"Fahnen"

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

23. Juni 2006

Immer wenn ein Fußballspiel beginnt, rennen die Kinder unserer Nachbarn zum Kühlschrank. Darin steht gut gekühlt der schwarz-rot-goldene Farbstift. Sie malen sich begeistert schwarz-rot-goldene Streifen auf die Wangen, bevor sie sich vor den Fernseher setzen. Ein Spiel ohne diese Tätowierung würden sie sich nicht verzeihen.

Ich erinnere mich noch meines leichten Erschreckens im November 1989. Auf dem Weg zum Brandenburger Tor stiegen unendlich viele Menschen in die U-Bahnen. Manche trugen Deutschlandfahnen. Das fand ich damals eher bedrohlich. Jetzt zur Fußballweltmeisterschaft flattern an den Autos kleine Fähnchen im Fahrtwind und nach jedem Sieg der deutschen Fußballmannschaft wird ein weiteres an die Scheibe geklemmt. Mich beunruhigt das nicht, es freut mich vielmehr. Wir lernen Neues, auch über uns selbst.

Es macht einfach Spaß beim Fußball gemeinsam mit anderen zu feiern. Wann gibt es sonst schon einmal die Gelegenheit, mit anderen zu jubeln oder mit anderen zusammen über einen misslungenen Torschuss enttäuscht zu sein. Auch bei einer solches Enttäuschung ist es ganz klar: Beim Fußball stehen die Regeln fest und die Bedingungen, unter denen gespielt wird, sind klar. Darauf können sich alle einstellen.

Ich erlebe die Begeisterung für Fahnen und die Freude an der Fußballnationalmannschaft, bisher jedenfalls, als einen gelassenen Ausdruck patriotischer Gefühle. Bei echtem Patriotismus geht es um die Liebe zum eigenen Land, nicht um ein Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Nationen. Eine wache Toleranz entsteht dann, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft, sozialer Abstammung oder verschiedener Religion einander mit Respekt und Freundlichkeit begegnen, ohne das Eigene oder das Fremde abzuwerten. Als Christen wissen wir, dass jede Nation etwas Besonderes ist, aber niemand einen Grund hat, sich über den anderen zu erheben. In der Bibel steht: „Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht.“ In diesem Bewusstsein sind wir für unser Land und unsere Geschichte verantwortlich.

Der iranische Staatspräsident Ahmadinedschad hat unlängst erklärt, kein Volk könne mit der permanenten Demütigung klarkommen, die sich aus dem Hinweis auf seine Geschichte ergibt. Ich halte dagegen: Kein Volk hält es auf Dauer aus, seine eigene Geschichte zu verdrängen. Patriotismus zeigt sich für mich darin, dass Menschen das Schöne und das Zukunftsfähige im eigenen Land bejahen und sich freuen können, ohne die kritischen Seiten der eigenen Geschichte beiseite zu schieben. Auch die WM hilft uns dabei, einen solchen Patriotismus zu entwickeln und zu pflegen.