Evangelisation ist Aufgabe für gesamten Protestantismus geworden

Einer der „Väter“ des EKD-Zukunftspapiers im idea-Interview: Oberkirchenrat Thies Gundlach

01. November 2006

Ein mittleres Erdbeben hat Anfang Juli das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ ausgelöst, in dem der Rat der EKD Vorschläge macht, wie die evangelische Kirche zukunftsfähig wird. Von der Reduzierung der Zahl der Landeskirchen über neue Finanzierungsmodelle bis hin zu alternativen Gemeindeformen werden darin Vorschläge gemacht, wie die Abwanderung von Kirchenmitgliedern zu stoppen ist und die Leistungsfähigkeit der evangelischen Kirche erhalten bleiben kann. Bischöfe, Theologieprofessoren, Vertreter der Pfarrerschaft und pietistischer Verbände nahmen nach der Veröffentlichung – zum Teil sehr kritisch – zu den Plänen Stellung. Auch bei der EKD-Synode, die vom 5. bis 9. November in Würzburg tagt, wird dieses Papier eine wichtige Rolle spielen. idea-Reporter Marcus Mockler sprach mit einem der Väter des Impulspapiers, Oberkirchenrat Thies Gundlach (Hannover), einem der beiden Geschäftsführer der Perspektivkommission des Rates der EKD und Leiter der Abteilung „Kirchliche Handlungsfelder“ im Kirchenamt der EKD.

idea: Herr Dr. Gundlach, gegen das Reformpapier der EKD ist kurz nach Veröffentlichung von verschiedenen Seiten scharf geschossen worden. Bevor wir an die Kritik gehen, die Frage: Was begeistert Sie an diesem Papier?

Gundlach: Das sind nach wie vor drei Dinge: 1. Das Papier ist mutig und ehrlich, es verzichtet auf Beschönigungen. 2. Es ist ein Dokument, das nicht jammert, sondern auf Aufbruch, Mission, Wachsen gegen den Trend ausgerichtet ist. 3. Es ist sehr konzentriert auf die Handlungsfelder, in denen in den nächsten Jahren die Entscheidungen für die Zukunftsfähigkeit der Kirche fallen werden.

idea: Das stärkste Echo hat die geforderte Verringerung der Zahl der Landeskirchen ausgelöst. Stört Sie das?

Gundlach: Das Papier fordert keine Verringerung, sondern empfiehlt eine Orientierung an den Grenzen der Bundesländer ...

idea: ... spricht aber gleichzeitig sehr konkret davon, aus 23 Landeskirchen nachher acht bis zwölf zu machen.

Gundlach: Ja, aber der Kern der Überlegung heißt doch: Was muss künftig eine Landeskirche für die Verkündigung vor Ort leisten können? Wir haben in den 23 Landeskirchen eine Fülle von parallelen Strukturen – zu den Themen Mission, Ausbildung, Gemeindebegleitung, etc. Da kann man durch Zusammenlegung oder zumindest Zusammenarbeit eine ganze Menge sparen. Das  wird teilweise auch schon gemacht.

idea: Unsere Auswertung der Gottesdienststatistik hat ergeben: Kleine Landeskirchen verzeichnen insgesamt einen besseren Gottesdienstbesuch als große. Provozierend gefragt: Warum erhöhen wir nicht die Zahl der Landeskirchen von 23 auf 50?

Gundlach: Diese Interpretation der Statistik stimmt meiner Ansicht nach nicht. Wenn wir ähnlich strukturierte Gebiete vergleichen, zum Beispiel die Kirche Anhalts mit Gebieten gleicher Größe und Lage z.B. in Brandenburg, dann kommen wir auf dieselbe Durchschnittszahl. Wenn in einer zu vergleichenden Landeskirche größere Städte dabei sind – zum Beispiel Berlin – verändert das die Statistik, weil in den Städten überall weniger Menschen in den Gottesdienst gehen als auf dem  Lande.

idea: Das Impulspapier formuliert als Ziel, die Zahl der Kirchenmitglieder bis zum Jahr 2030 zu halten – bei leicht schrumpfender Bevölkerung. Ist das nicht angesichts der nach wie vor hohen Kirchenaustrittszahl völlig utopisch?

Gundlach: Ein utopischer Zug ist drin, gleichzeitig aber auch ein anspruchsvolles Ziel. Es gibt 3,5 bis 5 Millionen Menschen in Deutschland, die getauft und konfirmiert wurden, dann aber ausgetreten sind. Das ist eine Zielgruppe, bei der wir erreichen wollen, dass sie wieder eintreten. Wenn wir das schaffen, ist es nicht mehr utopisch, die Mitgliederzahl zu halten.

idea: Von theologischer Seite – und gar nicht nur von pietistischer – kommt der Vorwurf, dass dem Papier die geistlichen Qualitäten fehlten und es einem gewissen Machbarkeitsdenken folge. Der Theologieprofessor Wilfried Härle sagte etwa, der Gedanke Luthers, dass man so beten solle, als ob alles Arbeiten nichts nutze, tauche nur in „Spurenelementen“ auf. Ist die Kritik berechtigt?

Gundlach: Wir haben in den theologischen Abschnitten dargelegt, was der Kirche von Gott geschenkt wird und was der Mensch für die Verkündigung machen kann. Das Papier ist ein Konzeptionspapier und legt naturgemäß den Schwerpunkt darauf, was der Mensch tun kann. Denn da liegt unsere Verantwortung: Da etwas zu verändern, wo es auf uns Menschen in der Kirche ankommt. Was Gott schenken will, können wir ja nicht in einem Impulspapier festlegen. Aber wenn wir beispielsweise bei einer Beerdigung dem Verstorbenen einen falschen Namen geben, dann ist das keine Frage des Gebets, sondern mangelnder Qualität bei der Vorbereitung.

idea: Sind Begriffe wie die im Papier erwähnte „Taufquote“ – also der Prozentsatz der Kinder evangelischer Eltern, die getauft werden – nicht tatsächlich unangemessen für das, was Kirche geistlich erreichen will?

Gundlach: Natürlich wird keiner in einem Taufgottesdienst von einer „Taufquote“ sprechen. Da gehört das nicht hin. Aber in einer Reflektion über die Institution Kirche kann man den Begriff zu Recht verwenden. Es muss uns beunruhigen, wenn viele Kinder von Eltern, die beide evangelisch sind, nicht zur Taufe gebracht werden, und das lässt sich nun mal in einer „Taufquote“ messen.

idea: Lutheraner und Pietisten kritisieren: Buße, Umkehr, Verlorenheit des Menschen kommen in dem Papier nicht vor,  statt dessen Begriffe wie Mitgliederentwicklung und Finanzierungsmodelle. Hier werde Organisationsentwicklung betrieben, aber kein biblischer Gemeinde- und Kirchenaufbau. Was sagen Sie dazu?

Gundlach: Im Protestantismus halten wir in den Landeskirchen die verschiedenen Ausrichtungen zusammen – Pietisten genauso wie Dritte-Welt-Gruppen. Deshalb hat das Impulspapier ganz bewusst darauf verzichtet, inhaltlich zu bestimmen, was das evangelische Profil ist. Stattdessen soll jeder Zweig sein eigenes Profil besonders stark machen, auch eine Gemeinde entsprechend profilieren – ohne den Anspruch zu erheben, der allein selig machende Weg zu sein. Das ist eine große Weisheit des Papiers, nicht von oben festzulegen, was allein evangelisches Profil ist...

idea: ... mit dem Ergebnis, dass sie keine profilierte evangelische Kirche, sondern eine evangelische Kirche der diffusen Profile bekommen, in der die eine Gemeinde stramm pietistisch und die andere radikal feministisch ist. Kann das das Ziel sein?

Gundlach: Die Intention des Rates der EKD ist jedenfalls nicht, festzulegen, was evangelisches Profil ist. Profilierte Vielfalt wird nicht als Nachteil betrachtet, sondern als Vorteil. Das Ziel ist, diese Vielfalt zu bewahren und darin miteinander evangelische Kirche in Deutschland zu sein.

idea: Stichwort Mission: Evangelistische Anstrengungen waren in den vergangenen Jahrzehnten überwiegend eine Domäne der Evangelikalen. Soll sich das jetzt ändern?

Gundlach: Das hat sich längst geändert. Nach der Leipziger EKD-Synode von 1999 mit dem Schwerpunktthema Mission ist im gesamten Protestantismus wahrgenommen worden: Wir müssen das glaubensweckende Ansprechen der Menschen wieder viel stärker zum Thema machen. Im Rückblick kann man nur dankbar sein, dass gerade Evangelikale, die volksmissionarischen Kräfte, die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) an diesem Thema immer festgehalten haben. Aber das hat sich jetzt in der Gesamtkirche rumgesprochen, dass Evangelisation nicht nur Sache spezieller Gruppen sein kann.

idea: Wenn man sich anschaut, wie schwach Nachwuchstheologen auf einen evangelistischen Pfarrdienst vorbereitet werden und wie selten Evangelisation im normalen Jahresprogramm einer Durchschnittsgemeinde auftaucht, sind wir davon aber noch weit entfernt.

Gundlach: Es gibt auch andere Signale, etwa der jüngste Theologenkongress der AMD in Leipzig mit rund 900 Teilnehmern. Der Kreis der an Mission und Evangelisation interessierten Pfarrerinnen und Pfarrer weitet sich sichtbar aus. In die Universitätsausbildung gehört das Thema für mich nicht zwingend hinein, viel stärker in die Fort- und Weiterbildung. Das ist ohnehin ein ganz wichtiger Aspekt des Impulspapiers, das ja fordert, fünf Prozent der Personalkosten in die Fortbildung zu investieren. Davon sind wir noch weit entfernt.

idea: Viele Pfarrer können mit der „Qualitätskontrolle“ – etwa der Steigerung der Zahl der Gottesdienstbesucher oder der Bewertung der Kasualien durch Kollegen – nichts anfangen. Bischöfin Maria Jepsen (Hamburg) hat in einem Interview gesagt, manche wollten nicht einmal einen Kanzeltausch – aus „Angst, jemand anderen auf die Kanzel zu lassen, weil er oder sie besser sein könnte“. Hat da die Reform eine Chance?

Gundlach: In diesem Punkt erlebe ich in Gesprächen genau das Gegenteil: Es gibt in unserer Kirche sehr viel gutes Engagement von Pfarrer und Pfarrerinnen, und dennoch sehen gerade dort viele eher noch Bedarf, dass ihre Arbeit begleitet und dadurch verbessert wird.

idea: Was soll die Zukunftskonferenz in Wittenberg im Januar bringen – außer einem Schlagabtausch zwischen den Interessenvertretern kirchlicher Arbeitszweige?

Gundlach: Es wäre außerordentlich schade, wenn es nur zu einem Schlagabtausch käme. Wir wollen auch nicht nur eine Textkritik am Impulspapier. Dieses Papier hat seinen Impuls gegeben und damit seine Aufgabe erfüllt. Es geht jetzt darum, die Diskussion weiter zu entwickeln und zu fragen: Wie wird das umgesetzt? Denn die angesprochenen Themen werden ja nicht allein im Rat der EKD entschieden, sondern in erster Linie in den 23 Landessynoden.

idea: Werden denn Vertreter von evangelistischen Werken und volksmissionarischen Ämtern in Wittenberg dabei sein?

Gundlach: Es sind schon ein paar Vertreter dieser Richtung dabei, aber man will ganz bewusst aus dem Zukunftskongress keine Versammlung von Institutionenvertretern machen. Es geht eher um eine repräsentative Mischung der Volkskirche, die sich mit den Leitungskräften des gesamten Protestantismus trifft.

idea: Aber da es im Papier stark um Gemeindeaufbau geht – müssten Sie sich da nicht die Experten dafür an den Konferenztisch holen?

Gundlach: Es sind auch einzelne dieser Experten dabei. Im Impulspapier geht es allerdings auch um deutlich mehr als um Gemeindeaufbau.

idea: Inwiefern geht die Diskussion des Reformpapiers über kirchenleitende Gremien hinaus?

Gundlach: Wir haben mittlerweile über 25.000 Hefte verschickt. Das Thema sickert bis an die Basis durch. Das ist ein schöner Erfolg. Und die Reaktionen zeigen, dass das Papier die notwendige Diskussion über die Zukunft des Protestantismus in Gang gesetzt hat.

idea: Wir danken für das Gespräch.

Quelle: idea