Im Urlaub: Vaterunser vor der Steilwand

Bayerische Gemeinden laden Sommerurlauber zu Berg- und Seegottesdiensten

06. Juli 2006

Von Susanne Petersen (epd)

Mittenwald (epd). "Gott ist mein Fels, auf den ich traue." Ein rauer Wind trägt die Worte von Pfarrerin Petra Kringel zu den 40 Gottesdienstbesuchern, die weit verstreut zwischen Schlüsselblumen und Alpenrosen auf den Steinen sitzen. Hinter dem Altar ragt die mächtige Felswand der Karwendelspitze in den oberbayerischen Alpen in den Himmel, neben den Posaunenbläsern bedeckt harschiger Schnee die Bergmulde vor der zweithöchsten Bergstation Deutschlands.

Zum dritten Mal hat die evangelische Gemeinde Mittenwald zum Gottesdienst in luftigen 2.244 Metern Höhe eingeladen - zu erreichen war die Feier mit einem dreistündigen Aufstieg durch die Steilflanke des Karwendels oder mit der Gondelbahn, die die Urlauber in zehn Minuten auf das Felsmassiv bringt.

Die Besucher sind bunt gemischt: Zwei Nonnen, ein alter Mann mit Kniebundhose und Trachtenjanker, junge Frauen in Jeans, Bergsteiger mit Funktionsjacken und Teleskopstöcken. Für manche von ihnen ist es der erste Gottesdienst seit langem. "Hier auf dem Berg können Menschen Kirche wieder einmal erleben, ohne eine Tür öffnen zu müssen", beschreibt Pfarrerin Kringel ihr Anliegen.

Die Nähe zum Himmel und der Abstand zum Alltag im Tal verleihen dem Gottesdienst eine besondere Atmosphäre, findet Kringel: "Die Berge haben eine eigene Spiritualität."

Über 800 Gottesdienste auf Bergen, Almen und an Seen bieten die evangelischen Kirchengemeinden in Bayern an. Die Hauptsaison für Freiluftgottesdienste sind die Ferienmonate Juli, August und September. "Im Urlaub haben die Menschen Zeit und sind offen, wieder über Fragen nachzudenken, die der Alltag zugeschüttet hat - in dieser Situation wollen wir den Gästen ein zusätzliches Angebot in der freien Natur machen", sagt Mathis Steinbauer, der im Landeskirchenamt (München) für die Kur- und Urlauberseelsorge zuständig ist.

Vor allem in den Urlaubsorten des Voralpenlands, des Allgäus, des Bayerischen Walds und der Fränkischen Seenplatte sind die Protestanten mit ihren Angeboten stark vertreten - "überall da, wo die Übernachtungszahlen besonders hoch sind", bilanziert Steinbauer.

Rund 500.000 Euro lässt sich die evangelische Kirche in Bayern ihre Kur- und Urlauberseelsorge jedes Jahr kosten. Kostenlose Prospekte machen die Angebote der "Kirche im Grünen" bekannt. Das evangelische Touristen-Magazin "Grüß Gott" erscheint in einer Auflage von 60.000 Exemplaren und versorgt Urlauber mit handfesten Informationen und bunten Geschichten aus dem Bereich der Landeskirche.

Um die Arbeit für die Gäste bewältigen zu können, holt sich die bayerische Landeskirche Hilfe von außen: 80 Kurseelsorger aus ganz Deutschland, aber auch aus Amerika oder dem Nahen Osten unterstützen für jeweils vier Wochen die Gemeinden vor Ort. 40 Urlaubskantoren sorgen dafür, dass den Touristen musikalisch etwas geboten wird. Der Aushilfsjob im Urlaubsland Bayern ist begehrt: "Ich habe 20 Prozent mehr Bewerber als Stellen", so Mathis Steinbauer.

Der Anspruch an die Pfarrer ist allerdings hoch: Viele der Gäste haben in ihrem Alltag kaum Kontakt zur Kirche, die meisten kommen während ihres Urlaubs nur ein einziges Mal zu einem Gottesdienst auf dem Berg oder am See. "Der richtige Ort, die richtige Form, das richtige Thema - da muss alles stimmen", sagt Steinbauer. Die Mühe scheint sich jedoch zu lohnen, denn die Angebote finden regen Zuspruch - und manchmal kommen Gäste sogar wieder, um auf dem Gipfel zu heiraten oder am Urlaubssee ihr Kind taufen zu lassen.

Internet: www.kircheimgruenen.de und www.berggottesdienst.de