Plastinarium

Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ

08. Dezember 2006

„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, so formulierte Johann Wolfgang von Goethe die Erwartung, an der wir Menschen uns messen lassen müssen. Denn, so begründete er: „Das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.“ Noch heute setzen sich Jahr für Jahr Schülerinnen und Schüler, auch in unserer Region, mit dem hohen Anspruch in Goethes Gedicht auseinander. Dieselben Schulklassen erleben nun, dass in unserer Region ein Leichensägewerk eingerichtet wird. In der wirtschaftlich gebeutelten Stadt Guben findet das statt. Sogar zuschauen soll man, wenn menschliche Leichname erst plastiniert und dann in Scheiben gesägt werden. In Guben ist die Arbeitslosigkeit so hoch, dass jeder noch so kleine Strohhalm ergriffen wird. Kühne Erwartungen knüpfen sich an das Vorhaben. Es könnte doch sein, dass von Hagens groß raus kommt. Vielleicht wird sein kostenloser Leichenabholservice ein wirtschaftlicher Erfolg. Dann wäre niemand mehr arbeitslos in Guben, von dem es inzwischen heißt, es sei die wirtschaftsfreundlichste Stadt in Brandenburg.

Ein neuer Name wurde auch erfunden, um die Menschen in unserer gesamten Region an der Nase herumzuführen. „Plastinarium“ heißt das Leichensägewerk inzwischen. Das erinnert an das „Bestiarium“; so nannte man früher Käfige, in denen man Tiere zur Schau stellte. Kein Wunder, dass die Begeisterung über neue Arbeitsplätze inzwischen von der Empörung über einen solchen Umgang mit Menschen überlagert wird. Der Protest ist laut, und er ist sehr berechtigt. Es geht nicht um Forschergeist, um neue Erkenntnisse oder um Bestattungshilfe für Arme. Es geht um einen gezielten Tabubruch, mit dem sich Geld verdienen lässt: „Zynisch sei der Mensch, verwertbar und plastiniert“.

Mit diesem Vorhaben sind nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Wenn menschliche Leichname kartenspielend dargestellt werden, hat das mit der Würde des Menschen nichts zu tun. Wenn inzwischen auch ein plastinierter Sexualakt angekündigt wird, ist die Sensationsgier offenkundig.
Eine klare Absage an dieses Vorhaben ist nötig. Der Protest muss öffentlich laut werden. Aber er muss auch praktische Konsequenzen haben. Ich bitte die Leserinnen und Leser der BZ, das Leichensägewerk des Herrn von Hagens zu boykottieren. Und ich erwarte von der Schulverwaltung in Berlin, dass sie dem Vorbild des brandenburgischen Bildungsministers folgt und klar erklärt: Schulausflüge in das Plastinarium von Guben finden nicht statt; denn mit Bildung hat das nichts zu tun.

Schülerinnen und Schüler können aus diesem Vorgang durchaus etwas lernen, ohne dass sie das Leichensägewerk besuchen müssen. Sie können sich fragen, was es mit der Totenruhe auf sich hat, die man nicht auf eine solche Weise stören darf. Sie können sich darüber verständigen, warum es nicht angeht, verstorbene Menschen zu bloßem Material herabzuwürdigen, das man gegen Eintrittsgeld besichtigt. Sie können mit einem alttestamentlichen Psalm fragen: Was ist der Mensch?