Kirche: "Wir müssen über Familienethos sprechen"

EKD-Ratsvorsitzender, Bischof Wolfgang Huber, im Interview mit der "Welt"

28. Oktober 2006

Bischof Wolfgang Huber ist Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. WELT.de sprach mit ihm über arme Kinder, den Dialog mit den Muslimen, die Ökumene und das künftige Profil seiner Kirche.

Von Gernot Facius

WELT.de: Die "Unterschicht"-Debatte dominiert derzeit den politischen Diskurs. Welche Konsequenzen hat das für Ihr kirchliches Handeln?

Wolfgang Huber: Die evangelische und die katholische Kirche haben schon 1997 in ihrem gemeinsamen Wirtschafts- und Sozialwort darauf hingewiesen, dass zu den gefährlichen Entwicklungen in unserem Land die immer deutlichere Spreizung der Lebensverhältnisse gehört und dass unsere Solidarität und Aufmerksamkeit den Menschen gebührt, die von Armut bedroht sind oder schon in Armut leben. Wir haben deshalb damals die Bundesregierung aufgefordert, einen regelmäßigen Armuts- und Reichtumsbericht vorzulegen.

WELT.de: Aber damit ist die Gefahr, dass bestimmte Gruppen den Anschluss an die gesellschaftliche Entwicklung deshalb verlieren, weil sie keine Chance zur Beteiligung haben, nicht gebannt ...

Huber: ... und deshalb hat die EKD "gerechte Teilhabe" zum Schlüsselbegriff der Auseinandersetzung gemacht. Die anstehende EKD-Synode in Würzburg wird dies vertiefen. Der Grundsatz der gerechten Teilhabe lautet, dass jeder Mensch die gleiche Würde hat. Keiner darf verloren gegeben werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass Kinder, weil sie in Familien mit prekären Lebensverhältnissen geboren sind, diese Lebensverhältnisse einfach fortsetzen. Die EKD wird immer den Zusammenhang zwischen Armut und Bildung thematisieren.

WELT.de: Ist das Großthema Familie nicht auch von den Kirchen recht spät erkannt worden?

Huber: Seit Jahren setzt sich die evangelische Kirche in vielfältigen Formen verstärkt für Familien ein. Aber tatsächlich ist das Thema in unserer Kirche erst spät in einer so konzentrierten Form aufgenommen worden, dass es nach außen hin bemerkbar war. Wir müssen aber nicht nur über Familienpolitik, sondern mit der gleichen Intensität über Familienethos sprechen.

WELT.de: Das heißt?

Huber: Bei allem Respekt davor, dass es eine Vielfalt von Lebensformen gibt, dürfen wir doch nicht verkennen, warum das Miteinander der Generationen auf der Basis der Zusammengehörigkeit von Mann und Frau in der Ehe auch im 21. Jahrhundert eine herausgehobene, im besonderen Sinn auch schützenswerte Lebensform ist. Die abfällige Rede von der Familie als Auslaufmodell hat niemandem genützt. Aber sie hat vielfältigen Schaden angerichtet. Es ist an der Zeit für einen Neuanfang.

WELT.de: Die Jahre 2005 und 2006 wurden in den Medien als "katholische Jahre" eingestuft. Wird es auch einmal ein "evangelisches Jahr" geben?

Huber: Das eine schließt doch das andere nicht aus. An den herausragenden Ereignissen in der katholischen Weltkirche haben wir auch als Evangelische intensiv teilgenommen. In der gleichen Zeit gab es auch herausragende evangelische Ereignisse. Die Weihe der Dresdener Frauenkirche war ein Ereignis, dessen Ausstrahlung zehn Jahre vorher niemand so erwartet hätte. Ebenfalls 2005 haben wir den großen Kirchentag in Hannover erlebt. Ich werde nie für ein "evangelisches" Jahr plädieren, jedenfalls nicht unter dem Gesichtspunkt, die katholische Kirche in irgendeiner Weise in den Schatten stellen zu wollen. Als christliche Kirchen sollten wir miteinander unserer Aufgabe nachkommen, das Evangelium zum Leuchten zu bringen. Das schließt ein, dass die Profile der Kirchen auch in ihrer Unterschiedlichkeit erkennbar sind.

WELT.de: Der deutsche Papst und die Ökumene: Konkrete Schritte nach vorn sind bisher ausgeblieben. Sind Sie enttäuscht?

Huber: Nein. Während des Besuches des Papstes in seiner Heimat wurde der bayerische Landesbischof Friedrich, der Mitglied des Rates der EKD ist, intensiv einbezogen. Zudem hat Benedikt XVI. Einsichten fruchtbar gemacht, die beiden Kirchen gemeinsam sind. Das schließt nicht aus, dass wir uns mit manchen seiner Äußerungen kritisch auseinandersetzen. Das tun wir aber nicht aus Enttäuschung, sondern weil wir ihn sehr ernst nehmen und seine Diskussionsbeiträge wertschätzen. Ich nehme mit Respekt wahr, dass Benedikt XVI. sich für die Weiterentwicklung unserer Kirche interessiert. An ökumenischer Bereitschaft fehlt es bei ihm sicherlich nicht, auch wenn er bei früherer Gelegenheit die landeskirchliche Verfassung der evangelischen Kirchen in einer Weise interpretiert hat, die unserem Selbstverständnis überhaupt nicht entspricht. Und er hat in seinem Fernsehinterview die unterschiedlichen Strömungen des Protestantismus betont, ohne deren Zusammengehörigkeit zugleich ins Licht zu setzen.

WELT.de: Sie betonen seit zwei Jahren die Schärfung des evangelischen Profils. Heißt das Abgrenzung von der römischen Kirche?

Huber: Es geht darum, das Profil und den Auftrag der evangelischen Kirche als Kirche der Freiheit aus sich heraus deutlich zu machen. Das geschieht nicht im Geist einer Abgrenzung, sondern in dem Bewusstsein, dass das, was uns verbindet, gewichtiger ist als das, was uns trennt. Auch das "evangelische Profil" hat ja keinen anderen Sinn als den, in den Dienst des Evangeliums selbst zu treten.

WELT.de: Erkennen Sie auch evangelische Defizite in der Ökumene?

Huber: Die selbstkritische Wahrnehmung unserer Situation schließt ein, dass wir gewillt sind, von anderen Kirchen zu lernen.

WELT.de: Zum Beispiel?

Huber: Ein wichtiges Beispiel für ökumenische Lernprozesse ist die wachsende Aufmerksamkeit im evangelischen Bereich für die liturgische Gestaltung des Gottesdienstes. Wir wollen erreichen, dass mehr Evangelische Freude am Gottesdienst empfinden und das Gefühl Dankbarkeit entwickeln, weil der Gottesdienst sie geistlich aufbaut. Dazu gehört ein neues Miteinander von Predigt und Liturgie, Feier und Nachdenklichkeit.

WELT.de: Die EKD führt seit zwei Jahren einen Dialog mit Muslimen. Hat sich auf Seiten des Gesprächspartners etwas verändert?

Huber: Ich bemerke drei Entwicklungen. Das eine ist das Bemühen islamischer Verbände, deutlicher mit einer Stimme zu sprechen. Das Zweite ist eine wachsende Bereitschaft, kritische Fragen anzusprechen, die in der Folge auch Rückfragen nach der Bedeutung des Korans oder der Scharia auslösen. Das Dritte ist, dass sich diejenigen Muslime deutlicher bemerkbar machen, die eine Weiterentwicklung des Islam anstreben. Ich lege großen Wert darauf, dass wir solche Bemühungen ernst nehmen. Wir können uns weder eine Verharmlosung problematischer Entwicklungen leisten, noch Gleichgültigkeit gegenüber den Stimmen, die im Islam selber eine Erneuerung anstreben.

WELT.de: In Frankreich hat sich der Staat zum Einrichter einer islamischen Institution gemacht, der für ihn Ansprechpartner ist. Wäre dieser Weg nach unserem Grundgesetz möglich?

Huber: Ein solcher Weg wäre nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Und man muss auch klar sagen: Wenn der Staat sich zum Einrichter eines islamischen Religionsunterrichts macht, inklusive dessen, dass Inhalte dieses Unterrichts staatlich verfügt werden, und sei es auch mit Hilfe der türkischen Religionsbehörde, so ist das auch ein Verstoß gegen Buchstaben und Geist des Grundgesetzes. Deshalb brauchen wir auf islamischer Seite eine Repräsentanz, die klar verantwortlich ist für die Grundsätze des islamischen Religionsunterrichts.

WELT.de: Teilen Sie Wolfgang Schäubles Hoffnungen auf einen "deutschen Islam"?

Huber: Zu der Aufgabe, einen deutschen Islam hervorzubringen, gibt es keine Alternative. Allerdings darf man sich keine Illusionen darüber machen, wie schwer diese Aufgabe sein wird. Wer sich jedoch in anderen Ländern umschaut, sieht, dass der Islam sich weiterentwickelt. Der Islam bei uns bleibt davon nicht unbeeinflusst. Diese Entwicklungen gegen den Islamismus zu stärken ist eine Schlüsselaufgabe unserer Gesellschaft.

Quelle: Die Welt vom 28. Oktober 2006