"Die Armen hier erinnern mich an den Sudan"

Interview des EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber, mit der Bild am Sonntag

13. August 2006

Von Helmut Böger und Jochen Gaugele

Herr Bischof, Sie machen Urlaub im Schwarzwald. Wann sind Sie heute aufgestanden?

Um halb acht. Das ist wesentlich später als sonst, und das genieße ich auch. Um die Mittagszeit habe ich mich dann aufgemacht und bin hierher zur Krunkelbachhütte gewandert.

Erholen Sie sich häufig in dieser Gegend?

Seit 47 Jahren komme ich im Sommer hierher. Meine Eltern haben in der Nähe ein kleines Haus gekauft, das seither im Familienbesitz ist.

Der deutsche Papst kommt nächsten Monat nach Deutschland. Freuen Sie sich darauf?

Zunächst muss man feststellen: Der bayerische Papst kommt nach Bayern. Ich war vor einigen Wochen in Altötting und habe gesehen, wie sehr sich die Menschen dort auf den Besuch freuen. Das ist gut für das Bild des Papstes, der ja vor allem als Intellektueller gilt. Der Besuch macht seine Bodenhaftung und Verwurzelung in der Heimat deutlich. Darüber freue ich mich als evangelischer Bischof mit.

Wie bewerten Sie sein erstes Amtsjahr?

Ich finde es sehr interessant, wie Papst Benedikt XVI. im Stil neue Akzente setzt. Er reist weniger als sein Vorgänger und konzentriert sich auf seine geistliche Leitungsaufgabe. In einer programmatischen Erklärung hat er ausdrücklich gesagt, dass er sein Amt ökumenisch versteht. Ich füge allerdings hinzu: Dass Fortschritte im ökumenischen Miteinander zu erwarten wären, kann man aus diesem ersten Jahr nicht ableiten.

Beneiden Sie manchmal die katholische Kirche, weil ihr Oberhaupt wie ein Popstar gefeiert wird?

Ehrlich gesagt, kann ich das nicht erkennen. Schon Johannes Paul II. habe ich nicht als Popstar empfunden, und für Benedikt XVI. gilt das noch viel weniger. Sicherlich hat ein Papst eine große Ausstrahlung. Das hängt mit der Persönlichkeit des Amtsträgers, aber auch mit dem starken Ritus der katholischen Kirche zusammen. In der evangelischen Kirche kommt es nicht auf den einen Stellvertreter Christi an, sondern auf den einen Jesus Christus selbst. Ihn haben wir alle unserem Nächsten zu bezeugen. Deshalb: Kein Neid!

Sie wollen die evangelische Kirche neu organisieren. Was versprechen Sie sich davon?

Wir haben Anfang Juli ein Diskussionspapier veröffentlicht, in dem es um die Zukunftsperspektiven unserer Kirche geht. Darin werden zwölf sogenannte Leuchtfeuer vorgeschlagen, durch die das Gemeindeleben gestärkt und die Ausstrahlungskraft unserer Kirche gesteigert werden sollen. Unter anderem rechnen wir damit, dass wir in Deutschland in absehbarer Zeit nicht mehr 23 Landeskirchen haben werden, sondern nur noch acht bis zwölf. Das senkt die Verwaltungskosten und verbessert unsere Handlungsfähigkeit. Wir setzen Kräfte frei, die für den missionarischen Auftrag der Kirche und die Weitergabe des Evangeliums hilfreich sein können.

Den Deutschen steht die größte Steuererhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik bevor. Fürchten Sie, dass sich noch mehr Christen die Kirchensteuer sparen?

Jede Veränderung der staatlichen Steuergesetzgebung hat Auswirkungen auf die Kirchensteuer. Da darf man sich überhaupt nichts vormachen. Aber ich werbe dafür, dass niemand wegen der Mehrwertsteuererhöhung die Kirche verlässt; dafür sind das Bekenntnis zur Kirche und die Unterstützung ihrer Arbeit einfach zu wichtig. Die Politik kann ich nur bitten, den Bogen nicht zu überspannen. Der Staat hat ja ein eigenes Interesse daran, dass die Kirchen handlungsfähig bleiben.

Bundeskanzlerin Merkel hat sich im Deutschland-Gespräch mit BILD am SONNTAG besorgt über die großen Unterschiede in unserer Gesellschaft geäußert. Was bedeutet es, in Deutschland arm zu sein?

Ich habe mich selbst an Essensausgaben hingestellt und Suppe verteilt an Menschen, die aus allen sozialen Netzen dieses Landes heraus gefallen sind. Sie erhalten nicht einmal Hartz IV; manche haben auch die Fähigkeit verloren, die entsprechenden Anträge korrekt auszufüllen. Zum Teil haben sie mich an Hungernde erinnert, die ich im Sudan gesehen habe.

Sie vergleichen Deutschland mit dem Sudan?

Hungernde gibt es in Deutschland in geringerer Zahl. Arm ist aber nicht nur, wer hungert. Kinder, die nicht an Klassenfahrten teilnehmen dürfen, weil ihre Eltern die notwendigen fünf oder zehn Euro nicht aufbringen können, sind ebenfalls arm. Wir haben in Deutschland ein Armutsproblem, das sich verschärft. Das Armutsrisiko für Arbeitslose wächst besonders stark.

Ist eine Große Koalition das beste Bündnis, um die großen Probleme dieses Landes zu lösen?

Die Große Koalition war die konsequente Antwort auf das Ergebnis der Bundestagswahl. Sie muss der Verantwortung gerecht werden, die sich daraus ergibt. Ich habe aber meine Zweifel, ob sie den Mut aufbringt, die langfristigen Herausforderungen anzugehen. Ich habe eher das Gefühl, Union und SPD belauern sich gegenseitig und schielen auf die nächsten Wahlen. Bei jeder Entscheidung versuchen sie, einen Punktgewinn für sich zu verbuchen.

Quelle: Bild am Sonntag vom 13. August 2006