Religion: Frieden oder Gewalt?

Evangelischer Hochschuldialog, Universität Heidelberg

18. November 2006

In Forschung und Öffentlichkeit wird immer häufiger die Frage nach der Rolle von Weltreligionen in aktuellen Gewaltkonflikten gestellt. Agieren Weltreligionen in solchen Gewaltkonflikten friedensstiftend, oder wirkt Religion bei der Eskalation von Gewalt mit?

Auch der Evangelische Hochschuldialog hat sich im November in einem interdisziplinären Symposium mit diesem Thema beschäftigt. Die Suche nach Perspektiven für die Deeskalation aktueller Konflikte durch die Mitwirkung religiöser Akteure stand dabei im Mittelpunkt. Nach einem Einführungsabend am 8. November, an dem Raif Georges Khoury aus Heidelberg über „Die Ursachen radikaler Tendenzen in der heutigen islamischen Welt“ referierte, luden die Veranstalter, die Evangelische Studierendengemeinde (ESG) Heidelberg, die Evangelische Akademikerschaft, die Evangelische Akademie Baden, die Ruprecht-Karls-Universität, die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) und das Evangelische Studienwerk Villigst/Konvent Heidelberg, am 15. November zu einer interdisziplinären Podiumsdiskussion in der Alten Aula der Universität Heidelberg. Der Einladung sind mehr als 200 Teilnehmende gefolgt.

Von einer gewissen Ambivalenz von Religionen in Gewaltkonflikten haben Theo Sundermeier (Theologie/Religionswissenschaft) und Christiane Fröhlich, (Friedensforschung) gesprochen. Für Sundermeier besteht die „Ambivalenz“ einerseits aus einer friedlichen Haltung der Religion nach innen, der eigenen Religionsgemeinschaft gegenüber, andererseits aus einer feindlichen Haltung nach außen, dem Fremden gegenüber. Das Verhaltensmodell komme im Islam vor, wogegen im Buddhismus und Christentums die Friedensbotschaft, die Gewaltablehnung zentral sind. Gefährlich werde in allen Weltreligionen die Verbindung von Religion und staatlicher Macht. Dadurch könne Gewalt auch nicht mehr in den „friedlichen“ Religionen verhindert werden. Deswegen plädierte Sundermeier für eine klare Trennung zwischen Religion und Staat.

Für Christiane Fröhlich ist die Anerkennung der Ambivalenz von Religion in gewaltsamen Konflikten ein wichtiger Schritt in der Friedens- und Konfliktforschung. Trotz der Ratlosigkeit gegenüber dem zunehmenden Einfluss religiös motivierter Gewaltakteure dürfe die Rolle der Religionen in der Versöhnung zwischen Konfliktparteien und gewaltfreien Auseinandersetzung nicht aus dem Blick verloren werden. Für das „religious peacemaking“ (Appleby) gebe es Beispiele, besonders auf lokaler Ebene.

Die Verbindung zwischen Religion und Staat in der Theokratie mancher islamischer Länder lehnt auch Khoury (Islamwissenschaft) ab. Der Islam sei in seinen Grundlagen eine friedliche Religion. Die Utopie der Theokratie sei aber gefährlich. Die Notwendigkeit einer engen Verbindung sieht Khoury zwischen Religion und Kultur. Die Alphabetisierung sei eine Prämisse für die Reform, die auch zur dringend erforderlichen Aufklärung im Islam führen könnte. Er erhofft sich die Hilfe Europas für die islamische Welt auch auf diesem Weg.

Über bedeutende wirtschaftliche und politische Aspekte in islamischen Ländern sprach Arif Rützgar (VWL und Politikwissenschaft). Die Seltenheit oder Abwesenheit demokratischer Strukturen zum Beispiel in Nord-Afrika und Nahost und die negative Auswirkungen der Globalisierung für viele islamische Länder betonte Rützgar als wichtige Diskussionspunkte.

Die Frage nach der Rolle des Völkerrechtes in Zeiten des Konflikts untersuchte Silja Vöneky (Völkerrecht). Das Problem sieht sie nicht so sehr in den unvermeidlichen Übertretungen des Völkerrechts, sondern in der Nicht-Benennung solcher Übertretungen. Völkerrecht sei Friedensordnung.

Die interdisziplinäre Diskussionsveranstaltung wurde von einem abwechslungsreichen Musikprogramm der Capella Carolina begleitet und mit einem Empfang beendet, bei dem die Diskussionen fortgeführt wurden.

Heidelberg, 18. November 2006

Evangelische Akademikerschaft