Huber: Bester Schutz ist Gottvertrauen und Zuversicht

Interview des Evangelischen Pressedienstes (epd) mit dem EKD-Ratsvorsitzenden

07. September 2006

EKD-Ratsvorsitzender warnt vor Panik angesichts von Terrorbedrohung

Berlin (epd). Zum fünften Jahrestag der Terroranschläge auf New York und Washington hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, vor Panik angesichts der terroristischen Bedrohung gewarnt. Der beste Schutz sei Gottvertrauen und Zuversicht. Huber wandte sich gegen pauschale Verdächtigungen von Muslimen. Die Religionszugehörigkeit als solche dürfe kein Indiz für Terrorverdacht sein. Thomas Schiller sprach mit dem Berliner Bischof über die Veränderungen seit dem 11. September 2001, das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit sowie über die Auswirkungen des Terrors auf das Zusammenleben von Christen und Muslimen.

epd: Wie hat sich der 11. September 2001 auf das Verhältnis von Christen zu Muslimen weltweit ausgewirkt?

Huber: Man muss die Frage in einen größeren Zusammenhang stellen. Die Islamische Revolution im Iran vor mittlerweile einem Vierteljahrhundert hatte in Teilen des Islam bereits ihre Spuren hinterlassen. Aber erst durch den 11. September ist manchen Menschen bewusst geworden, was sich schon vorher innerhalb des Islam entwickelt hat. Es ist verkürzend, wenn dabei häufig Islam und Gewalt gleichgesetzt werden. Aber neben gefährlichen Pauschalurteilen hat diese Entwicklung auch eine durchaus berechtigte Klarheit in das Verhältnis der Religionen zueinander gebracht.

epd: Was bedeutet die neue Dimension terroristischer Gewalt, die wir am 11. September 2001 erlebt haben, für die Friedensethik der evangelischen Kirche?

Huber: Erhard Eppler hat mit Recht betont, dass terroristische Gewalt den Begriff des Krieges fragwürdig macht. Denn dieser Begriff ist von der Vorstellung geprägt, dass staatliche Autoritäten gegeneinander Krieg führen. Dadurch verliert die Gewalt nicht ihre Problematik, aber sie bleibt doch an das staatliche Gewaltmonopol gebunden. Dieses hat nach innen das Ziel, dass Gewalt nicht angewandt wird, während nach außen das Gewaltmonopol die Akteure definiert, die gegeneinander Krieg führen können.

epd: Was ist anders bei terroristischer Gewalt?

Huber: Mit ihr tritt eine Situation ein, in der das staatliche Gewaltmonopol unterlaufen wird. Akteure, die selber nicht Staaten sind und von daher meinen, nicht für ihr Tun rechenschaftspflichtig zu sein, drohen tötende Gewalt in einem furchtbaren Umfang an oder setzen sie ein. Das ist in der Tat eine ganz neue friedensethische, friedenspolitische und rechtliche Herausforderung.

epd: Müssen angesichts der Terrorbedrohung und des Sicherheitsbedürfnisses Abstriche bei den bürgerlichen Freiheiten hingenommen werden?

Huber: Der Kern der Überlegung muss darin bestehen: Um Sicherheit sorgen wir uns und um Sicherheit kümmern wir uns, weil Sicherheit eine Voraussetzung von Freiheit ist. Ein freiheitliches Gemeinwesen bezieht seine Stärke daraus, dass es dieses Verhältnis von Sicherheit und Freiheit nicht umkehrt. Freiheit darf nicht preisgegeben werden, um Sicherheit zu erhöhen, sondern Sicherheit muss gewährleistet werden, um Freiheit möglich zu machen. Ich bin dankbar dafür, dass in unserem Land dieses Verhältnis verstanden worden ist und immer besser verstanden wird. Aber wann immer durch einen terroristischen Angriff Unsicherheit ausgelöst wird, kann man auch andere Stimmungen erleben. Wir haben ja in den vergangenen Wochen gelernt, wie nah uns der Terror im eigenen Land gerückt ist.

epd: Halten Sie es für angemessen, die Religionszugehörigkeit von Personen in Anti-Terror-Dateien zu speichern?

Huber. Bei einem Menschen in der Religionszugehörigkeit als solcher ein Indiz dafür zu sehen, dass er ein potenzieller Terrorist ist, ist völlig unangemessen. Das würde die Diskussionslage in unserem Land vergiften. Wir leben mit drei Millionen Muslimen zusammen, von denen jene, die in der Nähe von terroristischen Vereinigungen stehen, nur nach Hunderten zählen. Die große Mehrheit der unter uns lebenden Muslime lehnt den Terror ebenso ab wie wir Christen. Doch die wenigen sind gefährlich genug. Dennoch bleibt es dabei, dass ein Pauschalverdacht gegen alle Muslime das Zusammenleben vergiften würde. Man verharmlost die Gefahr nicht, wenn man sich einem solchen Pauschalverdacht widersetzt. Zur Vollständigkeit im Einzelfall wird freilich auch die Religionszugehörigkeit gehören.

epd: Wie haben die Ereignisse des 11. September in den letzten fünf Jahren den Alltag in Deutschland verändert?

Huber: Der Alltag in Deutschland ist nach wie vor durch den freiheitlichen Geist unseres Gemeinwesens geprägt. Wir haben keine Tendenz dazu, uns zu einem Überwachungsstaat zu entwickeln. Aber wir haben mehr Instrumente zur Vorbeugung entwickelt. Es ist - dafür sind wird dankbar - möglich, Menschen zu identifizieren und aufzuspüren, die an der Vorbereitung von Gewalttaten beteiligt sind. Zwei Aspekte sind wichtig: Einerseits die Erhaltung der freiheitlichen Gesellschaft, andererseits der Respekt und die Unterstützung für diejenigen, die versuchen, vorbeugend tätig zu werden, um zu verhindern, dass terroristische Gewalttäter bei uns Chancen haben.

epd: Gab es in der Vergangenheit zu viel Verständnis oder Vertrauensvorschuss?

Huber: Man muss ein ganz nüchternes Bild davon haben: Die Toleranz, die sich in unserem Land entwickelt hatte, war zu einem erheblichen Anteil eine Toleranz der Gleichgültigkeit. Man war tolerant gegenüber Muslimen und Vertretern anderer Religionen, die bei uns leben, ohne überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, worin denn deren Religion bestand.

epd: Wo liegt die Herausforderung, wenn Muslime in unserem christlich-jüdisch geprägten Kulturkreis heimisch werden wollen?

Huber: In einem langen Prozess, für den die Aufklärung wie die Reformation große Bedeutung haben, erkannten die Staaten mit einer jüdisch-christlich geprägten Kultur den säkularen Charakter der Rechts- und Staatsordnung an. Das ist für uns als Christen geradezu ein Teil unserer Glaubensüberzeugungen geworden, weil wir uns dazu bekennen, dass der freiheitliche Staat eine Heimstatt aller Bürgerinnen und Bürger ist - auch derjenigen, die eine andere religiöse Überzeugung haben als wir selber. Von Muslimen, die in dieser Rechtsordnung heimisch werden wollen, müssen wir erwarten, dass auch sie die gleichen Rechte von Menschen anderen Glaubens anerkennen.

epd: Was erwarten Sie konkret?

Huber: Wir müssen erwarten, dass sie Ja sagen zu einer Rechtsordnung, die nicht einfach ein Mittel zur Durchsetzung von Glaubensüberzeugungen ist. Sie müssen eine Rechtsordnung anerkennen, die nicht identisch ist mit der Scharia. Eine solche Anerkennung darf nicht nur aus taktischer Rücksichtnahme erfolgen in einer Situation, in der sich der Islam in einer Minderheitenposition befindet. Sondern sie muss erfolgen aus der inneren Überzeugung heraus, dass alle Menschen die gleiche Würde und das gleiche Recht haben - übrigens Frauen wie Männer.

epd: Distanzieren sich die muslimischen Verbände in Deutschland hinreichend von religiös begründeten Gewalttaten?

Huber: Ich kann die Klage dieser Verbände nachvollziehen, wenn ihnen eine solche Distanzierung abverlangt wird und auch erfolgt, dann über sie aber nicht berichtet wird. Und beim nächsten Terroranschlag wird wieder dieselbe Erwartung an die Verbände gerichtet. Zugleich bin ich davon überzeugt: Es braucht eine tiefere Auseinandersetzung des Islam mit den religiösen Begründungen des Terrors selber - also mit einer Denkweise, die es überhaupt vorstellbar macht, dass ein Selbstmord-Attentäter den Gedanken entwickelt, dass er durch diese Tat Gott näher sei und bei Allah Anerkennung findet für das, was er tut. Wir brauchen eine theologische Diskussion darüber, welche Selbstrechtfertigung vor Gott in solch einer Vorstellung zum Ausdruck kommt. Um solcher Fragen willen muss der Dialog erheblich tiefer reichen als das, was uns bisher in unseren Gesprächen gelungen ist.

epd: Auf welchem Stand ist der Dialog der EKD mit den Muslimen in Deutschland?

Huber: Es gibt vielfältige Gesprächskontakte zwischen christlichen Gemeinden und zumindest Teilen von Moscheegemeinden. Es gibt Gesprächsinitiativen in verschiedenen Islam-Foren. Es ist mehr im Gange, als sich oberflächlich wahrnehmen lässt. Unsere neuen Initiativen knüpfen an islamisch-christliche Arbeitsgespräche an, die es schon über viele Jahre gegeben hat. Wir versuchen jetzt, dem eine größere Verbindlichkeit zu geben.

epd: Wo liegen die Schwierigkeiten?

Huber: Es ist schwer, eine abschließende Auskunft darüber zu bekommen, wer eigentlich auf muslimischer Seite die mit entsprechender Autorität ausgestatteten Gesprächspartner sind. Wir sind immer wieder mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass die Verbände das theologische Gespräch vermeiden. Sie konzentrieren sich auf die gesellschaftlichen Fragen und verweisen die religiöse Dimension auf die Zuständigkeit der Imame. Wir spüren zugleich, dass diese Trennung nicht funktioniert. Miteinander versuchen wir, die Gesamtlage zu besprechen und herauszukristallisieren, welche Schlüsselfragen jetzt dran sind; diese werden in Fachgesprächen vertieft. In dem Sinn haben wir die Frage des Religionsunterrichts sowie die Frage der Ausbildung von Imamen in Deutschland und in deutscher Sprache diskutiert. Jetzt bereiten wir Gespräche zu Fragen der Familie vor.

epd: Empfinden Sie nach den Anschlägen von London und Madrid sowie den vereitelten Anschlägen in Deutschland eine stärkere Bedrohung der Sicherheit auch bei uns?

Huber. Ich bin dankbar dafür, dass die Anschläge vereitelt worden sind. Doch das Wissen darum, wie knapp das gelang, zeigt auch, dass noch höhere Wachsamkeit notwendig ist. Die Debatte, wie etwa Züge noch sicherer werden können, ist ernst zu nehmen. Aber für uns alle ist es wichtig; sich keine Panik einreden zu lassen. Denn man würde sich doch dem Terror ausliefern, wenn man den eigenen Alltag in dieser Form davon beherrscht sein ließe.

epd: Was ist Ihrer Ansicht nach der beste Schutz?

Huber: Der beste Schutz ist, im Alltag mit einer Grundhaltung zu leben, die von Gottvertrauen, Zuversicht und Zuwendung zum Mitmenschen bestimmt ist. Das schließt ein, dass ich denjenigen Schutz durch Polizei und Sicherheitsbehörden akzeptiere und, wo ich kann, unterstütze, den mein Nächster genauso braucht wie ich selber auch.

07. September 2006

Quelle: epd vom 07. September 2006