Initiativen informieren zur Fußball-WM über Zwangsprostitution

Freier als Verbündete gegen Menschenhandel

02. Juni 2006

Von Martin Franke (epd)

Berlin (epd). Das Geschäft mit Zwangsprostituierten floriert. Die Menschenhändler erzielen nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) hohe Gewinne. Eine Zwangsprostituierte bringe einen jährlichen Umsatz von 35.000 bis 100.000 Euro. Weil zur Fußballweltmeisterschaft mit einer erhöhten "Nachfrage" gerechnet wird, haben mehrere Organisationen derzeit Kampagnen gestartet. Die Freier sollen für die Situation der Frauen sensibilisiert und als Verbündete im Kampf gegen Menschenhandel gewonnen werden.

"Ich musste alles machen, was die Männer wollten", schildert die 18-jährige Natascha aus Weißrussland ihre Erlebnisse als Zwangsprostituierte in einem Bordell. "Mein Unterleib brannte und es ekelte mich bis zum Brechreiz, wenn ich die Fremden küssen oder Oralsex machen musste. Ich habe nicht mehr gelebt, nur noch existiert."

Die Geschichten ähneln sich. Nivedita Prasad von der Berliner Beratungsstelle Ban Ying erklärt das typische Vorgehen der Täter: Frauen aus Mittel- und Osteuropa würden in ihrem Heimatland mit der Aussicht auf einen befristeten Job angeworben. Sie zahlten dafür bis zu 5.000 Euro. In Polen werde ihnen dann unter einem Vorwand der Pass abgenommen.

Ohne Papiere aber ist ihr Aufenthalt illegal. Weil die Schlepper über die privaten Verhältnisse der Frauen genau Bescheid wüssten, könnten sie damit zusätzlich Druck ausüben, erläutert Prasad. Die Frauen hätten Angst auszusagen, weil eine Anzeige sie selbst und ihre Familie im Heimatland gefährde.

Laut "Lagebild Menschenhandel 2004" des BKA ist etwa jeder fünfte Tatverdächtige eine Frau. Von den Einnahmen erhalte eine Zwangsprostituierte wenig oder gar nichts unter dem Vorwand, sie müsse ihre "Schulden" abarbeiten.

2004 registrierte das BKA 972 teilweise minderjährige Opfer von Menschenhandel, zu drei Vierteln aus der Ukraine, Bulgarien und anderen mittel- und osteuropäischen Ländern. Über die Hälfte wies Spuren von Gewaltanwendung auf. Die Dunkelziffer ist wesentlich höher, denn die Behörde erfasst nur Fälle, die durch ein Ermittlungsverfahren aktenkundig geworden sind.

Der leitende Oberstaatsanwalt Carlo Weber aus Frankfurt/Oder appelliert an die Beratungsstellen, die Frauen zu gerichtsfesten Aussagen zu motivieren, damit die Täter verurteilt werden könnten. "Wir haben natürlich nichts dagegen, aber drängen sie auch nicht dazu", sagt Prasad. Sie sieht ihre primäre Aufgabe darin, die Opfer psychosozial zu versorgen und bei einem eventuellen Gerichtsprozess zu begleiten.

Außerdem unterhält ihr Verein eine Zufluchtswohnung mit sechs Plätzen. "Es ist wichtig, dass die Frauen dort erfahren: Es gibt andere, denen das auch passiert ist", weiß die Sozialarbeiterin.

Fachverbände und Träger nutzen die Fußballweltmeisterschaft, um auf das Thema aufmerksam zu machen und Freier für die Situation der Opfer zu sensibilisieren. Neben zahlreichen lokalen Aktivitäten sind bundesweit drei Kampagnen geplant, darunter eine der Diakonie.

Schätzungen, bei der WM sei mit 40.000 zusätzlichen Zwangsprostituierten zu rechnen, will Rosemarie Daumüller von der diakonischen "Arbeitsgemeinschaft zu Prostitution und Menschenhandel" nicht bestätigen. Sie erwarte aber, dass die Nachfrage nach Prostituierten bei einem solchen Großereignis steige und damit auch das Phänomen Zwangsprostitution, sagt sie. Es sei wichtig, zwischen freiwilliger Prostitution und Menschenhandel zu unterscheiden. Aus diakonischer Sicht sei bezahlter Sex zwar nicht wünschenswert, müsse aber als gesellschaftliches Phänomen akzeptiert werden.

Beim Ziel der Kampagne, die Freier als Verbündete zu gewinnen, gibt es ermutigende Beispiele aus Italien. Dort würden den Beratungsstellen inzwischen mehr Frauen durch Hinweise von Freiern zugeführt als über die Polizei, berichtet Daumüller.

Internet: www.Diakonie-menschenhandel.de, www.stoppt-zwangsprostitution.de, www.frauenrat.de, www.verantwortlicher-freier.de