Endlich Urlaub

Wolfgang Huber - Kolumne in der B.Z.

14. Juli 2006

Die einen bleiben zu Hause, die anderen machen sich auf den Weg: Endlich Urlaub! Meine Gedanken gelten heute denen, die eine Reise vor sich haben. Lange wurde darauf gespart. Kataloge und das Internet wurden durchstöbert; zwischen Gebirge oder Meer wurde entschieden; Campingplatz, Ferienwohnung oder Hotel wurden sorgfältig ausgewählt. Ein entspannter Urlaub soll es werden, damit die Last des Arbeitsjahres abfällt und die Kräfte sich erneuern. Endlich nicht früh aufstehen, nicht in den Betrieb oder ins Büro gehen, nicht kochen und keine Betten machen! Neben die Hoffnung, von der Last des Alltäglichen befreit zu sein, treten ganz persönliche Wünsche. Die Auswahl ist groß: Mehr Sport treiben, die geschenkten Bücher lesen und vor allem Zeit für Partnerin oder Partner und für Kinder oder Enkel haben. Die Tage sollen ganz in Ruhe vergehen, damit auch Zeit bleibt, die Seele zu streicheln.

Aber was geschieht, wenn es ganz anders kommt als geplant? Regen statt Sonne, genervte Kinder statt fröhlicher Spiele, Streit über den Tagesplan statt Ferienharmonie? Manchmal wird den Kindern die elterliche Zuwendung zu viel; und auf dem engen Raum eines Ferienquartiers werden manche Gewohnheiten der nächsten Angehörigen plötzlich lästig. Ungewohnte Betten und Straßenlärm statt der ersehnten Ruhe. Wie schnell geraten die schönsten Wochen im Jahr zur familiären Belastungsprobe! „Einer ertrage des anderen Last“ – die biblische Weisung für diese Woche rückt plötzlich bedrohlich nahe.

Wir haben feste Vorstellungen, wie unser Urlaubstraum sich zu erfüllen hat. Aber vielleicht machen wir uns gerade damit das Leben selbst unnötig schwer. Mehr innere Gelassenheit tut gut. Dann fällt es auch leichter, andere Menschen nicht in unser Urlaubstraumbild hineinzupressen. In unserer Verschiedenheit können wir uns mit Liebe und Nachsicht ansehen und auch an den eigenen wie an fremden Kindern, an der Partnerin oder dem Partner Neues entdecken.
Mein Tipp für erholsame Ferientage: Sich nicht zu viel vornehmen, sich für den Ort und die Menschen öffnen und sich durch die fremden Gewohnheiten bereichern lassen. Vielleicht entwickeln sich die schönsten Wochen in diesem Jahr anders als erwartet. Lassen Sie sich von dem Neuen überraschen! Wer mit einer inneren Gelassenheit aufbricht, gewinnt einen freien Blick für die Schönheit und den Reichtum des Lebens und kann einstimmen in den biblischen Psalm: „Lobe den Herrn meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“