbare Kompromisse suchen. Beides gehört zusammen, so wie in der DDR die Friedensgruppen, die politisch unangenehme Fragen stellten und die christlichen Gemeinden, die ihre Gastgeber waren. Auch bei Jesus gibt es beides: Sprüche, die die Familienbindung radikal in Frage stellen ("Lasst die Toten ihre Toten begraben"), und zugleich Sätze darüber, dass die Ehescheidung von einer tief greifenden Sünde verursacht wird und von daher eine sehr radikale Anfrage an diejenigen ist, die sich trennen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Jesus, eine Person voller Widersprüche?

Kähler: Es gibt bei ihm eine Dialektik von radikaler Forderung und radikaler Gnadenzusage, die sich nicht in schlichte Rezepte auflösen lässt. Jeder Einzelne muss für sich entscheiden, in welcher Situation für ihn die radikale Forderung, alte Bande aufzugeben, zutrifft oder die unbedingte Treue zur Familie.

SPIEGEL ONLINE: Eine andere Dialektik besteht darin, dass die Kirche lehrt, Jesus sei wahrer Mensch und wahrer Gott. Muss er als wahrer Mensch nicht zumindest in einer Partnerschaft gelebt haben?

Kähler: Das Bekenntnis zu Jesus als wahrer Mensch und wahrer Gott hängt nicht an seiner Ehelosigkeit oder am Verheiratetsein. Die Göttlichkeit Jesu wurde erst nach seinem Tod offenbar, als die Jünger erlebt haben, dass sein Leben mit dem Tod nicht zu Ende war. Es ist unverkennbar, dass Jesus ungeheuer kontaktstark war. Dass er zwischenmenschlich äußerst kompetent war, zeigt sich auch an den Heilungsgeschichten. Aufgrund psychosomatischer Erkenntnisse halten wir diese heute eher für historisch als vor hundert Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung hat der historische Jesus für den Glauben?

Kähler: Dass er gelebt hat und dass er die tiefste Niederlage erlitten hat, die man erleiden kann, nämlich den Sklaventod, das ist unverzichtbar. Der eigentliche Kampf seit dem Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus tobte um die Frage, ob der Mensch, der elend zu Tode gequält wurde - der historische Jesus also - göttlich sein kann. Damit wurden die gängigen Gottesbilder der Römer und Griechen zu Fall gebracht. Dass ein Gott sterblich und besiegbar sein soll, war eine ungeheure Provokation.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie auch die Auferstehung als ein historisches Datum?

Kähler: Es kommt darauf an, wie man historisches Datum definiert. Wenn ich grundsätzlich nur als historisch ansehe, was reproduzierbar ist, dann kann die Auferstehung per definitionem kein historisches Faktum sein. Historisch gesichert ist jedoch, dass eine Menge Leute entgegen ihrer bisherigen Gestimmtheit ein überwältigendes Erlebnis gehabt haben, von dem her sie meinten, dass Jesus in anderer Weise - nicht als wiederbelebter Körper, sondern in einer ganz anderen Existenzweise - bei Gott lebt und Leben auf Erden bestimmen kann.

SPIEGEL ONLINE: Die biblischen Texte wurden Jahrzehnte nach Jesu Tod verfasst. Sie sind vor allem an einer theologischen Interpretation seines Lebens interessiert und nur bedingt historisch zuverlässig. Lässt sich die Geschichte Jesu überhaupt rekonstruieren?

Kähler: Wir wissen von Jesus historisch eine ganze Menge, bedeutend mehr jedenfalls als von Zarathustra oder von Buddha. Der Kreuzestod, seine Schülerschaft bei Johannes dem Täufer oder seine Herkunft aus dem Nest Nazareth sind sicher nicht erfunden, denn das wäre keine gute PR gewesen. Historisch belegen lässt sich auch, dass Jesus einen sehr hohen Anspruch gestellt hat.

SPIEGEL ONLINE: Worin besteht dieser Anspruch?

Kähler: Sein Anspruch war, an Gottes Stelle und für Gott zu reden. Urteile zu fällen, die eigentlich nur Gott zustehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum finden wissenschaftlich-historische Erkenntnisse - etwa die falsche Interpretation der Jungfräulichkeit Mariens, deren Tradition auf einen Übersetzungsfehler (Jungfrau statt junge Frau) zurückgeht - oft nur schwer Eingang in Lehre und Verkündigung der Kirche?

Kähler: Wenn ich predige, halte ich keine Vorlesung. In Seminaren wird jedoch häufig kontrovers diskutiert. Zum Beispiel kommt es bei der Jungfrauengeburt auf die Interpretation an. Es sollte dabei nicht um eine biologische Aussage gehen, sondern um eine theologische. Sie ist im Kontext anderer Geburtsgeschichten von Göttern, Königen und Kaisern zu sehen. Sie will ein Hinweis auf die Weltbedeutung Jesu sein.

SPIEGEL ONLINE: In die katholische Volksfrömmigkeit scheint diese Erkenntnis noch nicht eingedrungen zu sein.

Kähler: Kein ernstzunehmender katholischer Theologe wird behaupten, dass es bei der Jungfrauengeburt nur um die Biologie geht. Er wird vielmehr vom Geheimnis des Glaubens reden. Man muss dazu nüchtern feststellen: Die historisch-kritische Theologie bzw. die Leben-Jesu-Forschung ist vor allem in der evangelischen Theologie entwickelt worden. Es hat einige Mühe gekostet, dieses so beizubehalten, dass jeder unserer Pfarrer durch diese Ausbildung und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Fakten gehen muss. Es ist der Versuch, intellektuell redlich zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Browns Erfolg basiert darauf, dass er unterstellt, die katholische Kirche habe etwas zu verheimlichen, sie sei gerade nicht redlich.

Kähler: Brown hat die klassischen Ingredienzien zusammengebracht: Sex and Crime und Verschwörungstheorien. Die schlimmsten Verschwörungstheorien haben zu Judenhass und Judenmord beigetragen. Jeder von uns weiß, dass etwa die "Protokolle der Weisen von Zion" ein übles, erfundenes Machwerk sind. Wir können genau nachweisen, wie dieser schlimme, schreckliche Text entstanden ist. Dennoch gibt es immer wieder Leute, die ihn für wahr halten. Brown benutzt Bücher von Baigent und Leigh. Obwohl man auch da nachweisen kann, dass die Autoren keine Ahnung von der Materie haben, glauben ihnen viele Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Warum gelingt es der Kirche nicht, die christliche Botschaft in ähnlich erfolgreicher Manier in die öffentliche Diskussion zu bringen, wie Brown dies mit seinen kruden, historisch nicht belegbaren Theorien um Jesus und die Kirche gelingt?

Kähler: Weil wir nicht auf den Kurzzeiterfolg wie Brown zielen. Sollten wir in 25 Jahren noch einmal über Dan Brown reden, wird sich vermutlich niemand mehr an ihn erinnern. Die Kirche aber wird dann noch immer eine wichtige Rolle spielen. Erfolg als solcher ist keine Glaubenskategorie, und Glaube an Jesus als Verkörperung Gottes muss keinen Unterhaltungswert haben. Wir wollen Menschen helfen zu leben. Wir wollen zeigen, worauf sie ihr Leben wirklich ausrichten können.

Das Interview führte Alexander Schwabe

*Christoph Kähler ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen und stellvertretender EKD-Ratsvorsitzender